Auf ein ehrlicheres 2017. Mit Rotwein, vielleicht

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Authentisches Kinderzimmer mit selbst gebautem Bett (nicht von mir) und selbst gebastelter Qualle (nicht von mir). Der Rest: IKEA und ALDI.

Kurz vor Adventsbeginn. Auf Twitter geht es hoch her. Ein Thema unter Elternbloggerinnen, was nicht nachhaltig genug diskutiert werden kann, heißt: Adventskalender selber basteln, YES or NO?

Entscheidet man sich für das Basteln, hat man eine Menge zu tun. Je nach Größe der Familie benötigt man 24, 48 oder sogar 96 Geschenke, die man wochenlang liebevoll aussucht und in selbstgemachte Tütchen / Boxen / Strümpfe füllt.

„Man“? – Achnein, das machen doch immer nur die Mütter, oder???

So oder so ähnlich äußert sich zum Adventskalenderbasteln die Bloggerin, Schriftstellerin und Mutter Frau Ruth, die ich dank der Verlinkung von dasnuf kennengelernt habe.

Frau Ruth scheint den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben. In ihrer kleinen Geschichte geht es um nicht viel, außer, nunja, den Frust, den frau verspürt, wenn sie nachts alleine im Wohnzimmer rumsitzt, den Bastelkleber in der Hand und noch soooo lange basteln muss, damit kind am nächsten Morgen oder nächste Woche vor Freude Luftsprünge macht, aber über was freut sich denn da das Kind, nunja, es ist ein böser, kapitalistischer ADVENTSKALENDER, es sind vieleviele Geschenke, möglichst klein, möglichst billig, damit sie in die 24 Taschen des Adventskalenders passen, und was lernt das Kind dabei: es gibt jeeeeden Tag ein Geschenk, juhu!, also: nichts.

Dieses Bild einer übernächtigten Mutter, die alles lieber möchte, nur nicht „Zwangsbasteln“, traf in der online-Elternschaft auf sehr gemischte Gefühle. Von Annas Bastelverteidigung und Adventsliebe bis hin zur adventsmüden Rike war alles dabei.

Ich fand alle Reaktionen lustig und wichtig. Sehr nachdenklich hat mich allerdings die kluge Frau Brüllen gestimmt. Sie hat gestern eine lange Liste auf ihrem Blog veröffentlicht.

Eine Liste, die all jene Punkte anspricht, die man online besser nicht zugibt.

Damit ist der #Adventskalender nur ein Synonym für vieles, was in Online-Elternkreisen nicht kritisiert werden darf. Und auch wenn mir jetzt einige eine virtuelle Bastelschere an den Kopf schmeißen: Ja, das ist wirklich so.

Nicht in meiner realen Welt übrigens. Ich bastele und backe kaum. Aber ich habe viele einmalige Freundinnen, die für ihr Leben gerne basteln und stricken, Pflanzen ziehen, Seife herstellen, Quilts oder Taschen nähen, backen und vieles andere mehr. Das ist toll. Ich habe noch nie gedacht, eine meiner Freundinnen möchte mich mit ihren Back-, Bastel- oder Sangeskünsten dazu auffordern, es so zu machen wie sie.

Wenn meine Freundinnen mir stolz ihre Ergebnisse präsentieren – und da sind wirklich tolle Sachen dabei, von Hochzeitskleid bis Studioaufnahme – dann freue ich mich total mit ihnen darüber, was sie da geschafft haben. Gar nicht, weil sie Kinder haben. Haben auch gar nicht alle. Sondern weil sie es können. Weil sie mehr von den Abenden erwarten als einfach nur tot vor der Glotze rumzuliegen. Weil sie sich und andere beschenken wollen. Weil sie kapiert haben, wie man wertschätzt.

Völlig abgesehen davon, dass sie Brauchbares mit ihren Händen schaffen können, sind meine Freundinnen vor allem eines: Menschen. Ich nehme meine Freundinnen nicht über das (oder wegen dem) wahr, was sie alles mit Nadel, Fotoapparat und Mikrofon herstellen können. Ich weiß Dinge über sie, die weiß das Internet nicht. Und das, was ich über sie weiß, hat in der Regel kaum was mit den Dingen zu tun, mit denen sie sich gerne umgeben.

So ist das im realen Leben. Online ist das ein wenig anders.

Die selbstgebauten Betten, selbstgeschlungenen wunderschön bedruckten Tragetücher, selbstbefüllten Brotboxen und selbstgebackenen Kuchen und Cupcakes sind online meist das einzige, was ich von einer Person kenne.

Das stört mich.

Es geht um Kuchen, von denen ich nicht abbeißen kann. Um Bilderbuchgeburtstage, zu denen meine Kinder nicht eingeladen sind. Um Frühstücksboxen, die gerade frisch gefüllt wurden und mit einem Fotofilter versehen, der das Gemüse noch knackiger aussehen lässt, aber NIE ein Bild davon, wie diese Dose aussieht, wenn die mittags wieder in Mamas Küche landet. Und bei alldem wird mir suggeriert: so könnte es doch bei dir auch aussehen, wenn du nicht so faul wärst oder die falschen Prioritäten hättest. Oder??? ODER?????

Zwei Dinge sind es, die mich nach dem Betrachten all dieser Blogs häufig stumm zurücklassen:

Erstens, diese schönen Dinge sind gar nicht für mich da. Auch, wenn das ganze so präsentiert wird.

Zweitens, diese schönen Dinge sind Teil einer IMMER! positiven Selbst-Inszenierung.

Zur positiven Selbst-Inszenierung gehört die Erzählung vom schönen, guten Familienleben. Das erst schön und gut ist, seit alle im Familienbett schlafen. Seit man schmerzfrei gebären gelernt hat – #hypnobirthing. Seit man das Baby #breifrei und #windelfrei großzieht. Seit man #vegan, #glutenfrei, #paleo lebt. Seit man die Kinder #unerzogen und #selbstbestimmt machen lässt, worauf diese gerade Bock haben (und NIEMALS, NIEMALS „nein“ sagt oder gar schreit (pfui, des Teufels!).

Das wäre ja eigentlich noch OKAY, wenn man nicht immer wieder erleben würde, dass sich auf Blogs und auf Twitter nur ganz selten Mütter etwas zu sagen trauen, die zum Beispiel… Stillen öde finden und dazu stehen. Babys mit sich rumtragen solala finden und ihre Haltung dazu nicht revidieren wollen. Kinder alleine in ihrem Zimmer lassen voll in Ordnung finden. Veganes Essen zwar mögen, aber genauso gerne Fleisch und Zucker und Fett, und das auch auf Kleinkindertellern. Mütter, die zugeben, dass sie wieder fix und alle waren und ihre Kinder laut angeschrien haben (und zwar täglich!). Mütter, die… ach lassen wir das.

Für 2017 nehme ich mir jedenfalls vor, die ganzen kunstvoll aufgenommenen und veredelten Bilder, die Ideen, und auch die Ideologien, die auf einigen Elternblogs kursieren, mehr als das zu nehmen, was sie sind: ein Teil der Selbst-Inszenierung. Ich nehme mir vor, einfach zu vergessen, es könnte dabei um Authentizität gehen. Das ist nicht negativ gemeint. Klar sind wir alle super-authentisch. Wenn wir alleine sind, mit unseren Freunden, oder in unserer Familie. Aber online nicht.

Hier nun meine Liste der ungeschriebenen DON’Ts! nach dem Vorbild von Frau Brüllen. Triggerwarnung: Nachmachen könnte zu brüllenden, stinksauren Kindern sowie Krankheiten und Verletzungen bei allen Familienmitglieder führen.

Auf ein freakigeres, toleranteres Miteinander mit bitte nur noch 50% Authentizität. Auf ein ehrlicheres 2017. Mit Rotwein, vielleicht. *lach*

  1. Ich hatte einen Kaiserschnitt und zwei normale Geburten.
  2. Wir schlafen nicht im Familienbett.
  3. Alle Kinder sind geimpft.
  4. Ich habe alle drei Kinder gestillt, die Älteren bis sie 1 Jahr alt waren. Die Jüngste mal sehen.
  5. Ich habe nicht wahnsinnig gerne gestillt, aber es war praktisch.
  6. Ich habe gelesen, langes Stillen senkt das Allergierisiko, woanders steht, das sei Quatsch und jetzt weiß ich auch nicht.
  7. Alle drei Kinder bekommen/ bekamen ab etwa 5 Monaten Fertigbrei aus dem Gläschen, bis sie am Tisch mitessen konnten.
  8. Nachdem ich die Kinder abends in ihre Betten gebracht / gelegt habe, gehe ich aus dem Zimmer. Und komme nur dann zurück, wenn etwas wirklich Schlimmes ist.
  9. Wenn die Kinder wieder angerannt kommen, weil sie noch nicht schlafen können, schicke ich sie dorthin zurück, wo sie herkommen.
  10. Ich habe keines der Kinder getragen. OK, wir haben eine Trage, die meistens mein Mann benutzt. Wir hatten auch mal ein Tragetuch. Das habe ich verkauft oder verschenkt, weil das Gewickel so lästig war. Ich habe keine Ahnung, welche Marke das Tragetuch hatte.
  11. Wir haben einen Kinderwagen. Darin kann man Kinder 2 oder 3 Jahre lang schieben.
  12. Ich habe alle drei Kinder mit babylove Windeln von dm gewickelt.
  13. Ich habe die Jüngste mal versucht mit Stoffwindeln zu wickeln, die alte Methode mit Wickeln, Krempeln, Knoten. Nach 1 Versuch bin ich zu den Wegwerfwindeln zurückgekehrt.
  14. Alle unsere Kinder waren (oder kommen) ab 1 Jahr in die Krippe oder zur Tagesmutter.
  15. Ich kann nicht stricken, nicht häkeln und so gut wie nicht nähen. Ich kann auch nicht sägen, stanzen, ausschneiden und kleben.
  16. Ich kaufe alle Kinderkleidung auf dem Flohmarkt, bei ALDI, dm, H&M und C&A. Ich lasse mir aber auch gerne welche schenken.
  17. Ich bügle nichts, außer meine Blusen und Bügelperlenbilder.
  18. Unsere Kinder dürfen Schokolade und Nutella, Pommes und Gummibärchen essen.
  19. Unser Schulkind bekommt in die Schule gerade so viel zu Essen mit, dass wir der Lehrerin keinen Anlass zur Sorge bereiten. Also in dem Fall keine Süßigkeiten, kein Nutella, aber auch nicht gar nichts. Es gibt meist Marmeladenbrot in einer No name-Plastikbox und Wasser in einer Glasflasche. Das bringt sie Mittags meist alles unangetastet wieder zurück.
  20. Unser Kind geht auf die naheliegende Dorfschule.
  21. Babyschwimmen und Pekip muss nicht sein. Aber sobald Kinder eigene Interessen entwickeln, bin ich dafür, diese zu fördern. Unsere 7-Jährige hat in Kursen Flöte, Klavier, Fußball und Schwimmen gelernt oder lernt noch.
  22. Ich war schon jeweils vor den 1. Geburtstagen abends weg, ohne das Baby mitzunehmen.
  23. Schwanger trinke ich Kaffee, oder, wie meine erste Gynäkologin sagte: „Mehr als 5 Tassen am Tag sollten Sie nicht trinken.“
  24. Stillend trinke ich Kaffee und mit dem dritten Kind sogar Alkohol.
  25. Ich senke Fieber spätestens ab 38,5 Grad mit Nurofen oder Benuron.
  26. Meine Kinder bekommen Antibiotika, wenn es sein muss.
  27. Manchmal machen wir 4 Wochen lang nicht sauber. Es mag einfach niemand putzen.
  28. Wir machen unsere Betten nie.
  29. Ich backe nie Kuchen, außer zu Anlässen wie Geburtstag und Einschulung.
  30. Wenn ich Muffins backe, bekommen sie maximal bunte Streusel. Aber kein Topping.
  31. Ich mag Kindergeburtstage nicht, weder Planung noch Durchführung liegen mir. Aber ich mache das.
  32. Meine Kinder wollen (müssen) meine Musik mithören. Sie lieben laute Musik, besonders auf Autofahrten. Dafür muss ich dann auch ihre Hörspiele mithören.
  33. Wir waren mit unserer Größten drei Mal auf einem mehrtägigen Festival.
  34. Auf Autofahrten in den Urlaub halten wir nicht unbedingt bei jeder Träne an. Unsere Kinder heulen manchmal lange im Auto, ungeachtet der Tatsache, dass sie vom Prinzip her sehr gerne Auto fahren.
  35. Wir sind mal ein halbes Jahr ohne TÜV gefahren und das Auto ist nicht unter unseren Hintern zu Schrott zerfallen.
  36. Ich bin nach dem Autositz für 2-3-Jährige gleich auf eine Sitzschale umgestiegen, ohne Kopfstütze.
  37. Ab dem Sitzschalen-Alter nehme ich Kinder notfalls auch komplett ohne Sitz mit, wenn gerade keiner da ist.
  38. Ich habe ausschließlich gebrauchte Autositze und keine Ahnung, ob sie noch TÜV haben und wie man das überprüfen könnte.
  39. Aber bei der Airbag-Warnung für Maxi Cosys, da bin ich konsequent.
  40. Außer bei Autos, die keinen Airbag haben. Da schnalle ich ein Baby auch verkehrtherum auf dem Beifahrersitz an.
  41. Wir haben zwei Autos.
  42. Wir fahren auch mal mit dem Rad. Wir Eltern tragen dabei keine Helme.
  43. Wenn eines meiner Kinder gerade im Kleinkindalter ist und es will um alles in der Welt „da hoch“, „da rüber“, „nicht das“, „noch bleiben“ etc., dann kann es vorkommen, dass ich es festhalte, damit es meinen Weg einschlägt und wenn das nichts bringt, trage ich das strampelnde und brüllende Kind einfach fort und brülle manchmal auch zurück.
  44. Meine Kinder dürfen ab dem 1. Schultag alleine zum Schulbus laufen. Bislang waren aber immer andere Kinder mit auf dem Weg.
  45. Wir essen Fleisch und Weizen und Milchprodukte.
  46. Wir kochen etwa alle drei Tage von vorne wieder dasselbe.
  47. Wir kaufen unser Essen meist im Discounter, obwohl wir wissen, dass es Besseres gibt.
  48. Ich schminke mich fast nie.
  49. Ich habe Kontaktlinsen, bin aber morgens immer zu müde, sie einzusetzen. Also Brille. Kein Foto.
  50. Unsere Kinder müssen keine Frisuren tragen, aber gekämmt müssen sie sein. Kein Foto.
  51. An Fasching fragen wir unsere Kinder, als was sie sich verkleiden wollen. Wenn ihnen nichts einfällt und sie nichts dagegen haben, bekommen sie ein paar Striche Schminke ins Gesicht. Kein Foto.
  52. An Ostern suchen unsere Kinder Ostereier aus Schokolade.
  53. An Nikolaus bekommen unsere Kinder Kleinigkeiten in ihre Schuhe.
  54. An Weihnachten gibt es einen kleinen Weihnachtsbaum und (aus Elternsicht) viel zu viele Geschenke für die Kinder.
  55. Ja, und ich bastele Adventskalender nicht. Ich kaufe welche bei ALDI. Mit Schokolade.

Wir lesen vor: Die kleine blaue Lokomotive

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Abends lesen wir unseren Kindern immer etwas vor. Es gibt dabei nur ganz wenige Bücher, bei denen alle 3 zuhören. Eines davon ist

Die kleine blaue Lokomotive.

Ich habe seltener ein so farbiges Buch mit einer ebenso so simplen wie emotional erzählten Geschichte in der Hand gehabt. Wir haben die gebundene deutschsprachige Ausgabe vom Carlsen Verlag von 1988 1984, die ich selbst schon als Kind gelesen habe.

Die kleine blaue Lokomotive handelt von Hilfsbereitschaft und über das Sich-Hinausgehen. Die Wagen einer kleinen mit Spielzeug gefüllten Bimmelbahn müssen über einen Berg gezogen werden. Mehrere ebenso große wie dumpfbackene oder alte Lokomotiven weigern sich. Doch eine junge, kleine blaue Lokomotive traut sich die Aufgabe zu. Die Gewinner sind: die Spielzeuge, die Kinder, die am Ende mit dem Spielzeug spielen dürfen sowie die kleine blaue Lokomotive selbst, die sehr stolz auf ihre eigene Leistung ist: „Ich habs geschafft!“ Ein Plot für jeden Disneyfilm.

Kind 1 kann schon lesen. Die kleine blaue Lokomotive ist was für Leseanfänger, aber ohne den belehrenden Tonfall, den ich leider in vielen Leseanfänger-Büchern finde. Es gibt es nur ganz wenige Sätze pro Seite, denn die Kleine blaue Lokomotive ist hauptsächlich ein Bilderbuch. Kind 1 und ich lesen abwechselnd jeder eine Seite.

Dabei denkt sich die Mama:

„Hach, ist das aber in einer schönen Serifenschrift (warum nur sind alle Kinderbücher und Lesefibeln heutzutage in diesem geleckten Arial?). Und so eine schöne Sprache. Und hier geht der Mond auf und die Lokomotive ist sich und allen anderen treu und voller Selbstvertrauen und belohnt sich und die anderen mit ihrem Durchhaltevermögen. Dabei ist sie so bescheiden und nicht anbiedernd. Davon können wir uns alle eine Scheibe abschneiden!“

Kind 1 (7 Jahre) denkt:

„Toll, wie schnell das Lesen geht! Ich lese genauso viel wie Mama und ich kann schon alles verstehen. Jetzt haben wir schon wieder eine Seite geschafft! Mein Bruder hört mir gespannt zu.“

Kind 2 (2 Jahre) denkt:

„Die eine Dampflok ist kaputt! Die Lokomotiven haben alle Glocken. Die eine hier ist ganz groß. Aber sie will nicht helfen. Die rote ist sooo müde. Jetzt kommt die blaue. Sie lächelt. Sie kann helfen. Sie fährt ganz weit über den Berg. Puh, ist das schwer. Aber sie hat es geschafft!“

Kind 3 (8 Monate) denkt:

„Wieder so ein Buch mit dünnen Papierseiten! Die kann man so schön mit den Händchen zerknautschen! Schade, dass Mama mich nicht lässt. Ich muss schnell zu meinem Spielzeug robben, sonst wird mir langweilig. Aber es ist schön, dass Mama und meine Geschwister gerade so ruhig sind. Und gut, dass das Vorlesen nicht so lange dauert.“

Die kleine blaue Lokomotive ist von Watty Piper (Autor) und Ruth Sanderson (Illustrationen). Übersetzt von Ursula Kopsch-Langhein. Ab 3 Jahre.

Der Beitrag wurde geschrieben für das Blog Juliliest – Das Blogazine für Familien, die gerne lesen. Fast täglich gibt es hier einen tollen Kinderbuch- oder Hörbuchtipp mit vielen Geschenkideen für Kinder.

Ein Bett im Schwarzwald

6 Gründe, warum Eltern mit Airbnb vermieten sollten (keine Werbung)

Vorab: Airbnb ist diese Plattform zur privaten Vermietung von Gästewohnungen oder Gästezimmern.

Ich habe mit wenigen Klicks und ein paar Fotos aus meiner Kamera ein Inserat erstellt. Jetzt wohnen regelmäßig Urlauber bei uns. Fast immer sind es junge Paare, die im Schwarzwald wandern gehen. Tipps rund um Wanderwege und Gastronomie erhalten sie direkt von uns, ihren Gastgebern. Sie bezahlen keine Kurtaxe.

Lange haben wir gezögert, ob wir ein Zimmer unserer (jaja, zugegeben luxuriös großen) Wohnung aufgeben sollen. Wo soll denn dann unsere eigene Verwandtschaft unterkommen, wenn die mal zu Besuch sind? Und wohin sollen die größeren Kinder sich verkrümeln, wenn sie mal ein Video gucken oder mit Lego spielen wollen, ohne dass die Kleineren ihnen reinpfuschen? Und wann sollen wir das alles stemmen: das Inserat up-to-date halten, Gäste auswählen, Betten frisch machen, alles neben unserem eigenen Haushalts-Wahnsinn?

Doch dann gab es einen (kleinen) finanziellen Engpass, und so haben wir vor einem Monat beschlossen, unser Gästezimmer endlich zu inserieren. Ich betreibe hier keine Werbung für Airbnb, und ich kann die Plattform selbst auch nicht uneingeschränkt empfehlen. Dennoch, gerade für Familien in Elternzeit macht die (Unter-) Vermietung eines Zimmers ziemlich viel Sinn!

Ich finde jedenfalls, wie hätten schon viel früher damit anfangen sollen! Warum? 6 Gründe, warum Eltern mit Airbnb vermieten sollten:

  1. Es macht kaum zusätzliche Arbeit. Eltern, die viel zu Hause sind bzw. in Elternzeit, rennen den ganzen Tag zwischen Waschmaschine, Wickeltisch und WLAN hin und her. Nebenher noch ein Gästezimmer zu saugen und ab und zu mal die Airbnb-App zu checken ist, verglichen mit dem abendlichen Aufräumen des Kinderzimmers oder der Putzaktion des Hochstuhls, wirklich ein Klacks.
  2. Die Waschmaschine läuft sowieso schon. OK, jetzt kommen noch ein paar Gästebettbezüge und Gästehandtücher dazu. Doch: ein paar Wäschen hin oder her, zählen wir da überhaupt noch mit? Die Waschmaschine darf halt nicht schlapp machen.
  3. Die Welt kommt zu uns ins Wohnzimmer. Wenn man Kleinkinder hat, ist man oft und viel zu Hause. Ja, das ist langweilig. Immer schläft gerade ein Kind, oder ist krank, oder alles spielt gerade so schön, macht Hausaufgaben, oder man muss selbst dringend schlafen. Und schon ist der Tag wieder rum, ohne dass man vor die Tür gekommen ist. Von abendlichen Ausgängen ganz zu schweigen. Gerade in diesem extrem auf das Haus konzentrierten Lebensabschnitt gibt es nichts Schöneres, als die Welt zu sich nach Hause zu holen! Wir haben mit unseren Gästen spontan Pizza gegessen oder Pilze und Esskastanien aus dem Wald gekostet. Wir haben ganze Abende mit unseren Gästen verquatscht. Das war, anders als ich zunächst befürchtet hatte, kein bisschen anstrengend. Im Gegenteil. Wir brauchten dazu auch keine WhatsApp-Verabredungen, keinen Babysitter und konnten die Hausschuhe einfach anlassen.
  4. Es kommen noch mehr Freunde und Verwandte als vorher. Der Platz für die eigenen Verwandten und Freunde wird nicht weniger, im Gegenteil. Denn: nicht immer ist ein Airbnb-Gast da. Viele Tage steht das aufgehübschte Gästezimmer auch einfach nur leer rum. Freunde und Verwandte kucken sich das im Internet an. Und plötzlich checkt es jeder: da gibt es ein nettes, aufgeräumtes Zimmer mitten in einem Feriengebiet. Und jetzt will jeder mal zu Besuch kommen. Das ist schön!
  5. Der eigene Alltag wird relativiert. Seit gut anderthalb Jahren leben wir hier auf dem Land. Und nein, ich bin nicht ganze Nachmittage, Abende oder Wochenenden damit beschäftigt, die Hochzeit der Kusine aus dem Nachbardorf auszurichten und mit Schwester, Mutter, Freundin spazieren, joggen, Kuchen essen zu gehen. Das, was andere Mütter so machen, die hier aufgewachsen sind und sich hier prima auskennen. Gut, sicher bin ich (sind wir) auch etwas zu zurückhaltend oder zu selbstverliebt, um uns in das Leben hier zu stürzen. Sicher wiegt die Erinnerung an das Zurückgelassene, die alte Heimat, zu schwer. In Kontakt mit anderen Reisenden, Fremden zu treten, das tut in solch einer Situation gut. Wir sind trotz unseres überschaubaren Wissens über die Gegend für einen kurzen Moment die Welterklärer für unsere Gäste, die aus Spanien, Belgien, Frankreich zu uns in den Schwarzwald kommen. Im Gegenzug erfahren wir Einzelheiten zum Beispiel aus dem Künstlerleben Mallorcas. Ferne Orte sind plötzlich ganz nah. Wir sprechen wieder Englisch und Französisch. Mitten im Schwarzwald zu leben fühlt sich nicht mehr absolut, sondern relativ an. Und falls es einmal doch nicht ganz so nett mit einem der Gäste sein sollte (was bisher nie vorgekommen ist): Für den Rest des Lebens wird man nichts mehr voneinander hören.
  6. Man kann Geld verdienen. Der ursprüngliche Grund, warum wir als Eltern vermieten: das Geld! Mit Vermietung an Urlauber kann man kleinere Lücken mit geringem Aufwand wieder stopfen, was als Arbeitende/r in Teilzeit oder Elternzeit mitunter notwendig werden kann. Mit Airbnb ist dieses Hinzuverdienen auch noch erschreckend einfach. Mit der Zusage, die Gast und Gastgeber einander geben, steht der Preis fest. Einen Tag nach Eintreffen des Gastes wird die Summe auf mein Konto überwiesen. Kein Bargeld, keine Nachzahlungen, kein Gewese mit dem Gast über vorzuschießende oder zurückzuzahlende Kaution, der Gast muss im Ausland nicht an einen Bankautomaten, ich brauche kein Wechselgeld, kurz: ich verdiene Geld, ohne es zu bemerken. Fast ein bisschen unheimlich.

Was machst du eigentlich den ganzen Tag? Tagebuch am 5. Oktober

Wollt ihr es wirklich wissen? Na gut. Der Tag beginnt um

01:00. Ich habe mich mit Gummibärchen gedopt und bin total fit, als Kind3 zum Stillen kommt. Auch um

03:00 bleibe ich gelassen, als Kind2 ins Bett getapst kommt. Nebenbei erschlage ich zwei Mücken, man hat ja sonst nichts zu tun. Um

05:00 ist wieder Stillzeit. Kind2 und Mann schlafen dabei selig weiter. Kind3 ist nach dem Stillen putzmunter und will auf mir rumkrabbeln. Passt, ich kann solange ja weiterschlafen. Als Kind2 auch noch aufwacht, lachen die zwei laut, der Mann schläft weiter.

06:30 Kind2 und Kind3 liegen im Wohnzimmer auf dem Boden und nehmen sich gegenseitig das Spielzeug weg. Der erste Kaffee läuft durch. Kind2 (2 Jahre) setzt sich selbstständig an den Tisch, schraubt das heiß geliebte MUTELA-Glas auf und schmiert sich ein Brötchen. Alle Achtung.

07:00 Der Mann geht zur Arbeit und nimmt Kind2 mit zur Tagesmutter.

07:15 Das Schulkind ist krank und tritt erst jetzt auf die Bühne. Nach dem Frühstück erkläre ich ihr, dass ich mich jetzt nochmal zusammen mit Kind3 hinlegen muss und unter keinen Umständen geweckt werden darf. Das Schulkind nickt und trabt in sein Zimmer.

08:45 Kind3 ist wieder wach. Zeit zur Breifütterung. Danach Bürostart. Die Kinder müssen im Wohnzimmer bleiben und dürfen nicht runterkommen.

Was macht eine freiberufliche Texterin / Redakteurin eigentlich den ganzen halben Tag? Nunja, jeder Tag ist anders, und das ist das wahrhaft tolle an diesem Job. Um eine fünfköpfige Familie alleine durchzufüttern, taugt diese Art der Arbeit allerdings weniger. Gestern zum Beispiel war es an der Zeit, Rechnungen zu schreiben. (Leider auch eine Mahnung.) Heute habe ich nach neuen Jobinseraten gegriffen und mich bei der Gelegenheit wieder restlos aufgeregt darüber, wie blödblödblöd meine eigene Webseite aussieht. Die Seite von Branchenkollegin Pia Röder hingegen – ein Traum. Die Webseite aller Webseiten. Macht sicherlich viel Arbeit. Ich verbeuge mich!

10:00 Viel Zeit zum Verbeugen (und zum Losschicken einer Bewerbungsmail) bleibt allerdings nicht. Wieder will die Jüngste was. Ab Januar kommt sie zu unserer geliebten Tagesmutter. Ich bin froh, dass ich mir das mittlerweile schon ganz gut vorstellen kann. Das kranke Kind hört jetzt eine CD und bastelt Häuschen aus hübschem Papier. Und schon kommt der Mann wieder nach Hause. Er hat einen Umweg über die Grundschule gemacht, um der Kranken die Hausaufgaben mitzubringen. So viel Begeisterung über Hausaufgaben hat die Welt noch nicht gesehen. In Windeseile wird eine Seite Mathe ausgefüllt.

10:30 Zeit fürs zweite Frühstück. Danach melde ich mich in einer Kurzschlusshandlung bei einem anderen Server-Anbieter an. Ich will eine neue Webseite und ALLES. MUSS. NEU!

12:00 Kind3 schläft seit geraumer Zeit. Kind2 muss abgeholt werden. Ich erinnere mich, wie es letztes Schuljahr manchmal lief: Die schlafende Jüngste ins Auto packen, den Mittleren holen, auf dem Rückweg PÜNKTLICH an der Haltestelle sein und die Große einsacken. Diese Tour ist mittlerweile längst abgeschafft – die Große, wenn sie gesund ist, läuft alleine, und der Mittlere wird sehr häufig von seinem Vater hin- und hergefahren. Das gibt mir großen Rückhalt fürs Business, das sich langsam aber sicher weiter entfaltet, mit jedem Schritt, den die Kinder ohne mich schaffen. Heute aber ist der Vater zu Hause, und so kann ich die Abholtour machen.

13:15 Ich war auch noch im Supermarkt und auf der Bank. Wir bekommen heute nämlich ein Klavier. Am Freitag wird die Große ihren ersten Unterricht haben. Alle sind gespannt.

15:00 Nach dem Mittagessen plane ich spontan – aber ganz bewusst – Zeit für die Große ein. Wir haben ihr das zum Geburtstag geschenkt. Lange hielten wir es für überflüssig, uns „bewusst“ Zeit für die Kinder einzuteilen, nach dem Motto: JETZT spielen wir was, es gibt dabei nur UNS, und wir hören auch nicht gleich wieder auf, nur weil ein Geschwisterchen weint oder das Telefon klingelt. Wir wollen das Leben, alle Momente, so nehmen, wie sie kommen. In einer Minute noch spielend, in der nächsten schon wieder in der Küche oder am Computer, je nachdem, was sich gerade am Wichtigsten hat.

Aber in den letzten Wochen, Monaten, Jahren hat sich für die Große eine Menge angehäuft. Sie hat mehr als zur allergrößten Zufriedenheit bewiesen, dass sie eine tolle große Schwester ist, die nicht im Mittelpunkt stehen muss. Jetzt, vielleicht mit dem Schulstress, vielleicht auch einfach mit der Zeit, ist etwas gekippt. Jedenfalls bin ich der Ansicht, dass sie etwas mehr Verlässlichkeit braucht, was unsere Zuneigung angeht. Oder: Es hat sich mit den Jahren die Art der Zuneigung geändert, die so eine mittlerweile Siebenjährige braucht bzw. einfordert. Schon im Alter von drei Jahren war es kein Problem für sie, stundenlang alleine zu basteln, zu bauen, zu spielen, CDs zu hören, abwechselnd mit Phasen, in denen lieber ihre Eltern vorlesen, vorsingen, trösten, ein Bad einlaufen lassen sollten… Das ist aber nun schon lange nicht mehr inspirierend. Die Aktivitäten müssen viel, viel herausfordernder sein. Herausforderungen gibt es zwar zur  Genüge – im Fußballverein, auf dem Schulweg, mit Freunden. Aber, nun ja, nicht bei uns. Viel zu oft sagen wir: Wir können dir nicht zuhören, wir können jetzt deine Idee nicht umsetzen, du siehst doch, deine Geschwister weinen gerade, können nicht schlafen, müssen gewickelt werden, müssen gerade gestillt werden, wollen ein Buch vorgelesen bekommen, und überhaupt, deine Eltern sind so müüüüüüüüüüüüüüdeeeee…

Heute also nehme ich mir (anstatt einen Mittagsschlaf zu machen) Zeit zum Spielen. Erst spielen wir Topfschlagen. Dann Scotland Yard und Stone Age. Dann holt sie das schwierigste Puzzle aus dem Regal, das wir haben. 112 Teile hat es und zeigt fünf Disney-Prinzesinnen. Wir puzzeln zwar bis zu Ende, aber es wird schnell klar, dass sowohl Stückzahl als auch Motiv sie überhaupt nicht reizen. Ihre Kommentare: „Die sieht ja aus wie Schmitts Katze… und die wie Schitt’s Katze… und die wie Witz Katze…“ oder: „Das ist ja Aschenbrödel… nein Aschenblödel… nein Aschenbrösel…“ usw.

16:00 Höchste Zeit, den Bruder zu wecken, der nach der Tagesmutter immer einen langen Mittagsschlaf hält. Sie legt ihm eine CD ein und tanzt mit ihm, danach lässt sie ihr ferngesteuertes Auto durchs Kinderzimmer sausen. Das mag er nicht. Lieber zieht er sich mit einem Brettspiel wieder in sein Bett zurück, das Thomas die Lokomotive zeigt. Das könnte er stundenlang bewundern. Ich hingegen bewundere die Jüngste der dreien, die sich tapfer zwischen lauter Musik, Fernsteuerauto und Papierbasteleien behauptet und einen Riesenspaß hat. Besonders viel Spaß hat sie, als sie sich an das Verzehren eines Papierobjektes macht. Danach kann man vor lauter Papierbrei und zerlaufenem Filzstift das Baby fast nicht mehr erkennen.

17:00 Baby umziehen, Kaffee trinken, Schokoflakes essen. Kind2 will immer mitessen, egal was was gibt. Am liebsten mag er Johghurt, und den isst er heute ganz ordentlich, ohne Kleckern. Kind1 mag keine zeitraubenden Zwischenmahlzeiten. Lieber noch mehr Hausaufgaben machen. Da klingelt es schon. Es ist

18:00 und im Hausflur stehen zwei Schüler aus der Nachbarschaft, die gekommen sind, beim Klaviertransport mit anzupacken. Die Vorbesitzer des Klaviers aus einer 1h entfernten Ortschaft sind auch pünktlich da. Sie haben das Klavier in ihrem Anhänger picco bello mit Paletten und Teppichen gepolstert. Wir staunen. In Null komma nix steht das Klavier an seinem neuen Bestimmungsort, die Vorbesitzer ziehen mit einer großen Summe Bargeld los, und wir können nun sagen:

„Ein Klavier, ein Klavier. Wir haben ein Klavier!“

19:30 Heute Abend liest mir Kind1 etwas aus GEO Mini übers Feuerlöschen vor. Dann gehen alle schlafen.

22:00 Kind2 steht heulend vor dem neuen Mückenlicht. Das soll die Mücken anziehen, aber es zieht anscheinend auch Zweijährige an. Ich bringe ihn ins Bett zurück und gehe wieder an den Computer.

22:30 Kind3 ist wieder wach. Menno.

22:45 Auf meiner neuen Webseite ist jetzt immerhin schon folgender default-Text zu lesen:

Hallo! Tagsüber arbeite ich als Fahrradkurier, nachts bin ich ein aufstrebender Schauspieler und dies hier ist mein Blog. Ich lebe in Berlin, habe einen großen Hund namens Jack, mag die Fantastischen Vier und ein kühles Bier.

Der Text wird zusammen mit einem WordPress-Theme geliefert und beschreibt einen Max Musterblogger. Max Musterblogger hat kein Geld, aber einen Traum. Er ist Single, unkompliziert, vielleicht aber auch paranoid und ganz bestimmt über 30. Was uns das über das Klischee des Bloggers sagt? Mit dieser Frage entlasse ich Sie und Euch…

Was machst du eigentlich den ganzen Tag aka #WMDEDGT ist eine Aktion von Blogger-Kollegin Frau Brüllen.

Campen gehen mit Kindern. Ein Erfahrungsbericht

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So geht Campen mit Babys, Kleinkindern, größeren Kindern (und Erwachsenen)

Ein Leitfaden für mehr Harmonie im Urlaub

  1. Campen mit Babys
    Babys ab etwa 4 Monaten lieben es, auf dem Boden herumzukullern, mit allem zu spielen, was ihnen in die Quere kommt, mit den Augen und Ohren vertraute Details zu erhaschen. Unser Baby hat sich beim Zelten rundum wohlgefühlt – wahrscheinlich am wohlsten von uns allen. Auf dem weichen Boden herumrutschen und durch die sanft schaukelnden Zeltwände den Stimmen der Familie zu lauschen, die nicht sichtbar, aber deutlich hörbar vor dem Zelt rumort: Mehr wollte unser Baby nicht, und das am liebsten den ganzen Urlaub lang. Die Zeltliebe des Babys ging so weit, dass ich nach der Ankunft zu Hause gleich ein kleines Strandzelt auf dem Balkon aufbauen musste, um dem genervten Geschrei der Jüngsten ein Ende zu setzen.
  2. Campen mit Kleinkindern
    Kleinkinder ab 1,5 Jahren sind rund um die Uhr am Entdecken. Es gibt einfach nichts, was nicht spannend für sie ist und sich irgendwie umfunktionieren lässt. Heringe, Zeltleinen, die Essens-Kisten im Zelt, der Müll vor dem Zelt, die Schuhe, mühevoll weggeräumte Taschenlampen, Handys und Geldbeutel… Und nicht nur das. Mit dem Zelten fallen auch die liebgewordenen Rituale des Kleinkindes weg: Hell und Dunkel, müde und wach, damit sieht es auf einmal ganz anders aus. Kleinkinder sind einfach die größten Störenfriede des auf Ordnung und Minimalismus bedachten Campers. Aber auch hier lässt sich mit ein paar Tricks das beste rausholen. Das erste und oberste Gebot lautet: Das Kleinkind muss am Laufen gehalten werden! Es darf niemals ruhen, außer wenn es schläft, dann aber unbedingt. Nimm es jedes Mal mit, wenn du zum Klo, zum Spülen, zur Rezeption musst. Auch wenn der Weg dadurch jedes Mal zehn Minuten länger dauert: halte es sooft es geht vom Zelt fern. Setze dich mit ihm ins benachbarte Strandbad, dort kann es stundenlang Steine sammeln, im Sand buddeln, Enten hinterherjagen. Wenn es abends dann immer noch nicht schlafen will, setze es in deinen Fahrradanhänger, dein Kanu, dein Auto, egal. Hauptsache, es darf nochmal eine schöne Abendrunde drehen.
  3. Campen mit größeren Kindern
    Eigentlich sind größere Kinder beim Camping zu allem bereit. Lange aufbleiben zum Beispiel, kein Problem. Mal früher ins Bett müssen, auch nicht soooo schlimm. Kein Eis heute zum Nachtisch, macht nichts, morgen ist ja auch noch ein Tag. Regen stört sowieso überhaupt nicht, da darf man im Zelt bleiben, spielen und malen und alles durcheinanderbringen. Was große Kinder eher stört, ist das Programm, das mit dem Zelten gar nichts zu tun hat. Man hat ihnen erzählt, dass sie mit ihren Eltern zelten dürfen / müssen. Darauf haben sie sich seit Wochen eingestellt, dazu sind sie bereit. Und nun das: Kanufahren? Wandern?! Alte Studienfreunde der Eltern besuchen???!!!! WTF??????!!!!!!!!
    Aber auch das machen größere Kinder mit. Wenn man ihnen im Gegenzug ihre eigenen Ideen gestattet. Den ganzen Tag auf dem Camping-Spielplatz spielen zum Beispiel. Einfach im Zelt sitzen, lesen und schreiben, anstatt mit den Besuchskindern zu spielen. Den Campingplatz alleine erkunden und wiederkommen ohne sich Fragen anhören zu müssen, wo man so lange war. Dann sind auch die großen Kinder vom Campingurlaub und seinen Nebenerscheinungen restlos begeistert.
  4. Campen mit Erwachsenen
    Fürs Campen eher ungeeignet haben sich die Erwachsenen erwiesen. Gut, sie liefern die Fakten wie Auto steuern, Zelt aufbauen, Essen kochen, alles schnell wegräumen bei Regen. Aber sie bezahlen das Ganze ja auch. Was die Erwachsenen nicht können, ist: das Campen, das sie sich ja selbst eingebrockt haben, so zu nehmen, wie es ist. Es müsste ihnen doch eigentlich klar sein, dass sie am Morgen nicht so einfach und schnell an einen Kaffee kommen wie zu Hause. Sie müssten doch wissen, dass sich die Kinder nicht willig um sieben Uhr abends ins Bett legen, sondern noch spielen wollen, bis es dunkel wird.
    Aber sie sind stur, diese Erwachsenen, und sehen einfach nicht ein, dass manches nicht so ist, wie sie es von zu Hause gewohnt sind. Das macht die Erwachsenen oft biestig. Ein wenig zu biestig für den Geschmack der Kinder. Daher auch der sehnsüchtige Blick des ältesten Kindes auf campende Jugendgruppen: „Wenn ich so alt bin, gehe ich nur noch mit meinen Freunden zelten!“

Campen gehen (adult edition)

Campen gehen mit den Kindern (6, 2, 0) und Angst haben vor:

  • Rückenaua
  • Durchschrei- und Durchnuckelnächten
  • im Zeltgetümmel in Richtung See oder in Richtung Straße verschwundenes Kleinkind
  • was essen/ trinken gehen wollen, wegen völliger Übermüdung aber ins Bett müssen
  • was essen/ trinken gehen wollen, aber vor dem Zelt sitzen und die schlafenden Kinder bewachen
  • wegen der zu lauten Kinder angezählt werden
  • selbst die zu lauten Mitcamper anzählen, die die eigenen Kinder nicht schlafen lassen
  • nicht genügend Schlaf zu bekommen (erwähnte ich das schon irgendwo?)
  • Regen
  • Zecken (besonders an Babys und Kleinkindern)
  • Hunden
  • Krankheiten (auf jeden Fall alles mit Fieber und schlimmer!)
  • schlechter Laune (wegen Regen, zu wenig Schlaf, zu viel Enge…)
  • ständig unaufgeräumtem Zelt

Aber campen gehen.

Initiationsritus. Warum es dazu jetzt zu spät ist

2015-09-05 20.15.48_web

Lieber Nordschwarzwald, liebes Dörflein R.,

wenn ich etwas jünger und formbarer gewesen wäre,  hättet ihr mich jetzt. Ihr hättet mich durch eure Herzlichkeit, eure Unbestechlichkeit, eure Lieder. Ich habe hier schon mehrmals „der Mond ist aufgegangen“ in Gruppen von >50 Personen gesungen. Der Wald steht abends wirklich schwarz und schweiget.

Ihr hättet mich besonders durch die Natur. Ihr das Holz abzuringen, ihr Heu einzuatmen, das hätte mich schon längst gepackt.

Wer hier nicht mit dem Unimog in den Wald fahren kann, der kann dorthinein joggen oder sich dort die romantischsten Sonnenaufgänge und -untergänge vor die Kameralinse holen. Wer hier kein Heu macht, nicht fliegenfischt, keine Pferde sein eigen nennt, hat trotzdem täglich damit zu tun, grüßt den Heuwender, den Fliegenfischer, den Pferdeheimbringer. Und auch wer wie ich kein Beil halten kann und bei Motorsäge nur Bahnhof versteht, der versteht dennoch, was es heißt, der Natur das Holz abzuringen.

Man sieht und man BEGREIFT, wie das Holz ganzjährig in langsamen, zeitlupenartigen Bewegungen gefällt, gelagert, gewässert, geschält wird. Wie Stamm für Stamm, Brett für Brett, Scheibe für Scheibe freigelegt, gestapelt und schließlich seiner Verwendung zugeführt wird. Man sieht einen Zaun, einen Bretterstapel, ein Lagerfeuer oder einen Stock, an dem ein Kind herumschnitzt und spürt KÖRPERLICH jede einzelne Minute, die es gedauert hat, bis das Holz dieser Verwendung zukommen konnte.

Manche stehen 9 Monate im Jahr eine halbe Stunde früher auf, um das Holz im großen Ofen zu schüren, der das ganze Hause warm hält.

Dieses frühe Aufstehen entfällt nun. Es ist Juli. Mit etwas Glück muss erst im Oktober wieder geheizt werden. Dafür schart man sich nun abends um die Lagerfeuer.

Jeder Scheit, der in den Feuern verbrennt, ist schon lange vorher gestapelt, gespalten, gelagert, gefällt worden. Jeder Scheit verbrennt mit dieser Stille, mit der auch der Wald still dasteht und schweigt. In dieser Stille steckt eine unglaubliche Kraft. Man kann ihr nur zusehen, aber niemals, niemals ein Teil von ihr werden.

Ich bin nicht mehr 20, und ich bin nicht aus freien Stücken hier. Ich bin nur zu Gast und werde es für immer sein. Ich will hier eigentlich gar nichts. Ich will nur eines: es meinen Kindern hier so angenehm wie möglich machen. Sie sollen die weiten, duftenden Wiesen, die seltsam lebendigen Waldmaschinen, den Wald bei Sommer und bei Winter lieben. Sie lieben das alles schon jetzt, ungebeten und spontan und tief überzeugt.

Ich will sie aber auch stark machen für das, was zu einem späteren Zeitpunkt kommen wird. Ich will ihnen zeigen, dass dieses Landleben nur eine Option unter vielen ist. Dass es in den meisten Teilen der Welt anders zugeht. Dass das meiste, was hier selbstverständlich ist, es anderswo keineswegs ist. Dass das, was wir hier erleben, woanders zwar genauso möglich ist, dort aber immer nur eine Möglichkeit unter vielen bleibt.

Manchmal, da will ich meine Kinder aber auch einfach nur in Ruhe lassen. Sollen sie doch alles für eine Selbstverständlichkeit erachten, Kinder machen das doch eh. Dass sonntags fast alle in die Kirche gehen? Geschenkt. Dass mittags die fürsorgliche Oma oder Mama nicht nur manches Mal, sondern immer kocht? Selbstverständlich. Dass der Vater, der Onkel, der Großvater entweder in einem renommierten Unternehmen schafft, oder Lehrer oder Pfarrer ist? Ist doch normal. Dass jede Aktion, die für die Kinder bereitgehalten wird, entweder in einer Kirche oder in einem Verein stattfindet, de facto aber von den eigenen Eltern, den älteren Geschwistern, einem Onkel oder einer Tante durchgeführt wird? Immer.

Irgendwann werden meine Kinder dann selbst an so einem Lagerfeuer sitzen und zusammen mit ihrem Verein, ihrer Kirche, ihren Nachbarn, wahrscheinlich einer Mischung aus allen, den Initiationsritus begehen. Sie werden singen und sich verlieben und sich für immer, immer an ihre Heimat binden. Und auch, wenn sie sie später für immer verlassen sollten, wird ihr Herz doch im Nordschwarzwald im Dörflein R. bleiben.

Für mich ist es dazu schon zu spät.