Unser Kiez. Oder: Unser Dorf und wir

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Wenn ich meinen Sohn in den Kindergarten bringe, muss ich einmal quer durch den Kiez. Ne, Spaß. Wenn ich meinen Sohn in den Kindergarten bringe, und es ist einer der seltenen Tage, an denen mir die vielen Steigungen nichts ausmachen und an denen es nicht regnet, dann fahre ich mit dem Fahrrad durch unser wunderschönes Dorf.

Zuerst kommen wir durchs Sägewerk. Das ist für kleine Kinder eine Attraktion, aber nicht nur für die. Auch wir Großen staunen, wenn wir den Forwarder auf Schienen hin- und hergleiten sehen, geräuschlos fast, hörbar nur das Poltern der ganzen Stämme, die er hin- und herwirft. Jeden Werktag, von halb 7 bis 18 Uhr oder später gleitet der Riese hin und her, im Dunkeln ausgestattet mit hellen Scheinwerfern.

Wir fahren quer durch das Sägewerk, weichen den Seitenstaplern aus, den Schlange stehenden Lkw aus aller Welt und dem Radlader, der so riesengroß ist, dass er ein ganzes Wohnzimmer wegschieben könnte. Das macht er aber nicht, sondern er schaufelt täglich Berge von Sägespänen in Lkw hinein, die brummend und schnaufend damit talabwärts verschwinden.

Dann fahren wir an der Wiese mit den Kühen vorbei. Zwei Kühe sind es. Immer. Bis auf die wenigen Tage, an denen sie nicht zu sehen sind. Dann sagt mein Sohn: „Die Kühe sind im Stall“, und die Welt ist für ihn in Ordnung. Manchmal sehen wir weiter weg auch zwei Pferde.

Im Winter ist die Wiese überschwemmt. Sie kann Teil eines Flussbetts werden. Im Sommer macht die Familie Z. dort Heu, mit unterschiedlichen kleineren Maschinen und einer Heugabel.

Dann kommen wir an den zwei Schweinen vorbei. Ich weiß gar nicht, zu wem sie gehören. Vielleicht gehören sie zu dem betreuten Wohnen, einem Haus mit stillen Bewohnern, die manchmal laut Musik hören, und die auch Enten, Hühner und Hasen besitzen. Die Schweine sind schonmal ausgebüxt. Auch die Pferde. Und auch die Ziegen, eine ganze Herde. Aber ich schweife ab.

Nach den Schweinen fahre ich einen Fußweg entlang, der eigentlich zu schmal ist für mein Fahrrad und komme zu den Gasthäusern. Es sind zwei, beide sind nicht mehr in Betrieb. Das eine ist ochsenblutrot gestrichen und steht in einem alten Obstgarten. Fast könnte es die Villa Kunterbunt sein, wenn darin nicht ein Paar seine alten Tage verlebte.

Das andere Gasthaus ist größer und hässlicher, bietet aber Potenzial für alles Mögliche, finde ich. Daher war es auch bei Immoscout so schnell weg, als Schnäppchen. Kurze Zeit später wurde das leerstehende Gebäude mit Benzin übergossen und angezündet, der Brand konnte aber so schnell gestoppt werden, dass man dem Gebäude von außen nichts ansieht.

Damals, an der Jahreswende 2015/16, Flüchtlingswelle und so, da hätte ich das mehr als fahrlässige Zündeln sofort in Richtung „rechte Gewalt“ geschoben. Denn der alte Gasthof stand im Gespräch, ein Heim für Flüchtlinge zu werden, angeblich war der neue Besitzer dem nicht abgeneigt. Um herauszufinden, was der Grund für die (versuchte) Brandstiftung nun war, müsste ich vermutlich eine Sage schreiben. Eine Schwarzwaldsage, bei der sich alle gruseln, die aber alles erklärt.

Dann kommt der Bahnübergang und dann die Holzbrücke über den Fluss. Das ist meine Lieblingsstelle. Im Sommer feiern wir auf der Brücke. Ich weiß zwar nicht so genau wieso, aber es gibt Wurst und Bier und es gibt Feuerwehrleute, die braten und ausschenken. Es gibt auch Blasmusik, es gibt Kuchen, es gibt ein Feuerwehrfahrzeug, das mit den Kindern Runden fährt. Die Kinder stehen mit den nackten Beinen im Fluss, und die Großen sitzen auf derselben Bierbank wie im Jahr davor, mit denselben Bekannten am Tisch, so als wäre zwischen dem letzten Sommer nicht ein Jahr sondern nur eine Stunde vergangen.

An den weniger heißen Tagen stehen die Fliegenfischer ganz in schwarzen Gummisachen im Fluss und fangen Forellen. Jetzt im Winter ist der Fluss oft ein wahnwitziges Gebräu, das Äste und Einkaufswagen ablädt.

In der Adventsszeit führt auch der Adventsweg über die Brücke, die zwei Teile eines Dorfes oder zwei Teil-Dörfer miteinander verbindet. Dann sind an allen Pfosten Zweige festgemacht, überall flackern Teelichter und Kunstbelichtung, und alle haben es schön, oder wollen es zumindest schön haben.

Ich überquere die Bundesstraße und komme noch an drei Häusern vorbei, bevor der Weg abbiegt hinauf zur Kirche, neben der unser Kindergarten steht. Das letzte Haus am Waldrand zieht stets meinen Blick auf sich, denn einmal ganz rundherum türmen sich – Dinge. Autoreifen, Spielzeug, Bücher, Gartengeräte, Teile für irgendwas, Krims und Krams. Es sind Türme, ganze Städte.

Das erinnert mich immer an eine Nachbarin in meiner ehemaligen Heimatstadt, die sich nicht trennen konnte, oder zumindest: die nichts wegwerfen konnte. Alles, alles was sie auf Flohmärkten geschenkt bekam, stellte sie in den Vorgarten ihres Mietshauses, ausdrücklich zum Wegnehmen. Das waren meist alte Bücher und Keramik. Aber immer mal wieder waren auch Kindersitze, Hochstühle, Babybadewannen und größere Spielzeuge mit dabei. Das rissen wir Neu-Eltern natürlich an uns, versteht sich.

Jetzt biege ich ab, Wald rechts, Fluss links, und fahre hinauf zur Kirche, die meinen Kindern viel Begeisterung entlockt. Sie wird liebevoll „Ding-Dong“ genannt. Da sie an den Kindergarten angrenzt, läutet sie hier immer besonders LAUT. Dann heißt es „DING-DONG!!!“ (gebrüllt).

Ja, bei uns ist was los.

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Ich freue mich, dass dieser Beitrag teilnehmen durfte in der Reihe #kiezmitkind bei Mami Rocks. Hier geht der Artikel, wie er bei Mami Rocks erschienen ist: http://mamirocks.com/leben-mit-kindern-im-schwarzwald-oder-mein-dorf-und-ich/

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Ich platze mitten hinein

Wenn ich mich ins Auto setze und nach zwei Stunden Fahrt in meiner ehemaligen Welt wieder auftauche, ist zwar vieles unwirklicher, ungreifbarer geworden. Ich wundere mich dann darüber, wie viele Kinder es gibt. Die, die keins hatten, haben nun eins, die die eins hatten, haben nun zwei, und so fort. Ich hab keine Ahnung zumeist, wie die Kinder heißen. Die sind alle klein und laufen so kreuz und quer.

Auch die Realität der Erwachsenen ist schwammig geworden. Ich bekomme sie nicht mehr haargenau mit, die Jobwechsel und die Geldsorgen, die Urlaubspläne und Partyvorbereitungen.

Ich platze nach zwei Stunden Fahrt mitten in etwas hinein und muss erstmal aufs Klo, anstatt vorher schon mitgefiebert oder mitgeplant zu haben. Ich stehe einfach nur da, während die anderen schnelle Entscheidungen treffen, kochen, auftischen, herumwerkeln, losmüssen, wiederkommen. Das lässt mich ein bisschen langsam wirken. Vielleicht bin ich aber sowieso langsamer geworden.

Aber etwas ist gleich geblieben: Ich kann reden. Mit vielen. Über sehr Unterschiedliches. Zu allen Gesprächen bleibt mir ein Bild im Kopf zurück, das mir diesen Gesprächspartner in seiner Welt zeigt und der sich sofort untrennbar mit dem Namen dieses Menschen verknüpft, selbst wenn ich diesen Menschen auf meinem Besuch bei Freunden gerade erst kennengelernt habe.

„Ich bin so ein Barista-Typ“, sagt mir eine junge Frau mit dem Namen S., und obwohl ich noch nie in dem Café war, in dem sie bedient, denn es hat nach meiner Zeit aufgemacht, kann ich mir (vielleicht dank den Instagram-Bildern meiner Freunde) vorstellen, wie sie dort steht. Ihren Namen und ihr Gesicht vergesse ich nicht.

„Meine Eltern haben viele Kinder in die Welt gesetzt“, erzählt mir jemand namens A., den ich ebenfalls noch nie zuvor gesehen habe, aber mir sagt der Name seines Stadtteils was, und wie seine Eltern auf der Etage eines Hochhauses drei Wohnungen zu einer zusammengelegt haben, kann ich mir lebhaft vorstellen. Auch diesen Menschen vergesse ich nicht.

Manche erzählen mir, was ihre Airbnb-Vermietungen so machen. Andere sind sehr müde, weil sie gerade um den halben Erdball geflogen sind oder die ganze Nacht lang gebacken oder genetflixt haben. Aber egal, wie der Status gerade ist, wir verknüpfen die losen Fäden sofort wieder zu einem Gespräch, das dort weitergeht, wo es vor einigen Monaten, beim letzten Besuch, oder zwischen Facebook und Instagram, verlorenging.

Schwierig wird es eigentlich nur mit den ganz wenigen Menschen, die mir sehr, wirklich sehr viel bedeuten. Stehen wir plötzlich voreinander, nach Monaten der Funkstille (es gibt zwar Facebook, Twitter, WhatsApp, aber was die da schreiben, bleibt dennoch immer seltsam entfernt), fällt mir nicht ein, an was ich anknüpfen könnte. Und ich merke, diesen Menschen geht es ebenso – ich weiß aber nicht, ob das an meiner Unsicherheit liegt, die sich auf sie überträgt, oder ob sie vielleicht zuerst unsicher waren, bevor ich es wurde, oder ob es etwas Allgemeineres ist.

Zu viel steht zwischen uns. Zu viel des „was machst du jetzt, wie geht es dir jetzt“, was man aber lieber nicht fragen möchte, da es, egal wie man fragt, immer zu abgedroschen klingt. Und man will es doch in den wenigen Minuten, die man sich sieht, schön zusammen haben. Man will die Freundschaft feiern, den Augenblick, und nicht die Statistik zwischen dem letzten und dem heutigen Treffen akribisch aufarbeiten. Es muss ästhetisch werden, Ästhetik und gestillte Sehnsucht und Aha-Momente um jeden Preis.

Dann hilft nur Alkohol, um so etwas wie zu den alten Zeiten zurückkehren zu können. Zu den Zeiten, in denen wir gemeinsam lachten, weinten, stritten, arbeiteten, beteten und faulenzten und Quatsch-Videos guckten.

Manchmal wünsche ich mir, diese Freundschaft(en) nicht mehr immer wieder neu einfädeln und halten, überdenken und stilisieren, überwachen und weglachen, heimlich überhöhen, öffentlich aber als selbstverständlich darstellen zu müssen. Ich möchte die Dinge nicht mehr in der Hand haben. Ich will, dass jemand anderes den Roman schreibt, in dem ich nur vorkomme. Egal, was mit mir passiert. Egal.

Was machst du eigentlich den ganzen Tag? Ein 5. Januar im Schwarzwald #wmdedgt

 

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Die erste Januarwoche ist wie alle ersten Januarwochen. Die Weihnachtsferien sind irgendwie schon zu lang. Irgendwie haben alle Grippe. Der Dezember-Schnee ist verschwunden. Stattdessen hat es die letzten Tage so heftig geregnet, dass es tagsüber gar nicht mehr richtig hell wurde. Heute ist der erste glasklare Tag seit Jahresbeginn.

Das Ergebnis des Regens kam heute Nacht, als unser Dorf vom Rest der Welt abgeschnitten war wegen eines tobenden Bachs. Meine Familie, die einkaufs- und arztterminhalber am Nachmittag mehrere hundert Kilometer zurückgelegt hatte, musste das Auto unten stehen lassen und zu Fuß über den Bahndamm waten, wo sie dann bei Freunden klingelten und in einem VW-Bus sicher nach Hause gebracht wurde.

Das Wasser wollte ich mir heute Früh aus der Nähe ansehen, aber es sah schon wieder recht friedlich aus, siehe Bild. Ich hatte mir meinen Sohn geschnappt, um runter zum geparkten Auto zu laufen. Irgendwie machen wir das diesen Winter öfters. Zweimal mussten wir das Auto schon wegen dichtem Schneefall und Glätte unten im Dorf stehenlassen.

Wir fanden das Auto wieder, das trocken geblieben war, und auch gar nicht abgeschlossen (pssst!), stiegen ein und fuhren in den nächsten und in den übernächsten Ort. Supermarkt, dm, Paketabgabestelle, Apotheke, Bäcker. Erst ganz am Schluss fiel mir ein, dass heute der letzte Tag vor zwei Feiertagen ist. Aber ich hatte nicht die geringste Lust, nochmal eine Runde durch die Läden zu machen und beschloss, dass des Einkaufens nun genug sein sollte.

Nachmittags spielten wir Pferd, Eisenbahn, Puppe, verschiedene Gesellschaftsspiele ab 2, und ich las etwas vor. Vorlesen macht mich sehr müde, wenn die Kinder dabei wild durcheinandergreifen, -rufen und -fallen, aber trotzdem unbedingt vorgelesen bekommen wollen. Es macht mich sehr, sehr, sehr müde. Die beiden Kleinen husten außerdem seit einer Woche um die Wette, haben Durchfall und leiden unter Stimmungsschwankungen. Mittlerweile fühle ich mich selbst von dem Virus lahmgelegt. Aber ich muss ja weiterlaufen. Habe gestern Nachmittag schon im Bett gelegen, und ein Nachmittag muss ja reichen, um krank zu sein.

Abends schreibe ich noch ein paar Termine für Januar und Februar in meinen Terminkalender. Es sind alles Termine, die sich um das älteste Kind drehen. Bei uns ist es üblich, dass die Eltern die Gruppen-Freizeitaktivitäten der Kinder selber durchführen. Wenn man will, dass sein Kind irgendwo dabei ist, wo auch andere Kinder sind, muss man also selbst etwas auf die Beine stellen. In der Regel bekommt man Unterstützung von der Kirche oder vom Sportverein, die die Örtlichkeit und die Rahmenbedingungen stellen. Den kirchlichen Unterricht (zum Beispiel Jungschar) oder das Training führen dann aber die Eltern durch. Wer nicht direkt eine Gruppe leitet, sollte sich ab und zu wenigstens um das leibliche Wohl kümmern. Mein Terminkalender füllt sich also mal wieder schnell mit Hinweisen wie „heute für 12 Leute backen!“, „heute 2 Euro mitgeben!“, „kleines Theaterstück einstudieren!“.

Die Maus hat sich heute schon wieder nicht fangen lassen. Seit drei Tagen lebt sie im oberen Klo, das wir seither nicht mehr betreten, ignoriert alle aufgestellten Fallen und zerfetzt Klopapier und Handtücher. So richtige Frotteehandtücher. Irgendwann gräbt sie noch ein Loch in die Fliesen, male ich mir gerade aus…

Was machst du eigentlich den ganzen Tag? aka #wmdedgt ist eine Aktion von Frau Brüllen. Wer noch mehr Blogs über den 5. Januar lesen will, der klicke hier: http://bruellen.blogspot.de/2018/01/wmdedgt-0118.html

Ich lese mich jetzt ein bisschen durch die Blogs und gehe dann schlafen. Und ihr so?

Lieber guter Weihnachtsmann. Nimm dich unserer Sachen an

Vor zwei Wochen haben meine Kinder ein Spiel gespielt, das sie bisher täglich gespielt haben. Sie haben eine Spielzeugkiste nach der anderen aus dem Regal genommen, ausgeleert und das Ausgeleerte dort liegengelassen, wo es gerade hingekippt worden war. Dann haben sie die Verkleidungen, das Arztzubehör, Teile der Holzeisenbahn, die Duplo-Steine, Buntstifte und Bücher ein klein wenig verstreut, sodass sie zwar nicht zu weit auseinanderlagen, aber gerade so weit voneinander entfernt, dass das Zusammensammeln über eine halbe Stunde in Anspruch genommen hätte.

Früher habe ich immer die beiden Kleinen (die die Hauptverursacher sind, nehme ich an) zum Mitaufräumen animiert. Früher, da hätten wir wohl eine Stunde lang gemeinsam aufgeräumt und uns dabei gestritten, wer schuld ist an der ganzen saudummen Aufräumerei.

Darauf habe ich jetzt keine Lust mehr. Also habe ich einen Wäschekorb genommen und alles, was auf dem Boden lag, da reingelegt. Das einzige Kriterium, um in den Wäschekorb zu kommen, war „es liegt auf dem Boden“.

Dann stand der Wäschekorb ungefähr eine Woche lang draußen auf dem Balkon. Der Wäschekorb stand in Sichtweite für alle. Am ersten Morgen dachte ich noch blauäugig, dass jetzt gleich die Forderungen kämen. „Mama, ich will mit der Eisenbahn spielen, ich will den Helm aus der Kiste da haben, warum sind meine Duplosteine da draußen?“ oder so ähnlich. Aber nichts dergleichen geschah.

Ein bisschen vorwurfsvoll stand der Wäschekorb da draußen herum, aber das bemerkte nur ich. Ich versuchte meinen Kindern zunächst noch ein schlechtes Gewissen zu machen mit Sätzen wie „Das steht jetzt alles da draußen, weil ihr nicht aufgeräumt habt. Und jetzt kriegt ihr das nicht wieder“.

Sie nickten nur und liefen ins Kinderzimmer. Dass dort die Hälfte fehlte, fiel ihnen gar nicht auf. Ihnen fielen sogar neue Spiele ein. Zum Beispiel war in der Kiste mit dem Holzspielzeug nur noch der Bodensatz übrig. Eines der Kinder kippte auch den aus, machte einen schönen kreisrunden Haufen und tat so, als würde es ihn anzünden: „Lagerfeuer“.

Als das Spiel vorbei war, weigerte ich mich, auch diesen, zugegeben kleinen, Spielzeugberg aufzuräumen. Das Lagerfeuer wurde durch die Füße der Hindurchlaufenden immer weiter auseinandergeschoben. Bald waren alle Steine hinter die Betten und Regale getreten. Der Vorgang nahm zwar zwei Tage in Anspruch, hatte aber den großen Vorteil, dass niemand aufräumen musste.

Das nächste Spiel hieß: „Mama, du bist ein Kuchen. Leg dich mal auf den Boden.“ Ich lege mich hin. Rührbewegungen über meinem Bauch. „So jetzt bist du tot.“ Biss ins Knie. Danach durfte das Kind auch mal ein Kuchen sein. Ich dekorierte es mit Mandarinenspalten, was total praktisch war, denn die aßen wir am Ende des Spiels auf. Danach standen wir selbst vom Boden auf, und so mussten wir nichts aufräumen.

P.S.

Wegen des schlechten Wetters haben wir den Wäschekorb doch wieder reingeholt und ganz ans Ende vom Flur geschoben. Die Kinder können in den ausrangierten Dingen keine sinnvollen Spielzeuge mehr erkennen (haben sie ja aber vorher auch nicht). Sie haben angefangen, ein Utensil nach dem anderen aus dem Korb zu reißen und auf den Boden zu werfen und mit Kickbewegungen durcheinanderzumischen.

Da habe ich den Korb in den Wäscheraum geschoben und die Tür zugemacht.

Wenn heute Nacht der Nikolaus kommt, soll er bittebitte den Korb einfach mitnehmen.

Kitas und Kindis. Oder: Fischstäbchen vs. Waffeln. Achtung Klischeewarnung

Wenn ich über Kindergartenplätzemangel, Kindergartenmittagessen und Kindergartenöffnungszeiten lese, also in den Medien oder auf Blogs, dann wird dieses lange Wort K-I-N-D-E-R-G-A-R-T-E-N meist so abgekürzt: Kita.

Die Kitas

Kitas haben endlose Fluren mit einer unendlichen Anzahl an Haken. Kitas riechen nach Kartoffelbrei- und Fischstäbchen-Dunst. In Kitas treffen die Eltern, die sich mit dem Fahrradanhänger durch den Morgenverkehr gequält haben und nach der Kinderabgabe schnell wieder gehen müssen, nur für ein paar Millisekunden aufeinander. In Kitas gibt es Schwarze Bretter voller Zettel mit Angeboten von der Caritas, dem Kinderschutzbund, der Psychologischen Beratungsstelle, dem Frauenhaus, auf Deutsch, Türkisch, Arabisch und Russisch.

Die Kindis

Und dann gibt es noch die Kindis. Das sind die Dorf-Kindergärten, die einfach nur rundum süß und lieb und vertrauenserweckend, sauber und übersichtlich sind. Kindis haben auch mal nur zehn Kindern pro Gruppe. In Kindis wird täglich draußen gespielt, und vor der Abholzeit wird laut und sauber(!) bekanntes Liedgut gesungen.

Kindi-Eltern basteln nicht nur die Laternen (sowieso eine Selbstverständlichkeit), sie  bauen auch Brunnen, Hochbeete, Bänke, Spielgeräte und Haltestellenwartehäuschen. Die Mütter kommen nicht nur zum Muttertag in den Kindi, sondern auch jeden Monat zur gemeinsamen Andacht. Und wenn etwas gebacken, jemand verabschiedet, Päckchen für arme Leute gepackt oder sonstwo geholfen werden muss, sowieso.

Im Kindi kennt jeder jeden aus anderen Zusammenhängen als aus dem Kindi. Die Mutter, die neben dir in der Garderobe ihren Nachwuchs zur Eile antreibt, ist entweder deine direkte Nachbarin, die Mutter eines guten Spielkameraden eines deiner Kinder, deine Sandkastenfreundin oder deine Schwägerin. In der Regel alles zusammen. Trifft keiner der vier Bekanntsheitsgrade zu, bist du vermutlich nicht von hier.

80 Prozent der Kindi-Eltern stehen nach vier Stunden schon wieder abholbereit im Gruppenraum, den sie selbstverständlich betreten dürfen. Denn ein Kindi mit Regelöffnungszeiten (RÖ) hat nur 4 Stunden auf. Aber auch in einem Kindi mit Verlängerten Öffnungszeiten (VÖ) von 6 Stunden werden Kinder nicht die volle Zeit geparkt. Vier Stunden, das reicht schon. Zum Mittagessen sind alle wieder daheim.

Kindergartenplätzemangel, Kindergartenmittagessen und Kindergartenöffnungszeiten?

Liefern auf dem Dorf wenig bis gar keinen Gesprächsstoff. Die Kindi-Plätze müssen natürlich belegt werden, sonst wird wegen Kindermangel wieder eine Gruppe geschlossen. Soviel ist klar. Wir Dorfeltern sind also dazu verpflichtet, weiterhin für Nachwuchs zu sorgen, so sagte es uns jedenfalls der Pfarrer.

Warmes Essen gibt es im Kindi nie (bis auf Ausnahmen wie gemeinsames Waffelbacken), das wäre ja auch komisch, weil alle Haushalte (oder wenigstens die Oma-Haushalte) mittags ein warmes Essen für die Kindi-Kinder auf den Tisch stellen können. Die Öffnungszeiten bleiben also erstmal so. Mit 6 Stunden VÖ haben wir hier auch nichts zu meckern. Es gibt weitaus Schlimmeres!

30 Tage Ausmisten. Das Minsgame und ich

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#Minsgame Tag 24: Münzen aus aller Welt

Im September habe ich bei #Minsgame (Minimalismgame) mitgemacht – der digital verbreiteten Wegwerf- oder Ausmist-Challenge. Minsgame funktioniert so: Man entnimmt jeden Tag ein Ding mehr seinem Fundus an Überflüssigem und wirft es wirklich und wahrhaftig weg / bringt es zum Recyclinghof / spendet es / verschenkt es (aber nur, wenn wirklich jemand Interesse daran hat), und das macht man so einen ganzen Monat lang.

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#Minsgame Tag 21: Kaputtes oder bislang ungenutztes Spielzeug

Sprich: Hat man am ersten des Monats noch ein Ding aussortiert, sind es am zweiten des Monats schon zwei, undsoweiter. Zusätzlich hält man für die sozialen Netzwerke jedes aussortierte Teil fotografisch fest. Sonst wird es ja langweilig. Außerdem glaube ich, ich würde nach drei Tagen aufhören, wenn ich mich nicht selbst zwingen würde, immer wieder etwas Kaputtes, Skurriles oder doch noch Brauchbares für die Kameralinse auftreiben zu müssen. Und das täglich! Um der Herausforderung willen hatte ich mir zusätzlich auferlegt, an jedem Tag nur zusammenpassenden Kram rauszuschmeißen. Also nicht Spielzeug mit Elektronik, Stoffreste mit Flaschen, sondern, immer schön fotogen, nur eine „Sorte“ Zeug pro Tag.

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17x Elektro- und Elektronikschrott. #Minsgame Tag 17

Ich habe bei dem Spiel Minsgame einiges gelernt. Zunächst über das Spiel selbst: Keiner schafft es meiner Meinung nach, die aussortierten Kabel, Schachteln, Tuben, Flaschen und Schlüssel auf den passenden Tag genau zu finden. Anfangs habe ich daher – wie bei jeder guten Kampagne – ein paar Wochen Vorschub geleistet und angefangen, die Sachen schon im August zu sammeln. Damit kam ich ungefähr bis Tag 12. Somit fing das Spiel ganz unstressig an mit Bildern, die ich bereits geknipst hatte und nur noch hochladen musste.

Auf Instagram, Twitter und Facebook entwickelten sich teils rege Diskussionen rund um die Do’s und Dont’s des Entsorgens. Wegwerfen ist anscheinend mit vielen Bedenken verbunden.

Unter meinen Wasch- und Putzmitteln (Tag 18) war einiges, was ich als wegwerfenswert erachtete, weil ich es einfach noch nie benutzt hatte. Interessanterweise rief gerade der Bereich Putz- und Waschmittel Bedenkenträger auf den Plan. Man könne doch nicht so Praktisches einfach wegwerfen, oder etwas so Wertvolles… hieß es. Bei den 12 Babyrasseln und 17 Elektroteilen und 30 Batterien fand jedoch keiner etwas nützlich, ökologisch wertvoll respektive bedenklich, brauch- oder reparierbar… Putzmittel haben anscheinend etwas Polarisierendes!

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#Minsgame Tag 14: Bücher müssen gehen.

Dasselbe passierte mir beim Bücher-Wegwerfen. Unter anderem wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass mein Diercke-Atlas von 1990(?) doch einen antiquarischen Wert besäße. Doch wie oft bin ich mit Büchern, die ich für wirklich antik und goldwert erachtete von Antiquariat zu Antiquariat gezogen. Umsonst. Habe schließlich alles in öffentliche Bücherschränke gestellt. Wo es feucht wird und sich eh niemand dafür interessiert außer irgendwelchen Messies. Jetzt ist der alte Atlas weg und auf Twitter folgt mir jetzt der @Diercke. Sehr nett!

Der moralische Zeigefinger erhob sich auch, als ich mich an Tag 24 daran machte, Kleingeld aus anderen Ländern auszusortieren. Gerade Währung im Kleinstbereich (unter 1 Euro) nimmt mit der Zeit nicht an Wert zu, ein Museum bin ich auch nicht, und den Kindern zum Spielen gibt man die Münzen ja auch nicht unbedingt. „Was machst du da – GELD WEGSCHMEIßEN???“ rief man mir sofort entsetzt zu. Da war guter Rat teuer. Und ich bekam ihn auch sofort in Form eines unfassbar wichtigen und interessanten Hinweises: Überschüssige ausländische Münzen kann man ganz einfach, egal aus wie vielen Ländern sie kommen, in einen Umschlag stecken und an die Welthungerhilfe adressieren. Das werde ich auf jeden Fall tun!

Gut war: Manche Dinge, von denen ich mich trennen wollte, konnten andere Leute durchaus gebrauchen. Ich bekam E-Mails und Direktnachrichten mit der Bitte, das doch bitte für sie aufzuheben. Hab ich gemacht. Gerne.

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Die kann jemand noch gebrauchen. #Minsgame Tag 11 bzw. 9

An Tag 27 war dann sogar meine Tochter soweit. Sie hatte am Vortag ein neues Zimmer bekommen und zur Feier des Tages trennte sie sich von einem Haufen alter Bastel- und Fußballzeitschriften. Übrigens ohne Minsgame zu kennen. Ich legte selbst noch einige alte Zeitschriften obendraufund – schwupp – waren wir bei 27. Und wir merken bis heute nicht, dass uns etwas fehlt.

Die letzte Konsequenz, die ich aus Minsgame ziehe, ist die: Ich streiche ab sofort einige meiner Habgier- „Sünden“! Das heißt z.B.: Keine Gratis-Magazine mehr mitnehmen, nicht mehr wahllos gebrauchte Kinderklamotten annehmen, nichts mehr horten, was ich auch nach einem Jahr nicht repariert habe (anscheinend, weil ich es gar nicht wirklich brauche). Kleingeld aus anderen Ländern am besten sofort einem Bettler auf der Straße geben, bevor man das Land verlässt.

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#Minsgame Tag 27: Zeitschriften

Im Übrigen habe ich im Monat September sehr viel mehr weggeworfen und sogar verkauft, als ich mit #Minsgame zeigen konnte. Daran war der Schulstart im September schuld, aber auch das neue Tochterzimmer, Geburtstag sowie allgemeines Kinder-Wachstum. Das Minsgame habe ich zum ersten Mal bei buntraum verfolgt.

Blogparade Mutter-Kind-Kur – Auswertung

Vielen Dank, dass Ihr bei der Blogparade  zur Mutter-Kind-Kur teilgenommen habt! Das hat mich total gefreut.

Eines vorweg: 8 der 13 Beiträge waren eindeutig positiv, zwei fielen negativ aus und drei Beiträge verbuche ich unter „Mit einem lachenden und einem weinenden Auge“.

Mithilfe Eurer Beiträge habe ich eine ganze Menge nützlicher Tipps für künftige Mutter-Kind-Kuren gesammelt rund um die Antragstellung, Packliste, Rechtliches.

Eure Gründe, eine Kur anzutreten, Eure Erwartungshaltung, Euer Durchhaltevermögen bei Durststrecken (wie Einsamkeit) sind insgesamt sehr unterschiedlich. Auch das Angebot in den Kliniken unterscheidet sich teilweise wie Tag und Nacht.

Doch einige Erkenntnisse ziehen sich durch (fast) alle Eure Berichte. Kurz zusammengefasst:

  1. Nicht mit zu kleinen Kindern auf Kur fahren (Stichwort Eingewöhnung in der Kur-Kita)
  2. Nicht schwanger auf Kur fahren (wenn man die Kurse alle mitmachen möchte)
  3. Jeder hat bei der Kurklinik freie Wahl, die Wunsch-Klinik muss jedoch häufig mit Bestimmtheit gegenüber der Krankenkasse durchgesetzt werden
  4. Die Ärzte und Therapeuten vor Ort müssen manches Mal überredet werden, die passenden Anwendungen / Kurse zu verschreiben oder überhaupt zuzuhören
  5. Nicht zu viel von den Behandlungen erwarten und die Kur am besten als „Urlaub vom Alltag“ genießen

Da kann ich nur sagen: Hätte ich das alles mal vorher gewusst.

Wer jetzt noch Zeit und Lust oder das Bedürfnis hat, sich weiter ins Thema Mutter-Kind-Kur einzulesen, dem möchte ich die Berichte nicht länger vorenthalten. Weiter im Text!

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Allerlei Themen (Petra): Eine Erholung war es. Aber: Nicht mit (zu) kleinen Kindern! Und: Ein Ratgeber

Petra (war in Boltenhagen an der Ostsee) hat einen lesenswerten Ratgeber zusammengestellt. Auf was sollte man achten, bevor man in die Kur fährt? Was muss ich im Vorfeld wissen? Wie viel kostet eine Kur? Werde ich als Arbeitnehmer weiterhin bezahlt?

Petra schreibt, eine Kur mit kleinen Kindern sollte man nur machen, wenn man sie auch (gerne) in fremde Hände geben möchte. Eine Eingewöhnungszeit gibt es im Kur-Kindergarten nicht.

Petra ist zufällig an ihre Kurklinik „geraten“ und war mit der Einrichtung sehr zufrieden.

Was hat Petra aus ihrer Kur mitgenommen:

„3 Wochen nicht putzen, einkaufen oder kochen: Super Erholung! Genau das wollte ich (…) Ich weiß jetzt: Ich schaffe auch 8 Stunden Zugfahren mit meinem Kind, ich habe Freunde, denen ich vertrauen kann UND ich werde zu Hause vermisst!“


Ein Haufen Liebe (Sandy): Rundum zufrieden

Auch Sandy war mit ihrer Kurklinik (auf Rügen) sehr zufrieden. Sie hatte die Klinik im Vorfeld selbst ausgesucht.

Was Sandy aus ihrer Kur mitnimmt:

– meine Familie ist mir das wichtigste und die geb ich nie mehr her
– ich habe tolle, für ihr Alter recht selbstständige Kinder, auf die ich mich verlassen kann
– ich mache schon viel “ richtig“ in unserer Erziehung und den Rest lerne ich nach und nach
– es ist egal, was andere denken (an dem Punkt arbeite ich noch weiter)


Tulpentopf (Tina): Die kleinen Dinge wieder schätzen lernen

Tina (sie war in der Ostseeklinik Zingst in Boltenhagen) zieht ein Jahr später Bilanz. Ihre Kinder erinnern sich noch gut an die Zirkusnummer, die sie ihren Müttern vorgeführt haben. Aktivitäten wie Weben, Trommeln, Stockkampf haben den Kindern – und ihrer Mutter – gezeigt, wie sie sich im Alltag entspannen können. Zu Hause setzt die Familie dieses „an nichts anderes denken (können) und Spaß dabei (haben)“ u.a. beim gemeinsamen Lego-Bauen und Ausmalen um.

Zwei von drei größeren Schritten, die Tina in ihrem Leben gehen wollte, hat sie seit der Kur schon geschafft: Sie hat die Arbeit im Vereinsvorstand abgeben können und ein Studium begonnen.

Vor der Kur hat Tina sich oft geärgert, wenn sie mal „nichts“ oder „nichts Sinnvolles“ machte. Mit der Kur hat sich ihr Fokus verändert. Ihr Fazit:

„Ich habe gelernt, geduldiger zu sein. Mit mir, mit meinen Plänen, mit den kleinen Dingen. Ich kann mit Langeweile umgehen und wertschätzen, was mir gut tut.“

Interessant sind aber auch Tinas Erfahrungen, den sie bereits direkt im Anschluss an die Kur im Blog festhielt. Hier schrieb sie u.a.: „Du wirst während der Kur nicht von dem geheilt, was du an Leiden mitgebracht hast. Mit ein bisschen Pech wird dieses Leiden nämlich gar nicht erst behandelt oder vielleicht ein einziges Mal besprochen.“ Auch Tinas Kinder kamen um Magen-Darm nicht herum. Insgesamt ist eine Kur sowieso erst was für Kinder ab 5, findet Tina.


Schnuppismama: Info-Blog rund um die Kur in Norddeich

Schnuppismama (Haus ReGenesa in Norddeich) hat ihre Organisation rund um die Kur umfassend beschrieben. So gibt sie bereits Tipps zur Antragstellung.

Wer wie Schnuppismama im Haus ReGenesa in Norddeich zu kuren gedenkt, kann gerne in die Infos rund ums Packen, Parken, Waschen, Zimmeraufteilung, Essen, Qualität und Quantität der Kinderbetreuung etc. reinlesen. Sie beschreibt auch, welche Verordnungen man bekommt und wie der Therapieplan vor Ort aussieht.

Zwischendurch einfach mal „nichts tun“ tat ihr gut. Schön war es auch, einfach loszuziehen und das touristische Programm vor Ort zu genießen. Auch die Andachten bzw. Gottesdienste in der evangelischen Kur-Einrichtung taten ihr gut.

Fazit: Schnuppismama war vor allem von der Physiotherapie und den Sporteinheiten begeistert. Nicht ganz so zufrieden war sie mit dem psychotherapeutischen Teil ihrer Kur. Aber sie lenkt ein:

„Es hätte also hier vielleicht besser laufen können, aber seien wir ehrlich, (…) eine freie Therapeuten-Wahl lässt sich aus Zeitgründen einfach nicht umsetzen. Daher bin ich dennoch sehr zufrieden mit diesem Teil und habe einiges für mich mit nach Hause genommen.“


Frühlingskindermama: Alles steht und fällt mit der Kinderbetreuung oder: Weniger ist mehr

Die Frühlingskindermama (Ostseestrand Kurklinik Klaus Störtebeker) war mit großer Skepsis in ihre Kur gefahren. Zu viele negative Erfahrungsberichte hatte sie vorab gehört und gelesen. U.a. deshalb entschied sie, mit nur einem Kind loszufahren. Sie wählte den Großen, für den sie im Alltag weniger Zeit hat als für ihre anhänglichere Kleine.

Das war sicher eine gute Idee, denn einen Sechsjährigen muss man nicht lange an die neuen Umstände gewöhnen. Dachte die Frühlingskindermama.

Die Kinderbetreuung stellte dann aber als etwas holperig heraus:  1) fand die Betreuung der Kinder meist nur am Vormittag statt, war also zu kurz, 2) ging ihr Sohn auch noch ungern in die Kur-Kita, sodass sie ihn auch mal nur für drei Stunden abgab. Was sie in ihrer Entscheidung, ihre jüngere Tochter zu Hause gelassen zu haben, bestärkte:

„Eine zuverlässige Fremdbetreuung ist unglaublich wichtig für das Gelingen einer Kur. Mit sehr kleinen oder trennungsängstlichen Kindern würde ich mir sehr gut überlegen, auf eine Mutter-Kind-Kur zu fahren.“

Die Frühlingskindermama buchte gleich eine Menge Kurse. Das wurde ihr dann doch zu viel, und so machte sie ab der zweiten Woche weniger.

„Es können lediglich Anregungen zur Bewältigung vermittelt werden und Eltern für typische Probleme sensibilisiert werden. Dessen sollte man sich bewusst sein, sonst wird eine zu hohe Erwartungshaltung sicher nicht erfüllt.“

Die Erwartungen der Frühlingskindermama jedenfalls wurden sicherlich mehr als erfüllt: Sie liebte die Natur rings ums Haus, den nahen Strand und den Wald. Ihr Kind schloss schnell Freundschaften und auch sie fühlte sich in der Gruppe Mütter wohl:

„Gut, dass ich die Kur gemacht habe!“


Mutterseelesonnig (Annette): Kraft tanken in der Wunsch-Klinik, solange die Gesellschaft (noch) nichts für die Mütter tut

Annette fragt sich, warum die Mütter eigentlich so schnell ausbrennen und verbindet ihre Überlegungen mit dem Aufruf, es gar nicht erst soweit kommen zu lassen.

Was kann man gegen den miserablen Gesundheitszustand vieler Mütter tun? Annette meint:

„Man könnte die Betreuungssituation verbessern, man könnte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern (…) man könnte präventiv Haushaltshilfen verordnen, man könnte bessere Netzwerke für Familien spannen, man könnte bezahlbaren Wohnraum für Familien schaffen (…) Stattdessen hetzen die Frauen sich kaputt und werden alle paar Jahre liebevoll wieder aufgepäppelt.“

Solange die gesellschaftlichen Zustände so sind, nimmt Annette die Möglichkeit einer Kur aber gerne an. Ihr Engagement und ihre Durchsetzungsfähigkeit haben sich bei der Suche nach der richtigen Klinik bewährt:

„Ich hab mir eine Klinik gesucht, gefragt ob der Platz zu meinem Wunschzeitraum frei ist und habe dann genau diese Klinik zu diesem Zeitpunkt in den Antrag der Krankenkasse geschrieben. Die Krankenkasse hat dann gesagt: Nö, zu teuer, such Dir was anderes aus, was aus unserm Katalog. Ich hab dann gesagt: Nö, ich will dahin und nirgends anders! Weil die Klinik aus diesen und jenen Gründen genau richtig für mich ist. Und dann haben die das bewilligt, irre!“

Annette fährt, wann immer sie kann, in ein und dasselbe Kurheim: das Caritashaus am Feldberg, das sich tatsächlich als rundum schönes, übersichtliches und erholsames Haus erwiesen hat (running gag dieser Blogparade: ich war in demselben Haus, habe es aber eher als Stationierung empfunden!).

Annette macht es nichts aus, wenn eine Kur mal ohne ein bestimmtes Konzept daherkommt, wenn sich Leerlauf ergibt und sie dadurch viel Zeit, auch mit den Kindern, verbringen kann. Denn im Alltag als Alleinerziehende mit fulltime job sind es in erster Linie die Entspannungszeiten, die ihr fehlen. Rumlümmeln, Spazierengehen, gemeinsam mit den Kindern im Bett lesen: Das ist Annettes bescheidener Anspruch an die Kur. In ihrem Lieblings-Kurheim kommt dann on top hinzu, dass ihr das Programm wirklich zusagt.

Annette nennt ihren Blogbeitrag „Unter Müttern“. Das sagt eigentlich schon alles. Jede hat eine andere Erzählung, eine andere Erziehungsmethode im Gepäck hat. Nicht immer ist es leicht, die Geschichten und Gewohnheiten der anderen um einen herum zu ertragen.

„Drei Wochen unter Müttern zu sein, ist vielleicht die größte Herausforderung an der Kur.“

Dennoch will Annette auch weiterhin die Mutter-Kind-Kur als eine kurzfristige Lösung von Alltagsproblemen und Burn-out-Gefahr nutzen:

„Und anderem, damit ich weiter die Kraft habe, mich für eine Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen zu Gunsten von Familien und besonders Alleinerziehenden zu engagieren, damit es diese Kuren nicht mehr braucht.“

DANKE, Annette, für Deinen Text, den Du extra für die Blogparade geschrieben hast! *winkt rüber zum Feldberg, wo Du gerade mal wieder auf Kur bist, was sonst!*


Karolina (Linalisu): Dranbleiben, dann wird es auch was mit der Wunsch-Klinik!

In Karolinas Familie sind es vor allem ihre beiden Kinder, die mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben. Mit ihrem ersten Kur-Aufenthalt (in Cuxhaven in der Strandrobbe) vor einigen Jahren war Karolina mehr als zufrieden.

Drei Jahre nach ihrer guten Erfahrung beantragte sie zum zweiten Mal eine Kur. Ihr Wunsch, wieder nach Cuxhaven zu kommen, wurde erst nicht genehmigt, aber Karolina blieb hartnäckig an ihrer Krankenkasse dran. Sie schreibt:

„Nicht aufgeben! Widerspruch einlegen und am Ball bleiben. Immer wieder anrufen und nachfragen. Man hat ein Recht auf seine Wunschklinik!“

Wie auch Annette (mutterseelesonnig) wusste Karolina: Jedem steht ein Platz in seiner Wunschklink zu – auch wenn man dann ggf. nicht sofort seine Kur antreten kann. Umfassende Informationen liefert das Müttergenesungswerk. Also: Bevor man an die Krankenkasse schreibt, unbedingt erstmal Beratung hinzuziehen!

Karolina war jedenfalls auch beim zweiten Mal mit ihrer Kur rundum zufrieden. Von der Kinder- und Hausaufgabenbetreuung über die Wattwanderungen bis zum Austausch mit den Ärzten und anderen Eltern: Alles stimmte.

„Immer wieder würden wir eine Kur machen und wir hoffen, dass wir auch ein drittes Mal in die Strandrobbe fahren dürfen.“


Ahoikinder (Ute): Kein Haushalt, kein Job und immer gut zu essen

Ute hatte mit zwei Kindern und ihrem Job und dem Blog schon eine ganze Menge am Laufen. Als sie zum dritten Mal schwanger war, verließen sie die Kräfte. Erst dachte sie:

„Ich bin doch nicht krank! Ich schaffe doch immer alles und habe genug Energie für alles.“

Ihr Körper sagte ihr jedoch anderes, und so bekam sie noch während der Schwangerschaft einen Kurplatz (in der Kurklinik Lindenhof, Nähe Passau).

Ute beschreibt ihre Kur als sehr entspannend. Keine Hetze am Morgen, sehr flexible Kinderbetreuungszeiten. Kein Haushalt, kein Job und immer gut zu essen! Unterm Strich hatte sie somit viel mehr Zeit für ihre Kinder als zu Hause.

Ihre beiden Jungs hatten Spaß bei Fußball- und Indianerspielen, sie selbst erholte sich bei Massagen und Wannenbädern. Einiges war ihr in der Schwangerschaft aus ärztlicher Sicht nicht erlaubt, kneippen und Aquagymnastik zum Beispiel. Ute konnte jedoch ihre Kur-Ärzte überreden, und so durfte sie immerhin bei der Gymnastik im Wasser mitmachen.

Wer mehr über die Voraussetzungen rund um eine Kur erfahren will, liest Utes Interview mit Anne Schilling, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks.


CONTRA

Mama arbeitet (Christine): In die Räder der Kur-Industrie geraten

Christine wagt sich über ein Jahr nach Beendigung ihrer Kur (die im Bayerischen Wald stattfand) an ein zweites Fazit, das nicht gut ausfällt. Dafür ist es diesmal ein ehrliches, wie sie sagt.

„Mir schwebte Wellness mit All-Inclusive Verpflegung und Kinderbetreuung vor.“

Stattdessen fand sie sich mit ihren drei Kindern in einem winzigen Zimmer mit Stockbetten wieder:

„Das ganze sah aus wie in einer Jugendherberge. Insgesamt wohnten wir in diesen 3 Wochen auf etwa 15 Quadratmetern.“

Christine wurde in der Kur (ungefragt) auf Diät gesetzt, obwohl sie, um sich erholt zu fühlen, lieber mehr als weniger isst. Hinzu kam, dass für sie keiner der Programmpunkte infrage kam. Kein Wunder, dass sie sich fehl am Platz fühlte und anfing, sich zu langweilen. Tatsächlich sagte ihr die Klinikleitung:

„Tja, Frau Finke, das tut mir Leid – wir wissen manchmal auch nicht, warum die Krankenkassen uns die Leute schicken.“

Aber die tägliche Langeweile war nicht das Schlimmste. Am traurigsten war Christine darüber, dass ihre Tochter den 3. Geburtstag in Quarantäne, also im Zimmer verbringen musste.

„Da war ich so traurig, dass ich (…) weinte, und meine Tochter mich trösten wollte.“

Christines trauriges Fazit:

„Mein Gesamteindruck war, dass ich in die Räder einer Kur-Industrie geraten war, in der Menschen als Belegeinheiten gesehen werden.“


Goldkäferblog (Stephanie): Nie wieder schwanger und mit Kleinkind auf Kur

Stephanie (Kur in Thüringen) fand die Kur mit einem nur 1,5-jährigen Kind beschwerlich. Zum Beispiel war der Wickelplatz im Bad zu eng und es gab nicht mal Seife. Hinzu kam, dass die Wege für so einen kleinen Laufanfänger sehr weit waren. Täglich musste zum Essen mehrmals das Haus gewechselt werden, was sich für die Mutter eines Kleinkindes (mit dem zweiten Kind schwanger) als purer Stress herausstellte.

„Im Allgemeinen fand ich Kur nur anstrengend. Ich habe mich keinesfalls erholt. Ich wollte jeden Tag mehr Heim. (…). Ich bin teilweise aggressiv geworden…“

Stephanies Fazit:

„Ich (…) habe für mich gelernt, dass ich NIEMALS mehr schwanger und mit Kleinkind auf irgendeine Art Kur gehen werde. Ob ich sowas überhaupt wiederholen werde, steht in den Sternen.“ Denn: „Schwanger wirst du behandelt wie ein rohes Ei und mit dem Kleinkind macht es einfach keinerlei Freude, wenn der Kurort gleich so gegen null dafür ausgerüstet ist, obwohl er es zu meinen scheint…“

Interessant ist auch Stephanies Vorbericht. So sagte ihr die erste Kurklinik kurzerhand ab, als die von ihrer Schwangerschaft erfuhr. Stephanie musste sich dann sehr zügig für ein anderes Haus entscheiden, „denn im Mai würden sie Schwangere bereits auch (hier) nicht mehr aufnehmen.“


Mit 1 lachendem und 1 weinenden Auge

Wiktoria’s life (Wiktoria): Programm & Essen gut, persönliche Beratung schlecht. Und alle werden krank

 

Wiktorias erste Woche (sie war in Neuhaus-Schierschnitz in Thüringen) lief gut an. Unterkunft: geräumig, Ausblick: klasse, Essen: vom Feinsten. Auch das für sie bereitgestellte Programm war passend und ihr Kind ging gerne in die Krippe.

Zur Halbzeit wurden an die dreißig Mütter und Kinder krank: Magen-Darm. Wie auf einer Kur üblich bedeutete das für die Kranken: Quarantäne, also vom Arzt verschriebener „Stubenarrest“. Wiktoria schreibt:

„Leider ist seitdem auch die Stimmung im Haus etwas gekippt. Alle hatten sich verschanzt. Die Kranken, um nicht anzustecken. Die Gesunden, um sich die Pest nicht auch noch zu holen. Unser toller Zusammenhalt, den ich letzte Woche gelobt habe – er war weg. Zwei Tage später sind drei Mamas abgereist.“

Die dritte Woche bringt endgültig Enttäuschung. Entlastende Gespräche mit einem Therapeuten haben bislang nicht stattgefunden. Die Sozialpädagogin nimmt sich erst Zeit für Wiktoria, nachdem diese bei einer Feedbackrunde angegeben hatte, sich nicht genügend versorgt zu fühlen. Doch die Pädagogin kennt sich mit ihrem Problem (ADHS) gar nicht aus. Die Klinikleitung verspricht Abhilfe, doch dann muss Wiktoria wegen ihrem kranken Kind früher abreisen.

Wiktorias hat aber Positives für sich mitgenommen:

„Ich muss gar nichts. Nichts gegen meinen Willen tun, nichts erdulden und schon gar nichts ertragen.“

Sie will in Zukunft öfter „Nein“ sagen können und sie möchte mehr für ihre Bewegung tun.


Mann Kind Koffer (Pseudonym: Mutterstiefchen): Kleinkind und Kur geht gar nicht

Mutterstiefchen (war in Arendsee in Sachsen-Anhalt) missfiel auf ihrer Kur einiges: Die Essenszeiten waren wie im Krankenhaus extrem früh (z.B. Abendessen spätestens um 18 Uhr). Der Ort („liegt gefühlt mitten im Nirgendwo“) war ein Kaff, man konnte nur begrenzt etwas unternehmen. Für ihr Kleinkind (2 Jahre) fehlte ihr die Eingewöhnungszeit für die Krippe. Sie hatte einen vollen Terminplan und musste dafür „bereits am dritten Tag Mini Mann von 8 – 16 Uhr in einer fremden Kita abgeben“.

Am Alter ihres Kindes lag es auch, dass für Mutterstiefchen die ersten zwei Wochen reiner Stress waren. Erst in der dritten Woche wurde es doch noch schön, aber als die Entspannung einsetzte, war die Kur auch schon wieder vorbei.

Ihr Fazit:

„Mit einem Kind in diesem Alter (2 Jahre) würde ich nicht mehr in Mutter-Kind-Kur fahren.“

Dennoch plant sie eine weitere Kur, denn mit einem älteren Kind (und vielleicht auch mit weniger Terminen pro Tag) ist so eine Kur doch eine tolle Sache.


Mamanatur (Anita): Einsam am Strand

Mamanatur zieht erst fünf Jahre nach ihrer Kur Bilanz. Und die fällt hauptsächlich negativ aus. Anita fühlte sich in der Kur einsam, ganz auf sich allein gestellt mit ihren beiden 3-jährigen Zwillingen. Sie vertraute den Erziehern wenig und versuchte, möglichst viel Zeit mit ihren Kindern am Strand zu verbringen. Da sie zu dritt in einem Bett schlafen wollten (Familienbett), wurde Anita mit ihren Kindern „etwas abseits“ untergebracht. Das störte sie nicht, im Gegenteil, hofft sie doch, abseits vom Trubel ein wenig mehr Schlaf zu finden. Dennoch: Tagsüber hätte sie gerne Anschluss zu den anderen Müttern gefunden.

Insgesamt kam Anita ihre Kur „wie ein netter Urlaub“ vor. Aber:

„Die Einsamkeit hat mich sehr mitgenommen“.

Ihr vorsichtiges Fazit:

„Das ist nur meine Erfahrung und jedes Haus ist anders und nicht jede Klinik passt zu jeder Familie, denke ich.“