Coronatagebuch Tag #17

Als ich heute zum ersten Mal blinzele, ist es schon fast 12 Uhr. Eingedenk der Zeitumstellung (dieses Jahr hätte man das aber wirklich mal lassen können!) und der Zeitverschiebung, die wir in den letzten zwei Wochen schon praktizieren, ist es aber erst 8 Uhr, beruhige ich mich.

Heute wird Wäsche zusammengelegt, gebadet, Haare gewaschen, lecker gekocht und Minecraft gespielt. Ich fange mit GRM an. Das Neinhorn haben wir schon zwei Mal gelesen. Wir haben uns eine ANTIlope und einen HAUwurf ausgedacht.

Heute ist auch ein wenig Zeit für Fakten. Die sind sehr beliebt derzeit und überall zu haben (so lese ich jeden Abend im Worldometer, wie viele Infizierte es wieder gibt), dabei sind und bleiben die Zahlen aber ziemlich umwölkt, wenn man mal genauer hinsieht.

Zahlen, Zahlen, Zahlen

Denn: viele Infizierte erhält man, wenn Mediziner und Politiker monatelang nicht reagieren und die Bevölkerung erst spät oder spärlich auf das Virus testen (wie mutmaßlich in Italien geschehen). Das führt aber zu einer verzerrten Aussagekraft. Fängt man erst spät an zu testen, erhält man insgesamt weniger Zahlen. Testet man überhaupt nur spärlich, erhält man ebenfalls insgesamt weniger Zahlen. Schlussendlich aussagekräftig erscheint da nur die Zahl der Todesfälle. Die liegt dann aber im Vergleich zu den vielen nie getesteten (und wieder gesundeten) Infizierten viel zu hoch.

Aber sogar um die Aussagekraft der Todesfälle wird gestritten. So macht es einen Unterschied, ob man ein schwer lungenerkranktes COVID-19-Opfer beerdigt. Oder jemanden, der aufgrund eines Herzinfarkts oder einer anderen Krankheit gestorben ist und bei dem nun posthum oder aus Routine auf COVID-19 getestet wird. Der erste Fall war bereits während seiner Erkrankung Teil der offiziell Infizierten. Der zweite Fall nicht.

In jedem Land wird anders schnell, anders gründlich getestet. Keiner kann etwas Belastbares dazu sagen, wie viel Prozent z.B. der Deutschen schon getestet wurden. Weil sich nur Leute mit Symptomen UND mit Kontakt zu einem bereits Infizierten testen lassen dürfen, die Krankheit aber häufig gar keine Symptome produziert, man logischerweise auch keinen Infizierten kennen muss, um die Krankheit selbst zu bekommen, ergibt das ein verzerrtes Ergebnis. Wenn sich wenige Prominente wie Merkel zur Sicherheit mehrmals testen lassen dürfen, obwohl sie keine Symptome haben, ergibt das ein verzerrtes Ergebnis. Wenn manche Länder beschließen, sie zählen einfach alle ausgeteilten oder in Laboren untersuchten Tests zusammen, andere aber beschließen, sie zählen nur die positiven Tests, ergibt das ein verzerrtes Ergebnis.

Einmal Lockdown, immer Lockdown

Noch mehr Stoff für einen Sonntag liefert folgende Überlegung:

Die meisten betroffenen Länder Europas, so auch Deutschland, haben sich für ein Szenario entschieden, bei dem sich möglichst wenig Personen anstecken sollen. Bestenfalls sind wir wie China nach ca. 3 Monaten wieder bei fast null Neuinfizierten pro Tag. China kann diese Zahl aber nur halten, indem es seine Grenzen geschlossen lässt. (Wenn die Zahlen stimmen, aber mit Zahlen hatten wir es ja bereits.)

Auch wenn eine Ansteckung so gut wie aller Menschen nicht vermieden werden kann (davon ist derzeit auszugehen), so sollen diese Ansteckungen doch über einen möglichst langen Zeitraum gestreckt werden. Hintergrund ist die Entlastung der Krankenhäuser. Wenn alle nacheinander krank sind, bleibt mehr Kapazität, um Schwerkranken zu helfen.

Das Ganze ist also in erster Linie ein Spiel mit der Zeit. Indem alles (Wirtschaft, Bildung, Kultur, Sport, Familie, Freundschaft) über einen bestimmten Zeitraum einfach angehalten wird, wird auch das Virus angehalten.

Deutschland hat sich also, wie viele andere Länder, auf das Null-Ansteckungs-Spiel geeinigt.

Spielen wir dieses Gedankenspiel weiter (ja, es ist ein Spiel, denn vieles ist Spekulation): nach wenigen Wochen stecken sich schon deutlich weniger Menschen an. Das Leben wird langsam wieder hochgefahren. Bestimmte Bereiche wird man aber niemals über viele Monate oder Jahre nicht wieder öffnen können, bevor es keinen Impfstoff gibt. Denn große Teile der Bevölkerung haben das Virus ja gar nicht gehabt und sind nicht immun dagegen geworden. Sie gefährden noch immer vor allem die Risikogruppe (Menschen mit Vorerkrankungen und alte Menschen). Diese Risikogruppe müsste also über einen viel längeren Zeitraum effizient vom Miteinander ausgeschlossen werden. So lange, bis ein Impfstoff gefunden wird, oder mindestens bis zu dem Zeitpunkt, an dem Tests auf Antikörper an der Tagesordnung sind. So einen Test müsste dann medizinisches Personal/ Pflegepersonal zwingend vornehmen, bevor es überhaupt zur Arbeit gehen darf. Vielleicht dürfen auch nur diejeningen Kinder wieder in Schule und Kindergarten, die nachweislich Antikörper gegen das Virus haben (vergleichbar mit der neuen Masern-Impfpflicht, die seit dem 1. März gilt).

Auch die Grenzen werden über einen langen Zeitraum noch stark kontrolliert werden, selbst nachdem die Gefahr lange gebannt scheint. Denn jeder Staat zeigt ja jetzt schon mit dem Finger auf alle anderen Staaten, lauthals verkündend: DA wurden aber viel zu spät Maßnahmen ergriffen, DIE haben ja gar nicht richtig gezählt, DORT wird sich nicht an dieselben Regeln gehalten wie bei uns!

Ärmere Staaten bzw. Gegenden mit geringer medizinischer Versorgung werden gar keine Maßnahmen für eine verlangsamte Ansteckung treffen können. Man kann also davon ausgehen, dass dort im Schnitt mehr Menschen an COVID-19 sterben – aber die Bevölkerung auch schneller dagegen immun wird. Aber sterben dort die Menschen nicht auch an Malaria, Cholera, Schwindsucht? Wer führt zuverlässig Buch über die jeweilige Todesursache, um den Verlauf wirklich (prozentual bereinigt) mit z.B. europäischen Verhältnissen vergleichen zu können?

Kurz: die Grenzen werden zu bleiben, Schengen wird noch lange außer Kraft sein, und selbst wenn die Freizügigkeit der EU-Bürger innerhalb der EU nach zahlreichen Auflagen und Bedingungn wieder garantiert ist, werden wir noch lange Zeit, Jahre womöglich, die Grenzen nach außen geschlossen halten. Menschenmassen, die an den Grenzzäunen der EU Einlass begehren, werden der Vergangenheit angehören.

Denn überall auf der Welt wird das Virus zu einem anderen Zeitpunkt auftreten. Wir sind womöglich bereits über dem Zenit, in Amerika geht es gerade erst los. Ist Amerika durch, sind Australien und Afrika dran. Glaubt man, aufatmen zu können, geht die zweite Welle in China wieder los.

Wenn kein Impfstoff gefunden werden kann (und es gibt für viele bekannte Krankheiten keinen Impfstoff, s. Malaria – 500.000 Neuerkrankungen und 1 Million Tote weltweit jährlich oder AIDS – insgesamt 770 000 Tote weltweit 2018 oder Tuberkulose „Drei Tote pro Minute“), man das Nullsummenspiel aber auch nicht aufgeben möchte, wegen dem Legitimationsproblem, trifft uns die zweite Welle genauso hart wie die erste.

Wir wären zwar katastrophenschutztechnisch vorbildlich vorbereitet, weil wir Corona ständig auf dem Radar haben und beim zweiten Mal auch genügend Schutz- und Beatmungsmaterial zur Verfügung hätten. Aber es gäbe immer noch nicht genügend Antikörper in der Bevölkerung. Somit können die strengen Regelungen, wie sie aktuell gelten, immer nur zeitweise außer Kraft gesetzt werden.

Die folgenden Jahre sähen dann so aus: Drei Monate alles dicht, drei Monate Übergangszeit, sechs Monate alles wieder normal außer dem Grenzverkehr, drei Monate alles dicht…

Oder wir lassen es.

Heute sind es 62.095 Infizierte in Deutschland, 9.211 sind wieder gesund und 525 sind gestorben. Weltweit sind es 718.116 Fälle und 33.887 Tote innerhalb von etwa 4 Monaten.

Quelle

Coronatagebuch Tag #16

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Die Nachbarn und wir betreiben untereinander jetzt Infektion oder heißt es miteinander.

Als noch eine andere Zeit war, ging jeder brave Bürger morgens aus dem Haus, trabte zu Kindergarten, Schule, Arbeit, und abends wieder nach Hause. So ging es tagein, tagaus. Frühling, Sommer, Herbst und Winter, bei Regen und bei Sonnenschein. Zwischendurch gab es freie Tage, sogenannten Urlaub. Den verbrachte jeder individuell: in Staus, auf Flughäfen, an Stränden, in Hotels, auf Spielplätzen.

Die Gärten zwischen den Häusern bildeten in jener Zeit den gewünschten Puffer, den man benötigte, um den stressigen Alltag auszuhalten: man kam durch sie nicht zu nah an die Nachbarn heran. Man blieb in Sichtweite, aber man kam sich nie nahe genug um miteinander sprechen zu müssen können.

Jetzt in der neuen Zeit sind Superspreader wie wir von Kindergarten, Schule und Arbeit suspendiert. Die Flughäfen und Hotels haben geschlossen, auch die Strände und Spielplätze. Keiner will, muss, kann geschweige denn darf mehr irgendwo hin (außer die Systemrelevanten, die dürfen aber nur zur Arbeit, danach nicht ins Kino oder in die Bar, sondern müssen sofort wieder nach Hause).

Also gehen wir in den Garten.

Der tägliche Gang in den Garten treibt ungeahnte Blüten, nicht nur an den Bäumen. Seit dieser Woche gibt es in unserem Garten: eine Rutsche (aus einer alten Tischplatte), einen Nistkasten, eine neue Steinmauer und eine Hängematte. Im Nachbargarten sind neu: eine Schaukel, ein Tipi, ein Spielzeugpony und ein Vater, der sich als Indianer verkleidet und mit Pfeil und Bogen schießt.

Die Kinder der Indianerfamilie stehen plötzlich auf unserem Balkon und fragen: Spielen wir Steinzeit? Da spielen alle Steinzeit, sammeln Moos und Schnecken, erfinden das Feuer und kochen über dem Feuer in der Höhle. Danach spielen alle Indianer, schleichen um das Tipi, füttern das Pony und greifen die Steinmauer mit Pfeil und Bogen an.

Ein weiteres Nachbarskind kommt vorbei und will mitspielen. Ok. Jetzt kurz nachdenken: draußen spielen, in einem Privatgarten, der 1,5 Meter Abstand zwischen (mal nachzählen) mittlerweile sechs Kindern theoretisch gestattet, ist erlaubt.

Oder.

Die Indianerfamilie und die Steinzeitfamilie nehmen das sechste Kind in ihrer Mitte auf und hüpfen weiter von Garten zu Garten. Währenddessen geht die Mutter von Kind 6 zum Einkaufen. Sie kauft, obwohl es schon Abend geworden ist, und dazu noch ein Samstag, tatsächlich Klopapier. Sie gibt uns drei Rollen davon ab und wir werfen uns vor Dankbarkeit vor ihr in den Staub und küssen ihre Füße.

Mittlerweile schallt seit Stunden harter Radiopop durch die Gärten. Der Indianervater hat Kerzen angezündet. Die Kerzen leuchten auf einem Kuchen, den die Indianerfamilie durch den Garten trägt, ins Tipi hinein und wieder hinaus. Die Indianerfamilie singt Happy Birthday, die Steinzeitfamilie stimmt mit ein, obwohl unklar ist, wer Geburtstag hat. Alle haben Federschmuck auf. Der Indianervater filmt mit dem Handy. Er will das Video seiner Schwester schicken. Die hat nämlich Geburtstag.

Als es dunkler wird, werden einige Kinder schon abgeholt, aber die Party geht weiter. Also bleiben sie noch ein bisschen länger. Jetzt wird das Tipi mit bunter Beleuchtung in eine Disco verwandelt. Die Kinder springen höher und höher, die Lichter blinken schneller und schneller.

Und ja, es war ein wirklich schöner Tag.

Wir werden die nächsten Wochen viel in unserer Hängematte liegen. Wir werden unsere Lieblingsmusik auf maximale Lautstärke stellen. Wir werden unsere Klamotten nicht mehr wechseln. Wir werden die ganzen Gartenbücher lesen und in Unterhemd und Kopftuch die Tomaten einpflanzen. Und wenn wir weiterhin nicht zum Recyclinghof dürfen, verbrennen wir bald auch unseren Müll im Garten. Erst den Baumschnitt, dann das ganze Plastik, und zum Schluss die alten Autoreifen und das Terpentin.

Im Nachbarhaus sitzen Rentner Mitglieder der Risikogruppe. Wir sehen sie nicht, aber sie müssen zu Hause sein, denn sie dürfen, wie wir, niemanden besuchen. Wir sehen sie nicht, und das beunruhigt uns etwas. Es könnte ja sein, dass sie nicht wollen, dass die Kinder miteinander Kontakt haben. Vielleicht haben sie Radio gehört oder Fernseher geguckt. Vielleicht haben sie im Radio oder im Fernsehen gehört oder gesehen, dass man keine Partys feiern darf, auch keine privaten. Dass unnötige Begegnungen nicht erlaubt sind. Dass die Bundeskanzlerin selbst in Quarantäne ist und ihre Ansprachen von zu Hause aus sendet. In der heutigen Ansprache zum Beispiel dankt sie uns Bürgern von ganzem Herzen, dass wir uns so folgsam an die neuen Regeln halten, zu unserer aller Sicherheit.

Sollte die Bundesregierung demnächst aber sehr besorgt unseretwegen sein, weil wir noch nicht zu Genüge verstanden haben, dass es jetzt heißt nur Abstand ist Ausdruck von Fürsorge, dann könnten die Ausgangsregelungen und Abstandseinhaltungen weiter verschärft werden, und dann haben wir es so gewollt.

Heute sind es 57.695 Infizierte in Deutschland, 8.481 sind wieder gesund und 433 sind gestorben.

Coronatagebuch Tag #15

Alltag

Um 8 klingelt der Wecker, oder es wecken uns die Kleinen. Wir drehen uns noch ein paar Mal um. Um 8:15 8:30 9:00 wecken wir auch das Schulkind auf. Ein paar endlose „was soll ich anziehen“-Schleifen später sitzen alle in der Küche und frühstücken. Um 10 Uhr stehen Dinge wie Hausaufgaben, Gartenarbeit, Putzen, Wäsche waschen, E-Mails beantworten oder Einkaufszettel schreiben an.

Heute baut mein Mann mit unserem Freund unserem Gärtner eine Mauer. Die Kinder sitzen drumherum, backen Staubkuchen, finden Regenwürmer, bauen eine Schubkarre zusammen.

Gegen 12 Uhr ist entweder schon alles eingekauft und die Küche sauber aufgeräumt oder noch nicht. Spätestens jetzt also um Küche und Einkauf kümmern. Die Kinder gucken solange die Sendung mit der Maus. Ein Kind muss dabei gegen Asthma inhalieren.

Gegen 14 Uhr haben alle gegessen. Zwei bis drei Familienmitglieder legen sich jetzt wieder hin. Auch wenn wir drei Stunden später aufstehen als sonst, die Tage sind genauso lang und auf eine unverständliche Weise anstrengend.

Die Aufgebliebenen malen solange, basteln, twittern, hören Musik oder sitzen wieder an den Hausaufgaben.

Spätestens um 17 Uhr kommt Leben in die Bude: Es wird Kaffee gekocht, es werden Brötchen geschmiert, ein kurzer Ausflug wird geplant oder dem Garten nochmal ein Besuch abgestattet. Manchmal schauen wir auch noch ein zweites Mal im Supermarkt vorbei.

Es ist so schönes Wetter. An den letzten drei Abenden mussten wir die Kinder zum Abendessen reinrufen. Sie wollen dann aber nicht mehr so viel essen. Der Fünfjährige ist schon vor 20 Uhr todmüde und geht freiwillig ins Bett. Die Zehnjährige hat nach 20 Uhr noch viel vor, sie liest oder spielt noch eine Weile in ihrem Zimmer. Und die Vierjährige entscheidet sich jeden Tag neu, ob sie gleich mit ihrem Bruder ins Bett geht oder noch (leise) bei der Zehnjährigen im Zimmer spielt.

Wir Eltern sehen abends noch Filme, bloggen, arbeiten ein bisschen und natürlich lesen und hören wir auch Nachrichten. Und je mehr Zeit wir in verordneter splendid isolation social distancing verbringen, umso schrecklicher klingen die Nachrichten, die von draußen reinkommen.

Beispiel New York. Die Stadt hat momentan die größten Probleme mit dem Virus. Und das war absehbar. Unter anderem weil die USA (+17.000 Fälle allein heute) über Wochen gezögert haben. New York (+5.800 Fälle allein heute) ist die größte und am dichtesten besiedelte Stadt eines eigentlich wohlhabendes Staates, dessen Gesundheitssystem aber am A*** ist. Und der einen Präsidenten hat, der gezielt weltweite Desinformation betreibt und große persönliche Schuld daran trägt, dass Falschmeldungen über das Virus zum guten Ton gehören. Jetzt hat aber selbst Trump ein Einsehen. Er hat General Motors heute per Kriegswirtschaftsgesetz dazu gezwungen, sofort mit der Produktion von Beatmungsgeräten zu beginnen. Alleine 30.000 Stück hat der Bundesstaat New York geordert.

Beispiel Frankreich. Im Elsass können nur noch ausgewählte Patienten beatmet werden. Schutzmasken werden tagelang bzw. mehrfach verwendet. Beamtungsgeräte werden zwischen zwei oder mehr Patienten hin- und hergereicht. Sowas wie Feldlazarette werden. All das kennen wir schon aus der Lombardei.

Beispiel Italien. In den letzten 24 Stunden gab es die höchste Todesrate, die jemals eine Nation in Zusammenhang mit dem Virus ertragen musste: +919. Der Verdacht liegt nahe, dass sich das Virus gerade vor allem im Kontext Krankenhaus verbreitet, dort wo mittlerweile die nötigen Schutzmaterialien fehlen. Das Krankenhauspersonal arbeitet (entdeckt oder unentdeckt) krank weiter. Angehörige dürfen nicht zu den Sterbenden und auch nicht zu deren Beerdigung kommen. Kuba und Russland haben Ärzte nach Italien gesandt. Der Papst hat heute seinen österlichen Segen Urbi et Orbi vorgezogen im Regen vor einem komplett leeren Petersplatz in Rom.

Es gibt unzählige weitere Beispiele, jedes für sich einzeln oder parallel oder geballt im Newsticker auf dem Bildschirm abzulesen. Aber je mehr man versucht davon zu erfassen, desto schlimmer wird es mit einem. Man kann nicht mehr ruhig zu Hause sitzen und Ruhe bewahren, was man ja eigentlich soll.

Heute sind es 50.871 Infizierte in Deutschland, 6.658 sind wieder gesund und 351 sind gestorben.

Coronatagebuch Tag #14

Heute starke Bauchkrämpfe. Deshalb im Bett bleiben und Juli Zeh „Nachts sind das Tiere“ lesen. Ein Essayband, absolut zu empfehlen. Außerdem die Augen vor dem leeren Geldbeutel verschlossen und bestellt: Das Neinhorn von Marc-Uwe Kling, GRM von Sibylle Berg und Die Losungen.

Seit die lokale Buchhandlung geschlossen hat, werden die Bücher zu den Käufern nach Hause gebracht. Wahlweise zahlt man in bar oder auf Rechnung. „Ich hänge die Tüte an Ihren Türgriff und rufe kurz an, dass ich da war“, verspricht die Buchhändlerin. Soviel zu #leseninzeitenvoncorona oder so.

Heute sind es 43.646 Infizierte in Deutschland, 5.673 sind wieder gesund und 239 sind gestorben.

Coronatagebuch Tag #13

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Den Garten umgraben. Dazu ist jetzt viel Zeit.

Die Freundin muss in Quarantäne. Das Gesundheitsamt hat bei ihr angerufen: Sie könne sich wohl denken, weshalb der Anruf komme. Sie habe mit jemandem Kontakt gehabt. Den Namen dürften sie aber nicht nennen. Sie solle 14 Tage zu Hause bleiben. Ihre Familie sei nicht mit unter Quarantäne gestellt. Weitere Anweisungen kämen schriftlich.

Ein Freund, der ein bisschen weiter weg wohnt, ist krank. Er hat sich testen lassen und er ist positiv. Zwei weitere aus der Familie sind ebenfalls krank. Dem Rest geht es gut, aber die ganze Familie darf nicht mehr raus. Ich weiß nicht, wer jetzt für sie einkauft und mit dem Hund spazierengeht.

Der Wahnsinn, der bislang nur auf dem Bildschirm in Form von Livestreams und Eilmeldungen und Kurzreportagen auf mich zugerast kam, der sich in seltsamen Abstandstänzen im Supermarkt und unerklärlich halbleeren Regalen gezeigt hat, ist nun ein wenig nähergerückt. Panik erzeugt das bei mir nicht. Eher Erleichterung, dass ich hier keine andere Dimension, keinen seltsamen Cyberwar und auch keine Erfindung irgendeines Medienmoguls mitansehe. Erleichterung darüber, dass das irgendwie plausibel ist, was wir hier machen. Auch wenn ich dabei immer nur Wäsche wasche, putze, Nudeln und Kaffee koche, Ausmalbilder ausdrucke und meinen Garten umgrabe.

Ich bin um meine Freunde besorgt. Ich kann selbst nichts tun. Aber ich bin nicht über alle Maßen in Sorge. In über 80% der Fälle verläuft die Krankheit mild oder sogar symptomlos.

Was das eigentliche Problem ist

Das eigentliche Problem, das wird immer deutlicher, ist nicht die hohe Wahrscheinlichkeit, eine tödliche Krankheit zu bekommen. Sondern die zunehmende Wahrscheinlichkeit dass, sollte man in nächster Zeit eine schwerwiegende Krankheit bekommen und auf einen Platz in einer Intensivstation angewiesen sein (und es gibt ja noch andere schlimme Krankheiten, lebensgefährliche Unfälle usw.), man nicht mehr ausreichend behandelt werden kann. Weil:

a) entweder hat die Intensivstation wegen Überfüllung schon geschlossen. Oder

b) es fehlt an der so banalen wie notwendigen Grundausstattung (mit so billigem Material wie Desinfektionsmittel und diesen Mundschützen aus Papier wird seit dem Ausbruch in China im Januar spekuliert, vielleicht wird es von 10 Prozent der Bevölkerung auch wirklich aus Angst vor einer Invasion der Außerirdischen geklaut und gebunkert, oder es ist WIRKLICH schon länger knapp, weil in China die letzten drei Monate kaum mehr Dinge produziert wurden wegen der ganzen Schließungen, was weiß ich), jedenfalls fehlt die Grundausstattung, die für die banalste OP eben gebraucht wird, und ohne die man in Krankenhäusern schlichtweg nicht operieren darf. Oder

c) es fehlt das kostspieligere Material, Dinge wie Atemgeräte, Masken, Schläuche, Druckmesser etc., die gerade für Patienten mit einem schwerwiegenden Verlauf lebenserhaltend sind.

Deswegen werden Intensivpatienten aus Frankreich und Italien derzeit nach Deutschland verlegt. Es heißt, sie müssten sonst in ihren Ländern sterben, weil die Kapazitäten an Intensivbetten, Grundausstattung und/oder lebenserhaltenden Geräten überschritten seien.

Die einzige Maßnahme, die gegen die Überlastung der Krankenhäuser zu helfen scheint: die Ansteckung minimierne, indem man so wenig wie möglich unter Leute geht. Und deshalb gibt es aktuell in ganz Europa, gleichzeitig wohl auch in allen anderen Kontinenten Ausgangssperren, Kontaktverbote, Schulschließungen, Reisewarnungen und den (teils befürchteten, teils bereits umgesetzten) Shutdown ganzer Branchen.

Dazu hier ein brauchbarer Artikel bei Krautreporter.

Heute sind es 37.323 Infizierte in Deutschland, 3.547 sind wieder gesund, 206 sind gestorben.

Coronatagebuch Tag #12

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Warnhinweis beim Spazierengehen

Heute habe ich für euch eine Liste der Dos and Dont’s zusammengestellt. Wobei ich die Reihenfolge etwas abgeändert habe. Zuerst kommen die dont’s, was ja aktuell vielleicht etwas schwerer wiegt, weil man ja nicht weiß, was noch erlaubt ist. Naja. Und dann kommen die dos. Und im Anschluss gebe ich euch noch ein paar Tipps für die Kindererziehung. Macht’s gut & bleibt gesund Hasis.

Dont’s

  • Arbeiten (ganz oder fast ganz)
  • Gottesdienst
  • Schule
  • Kindergarten
  • Kinderbetreuungsmöglichkeiten
  • Schwimmkurs
  • Kinderfußball
  • Stadtbücherei
  • Spielplatz
  • Sportplatz
  • Sushi essen gehen
  • Im Café sitzen
  • Konzertbesuch
  • Kinobesuch
  • Lesungen, Workshops, Theater…
  • Freunde besuchen
  • Eltern besuchen
  • Friseurbesuch
  • Klamottenshoppen
  • Spontan nach Prag fahren
  • eine Reise buchen
  • Geburtstagsfeier
  • Hochzeitsfeier

Dos

  • Klavierstunde via WhatsApp
  • Fitnesskurs via Zoom
  • Interviews am Bildschirm
  • Schulunterricht
  • Einkaufen im Supermarkt (man merke: Supermärkte verkaufen auch Klamotten!)
  • Einkaufen auf dem Wochenmarkt
  • Einkaufen beim Bäcker
  • Einkaufen im Baumarkt
  • Einkaufen im Drogeriemarkt
  • Busfahren
  • Bahnfahren
  • Zu Fuß gehen
  • Fahrrad fahren
  • Inlineskates fahren
  • Hund spazierenführen
  • Baby im Wagen schieben
  • Coffee to go
  • Döner to go
  • Handwerker beauftragen
  • Garten umgraben
  • das Internet leerkaufen
  • mit Bargeld, Karte oder Handy bezahlen
  • Filme, Musik, Podcasts, Lesungen, Livestreams etc. im Internet gucken

Der Himmel ist leergefegt blau. Die Vögel zwitschern laut. Die Lieferwagen, die Transporter der Handwerker, die Notärzte und die Linienbusse fahren unentwegt. Sie sind zahlreicher als sonst, aber vielleicht sind es auch genauso viele wie vorher. Es sind deutlich weniger Privatfahrzeuge als sonst unterwegs. Vielleicht aber auch nicht.

Da sich die Leute nicht mehr auf Spielplätzen und in Cafés knubbeln dürfen, gehen sie jetzt spazieren. Spazierengehen ist der neue Trend. Alle laufen bei Sonnenschein und Vogelgezwitscher auf den Bürgersteigen auf und ab. Wenn man jemanden sieht, den man kennt, grüßt man höflich und sicherheitshalber laut, damit man gehört wird, bevor der andere zu nahe herangekommen ist. Und dann ist man auch schon aneinander vorbeigelaufen, ohne weiteren Smalltalk auszutauschen. Sehr angenehm. Ich empfehle, das auch nach der Krise weiter so zu handhaben.

Es ist jetzt an der Zeit, gerade Kita-Kindern ein gutes Benehmen beizubringen. In einem nur 10-minütigen Spaziergang durchs Stadtviertel lässt sich ohne Weiteres trainieren:

  • nicht jede Straßenlaterne, jeden Zaun und jedes Geländer anfassen
  • sich nicht an Hausmauern, Haustüren oder Gartentore anlehnen, generell nirgends stehenbleiben und auf keinen Fall Ansammlungen bilden
  • nicht mit dem Finger auf andere zeigen
  • in gebührender Entfernung zu fremden Menschen stehenbleiben oder in einem angemessenen Abstand vorbeilaufen
  • keinen Müll, ausrangiertes Spielzeug oder eingepackte Süßigkeiten aufheben
  • nicht in der Öffentlichkeit essen
  • nicht die Finger in den Mund stecken

Wieder zu Hause, setzen sich die Kinder vor den Bildschirm und lassen sich in lustigen Erklärvideos zeigen, wie man sich zwanzig Sekunden lang die Hände wäscht (dabei immer schön ein Lied singen, und die Daumen nicht vergessen!), warum es einfach mega ist, Seife zu verwenden und warum es gut ist, keinen Geburtstag zu feiern und warum man nicht in der Nase bohren sollte und so weiter. Dem Coronavirus sei dank werden wir in wenigen Wochen die Kinder so weit erzogen haben, dass wir sie wirklich jedem vorzeigen können. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Heute sind es 32.986 Infizierte in Deutschland, 3.243 sind wieder gesund (oha, hier wurde aber eine Zahl geupdated!!!), 157 sind gestorben.

Coronatagebuch Tag #11

Heute ist ein guter Tag. Heute arbeite ich.

Wenn das Projekt von 5 auf 9 Monate gedehnt wird, weitere vielversprechende Arbeitgeber (die mit den Kunden in der Automobilbranche) sich nicht mehr melden, ich sowieso vergessen habe, dass ich mich soundsooft pro Woche oder Monat irgendwo bewerben muss (weil mich sonst das Arbeitsamt bestraft – hallo Arbeitsamt, versuch mal ob du stärker bist als das Infektionsschutzgesetz), die Kinder den ganzen Tag zu Hause sind und immer alles so schön geputzt und aufgeräumt ist… dann ist Arbeit ein ziemlich schräges Konzept.

Ich skizziere nur einen Artikel und schreibe eine Mail. Es macht mir Spaß, aber ich habe nicht genügend Struktur, um das über mehrere Stunden am Tag durchzuziehen. Immer ist was. Jemand hat Hunger, die Spülmaschine muss ausgeräumt werden, und irgendsoeine Glitzerkartusche zum Basteln ist im Kinderzimmer explodiert.

Mann und Kinder fahren zum Einkaufen. Es gibt kein Klopapier, keine normalen Nudeln und keine billige Tomatensoße mehr. Jetzt haben wir Dinkelnudeln im Schrank. Hoffentlich ist Hamstern bald verboten.

Der mittlere Sohn schreibt seinen ersten Brief auf Papier. Er ist sehr eifrig, hat nebenbei das Buntstiftspitzen gelernt, weiß jetzt, welche Seite des Briefumschlags vorne ist und an welche Stelle die Briefmarke kommt. Nach dem Briefeinwerfen drehen wir noch eine Runde und gehen zum Spielplatz. Die Tore zum Spielplatz sind mit Kabelbinder verschlossen. Kein Mensch zu sehen. Der Sohn neugierig, fragt warum, interessiert sich aber nicht besonders ausgiebig für diesen neuen Zustand. Abends essen wir alle zusammen Pizza.

Die Klavierlehrerin der großen Tochter ruft an. Sie bietet ihren Unterricht ab jetzt via WhatsApp an. Das funktioniere in allen Fällen gut, sagt sie, die Schüler seien sogar aufmerksamer als sonst. Wir reden auch über die Krise. Was sie wirklich beschäftigt, ist die Zerstörung vieler Existenzen und Lebensgrundlagen. Viele Unternehmer müssen jetzt schließen und wissen nicht, ob sie jemals wieder eröffnen können. „Aber Klavierunterricht wird es immer geben“, sage ich. Nein, sagt sie. Sie hat in der ehemaligen Sowjetunion in den 90ern erlebt, wie alles schließen musste, weil es für nichts mehr Geld gab. Musikschulen, Schwimmbäder, die Stadtwerke, alles war zu. Keine Heizung bei minus 30 Grad. Damals wanderte sie aus nach Deutschland.

Auswärtiges Amt Reisewarnung

Screenshot der Webseite vom Auswärtigen Amt heute.

Das Auswärtige Amt hat eine weltweite Reisewarnung verhängt. Zahlreiche Kreuzfahrtschiffe irren noch umher, da sie nirgends anlegen dürfen. Der Landkreis Heinsberg (ein Hotspot des Virus in Deutschland) bittet China um Hilfe: Man habe keine Schutzmasken mehr, ob China nicht welche schicken könne. Auch die Olympischen Spiele wurden abgesagt (zum Entzünden der Olympischen Fackel in Tokyo waren vorgestern noch Zehntausende zusammengekommen, das will man sich gar nicht vorstellen). Ein Dorf in Thüringen, in dem 6 von 900 Bewohnern erkrankt sind, steht komplett unter Quarantäne: Man kommt nicht rein und nicht raus und muss im Haus bleiben, bis auf den Einkauf.

Heute sind es 29.056 Infizierte in Deutschland, 422 sind wieder gesund, 118 sind gestorben.