Muss man alles teilen?

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„Kann ich für ein paar Tage auf eurer Couch schlafen?“

„Kannst du auf mein Baby aufpassen, während ich den Schrebergarten gieße? Dafür bekommst du alle Kirschen, wenn sie reif sind.“

„Kann ich meine Kisten für unbestimmte Zeit in eurer Garage abstellen?“

„Bringst du mir etwas Französisch bei? Ich zeig dir dafür, wie die Nähmaschine funktioniert.“

„Wir sitzen heute Abend am Fluss rum. Kommt ihr auch?“

Was wir teilten

Wir teilten den Alltag miteinander. Zeit, Material, Ressourcen, Quadratmeter, Essen, Trinken und Gedanken. Nebenbei ergab es sich, dass wir gemeinsam Perspektiven entwickelten, Ideen spannen und  zusammen von Freiheit und Selbstständigkeit träumten.

Von was wir träumten

Finanziell unabhängig zu sein, wünschte sich der eine. Endlich das Urteil der eigenen Eltern hinter sich zu lassen, der andere. Oder: Einen Job oder einen Abschluss zu erhalten. Bedeutung zu erlangen, in was auch immer. Die Welt zu verbessern mit seinem Talent, seinem Geld oder in seinem Job. Oder: Weiterstudieren, eine Ausbildung machen, trotz Widrigkeiten. Einen Partner fürs Leben finden. Endlich alle Traumländer bereist haben. Vielleicht ein bisschen weiter unten angesiedelt, aber genauso rechtmäßig: den Anschluss an die Gesellschaft nicht ganz verlieren.

Warum wir uns trafen

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Diese Wünsche und Träume waren es, die uns zueinander brachten und uns zusammenschweißten. Gekommen, um zusammen eine Webseite für eine Geschäftsidee zu konzipieren, blieben wir, um uns eine ganze Serie anzusehen. Gekommen, um einen Geburtstag zu feiern, blieben wir, weil das Bier so gut war. Gekommen, um beim Unkrautjäten zu helfen, blieben wir zum Abendessen oder einfach nur, um noch gemeinsam den Sonnenuntergang zu bestaunen.

Warum wir glaubten, modern zu sein

Wir redeten viel darüber, dass man heutzutage alles miteinander teilt. Wir sagten: „sharet“. Freie Zimmer oder Betten warfen wir in den Ring: Wer will hier wohnen bzw. schlafen? Dafür nahm dann jemand anderes unsere Möbel, wenn wir für ein Jahr ins Ausland gingen. Alle Kinderkleidung kursierte irgendwie zwischen allen Haushalten hin und her. Gebrauchte, aber noch funktionierende Kindermöbel, Kinderfahrräder und Kindersitze standen manchmal einfach so auf der Straße mit einem Zettel dran: Bitte mitnehmen.

Wir redeten über die Sharing Economy, meditierten über den Erfolg von Coworking, Mitfahrgelegenheit, Car Sharing und Airbnb, bis es jenseits unserer Vorstellungskraft lag, dass es Leute geben könnte, die noch in herkömmlichen Büros arbeiteten, mit vollem finanziellen Einsatz einen eigenen Neuwagen kauften und diesen ganz alleine fuhren, oder die gar bei einem Reiseanbieter Ferienhäuser buchten.

Warum das Teilen auf dem Land nicht funktioniert

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Auch auf dem Land hatte ich die Möglichkeit, bei einem gemeinsamen Gartenprojekt mitzumachen. Geleitet wurde das Projekt von der Gemeinde. Wir bauten Hochbeete, versetzten Sträucher, pinselten einen Bauwagen an.

Aber ich habe mein Beet wieder abgegeben. Der Grund: Ich habe zu Hause eigene Beete, und einen Riesen-Balkon, und unzählige Fensterbretter mit Pflanzen. Da bleibt für das gemeinsame Unkrautjäten und Grillwurst wenden in sieben Kilometer Entfernung keine Zeit. So banal das klingt.

Unsere große Wohnung ist ein Geschenk. Es entschleunigt, nicht in Auto, Bus oder Bahn steigen zu müssen, um andere Menschen treffen zu müssen, mit denen man dann etwas nur teilt.

Aber so eine Wohnung mit viel Abstellfläche, Balkon und Garten verpflichtet. Und so jäte ich meigenes, ganz persönliches Unkraut jetzt eben alleine. Mache einen Schritt in meine Küche, die ganz genau so aufgeräumt oder nicht ist, wie ich es will, mache mir einen Kaffee und trinke ihn – alleine. Die Tomatenernte sieht gut aus dieses Jahr. Wie in allen anderen Gärten auch. Wir müssen uns gar nicht gegenseitig mit Tomaten beschenken. Jeder hat welche.

Wie begeben uns auch nicht mehr so in Abhängigkeiten. Wir fühlen uns nicht mehr verpflichtet, unser Auto oder unsere Zeit, unser Sofa oder Geld gar zur Verfügung zu stellen. Wir erwarten nicht mehr, dass das Telefon klingelt mit der Frage „Kann ein befreundeter Musiker heute Nacht bei euch schlafen?“ oder „Kann ich mal mein Baby zu dir bringen, ich muss kurz einkaufen gehen?“ oder „Mein Konto ist leer, aber ich muss dieses Ticket kaufen, hast du mal 200 Euro?“. Im Gegenzug erwarten wir von den anderen auch nichts. Das macht frei.

Ich habe jetzt einfach mehr Zeit. Für mich (Me-time). Für meinen Garten. Für meine Kinder. Die mich schon lange nicht mehr fragen: „Können wir mal wieder… mit Freunden spielen, zum Spielplatz, in ein Café, ein Eis, zu einem Konzert???“ Sie wissen es jetzt besser. Sie haben sich. Ihre Zimmer. Ihr Spielzeug. Ihr Grundstück. Uneingezäunt, aber mit einer imaginären Grenze. Das, was dahinter liegt, wird Tag für Tag irrelevanter.

Bis ich schon gar nicht mehr weiß, wo ich eigentlich bin und welches Jahr oder Jahrzehnt wir gerade haben. Es ist mir ehrlich gesagt auch egal. Mir fehlt ja nichts. Meine Kinder, meine Hausgeräte, mein Geschirr, mein Essen und meine Müllmarken, mein Beet, mein Auto, meine Werkstattrechnung, mein Leben. Ich kann mich nicht erinnern, aber wahrscheinlich wollte ich es so.

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2018 Rückblick

2018 musste ich den Kindern dauernd Schuhe und Jacken kaufen, die Steuererklärung wurde nicht fertig, ich hatte 18 Urlaubstage, die früheste Bahn zur Arbeit fuhr um 05 Uhr 48, die Samstage gehörten den F-Jugend-Spielen und die Hausaufgaben erledigten sich nicht von alleine (seufz).

Gelesen: Ich habe 2018 vor allem alte Bücher wiedergelesen. Ada oder Das Verlangen von Vladimir Nabokov und Der Eisvogel von Uwe Tellkamp. Aus verschiedenen Gründen. Versucht habe ich mich auch an Der nasse Fisch von Volker Kutscher, da Babylon Berlin (siehe unten). War aber nicht so verführerisch wie die Serie. Außerdem: das Interview mit Jan Böhmermann und Martin Sonneborn im SZ-Magazin.

Geschrieben: Weniger Blog, dafür den ganzen Tag über Textbausteine verwurstet für Webseiten und Pressemeldungen. Arbeit halt.

Gesehen: Babylon Berlin, Deutschland 83 und 86, Transparent, Der junge Marx, Die Hütte. Babylon Berlin steht unangefochten ganz weit vorne. Danach kommt lange nichts. Aber auch Transparent, die Geschichte einer Familie voller Coming Outs, hat mich sehr beeindruckt. Vielleicht schreibe ich dazu mal was im Blog. Was meint ihr?

Gehört: Von Wegen Lisbeth bei Das Fest in Karlsruhe. The Final Cut in Freudenstadt. Jonas David beim Freakstock auf Gut Haarbecke in Borgentreich. Verpasst habe ich leider Dominik Baer in Heidelberg, Lilly Among Clouds beim Bergfunk in Königswusterhausen und viele andere.

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Gekauft: Eine Balgenkamera aus den 1880er Jahren. Eine Studiolampe und ein Stativ. Kleidung. Einen Laptop. Ein Busticket von Nürnberg nach Prag. Was ich den Kindern gekauft habe, erwähne ich hier nicht, dafür reicht das Internet nicht aus.

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Gecrowdfunded: Colliding in the Dark, Musikprojekt von und mit Dominik Baer.

Gewesen: Europaplatz Karlsruhe zum Einkaufen. Filmstudio Babelsberg, wegen Lummerland. Eisenbahnpark Wendisch Rietz, um mit dem mittleren Kind Runden zu drehen. Warnemünde Strand, um mit den lieben Verwandten abzuhängen. Beeskow bei der IceGuerilla. Nürnberg und Prag, um Verwandte und Freunde wiederzusehen, und um die Kinder durch den Playmobil Fun Park sowie die dortigen Eisenbahn- und Technikmuseen zu schleppen.

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Gesprochen: Auf Elternabenden, bei Gottesdiensten und in Mannheim beim SWR Bürgertalk „Mal ehrlich – Sterben unsere Dörfer?“. Bei jedem Anlass habe ich jeweils ungefähr einen Satz gesagt. Soviel zu meiner Karriere als Speakerin.

Gefolgt und getroffen: Da ich nicht so viel gebloggt habe und dieses Jahr auch keine Lust auf Bloggertreffen hatte, bin ich nicht auf so viele andere Blogger aufmerksam geworden. Aber ans Herz gewachsen sind mir – neben zahlreichen anderen – Read on, 22 Monate, Cancer is an Asshole aka Weg ins Leben. Zum ersten Mal offiziell getroffen habe ich meine alte Twitter-Liebe @seeblickvomdach und ihren Mann @dustysmily, mitten in ihrem illustren Around-Berlin-Biotop Woltersdorf. An diesem Tag mitten im August  wurde eines meiner Kinder von einer Wespe gestochen. Gefährlich, diese Treffen im Real Life.

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Gefeiert: Habe ich – abgesehen von Weihnachten und Silvester – kaum. An einen Geburtstag von einem Erwachsenen kann ich mich erinnern. Ansonsten haben sich nur die Kinder feiern lassen: es gab eine Taufe, eine Einschulung, eine Babyparty und ein paar Motto-Kindergeburtstage, von denen ich zwei selbst ausgerichtet habe. Auch auf meiner eigenen „Geburtstagsfeier“ an einem Montagnachmittag wollten 7 wildgewordene Kinder gebändigt werden. Gefeiert habe ich aber auch auf allen oben genannten Konzerten und bei diesem Video. Guter Vorsatz für 2019: da geht noch mehr.

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Bild: Lea Weber Photography

In der Stadt geht man auf die Straße, und es ist sofort was los

Ich hatte neulich ein langes Gespräch mit einem Bekannten. Unsere Kinder tobten herum, wir saßen zusammen im Eigenheim des Bekannten mit ganzer Familie, bei Advent, Kaffee und Keksen. Ich sagte: „Ich will viel lieber in der Stadt leben. In der Stadt geht man auf die Straße, und es ist sofort was los.“

Der Bekannte: „Gottseidank wohnen wir auf dem Land. Hier ist es so ruhig. Die Luft ist so frisch. Ich könnte nie woanders wohnen. Warum willst du dir und vor allem deinen Kindern den Lärm der Stadt geben?“

Ich: „Da gibt es Spielplätze, wo sie immer alle Freunde treffen, ohne dass man sich verabreden muss. Auf dem Weg dorthin kaufen sie sich selbstständig was beim Bäcker. Sie wissen, wieviel was kostet. Sie wissen genau, wann die Bahn fährt und dass sie beim Überqueren der Straße nach links und rechts schauen müssen. Und ich kann sie zur Not jederzeit auf ihrem Smartphone erreichen.“

Der Bekannte: „Naja. Auf dem Land kann ich mein Kind jederzeit auf dem Fahrrad durchs Dorf fahren lassen, ohne mir die geringsten Sorgen machen zu müssen. Alle die hier wohnen, kennen meinen Sohn und werden auf ihn achten. Ich kann jederzeit fragen: Hast du meinen Sohn vorbeifahren sehen? Da braucht der kein Smartphone.“

Ich: „Okay, jetzt sind sie noch klein und es reicht ihnen, ab und zu eine Runde durchs Dorf zu drehen. Aber wenn sie älter werden und regelmäßig in die Kreisstadt fahren, sind sie ganz schön allein unterwegs. Wenn deine Tochter abends irgendwo als einzige auf die S-Bahn wartet, passt keiner auf sie auf. Ab 18 Uhr sind doch in dem gottverlassenen Nest, das sich Kreisstadt schimpft, die Bürgersteige hochgeklappt. Denk an die Drogenclique am Bahnhof. Da laufen selbst Achtzehnjährige zu Zweit nicht gerne dran vorbei. Ein Mädchen aus unserem Dorf wollte in den letzten Bus einsteigen. Sie war ganz alleine. Fünf Typen haben sie am Einsteigen gehindert. Da schlafe ich doch ruhiger, wenn ich weiß, meine Tochter steht auch noch nachts um zwei immer zusammen mit einer großen Schar Gleichaltriger, Studenten, Pärchen und Touristen an der Bushaltestelle.“

Der Bekannte: „Meine Kinder machen so schnell wie möglich ihren Führerschein! Und bis dahin fahre ich sie. Aber jetzt im Ernst, ich lasse die doch nicht nachts – und auch tagsüber – nicht sinnlos durch die Straßen ziehen. Das fängt in der Stadt ja schon im Grundschulalter an. Und ständig dieses Shoppengehenmüssen und immer neuestes Iphone und – igitt – Hotpants. In der Stadt passieren so viele Vergewaltigungen und Morde.“

Ich: „Ja, aber denk mal an die Partygänger, die in der Kurve der Bundesstraße verunglücken. Das passiert hier doch dauernd. Party, Alkohol im Nachbardorf. Und dein Kind sitzt da vielleicht auf dem Beifahrersitz, weil ihm das in dem Moment sicherer erscheint, als eine Stunde lang einsam auf die letzte S-Bahn zu warten. Sowas passiert in einer Stadt mit Bussen, Bahnen und Taxis, die auch nachts getaktet fahren, definitiv nicht!“

Der Bekannte: „In der Stadt passieren so viele Unfälle, und so viele Überfälle und so viele Vergewaltigungen, alleine schon weil dort so viele Autos fahren. Weil dort so viele Menschen leben, die ich nicht kennen kann – und im Übrigen auch niemals kennenlernen möchte. Hier im Dorf laufe ich los und kenne jeden, dem ich auf meinem Weg begegne. Ich laufe zu meinem Stammtisch oder zu einer Vereinssitzung, oder mit den Kindern zum Laternenfest. Auch dort kenne ich jeden – ich war mit jedem einzelnen von denen ja schon im Kindergarten! Aber in der Stadt: Da laufen mir ständig Asis, Arbeitslose, Ausländer undsoweiter über den Weg. Da gibt es Viertel, in die geht man aus guten Grund nicht. No go areas.“

Ich: „Ich will ja gerade, dass meine Kinder sich mit vielen unterschiedlichen Leuten auseinandersetzen. Ich will nicht, dass sie denken, die Welt besteht nur aus heilen weißen deutschen Familien, Vatermutterundzweikinder, alle sind Christen, alle haben ein Haus, eine Großmutter, zwei Autos und ein Trampolin.“

Der Bekannte: „Haha, naja, haut hier ungefähr hin.“

Ich: „Wie sollen unsere Kinder hier im Dorf denn einen Bezug zu der Welt kriegen, in der wir leben? Sie sollen sehen, dass jeder Mensch anders ist. Dass man unterschiedliche Sprachen sprechen und sich trotzdem verstehen kann. Sie sollen einschätzen können, warum jemand wie auf sie reagiert. Warum jemand eine andere Meinung hat als sie selbst und was sie darauf erwidern sollten. Und was sie in unangenehmen Situationen unternehmen sollten. Schlagfertigkeit. Toleranz. Überlebenstaktik. Kulturelle Kompetenz. Alles, was sie hier eben nicht lernen können.“

Der Bekannte: „Aha. Dann möchtest du wohl auch, dass deine Tochter mit Schlägern, Asis und sonstigen Kindern aus total kaputten Elternhäusern in eine Klasse geht? Ich weiß, wovon ich rede. Ich bin selbst in einer Stadt zur Grundschule gegangen. Das soziale Klima dort war übelst. Das hat mich völlig runtergezogen. Oder nimm zum Beispiel Berlin. Die Brennpunktschulen.“

Ich: „Natürlich will ich nicht, dass meine Kinder runtergezogen werden! Aber wenn man das nicht möchte, hat man in der Stadt immer eine Wahl. Ich kann in einer größeren Stadt wählen zwischen alleine  – sagen wir – zehn privaten Grundschulen in nächster Nähe. Von weiterführenden Schulen ganz zu schweigen.“

Der Bekannte: „Jetzt pass mal auf. Du möchtest also doch in deiner eigenen heilen Welt leben und nur Leute treffen, die zu dir passen? Das hast du doch hier auf dem Land gratis. Die Eltern in den Städten, die können kein Auge zutun und machen sich total verrückt. Anstatt ihr Kind in die Schule um die Ecke laufen zu lassen, stehen sie jeden Morgen eine Stunde früher auf und fahren ihr Kind ums Verrecken mit dem SUV ans andere Ende der Stadt, wo es mit lauter fremden Kindern in eine elitäre Schule gehen muss. Und dann werden die Kinder auch noch viel früher eingeschult, und sind schon ab dem Alter von 5 Jahren im Ganztag. Wann kommen die nach Hause? Vielleicht um 4 oder halb 5. Wann wollen die noch was mit ihren Freunden ausmachen? Wann spielen die mal? Wann sind die mal einfach nur Kinder?“

Ich: „Klar liebe ich die Freiheiten der Kinder auf dem Land sehr! Meistens sind sie um 13 oder 14 Uhr zu Hause. Dann haben sie noch stundenlang Zeit für ihre Hobbys. Stromern herum, helfen in der Werkstatt, kümmern sich um ihre Kaninchen oder haben eigene Pferde, und egal ob sie lieber Fußball spielen, in die Jugendfeuerwehr oder in eine kirchliche Jugendgruppe vor Ort gehen – diese Angebote werden immer von einem Nachbarn oder einem Verwandten geleitet, sodass man auch in diesen Kreisen absolut nicht um sein Kind fürchten muss.“

Der Bekannte: „Sag ich ja.“

Ich: „Was ist aber, wenn dein Kind noch für etwas anderes als Fußball, Feuerwehr und CVJM geschaffen ist? Wenn es gerne eine bestimmte Tanzsportart machen will, oder Kunst, oder klassischen Gesang, oder das Zeug hätte, Theater oder Debattieren auf hohem Niveau zu machen? Oder wenn es bestimmte Noten hat oder Interessen und Kenntnisse, die kein anderer teilt, besondere Verhaltensweisen vielleicht, oder eine Behinderung. Weder für Überflieger noch für, ich sag mal, Orientierungslose gibt es hier kompetente Angebote. Man muss für Angebote, die jenseits des Üblichen liegen, schon durch den ganzen Landkreis fahren. Und dann ist man für ein einstündiges Angebot den ganzen Nachmittag auf der Straße. Dasselbe gilt übrigens auch für Arztbesuche. Vor allem bei Spezialisten.“

Der Bekannte: „Spezialisten! Völlig überbewertet. Ich lobe mir unseren Dorfarzt. Einmal hat mir am Samstagnachmittag plötzlich das Kreuz wehgetan. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. An einem Samstagnachmittag! Aber ich hab ja von unserem Arzt die Privatnummer. Hab ich angerufen, er kam vorbei, einfach so, hat mich wieder eingerenkt. Da brauch ich keinen Spezialisten.“

Ich: „Ich freue mich über diesen Erfolg, und ich mag unseren Arzt auch. Aber denk an deine Cousine. Zweimal drohte bei ihr eine Frühgeburt. Einmal musste sie deshalb mit dem Taxi bis nach T. fahren. Und beim zweiten Mal musste ein Helikopter sie nach B. bringen. Und jetzt stell dir vor, du kommst nicht mehr aus dem Haus. Du bist alt geworden. Oder du bist – vielleicht auch schon jung – in Rente gegangen wegen eines Unfalls. Oder du bist depressiv. Du kannst dich nicht mehr fortbewegen. Du kannst keine eigenen Entscheidungen mehr treffen. Du darfst nicht mehr Auto fahren. Solche Sachen. Das renkt kein Dorfarzt wieder ein. Da bist du hier doch völlig aufgeschmissen.“

Der Bekannte: „Wenn ich einmal alt und unbeweglich bin, dann sind meine Kinder für mich da. So, wie meine Frau und ich sich jetzt schon um meine Mutter und auch meine Großmutter kümmern, mit denen wir zusammen auf demselben Grundstück leben.“

Ich: „Beneidenswert. Aber ich muss schon nachhaken: Woher nimmst du diese Sicherheit? Die allermeisten jungen Leute ziehen hier weg und in die Städte. Das kann man in jeder Statistik nachlesen. Das machen deine Tochter und dein Sohn eines Tages auch. Und ob die ihren alten Vater dann hunderte Kilometer weit weg, weit weit draußen im Wald besuchen wollen oder nicht, das entscheiden die selber!“

Der Bekannte: „Was sollten meine Tochter und mein Sohn denn später in einer Stadt wollen? Warum, bitteschön, sollten die weit weg von hier ziehen wollen?“

Ich: „Wegen der Arbeit natürlich. Ausbildung und dann arbeiten. Klar kann man hier solide Berufe erlernen und man findet in einigen Branchen auf gute Jobs. Aber die allermeisten Fachrichtungen und auch Berufszweige fehlen hier.“

Der Bekannte: „Also. Meine Kinder gehen wahrscheinlich mal auf die Realschule oder auf die Werkrealschule. Von mir aus können sie auch aufs Gymnasium. Aber in jedem Fall werden sie im Anschluss einen Beruf erlernen, den man hier in der Region gebrauchen kann. Es gibt sehr viele Möglichkeiten. Viele der Firmen bilden aus. Es kennt immer jemand jemanden, der einen Azubi braucht. Ob die dann mal als Gehilfe oder als Meister arbeiten, ob mit oder ohne Diplom, ob als Angestellter oder in ihrer eigenen Firma – egal. Hier ist alles möglich.“

Ich: „Du hast recht. Unsere Region hat einige Weltmarktführer. Hidden champions. Lehrer, Pfarrer und Bankangestellte werden händeringend gesucht. Und auch sonst, im Straßenbau, in der Forstwirtschaft: Es gibt immer was zu tun!“

Der Bekannte: „Richtig. Und weißt du, was das Gute daran ist? Wenn die Firma, in der ich arbeite, pleite geht, habe ich am nächsten Tag sofort einen neuen Job! Wer schaffen kann, der findet hier immer was.“

Ich: „Naja. Das trifft auf deine Branche vielleicht zu. Aber schau mal deine Schwägerin an. Die hat nach ihrer Ausbildung zur Erzieherin nicht ihren Traumberuf in einem Kindergarten gefunden. Und warum nicht? Es gibt einfach zu wenig nachwachsende Familien. Ich erinnere: Erst hat fast unser Kindergarten geschlossen, dann hat unsere Grundschule dichtgemacht, nachdem es nur noch 20 Schüler gab. Es gibt einen starken Geburtenknick. Weil die Erwachsenen unserer Generation alle weggezogen sind. Wir sind vor dreieinhalb Jahren hierher gezogen. Seither gab es hier zwar die eine oder andere Hochzeit, den ein oder anderen Häuslebau und den ein oder anderen Nachwuchs in der Nachbarschaft. Aber: nach uns ist keine einzige andere Familie mit Kindern von weiter weg mehr hierhergezogen. Wir waren die letzten. Das muss doch einen Grund haben.“

Der Bekannte: „Das mit dem Geburtenknick liegt doch daran, dass keiner mehr Kinder bekommen will. Das ist die Emanzipation, die sich auch hier ausgebreitet hat. Welche Frau will denn heute noch mehr als zwei, drei Kinder bekommen? Dazu sind doch alle zu bequem geworden. Aber gleichzeitig wollen alle Mädchen nach der Realschule Erzieherin werden. Da frage ich mich, warum. Als ob es keinen anderen Beruf für Frauen gäbe als Erzieherin im Kindergarten. Klar muss man dann auch mal Kompromisse machen.“

Ich: „Tatsache bleibt: Es gibt viele Berufe, die auf dem Land nicht oder nicht mehr so sehr benötigt werden, und für die man weit pendeln müsste. In der Stadt ist hingegen alles möglich. Es gibt jeden nur erdenklichen Studiengang, es gibt dort jede Art von Job, man kann seine Nische finden. Man kann was werden, was auch sich machen. Man kann auch versuchen, aus seinem Hobby etwas zu machen. Auch in Branchen, die uns beiden völlig unbekannt sind. Man hat auch die Freiheit, zeitweise mal wenig verdienen, prekär zu leben. Denn in der Stadt kannst du dein Leben unbeobachtet von den lieben Nachbarn und  ungeachtet der Kritik deiner lieben Verwandten so führen, wie du es möchtest. Oder wie du denkst, dass es gerade angesagt ist.“

Der Bekannnte: „Wie nett, die vielgerühmte Anonymität der Großstadt! Jedem Trend hinterherrennen. Und nicht arbeiten wollen. Das fängt bei denen doch schon im Studium an.  Ich will mal einen von diesen Langzeitstudenten sehen, dem ich – nur zum Beispiel – ein Brett in die Hand gebe und ihm sage: Zersäg das mal in der Mitte. Das würden die im Leben nicht hinbekommen! Ich will nicht, dass meine Kinder so enden. Das wäre für mich das Traurigste, wenn meine Kinder sich totstudieren und ihr Leben vergeuden und zwielichtige Freunde haben. Und nur noch dann anrufen, wenn sie Geld brauchen. Die sollen lieber hier auf dem Land bleiben und was werden.“

Ich: „Ich habe lange studiert. Zugegeben, heute würde ich wahrscheinlich ein anderes Fach studieren als Literaturwissenschaft. Aber ich habe in dieser Zeit einiges über mich gelernt. Unter anderem, dass ich mich nicht für immer an eine einzige Firma, einen einzigen Hof, einen einzigen Landstrich binden will… naja, ich sagte ja, ich will viel lieber in der Stadt leben. In der Stadt geht man auf die Straße, und es ist sofort was los.“

Wonach der August riecht

Der August riecht nach Zelt und nach Schlafsackschweiß. Der August riecht nach in der Sonne heißgekochter Salami. Der August riecht nach vertrocknetem Gras und nach vergilbten Maispflanzen, die mit ihren Füßen im Staub stehen.

Der August riecht nach der Wärme der Holzkabinen, in denen man auf Komposttoiletten sitzt.

Der August riecht nach Waldbrandstufe 5 und nach beschlagnahmten Gaskochern. Der August riecht nach Eichen, die vor Früchten starren, aber nur ganz selten macht es Plopp und eine Eichel landet im flachen Ufer des Sees.

Öfters macht es Knack und ein ganzer Ast kommt runter, deshalb am grünen Parkeingang die Warnung: „Aufgrund der großen Trockenheit kann es bei Altbäumen zu Starkastabbrüchen kommen.“

Der August riecht nach Sand und Seemodder und nach Sonnencreme in aufgewärmten Gewässern. Er riecht nach überhitzten Schwimmflügeln an kalten Ärmchen, nach Plastiktüten, aus denen man das Plastiksandspielzeug in den Sand kippt.

Der August riecht nach Pommes und Knackwurst mit Wespen und obendrauf Ketchup. Der August riecht nach Gurkenlake und nach frischgebackenem Kuchen und Pumpkannenkaffee für die frißchgeföhnten Eltern der frischgeföhnten Brandenburger Erstklässler.

Der August riecht nach Parkplatzstaub mit Kronkorken und nach der Süße der Mülleimer. Er riecht nach Nudelwasser und Wohnmobilklo. Er riecht nach Plastikbecherkaffee, den wir auf dem Spielplatz und am Seeufer trinken.

Und der August riecht nach der Kernseife, mit der abends die Kinderhände geschrubbt werden, während Hals, Zähne, Ohren und Zehen langsam eingrauen dürfen.

Mehr Beiträge zu „Wie der August riecht“ gibt es bei der Goldenen Bloggerin Fräulein ReadOn.

Das Dorf meiner Träume

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Einmal im Jahr fährt die Landfamilie zu ihrem kleinen Lieblingsfestival. Das muss so sein.

Das Leben in der Festival-Blase ist anstrengend. Man muss Wasser über weite Strecken tragen, man verbrennt in der Sonne, man will einmal in 48 Stunden duschen und dann geht das Wasser nicht, oder man will seine Lieblingsband hören, für die man immerhin rund 300 Kilometer gefahren ist, und dann will stattdessen das Lieblingskind mit einem in einen kleinen Wald laufen und dort Wolf spielen.

Gleichzeitig ist das Leben in der Festival-Blase heiter, lebendig und intensiv, und das so sehr, dass man sicher ist, den Moment eingefangen zu haben und es niemals wieder aufhören wird. Man ist sich so sicher.

Umarmungen, pseudosportliche Spiele bei hohen Temperaturen, Kuscheln auf orientalischen Teppichen. Gebete, laut ausgesprochene Gedanken, Blicke, Knicklichter. Fremde Menschen, die schnarchen oder ihre Kinder fragen: „Hast du A-a gemacht?“, Fremde, die sich zu deinen Freunden erklären und dir deine Füße waschen wollen oder Zeitschriftenabos verkaufen. Und Sanitäter, die den hingefallenen Kindern saure Würmer schenken anstatt sie zum Röntgen ins Krankenhaus zu fahren und das hilft wirklich.

Das ist die Realität, nach der ich 361 Tage im Jahr suche.

361 Tage, an denen ich träume, unser Dorf wäre so ein Festival.

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Wir haben nachts ganz gut oder auch gar nicht geschlafen.

Die Wärme treibt uns aus unseren Häusern. Wir sehen strubbelig aus, gähnen, nicken uns zu. Die Kinder rennen über den Platz, in den Sachen, die sie gestern schon anhatten. Die ersten Gaskocher zischen.

Ich stehe mit meinen Nachbarn an der Dorftoilette an und putze mir schnell die Zähne. Wasser läuft aus dem Schlauch. Ich frage eine Nachbarin, wie es gestern Abend so war. Ein Nachbar schlägt vor, zum Frühstücken zu dem leckeren örtlichen Frühstücksclub zu gehen. Ich sage zu.

Wir frühstücken, obwohl es schon 10 Uhr ist. Wir sind ungekämmt, haben wenig an und genießen es. Die Kinder rennen herum und klettern auf die Skulpturen, mit denen unser ganzes Dorf geschmückt ist. Einhörner und Hexenhäuschen aus Holz, Windspiele aus Metall, Spiegel. Ständig wird gesägt und gebaut. Der Spielplatz für Erwachsene erhält heute eine neue Hollywoodschaukel, einfach nur weil jemand Lust hatte, sowas zu bauen. Ob wir da mal vorbeischauen sollen?

Vereine, Kirchen und der Kindergarten sind offen für alle. Undurchsichtige Mitgliedschaften oder geheime Treffen zu geheimen Uhrzeiten gibt es nicht. Man findet alle öffentlichen Gebäude leicht, wenn man den Holzschildern folgt.

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Im Kindergarten kann man kommen und gehen wann und wie man will. Die Kinder spielen mit was und wie lange sie möchten. Die Hälfte der Erzieherinnen sind Männer.

Die Kirche hat offene Wände, die mit Stoffbahnen aus Ballonseide verhangen sind. Zu bestimmten Uhrzeiten ist die Kirche brechend voll, und das mehrmals am Tag und sogar mitten in der Nacht. Dann hört man das Singen, Beten und manchmal auch das Weinen durchs halbe Dorf. Ein paar Erschöpfte, oder welche, die keinen Platz mehr gefunden haben, sitzen rund um die Kirche, trinken Bier und warten auf eine Erkenntnis.

Mittags stelle ich mich zusammen mit einer Nachbarin und ihren Kindern bei einem der zahlreichen Cafés und Imbissen im Dorf an. Einige brutzeln das Essen auf Grills oder in halboffenen Wagen auf der Straße. Es ist immer köstlich. Wir müssen das Essen bezahlen, aber das ist es uns wert. Schließlich verbringen wir durch das Essen im Freien Zeit miteinander, und Zeit ist kostbar. Sie geht und kommt niemals wieder.

Wir lernen uns beim Essen besser kennen, wir schmieden gemeinsam Pläne, für den Tag oder fürs ganze restliche Leben. Wie absurd die Vorstellung, dass jeder im Dorf um dieselbe Uhrzeit in sein eigenes Haus gehen sollte, wo dann alle zeitgleich die Gas- oder Stromzufuhr anwerfen um an hundert verschiedenen Stellen gleichzeitg Essen warmzumachen, das sie nur mit ihrer engsten Familie teilen. Die Kinder wollen doch sowieso nie am Tisch sitzenbleiben und träumen schon nach dem ersten Bissen wieder vom Herumtoben und Umherstreunen. Völlig absurd!

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Nachmittags, wenn es am heißesten ist, ist es für die Müdesten unter uns Zeit, sich schlafen zu legen. Sie legen sich auf Bänke, auf Decken, mitten auf der Wiese. Süß sehen sie aus, eingekuschelt oder alle Viere von sich streckend. Andere gehen zu einem Seminar oder einer Sportstunde oder zu einem Bastelworkshop, je nachdem, was in der Nachbarschaft heute so angeboten wird.

Die größeren Kinder versammeln sich in der Ecke des Dorfes, wo sie sich unter der Anleitung der Junggebliebenen mit Skateboard, Baumklettern und Stöcke-Weitwurf beschäftigen, Grafittis sprayen, auf Instrumente eindreschen oder weiter an einer Geisterbahn bauen.

Die Eltern von Babys und Kleinkindern erkennt man an ihren vielen verschiedenen Tragevorrichtungen und Arten, Kinder in Wagen, Buggys, Bollerwagen, Fahrradanhängern und Trolleys vor sich herzuschieben. Väter tragen und schieben ihre Kleinen genauso häufig wie Mütter. Sie tragen und schaukeln die Kleinen in den Schlaf, während die Mütter seufzend ihre Füße im Planschbecken kühlen.

Wenn der Abend naht, erwacht das Dorf aus seiner Lethargie. Die Kinder bilden Banden und flitzen im Düsteren herum, als gäbe es kein Morgen. Die Erwachsenen überlegen, wieviel Bier sie wohl vertragen. Manche flirten. Manche streiten. Manche waschen ihr Geschirr oder stellen sich unter die Dusche. Man sieht und hört alles.

Abends und nachts läuft in den verschiedenen Gärten unterschiedliche Musik. Man kann zu Nachbar A gehen, bekommt dort für ein wenig Geld Pfannkuchen und die besten Surfhits. Im Garten von Nachbar B wechseln sich Sänger an der Gitarre ab, währenddessen kann man sich Zöpfe flechten lassen oder oder ein Bild malen. Bei Nachbar C gibt es Bier, Geschrei und Gestampfe zu bestem Metal. Und dann gibt es noch den Park, in dem elektronische Musik aus den Bäumen perlt, Cocktails fließen und Leute aller Altersstufen sich im Takt wiegen, bis der Morgen graut.

Das ist das Dorf meiner Träume. An 361 Tagen im Jahr.

Unser Kiez. Oder: Unser Dorf und wir

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Wenn ich meinen Sohn in den Kindergarten bringe, muss ich einmal quer durch den Kiez. Ne, Spaß. Wenn ich meinen Sohn in den Kindergarten bringe, und es ist einer der seltenen Tage, an denen mir die vielen Steigungen nichts ausmachen und an denen es nicht regnet, dann fahre ich mit dem Fahrrad durch unser wunderschönes Dorf.

Zuerst kommen wir durchs Sägewerk. Das ist für kleine Kinder eine Attraktion, aber nicht nur für die. Auch wir Großen staunen, wenn wir den Forwarder auf Schienen hin- und hergleiten sehen, geräuschlos fast, hörbar nur das Poltern der ganzen Stämme, die er hin- und herwirft. Jeden Werktag, von halb 7 bis 18 Uhr oder später gleitet der Riese hin und her, im Dunkeln ausgestattet mit hellen Scheinwerfern.

Wir fahren quer durch das Sägewerk, weichen den Seitenstaplern aus, den Schlange stehenden Lkw aus aller Welt und dem Radlader, der so riesengroß ist, dass er ein ganzes Wohnzimmer wegschieben könnte. Das macht er aber nicht, sondern er schaufelt täglich Berge von Sägespänen in Lkw hinein, die brummend und schnaufend damit talabwärts verschwinden.

Dann fahren wir an der Wiese mit den Kühen vorbei. Zwei Kühe sind es. Immer. Bis auf die wenigen Tage, an denen sie nicht zu sehen sind. Dann sagt mein Sohn: „Die Kühe sind im Stall“, und die Welt ist für ihn in Ordnung. Manchmal sehen wir weiter weg auch zwei Pferde.

Im Winter ist die Wiese überschwemmt. Sie kann Teil eines Flussbetts werden. Im Sommer macht die Familie Z. dort Heu, mit unterschiedlichen kleineren Maschinen und einer Heugabel.

Dann kommen wir an den zwei Schweinen vorbei. Ich weiß gar nicht, zu wem sie gehören. Vielleicht gehören sie zu dem betreuten Wohnen, einem Haus mit stillen Bewohnern, die manchmal laut Musik hören, und die auch Enten, Hühner und Hasen besitzen. Die Schweine sind schonmal ausgebüxt. Auch die Pferde. Und auch die Ziegen, eine ganze Herde. Aber ich schweife ab.

Nach den Schweinen fahre ich einen Fußweg entlang, der eigentlich zu schmal ist für mein Fahrrad und komme zu den Gasthäusern. Es sind zwei, beide sind nicht mehr in Betrieb. Das eine ist ochsenblutrot gestrichen und steht in einem alten Obstgarten. Fast könnte es die Villa Kunterbunt sein, wenn darin nicht ein Paar seine alten Tage verlebte.

Das andere Gasthaus ist größer und hässlicher, bietet aber Potenzial für alles Mögliche, finde ich. Daher war es auch bei Immoscout so schnell weg, als Schnäppchen. Kurze Zeit später wurde das leerstehende Gebäude mit Benzin übergossen und angezündet, der Brand konnte aber so schnell gestoppt werden, dass man dem Gebäude von außen nichts ansieht.

Damals, an der Jahreswende 2015/16, Flüchtlingswelle und so, da hätte ich das mehr als fahrlässige Zündeln sofort in Richtung „rechte Gewalt“ geschoben. Denn der alte Gasthof stand im Gespräch, ein Heim für Flüchtlinge zu werden. Um herauszufinden, was der Grund für die (versuchte) Brandstiftung nun war, müsste ich vermutlich eine Sage schreiben. Eine Schwarzwaldsage, bei der sich alle gruseln, die aber alles erklärt.

Dann kommt der Bahnübergang und dann die Holzbrücke über den Fluss. Das ist meine Lieblingsstelle. Im Sommer feiern wir auf der Brücke. Ich weiß zwar nicht so genau wieso, aber es gibt Wurst und Bier und es gibt Feuerwehrleute, die braten und ausschenken. Es gibt auch Blasmusik, es gibt Kuchen, es gibt ein Feuerwehrfahrzeug, das mit den Kindern Runden fährt. Die Kinder stehen mit den nackten Beinen im Fluss, und die Großen sitzen auf derselben Bierbank wie im Jahr davor, mit denselben Bekannten am Tisch, so als wäre zwischen dem letzten Sommer nicht ein Jahr sondern nur eine Stunde vergangen.

An den weniger heißen Tagen stehen die Fliegenfischer ganz in schwarzen Gummisachen im Fluss und fangen Forellen. Jetzt im Winter ist der Fluss ein Gebräu, das Äste und Einkaufswagen ablädt.

In der Adventsszeit führt auch der Adventsweg über die Brücke, die zwei Teile eines Dorfes oder zwei Teil-Dörfer miteinander verbindet. Dann sind an allen Pfosten Zweige festgemacht, überall flackern Teelichter und Kunstbelichtung, und alle haben es schön, oder wollen es zumindest schön haben.

Ich überquere die Bundesstraße und komme noch an drei Häusern vorbei, bevor der Weg abbiegt hinauf zur Kirche, neben der unser Kindergarten steht. Das letzte Haus am Waldrand zieht stets meinen Blick auf sich, denn einmal ganz rundherum türmen sich – Dinge. Autoreifen, Spielzeug, Bücher, Gartengeräte, Teile für irgendwas, Krims und Krams. Es sind Türme, ganze Städte.

Das erinnert mich immer an eine Nachbarin in meiner ehemaligen Heimatstadt, die sich nicht trennen konnte, oder zumindest: die nichts wegwerfen konnte. Alles, alles was sie auf Flohmärkten geschenkt bekam, stellte sie in den Vorgarten ihres Mietshauses, ausdrücklich zum Wegnehmen. Das waren meist alte Bücher und Keramik. Aber immer mal wieder waren auch Kindersitze, Hochstühle, Babybadewannen und größere Spielzeuge mit dabei. Das rissen wir Neu-Eltern natürlich an uns, versteht sich.

Jetzt biege ich ab, Wald rechts, Fluss links, und fahre hinauf zur Kirche, die meinen Kindern viel Begeisterung entlockt. Sie wird liebevoll „Ding-Dong“ genannt. Da sie an den Kindergarten angrenzt, läutet sie hier immer besonders LAUT. Dann heißt es „DING-DONG!!!“ (gebrüllt).

Ja, bei uns ist was los.

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Ich freue mich, dass dieser Beitrag teilnehmen durfte in der Reihe #kiezmitkind bei Mami Rocks. Hier geht der Artikel, wie er bei Mami Rocks erschienen ist: http://mamirocks.com/leben-mit-kindern-im-schwarzwald-oder-mein-dorf-und-ich/

Ich platze mitten hinein

Wenn ich mich ins Auto setze und nach zwei Stunden Fahrt in meiner ehemaligen Welt wieder auftauche, ist zwar vieles unwirklicher, ungreifbarer geworden. Ich wundere mich dann darüber, wie viele Kinder es gibt. Die, die keins hatten, haben nun eins, die die eins hatten, haben nun zwei, und so fort. Ich hab keine Ahnung zumeist, wie die Kinder heißen. Die sind alle klein und laufen so kreuz und quer.

Auch die Realität der Erwachsenen ist schwammig geworden. Ich bekomme sie nicht mehr haargenau mit, die Jobwechsel und die Geldsorgen, die Urlaubspläne und Partyvorbereitungen.

Ich platze nach zwei Stunden Fahrt mitten in etwas hinein und muss erstmal aufs Klo, anstatt vorher schon mitgefiebert oder mitgeplant zu haben. Ich stehe einfach nur da, während die anderen schnelle Entscheidungen treffen, kochen, auftischen, herumwerkeln, losmüssen, wiederkommen. Das lässt mich ein bisschen langsam wirken. Vielleicht bin ich aber sowieso langsamer geworden.

Aber etwas ist gleich geblieben: Ich kann reden. Mit vielen. Über sehr Unterschiedliches. Zu allen Gesprächen bleibt mir ein Bild im Kopf zurück, das mir diesen Gesprächspartner in seiner Welt zeigt und der sich sofort untrennbar mit dem Namen dieses Menschen verknüpft, selbst wenn ich diesen Menschen auf meinem Besuch bei Freunden gerade erst kennengelernt habe.

„Ich bin so ein Barista-Typ“, sagt mir eine junge Frau mit dem Namen S., und obwohl ich noch nie in dem Café war, in dem sie bedient, denn es hat nach meiner Zeit aufgemacht, kann ich mir (vielleicht dank den Instagram-Bildern meiner Freunde) vorstellen, wie sie dort steht. Ihren Namen und ihr Gesicht vergesse ich nicht.

„Meine Eltern haben viele Kinder in die Welt gesetzt“, erzählt mir jemand namens A., den ich ebenfalls noch nie zuvor gesehen habe, aber mir sagt der Name seines Stadtteils was, und wie seine Eltern auf der Etage eines Hochhauses drei Wohnungen zu einer zusammengelegt haben, kann ich mir lebhaft vorstellen. Auch diesen Menschen vergesse ich nicht.

Manche erzählen mir, was ihre Airbnb-Vermietungen so machen. Andere sind sehr müde, weil sie gerade um den halben Erdball geflogen sind oder die ganze Nacht lang gebacken oder genetflixt haben. Aber egal, wie der Status gerade ist, wir verknüpfen die losen Fäden sofort wieder zu einem Gespräch, das dort weitergeht, wo es vor einigen Monaten, beim letzten Besuch, oder zwischen Facebook und Instagram, verlorenging.

Schwierig wird es eigentlich nur mit den ganz wenigen Menschen, die mir sehr, wirklich sehr viel bedeuten. Stehen wir plötzlich voreinander, nach Monaten der Funkstille (es gibt zwar Facebook, Twitter, WhatsApp, aber was die da schreiben, bleibt dennoch immer seltsam entfernt), fällt mir nicht ein, an was ich anknüpfen könnte. Und ich merke, diesen Menschen geht es ebenso – ich weiß aber nicht, ob das an meiner Unsicherheit liegt, die sich auf sie überträgt, oder ob sie vielleicht zuerst unsicher waren, bevor ich es wurde, oder ob es etwas Allgemeineres ist.

Zu viel steht zwischen uns. Zu viel des „was machst du jetzt, wie geht es dir jetzt“, was man aber lieber nicht fragen möchte, da es, egal wie man fragt, immer zu abgedroschen klingt. Und man will es doch in den wenigen Minuten, die man sich sieht, schön zusammen haben. Man will die Freundschaft feiern, den Augenblick, und nicht die Statistik zwischen dem letzten und dem heutigen Treffen akribisch aufarbeiten. Es muss ästhetisch werden, Ästhetik und gestillte Sehnsucht und Aha-Momente um jeden Preis.

Dann hilft nur Alkohol, um so etwas wie zu den alten Zeiten zurückkehren zu können. Zu den Zeiten, in denen wir gemeinsam lachten, weinten, stritten, arbeiteten, beteten und faulenzten und Quatsch-Videos guckten.

Manchmal wünsche ich mir, diese Freundschaft(en) nicht mehr immer wieder neu einfädeln und halten, überdenken und stilisieren, überwachen und weglachen, heimlich überhöhen, öffentlich aber als selbstverständlich darstellen zu müssen. Ich möchte die Dinge nicht mehr in der Hand haben. Ich will, dass jemand anderes den Roman schreibt, in dem ich nur vorkomme. Egal, was mit mir passiert. Egal.