Coronatagebuch Tag #23

Die Fußgängerzone unseres Vorörtchens befindet sich eigentlich immer im Lockdown. Dazu braucht es kein Virus. Die verrammelten Cafés. Die beiden ehemaligen Drogerien, direkt nebeneinander, warum. Die dunklen Gaststuben, so düster und unfrequentiert, dass man nicht weiß, ob sie nur heute oder überhaupt jeden Tag geschlossen haben. Ihr kennt das.

„Dauerhaft geschlossen“ steht jetzt an einem Café, das sowieso noch nie aufhatte. Auch die kleine Poststelle, der Publikumsmagnet in der verödeten Fußgängerzone, wirkt zahmer besucht als sonst. Die Leute stehen in großem Abstand Schlange, jeder Dritte trägt Mundschutz.

Die Türöffnung vom Dönerladen ist mit Plexiglas verbarrikadiert. Durch die Fenster sieht es aus, als befände sich drinnen ein Labor. Der nette Verkäufer im weißen Kittel nimmt durch eine Klappe die Bestellungen entgegen und händigt die in weißen Plastiktüten verpackten Gerichte mit weißen Handschuhen und weißem Mundschutz aus.

Der Buchladen hat geschlossen, ist aber trotzdem auf. Eine leseverrückte Kundin mit Mundschutz steht am Eingang der geöffneten Tür und ruft ins dunkle Innere, was ihr Lesewunsch sei. Ihr habe dies&das so gut gefallen. Die Buchhändlerin ist nicht sichtbar, vermutlich steht sie etwa 10 Meter entfernt an ihrem Computer und gibt den Lesewunsch in ihre Suchmaschine ein, um der Kundin das Buch später persönlich vorbeizubringen.

Die Verkehrsinsel, ein kleiner Park, der sowieso schon trostlos in die Farben von Narzissen und zu buntem Osterschmuck getunkt ist, hat eine Überraschung parat. Zwischen den vereinzelten Banksitzern (es sind ganze drei Personen) läuft eine Watschelente und zupft mit dem Schnabel an Grashalmen. Notiere: Ein Novum: Ente auf der Verkehrsinsel.

Obwohl ich nur ein Paket abgegeben und ein Brot gekauft habe, ist mir nach zehn Minuten ganz schwindelig, so als wäre ich drei Stunden shoppen gewesen und hätte nichts getrunken.

Zu Hause ist zum Glück alles im Lot. Meine Freundin ist aus der Quarantäne zurück (sie hat das Virus nicht bekommen) und muss nicht mehr in den eigenen vier Wänden bleiben. Sie besichtigt unseren neuen Garten. Wir finden Bärlauch zwischen den Grundstücken am Hang und picknicken auf unserem neuen Rasen mit Bärlauchbrot. Die Kinder liegen mit Vogel- und Insektenbüchern auf dem Rasen und notieren alles, was krabbelt und fliegt:

  • eine Amsel
  • ein Regenwurm
  • eine Hummel
  • ein frisch geschlüpfter Junikäfer.

Die Nachbarn warten heute mit einem Fußballtor auf, mit einer Schüssel voller Kaulquappen und mit Blumensamensäen. Wir pflanzen einen Apfel- und einen Pflaumenbaum und wässern den Rasen. Das dauert fast eine Stunde lang, wenn man es richtig machen will. Selbst wenn wir in den Osterferien noch wegfahren dürften, wir können jetzt gar nicht mehr weg. Wir müssen ja alle drei Tage dem Rasen Wasser geben.

Heute waren wir 7 Stunden draußen am Stück. Ich glaube, so lange war ich seit dem letzten Sommerurlaub nicht mehr draußen.

Heute sind es 95.637 Infizierte in Deutschland, 26.400 sind wieder gesund und 1395 sind gestorben.

Coronatagebuch Tag #22

Freitag. Der Tag, der immer mit mahnender Stimme sagt: Guck mal, was du diese Woche wieder alles nicht geschafft hast.

Die zurückligende Woche, insgesamt die dritte mit Homeschooling, ging rückblickend so schnell vorbei wie keine Woche zuvor. Jeder Tag fließt in den nächsten. Heute wäre schon der letzte Schultag vor den Osterferien gewesen.

Ich packe ein Paket für eine Freundin. Sie hat kleinere Kinder, und ab und zu schicke ich ihr die Klamotten und das Spielzeug, die hier ausgemustert wurden. Das Paket ist ziemlich groß geworden. Ich schicke die Anmeldung für die Mittagsbetreuung ab dem kommenden September los. Ich schreibe sogar ans Arbeitsamt. Ich überweise Rechnungen und freue mich, dass mein Konto so gut gedeckt ist (die Kindergartengebühren von insgesamt 500 Euro werden im April nicht abgebucht).

Ich schreibe einen Artikel zu Ende und verschicke ihn zum Gegenlesen. Ich skype mit einer Professorin, die in Miami festsitzt, um Input für meinen nächsten Artikel zu erhalten. Auch mein Mann scheint eine Menge Anrufe, Videokonferenzen und Tutorials zu haben, ich blicke gar nicht mehr durch.

Ich überprüfe zum ersten Mal, wie weit die Tochter in den letzten 3 Wochen mit ihrem Schulstoff gekommen ist. Fertig ist sie nicht. Die Zoom-Konferenzen, die die Lehrerin für Freiwillige angeboten hat, hat sie ebenfalls irgendwie nicht mitbekommen. Aber sie hat jeden Tag etwas gemacht, Neues gelernt, Altes wiederholt, sie hat die „Vorstadtkrokodile“ zwei Mal gelesen, zwei Mal mit YouTube Sport gemacht und zwei Mal Villager gespawnt (Letzteres ist kein Schulstoff, scheint aber mindestens so viele Abgründe zu bergen wie die Potenzrechnung). Außerdem hat sie täglich viele Stunden lang Kindergartenkinder beschäftigt (die eigenen Geschwister und bis zu drei zusätzliche Nachbarskinder) und hingenommen, dass der Klavierunterricht nur noch per WhatsApp zu ihr kommt.

Heute flitzt ein Nachbarskind in unserer Wohnung herum, das bei uns ist, solange die Eltern arbeiten. Die Freunde (4, 5 und 5 Jahre) spielen mit vielen Meinungsverschiedenheiten und Besserwissereien, aber ohne Streit und Tränen miteinander. Sie essen alle ordentlich zu Mittag und kochen auch was für mich in der Kinderküche. Zusammen denken wir uns neue Freunde für das NEINhorn aus. Der Renner ist der NASCHbär.

Heute sind es 91.159 Infizierte in Deutschland, 24.575 sind wieder gesund und 1275 sind gestorben.

Coronatagebuch Tag #21

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Heute sind es 84.794 Infizierte in Deutschland (wir haben damit China überholt), 22.440 sind wieder gesund und 1107 sind gestorben.

Gut ist: Wenn man die Dunkelziffer der (wahrscheinlich bereits) Infizierten (die nie zum Arzt gingen bzw. die wieder gesund sind, ohne getestet worden zu sein) mit einrechnet, und auch die Dunkelziffer der Toten, die vermutlich nicht auf das Virus getestet wurden, kommt man auf eine Sterberate von „nur“ etwa 1 Prozent. (Schätzung anhand von Zahlen aus Teilen Italiens, eine Indutrienation mit funktionierendem Gesundheitssystem, weltweit betrachtet.)

Schlecht ist: Wenn die ganze Welt das Virus einmal gehabt haben muss, um immun zu sein, bedeutet das, dass (innerhalb einer ungenauen Zeitspanne) ewa 80 Millionen daran sterben müssen (wenn in der Zwischenzeit kein Impfstoff oder andere Maßnahmen gegen das Virus vorliegen).

Draußen und drinnen

Egal ob die weltweiten Entwicklungen und Zahlenanpassereien nun gut oder schlecht für die Menschheit sind: Klar ist, dass die Lage da draußen überhaupt nicht zu der Lage da drinnen passt.

Was dazu führt, dass mir auf dem Weg zum Supermarkt immer mulmig ist, denn das ist derzeit das einzige reglementierte „Bad in der Menge“, das man nehmen darf. Auch wenn die geordneten, entzerrten Schlangen, die aktuell sehr freundlichen Verkäufer und die teilweise kontingentierte Ware zu einem an sich entspannten Einkaufserlebnis führen – ich will einfach nur nach Hause.

Es ist ein sehr schönes, trockenes Frühjahr. Wenn nicht Corona die Schlagzeilen beherrschen würde, wäre die Niederschlagslosigkeit im März (wird es ein weiteres zu trockenes Jahr?) ein Thema. Klima hin oder her, das helle Sonnenlicht von morgens bis abends begleitet uns durch den Tag. Auch wenn die Sonne irgendwie apokalyptisch scheint, es ist immerhin die Sonne, sie ist warm, sie beschleunigt das Wachstum der Natur, sie lässt die Vögel singen und die Kinder nach draußen eilen.

Wir haben schon das Klingelschild geputzt, einmal alle Bäume ausgegraben, bei uns und beim Nachbarn Rasen verlegt. Wenn das mit dem Kontaktverbot so weitergeht, putzen wir womöglich noch unser Auto! Oder wir streichen unser Haus quietschegelb an! Oder bauen einen Swimmingpool in den Keller! Möge Gott uns davor bewahren.

Ich telefoniere nicht öfter mir meinen Eltern als sonst, aber vielleicht regelmäßiger. Meine Mutter macht sich gerade große Sorgen um ihre beiden Schwestern. Die eine ist gerade aus der Klinik entlassen worden. Tablettenentzug. Ihre Reha wollte sie nicht antreten. Da ihre Reha-Klinik zwischenzeitlich in eine Klinik mit normalem Betrieb umfunktioniert wurde, stand eine Reha wohl auch nicht mehr auf der Tagesordnung. Sie sitzt jetzt also zu Hause, Entzug beendet, aber das gewohnte Leben geht nicht weiter. Denn ihr Essenslieferdienst kommt jetzt nicht mehr.

Die andere sitzt in Indien fest. Sie besucht dort auf die alten Tage regelmäßig eine Klinik und ein Kinderheim, die sie vor vielen Jahren mitgegründet hat. Sie ist nicht als Touristin oder mit irgendeiner Organisation in Indien und wird daher nicht vom Auswärtigen Amt „zurückgeholt“. Meine nicht zurückgeholte Tante und mein nicht zurückgeholter Onkel erleben die Krise also in Indien – wo die drastischste Ausgangssperre der Welt herrscht. Ganze Straßen werden abgeriegelt und nicht weiter versorgt.

Ist das, was meine Tanten miterleben müssen, „drinnen“ oder „draußen“? Werden sie später (vielleicht erleichtert, vielleicht amüsiert) von einer alptraumhaften, chaotischen, aber sehr kurzen Zeit in ihrem Leben berichten? Werde ich sie überhaupt jemals wiedersehen?

Coronatagebuch Tag #20

Mundschutz-Rezension

Rezension auf Amazon für einen gebrauchten Mundschutz, Zustand Sehr gut

Darf man schon? Oder ist man dann vielleicht die einzige?

Nein, ich fühle mich damit soooo blöd. Als wäre ich Latexfetischist oder Zwangsneurotiker. Bin ich ja nicht. Soll auch keiner von mir denken. Also lass ich die Gummihandschuhe lieber da wo sie sind, in ihrem ungeöffneten Pappkarton im Schrank und gehe mit nackten Händen einkaufen.

Noch komischer als die Gummihandschuh-Frage ist die Mundschutz-Frage.

Darf man schon? Nein, ist ja sooo peinlich. Man sieht aus wie, wie, ja wie ein der Konformität gehorchender Bürger Chinas. Aber man ist doch hier nicht komform! Man trägt, was man will und wie es einem gerade passt!

Seit die Krankheit in Europa ihren Lauf nimmt, sind täglich Widersprüchlichkeiten rund um das richtige oder falsche Tragen eines Mundschutzes zu hören, es ist eine wahre Abfolge von Absurditäten, im folgenden veröffentlich:

Mundschutz – ja oder nein?!

Chronologie März 2020

  1. Deutscher Online-Shop hamstert Millionen Mundschutze in China (ausgerechnet) und verkauft sie zum zigfachen Preis auf Amazon.
  2. Meinung: Einen Mundschutz zu tragen bringt nichts, ja birgt sogar eine Gefahr. Denn wie hoch steht die Chance, dass man ihn falsch aufsetzt und dann schützt der gar nicht!!!1einself!
  3. Außerdem: Es gibt ganz unterschiedliche Mundschutze! Man kann nicht nur den richtigen Mundschutz falsch aufsetzen, man kann auch den falschen Mundschutz richtig aufsetzen und das bringt dann auch nichts!
  4. Mundschutze sind mittlerweile in Apotheken und Baumärkten ausverkauft.
  5. Aber das ist nicht schlimm. Man erfährt: Ein Mundschutz bringt nur dem medizinischen Personal etwas, denn nur die haben mit Kranken zu tun und müssen sich schützen. Otto Normalverbraucher hat nicht mit Kranken zu tun und muss sich folglich nicht schützen.
  6. In unzähligen Gifs/ Slideshows unter dem Titel „Mundschutz für Dummies“ erfährt man: Es gibt zwei Mundschutz-Arten: Es gibt den Mundschutz, mit dem man sich vor Kleinstpartikeln wie Viren schützen kann (FFP2-Maske oder Feinstaub-Maske). Und es gibt den Mundschutz, der davor schützt, die eigenen Tröpfchen zu verbreiten (OP-Maske).
  7. Ungeachtet dieses kleinen, aber feinen Unterschieds nähen die Flüchtlingsfrauen auf Lesbos ihre Mundschutze einfach aus Stoff.
  8. Krankenhäuser überall in Europa stehen vor dem Schutzmaterial-Kollaps. Schutzmasken und -mäntel werden mehrfach getragen oder untereinander getauscht, weil es nicht mehr genügend gibt. Es fehlt auch Desinfektionsmittel. Überall beschweren sich Ärzte, dass ihnen Material und Mittel weggeklaut werden.
  9. Ärzte und Politiker mahnen: Kaufen Sie keine Mundschutze! Das medizinische Personal ist dringend darauf angewiesen! Aka: Wenn Sie ohne Not einen Mundschutz kaufen, stirbt woanders ein Patient!
  10. Auch Beamtungsmasken für Patienten mit Lungenentzündung werden rar. Kliniken bitten die ehrenamtlich organisierte 3D-Druck-Welt um Mithilfe, bevor führende Firmen (Autoindustrie) auf die Herstellung von Beatmungsmasken umsatteln.
  11. Bekleidungsfirmen fangen an, Mundschutze herzustellen.
  12. Dem Bundesgesundheitsminister wird zum Vorwurf gemacht, er habe Mundschutze im Februar einfach an China verschenkt und die Produktion im Inland nicht erhöht.
  13. Auf Amazon gibt es Mundschutze mittlerweile zum Fantasiepreis. Zum Beispiel den Trendsetter „Einweg-Mundschutz gebraucht, Zustand Sehr gut für 7,95€“. Geliefert wird erst in 4-8 Wochen. Wenn überhaupt.
  14. Auf einmal verweisen die Politiker und ihre Berater doch auf die asiatischen Mundschutz-Nationen: das Virus würde dort so wunderbar eingedämmt, die Infektionen lägen auf einem ganz niedrigen Level. Warum? Ahaaa! Es gibt dort eine Mundschutzpflicht!
  15. Österreich erlässt als erstes Land in Europa eine Mundschutzpflicht beim Einkaufen. Seit heute werden dort Einweg-Mundschutze vor den Supermärkten verteilt. Aber auch hier mangelt es an der vorhandenen Stückzahl, wie nicht anders zu erwarten war.
  16. Haltung der Politiker in Ö: Ein Mundschutz schützt nicht vor Ansteckung, aber einen zu tragen, zeige „gegenseitigen Respekt“.
  17. Führende Virologen ermuntern auch die Deutschen, mit Mundschutz vor die Tür zu gehen. Erneut Diskussion, ob man den Mundschutz nur dann aufsetzen soll, wenn man krank ist. Oder eher dazu, um sich vor potenziellen Kranken in der Öffentlichkeit zu schützen. S. 6.
  18. Man hört, dass es „höflicher“ sei, einen Mundschutz zu tragen als keinen.
  19. Es gibt keine Mundschutze zu kaufen, daher gilt nun auch aus Sicht führender Berater: man kann sie ganz einfach selbst aus einem Stück Stoff basteln. Oder sich einen Schal über den Mund ziehen. Das reicht.
  20. Unzählige Anleitungen zum Mundschutz-Selber-Basteln schwirren durchs Netz.
  21. Man darf Mundschutze nur nähen und verkaufen, wenn das Wort „Schutz“ nicht vorkommt. Medizinisches Personal darf jedoch nicht auf Selbstgenähtes zurückgreifen, da es dafür keine Zertifikate gibt.
  22. Die DIN-Normen für medizinisches Schutzmaterial sind aufgehoben. Jeder darf jetzt ungestraft Mundschutze nach der DIN-Norm produzieren.
  23. Nichtsdestotrotz werden Mundschutze weiterhin aus China importiert. Dabei gehen anscheinend besonders Händler aus den USA kriminell zur Sache: sie kaufen die bereits georderte Fracht für Frankreich oder Deutschland auf dem Weg zum Flughafen für das Drei- bis Vierfache in bar ab.
  24. Und schließlich: Atemschutzmasken im Faktencheck, nach heutigem Stand.

Heute sind es 77.779 Infizierte in Deutschland, 18.7000 sind wieder gesund und 909 sind gestorben.

Coronatagebuch Tag #19

Die Beschaffung von Essen und anderen Dingen des täglichen Bedarfs ist der wunde Punkt in dem neuen System. Der große Großlieferant liefert nicht mehr pünktlich. Die kleinen und mittelgroßen Lieferanten sind ebenfalls am Limit und können ihre Kapazitäten nicht aufstocken, nicht jetzt, wo einige Waren kaum noch lieferbar sind, und wo alle sonst Arbeitswilligen krankgeschrieben sind oder Überstunden abbauen, sich gerade nicht mehr bewerben oder gar in die Quarantäne geschickt wurden.

Hygieneartikel sind immer schwerer zu finden. Jetzt, wo die Umwelt sauber ist, der Fluss atmet, der Wald atmet, die Zeit atmet, jeder nur noch in seinem eigenen Haus aufs Klo geht und Türgriffe und Einkaufswagen nur noch mit Gummihandschuhen berührt, wollen auch wir GANZ sauber sein.

Creme, Seife, Zahnpasta, Shampoo sind nicht mehr das, was sie mal waren: Massenware. Die billigen Marken sind immer alle weg. Die teureren stehen auch recht vereinzelt im Regal.

(Reis ist ebenfalls eine schwierige Angelegenheit. Neulich war im Regal nur noch Jochen Schweizer Reis Pink zu haben – ja ich wünschte auch, ich hätte mich das ausgedacht. Heute haben wir stattdessen Dinkel gekocht. Früher hat man zu einer solchen Kost vermutlich „Graupen“ gesagt. Auch Nudeln kaufen wir seit letzter Woche in der Dinkel-Variante, weil die normalen Weizennudeln einfach immer alle sind, egal um wieviel Uhr wir in den Supermarkt gehen – first World problems, I know)

Die Klopapier-Kundin

Als ich die letzten beiden Male an einer Supermarktkasse anstand (in 1,5 Metern Abstand, versteht sich), hatte vor mir jeweils gerade eine Kundin eine Packung Klopapier aufs Band gelegt. Und das, obwohl die Klopapierregale vollkommen leer waren, wie ich mich gerade noch versichert hatte. Aber vielleicht flieht das Klopapier auch immer panisch, sobald es mich sieht? Es rutscht in irgendwelche Ritzen, hinter das Katzenfutter, taucht beim Tomatenmark wieder auf und lacht hinter meinem Rücken?

Jedenfalls, in beiden Fällen war Klopapier das Einzige, was die Kundin vor mir aufs Band legte. Und in beiden Fällen, das war offensichtlich, kannte die Kundin den Verkäufer sehr gut, vielleicht sogar persönlich. Ich wurde sogar Zeugin des folgenden Gesprächs:

„Wann muss ich denn wiederkommen, wenn ich die nächste Packung brauche?“
„Hier wird nur noch mittwochs und freitags geliefert.“
„Ach, prima. Dann komme ich am Mittwoch oder am Freitag wieder. Am besten schon um acht.“
„Nein nein, es kommt zwischen 11 und 14 Uhr.“
„Super, danke dir, dann weiß ich Beschei-heid! Bis zum nächsten Mal!“

Auch wir wünschen Ihnen noch einen schönen Tag, glückliche Klopapier-Käuferin. Gehaben Sie sich wohl.

Heute sind es 70.985 Infizierte in Deutschland, 15.824 sind wieder gesund und 682 sind gestorben.

Coronatagebuch Tag #18

Die Regelungen, die zurzeit außerhäusig gelten (1,5 Meter Abstand, maximal zu Zweit draußen sein, keine unnötigen Besuche, keine Picknicks, keine Spielplätze, vielleicht bald Mundschutz im Supermarkt, wie in Österreich) führen dazu, dass ich mich fürchte, sobald ich rausgehe.

Vom Balkon aus habe ich gesehen, dass der Himmel so blau und streifenfrei ist wie in den kolorierten Postkarten von früher. Ich habe auch den Fluss gesehen, und der war heute so flaschengrün wie ein Hochgebirgssee. Die Luft war auch so dünn, eigentlich bekam man trotz des glasklaren Wetters kaum Luft. Ich wähnte mich in ungefähr 5000 Metern Höhe. Vielleicht war unser Haus ja in die Anden versetzt worden? In die Anden der frühen Fünfziger, ganz ohne Flugzeuge am Himmel?

Um das zu überprüfen, ging ich am Fluss spazieren. Der braune Schlamm war verschwunden. Stattdessen stiegen in dem blanken Wasser unzählige Kleinstteile und Mikroorganismen auf und ab, und ab und zu gab es helle Strudel, dort war das Wasser in der Sonne sogar ganz weiß.

Nach nur zwei Wochen stillhalten ist die Welt sauber geworden.

Die Menschen gehen an einem Montagnachmittag spazieren. Aber nicht nur die Mamas mit Kindern und Schulranzen im Schlepptau. Und auch nicht nur die älteren Damen mit ihren Einkaufs-Trolleys. Nein, die Leute sind familienweise draußen, wie an einem Sonntag. Männer sind alleine unterwegs. Männer sind mit Kindern unterwegs. Alle tragen Freizeitkleidung.

Da der Weg am Flussufer ein wenig eng ist, bleibt man in respektvollem Abstand stehen, sobald jemand entgegenkommt. Man grüßt sich nicht, man blickt nach unten oder sieht sich kurz in die Augen mit geschlossenem Mund. Nicht lachen. Nicht sprechen. Aber freundlich bleiben.

Die anderen treffen, laut lachen, Bierflasche zu Zweit, Joint zu Viert, vom Eis ableckenlassen, sich verstohlen die Hand geben, eine Umarmung als mehr interpretieren, sich nach vorne drängeln, zusammen in der Sonne beim Musikhören schwitzen, jemandem seinen Pullover um die Schultern legen.

Das bringt bis zu 1.000 Euro Strafe laut dem seit heute geltenden Bußgeldkatalog. Pro Person. Bei einem Wiederholungsdelikt drohen bis zu 25.000 Euro Strafe.

Mit dem Sohn oder der Tochter flanieren, mit Musik in den Ohren joggen, zu Zweit Kniebeugen machen, mit geschlossenem Mund lächeln, sich umdrehen, bevor die fünfköpfige Familie zu nahekommt, und als älterer Mensch lieber alleine rausgehen, um sich keine Fragen stellen lassen zu müssen. Das scheint nach derzeitigem Stand erlaubt.

Was brauchen wir eigentlich auch diese Rudelbildung, diesen Schweißaustausch, dieses Gefeiere immer nach der 80-Stunden-Woche. Lieber arbeiten wir gar nicht erst. Dann müssen wir uns auch keine Sorgen mehr um unser Bruttosozialprodukt machen. Und um den Exportstandort Deutschland. Und wir müssen zum Ausgleich nicht mehr so hart feiern. Und keine Drogen mehr nehmen. Und auch keinen zeitfressenden Hobbies mehr nachgehen. Und uns keine neuen Klamotten mehr kaufen, weil außer beim Spazierengehen oder Einkaufen sieht uns ja niemand. Und uns auch nicht mehr schämen beim Fliegen, weil das ja gar nicht mehr geht.

Und die Kinder müssen nicht mehr in den Kindergarten gehen, weil wir ja nicht mehr so oft zur Arbeit müssen und auch nicht mehr so viel Schlaf brauchen. Wir können aber trotzdem ausschlafen, weil auch die Kinder liebend gerne bis 10 Uhr im Schlafanzug rumgammeln, bevor sie sich gegen halb 11 das erste Nutellabrot des Tages mit viel Röstzwiebeln schmieren.

Heute sind es 66.718 Infizierte in Deutschland, 13.500 sind wieder gesund und 645 sind gestorben.

Coronatagebuch Tag #17

Als ich heute zum ersten Mal blinzele, ist es schon fast 12 Uhr. Eingedenk der Zeitumstellung (dieses Jahr hätte man das aber wirklich mal lassen können!) und der Zeitverschiebung, die wir in den letzten zwei Wochen schon praktizieren, ist es aber erst 8 Uhr, beruhige ich mich.

Heute wird Wäsche zusammengelegt, gebadet, Haare gewaschen, lecker gekocht und Minecraft gespielt. Ich fange mit GRM an. Das Neinhorn haben wir schon zwei Mal gelesen. Wir haben uns eine ANTIlope und einen HAUwurf ausgedacht.

Heute ist auch ein wenig Zeit für Fakten. Die sind sehr beliebt derzeit und überall zu haben (so lese ich jeden Abend im Worldometer, wie viele Infizierte es wieder gibt), dabei sind und bleiben die Zahlen aber ziemlich umwölkt, wenn man mal genauer hinsieht.

Zahlen, Zahlen, Zahlen

Denn: viele Infizierte erhält man, wenn Mediziner und Politiker monatelang nicht reagieren und die Bevölkerung erst spät oder spärlich auf das Virus testen (wie mutmaßlich in Italien geschehen). Das führt aber zu einer verzerrten Aussagekraft. Fängt man erst spät an zu testen, erhält man insgesamt weniger Zahlen. Testet man überhaupt nur spärlich, erhält man ebenfalls insgesamt weniger Zahlen. Schlussendlich aussagekräftig erscheint da nur die Zahl der Todesfälle. Die liegt dann aber im Vergleich zu den vielen nie getesteten (und wieder gesundeten) Infizierten viel zu hoch.

Aber sogar um die Aussagekraft der Todesfälle wird gestritten. So macht es einen Unterschied, ob man ein schwer lungenerkranktes COVID-19-Opfer beerdigt. Oder jemanden, der aufgrund eines Herzinfarkts oder einer anderen Krankheit gestorben ist und bei dem nun posthum oder aus Routine auf COVID-19 getestet wird. Der erste Fall war bereits während seiner Erkrankung Teil der offiziell Infizierten. Der zweite Fall nicht.

In jedem Land wird anders schnell, anders gründlich getestet. Keiner kann etwas Belastbares dazu sagen, wie viel Prozent z.B. der Deutschen schon getestet wurden. Weil sich nur Leute mit Symptomen UND mit Kontakt zu einem bereits Infizierten testen lassen dürfen, die Krankheit aber häufig gar keine Symptome produziert, man logischerweise auch keinen Infizierten kennen muss, um die Krankheit selbst zu bekommen, ergibt das ein verzerrtes Ergebnis. Wenn sich wenige Prominente wie Merkel zur Sicherheit mehrmals testen lassen dürfen, obwohl sie keine Symptome haben, ergibt das ein verzerrtes Ergebnis. Wenn manche Länder beschließen, sie zählen einfach alle ausgeteilten oder in Laboren untersuchten Tests zusammen, andere aber beschließen, sie zählen nur die positiven Tests, ergibt das ein verzerrtes Ergebnis.

Einmal Lockdown, immer Lockdown

Noch mehr Stoff für einen Sonntag liefert folgende Überlegung:

Die meisten betroffenen Länder Europas, so auch Deutschland, haben sich für ein Szenario entschieden, bei dem sich möglichst wenig Personen anstecken sollen. Bestenfalls sind wir wie China nach ca. 3 Monaten wieder bei fast null Neuinfizierten pro Tag. China kann diese Zahl aber nur halten, indem es seine Grenzen geschlossen lässt. (Wenn die Zahlen stimmen, aber mit Zahlen hatten wir es ja bereits.)

Auch wenn eine Ansteckung so gut wie aller Menschen nicht vermieden werden kann (davon ist derzeit auszugehen), so sollen diese Ansteckungen doch über einen möglichst langen Zeitraum gestreckt werden. Hintergrund ist die Entlastung der Krankenhäuser. Wenn alle nacheinander krank sind, bleibt mehr Kapazität, um Schwerkranken zu helfen.

Das Ganze ist also in erster Linie ein Spiel mit der Zeit. Indem alles (Wirtschaft, Bildung, Kultur, Sport, Familie, Freundschaft) über einen bestimmten Zeitraum einfach angehalten wird, wird auch das Virus angehalten.

Deutschland hat sich also, wie viele andere Länder, auf das Null-Ansteckungs-Spiel geeinigt.

Spielen wir dieses Gedankenspiel weiter (ja, es ist ein Spiel, denn vieles ist Spekulation): nach wenigen Wochen stecken sich schon deutlich weniger Menschen an. Das Leben wird langsam wieder hochgefahren. Bestimmte Bereiche wird man aber niemals über viele Monate oder Jahre nicht wieder öffnen können, bevor es keinen Impfstoff gibt. Denn große Teile der Bevölkerung haben das Virus ja gar nicht gehabt und sind nicht immun dagegen geworden. Sie gefährden noch immer vor allem die Risikogruppe (Menschen mit Vorerkrankungen und alte Menschen). Diese Risikogruppe müsste also über einen viel längeren Zeitraum effizient vom Miteinander ausgeschlossen werden. So lange, bis ein Impfstoff gefunden wird, oder mindestens bis zu dem Zeitpunkt, an dem Tests auf Antikörper an der Tagesordnung sind. So einen Test müsste dann medizinisches Personal/ Pflegepersonal zwingend vornehmen, bevor es überhaupt zur Arbeit gehen darf. Vielleicht dürfen auch nur diejeningen Kinder wieder in Schule und Kindergarten, die nachweislich Antikörper gegen das Virus haben (vergleichbar mit der neuen Masern-Impfpflicht, die seit dem 1. März gilt).

Auch die Grenzen werden über einen langen Zeitraum noch stark kontrolliert werden, selbst nachdem die Gefahr lange gebannt scheint. Denn jeder Staat zeigt ja jetzt schon mit dem Finger auf alle anderen Staaten, lauthals verkündend: DA wurden aber viel zu spät Maßnahmen ergriffen, DIE haben ja gar nicht richtig gezählt, DORT wird sich nicht an dieselben Regeln gehalten wie bei uns!

Ärmere Staaten bzw. Gegenden mit geringer medizinischer Versorgung werden gar keine Maßnahmen für eine verlangsamte Ansteckung treffen können. Man kann also davon ausgehen, dass dort im Schnitt mehr Menschen an COVID-19 sterben – aber die Bevölkerung auch schneller dagegen immun wird. Aber sterben dort die Menschen nicht auch an Malaria, Cholera, Schwindsucht? Wer führt zuverlässig Buch über die jeweilige Todesursache, um den Verlauf wirklich (prozentual bereinigt) mit z.B. europäischen Verhältnissen vergleichen zu können?

Kurz: die Grenzen werden zu bleiben, Schengen wird noch lange außer Kraft sein, und selbst wenn die Freizügigkeit der EU-Bürger innerhalb der EU nach zahlreichen Auflagen und Bedingungn wieder garantiert ist, werden wir noch lange Zeit, Jahre womöglich, die Grenzen nach außen geschlossen halten. Menschenmassen, die an den Grenzzäunen der EU Einlass begehren, werden der Vergangenheit angehören.

Denn überall auf der Welt wird das Virus zu einem anderen Zeitpunkt auftreten. Wir sind womöglich bereits über dem Zenit, in Amerika geht es gerade erst los. Ist Amerika durch, sind Australien und Afrika dran. Glaubt man, aufatmen zu können, geht die zweite Welle in China wieder los.

Wenn kein Impfstoff gefunden werden kann (und es gibt für viele bekannte Krankheiten keinen Impfstoff, s. Malaria – 500.000 Neuerkrankungen und 1 Million Tote weltweit jährlich oder AIDS – insgesamt 770 000 Tote weltweit 2018 oder Tuberkulose „Drei Tote pro Minute“), man das Nullsummenspiel aber auch nicht aufgeben möchte, wegen dem Legitimationsproblem, trifft uns die zweite Welle genauso hart wie die erste.

Wir wären zwar katastrophenschutztechnisch vorbildlich vorbereitet, weil wir Corona ständig auf dem Radar haben und beim zweiten Mal auch genügend Schutz- und Beatmungsmaterial zur Verfügung hätten. Aber es gäbe immer noch nicht genügend Antikörper in der Bevölkerung. Somit können die strengen Regelungen, wie sie aktuell gelten, immer nur zeitweise außer Kraft gesetzt werden.

Die folgenden Jahre sähen dann so aus: Drei Monate alles dicht, drei Monate Übergangszeit, sechs Monate alles wieder normal außer dem Grenzverkehr, drei Monate alles dicht…

Oder wir lassen es.

Heute sind es 62.095 Infizierte in Deutschland, 9.211 sind wieder gesund und 525 sind gestorben. Weltweit sind es 718.116 Fälle und 33.887 Tote innerhalb von etwa 4 Monaten.

Quelle