Wonach der August riecht

Der August riecht nach Zelt und nach Schlafsackschweiß. Der August riecht nach in der Salami, in der Sonne heißgekocht. Der August riecht nach vertrocknetem Gras und nach vergilbten Maispflanzen die mit ihren Füßen im Staub stehen.

Der August riecht nach der Wärme der Holzkabinen, in denen man auf Komposttoiletten sitzt.

Der August riecht nach Waldbrandstufe 5 und nach beschlagnahmten Gaskochern. Der August riecht nach Eichen, die vor Früchten starren, aber nur ganz selten macht es Plopp und eine Eichel landet im flachen Ufer des Sees.

Öfters macht es Knack und ein ganzer Ast kommt runter, deshalb am grünen Parkeingang die Warnung: Aufgrund der großen Trockenheit kann es bei Altbäumen zu Starkastabbrüchen kommen.

Der August riecht nach Sand und Seemodder und nach Sonnencreme in aufgewärmten Gewässern. Er riecht nach überhitzten Schwimmflügeln an kalten Ärmchen, nach Plastiktüten, aus denen man das Plastiksandspielzeug in den Sand kippt.

Der August riecht nach Pommes und Knackwurst mit Wespen und obendrauf Ketchup. Der August riecht nach Gurkenlake und nach frischgebackenem Kuchen und Pumpkannenkaffee für die frißchgeföhnten Eltern der frischgeföhnten Brandenburger Erstklässler.

Der August riecht nach Parkplatzstaub mit Kronkorken und nach der Süße der Mülleimer. Er riecht nach Nudelwasser und Wohnmobilklo. Er riecht nach Plastikbecherkaffee, den wir auf dem Spielplatz und am Seeufer trinken.

Und der August riecht nach der Kernseife, mit der abends die Kinderhände geschrubbt werden, während Hals, Zähne, Ohren und Zehen langsam eingrauen dürfen.

Mehr Beiträge zu „Wie der August riecht“ gibt es bei der Goldenen Bloggerin Fräulein ReadOn.

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Das Dorf meiner Träume

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Einmal im Jahr fährt die Landfamilie zu ihrem kleinen Lieblingsfestival. Das muss so sein.

Das Leben in der Festival-Blase ist anstrengend. Man muss Wasser über weite Strecken tragen, man verbrennt in der Sonne, man will einmal in 48 Stunden duschen und dann geht das Wasser nicht, oder man will seine Lieblingsband hören, für die man immerhin rund 300 Kilometer gefahren ist, und dann will stattdessen das Lieblingskind mit einem in einen kleinen Wald laufen und dort Wolf spielen.

Gleichzeitig ist das Leben in der Festival-Blase heiter, lebendig und intensiv, und das so sehr, dass man sicher ist, den Moment eingefangen zu haben und es niemals wieder aufhören wird. Man ist sich so sicher.

Umarmungen, pseudosportliche Spiele bei hohen Temperaturen, Kuscheln auf orientalischen Teppichen. Gebete, laut ausgesprochene Gedanken, Blicke, Knicklichter. Fremde Menschen, die schnarchen oder ihre Kinder fragen: „Hast du A-a gemacht?“, Fremde, die sich zu deinen Freunden erklären und dir deine Füße waschen wollen oder Zeitschriftenabos verkaufen. Und Sanitäter, die den hingefallenen Kindern saure Würmer schenken anstatt sie zum Röntgen ins Krankenhaus zu fahren und das hilft wirklich.

Das ist die Realität, nach der ich 361 Tage im Jahr suche.

361 Tage, an denen ich träume, unser Dorf wäre so ein Festival.

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Wir haben nachts ganz gut oder auch gar nicht geschlafen.

Die Wärme treibt uns aus unseren Häusern. Wir sehen strubbelig aus, gähnen, nicken uns zu. Die Kinder rennen über den Platz, in den Sachen, die sie gestern schon anhatten. Die ersten Gaskocher zischen.

Ich stehe mit meinen Nachbarn an der Dorftoilette an und putze mir schnell die Zähne. Wasser läuft aus dem Schlauch. Ich frage eine Nachbarin, wie es gestern Abend so war. Ein Nachbar schlägt vor, zum Frühstücken zu dem leckeren örtlichen Frühstücksclub zu gehen. Ich sage zu.

Wir frühstücken, obwohl es schon 10 Uhr ist. Wir sind ungekämmt, haben wenig an und genießen es. Die Kinder rennen herum und klettern auf die Skulpturen, mit denen unser ganzes Dorf geschmückt ist. Einhörner und Hexenhäuschen aus Holz, Windspiele aus Metall, Spiegel. Ständig wird gesägt und gebaut. Der Spielplatz für Erwachsene erhält heute eine neue Hollywoodschaukel, einfach nur weil jemand Lust hatte, sowas zu bauen. Ob wir da mal vorbeischauen sollen?

Vereine, Kirchen und der Kindergarten sind offen für alle. Undurchsichtige Mitgliedschaften oder geheime Treffen zu geheimen Uhrzeiten gibt es nicht. Man findet alle öffentlichen Gebäude leicht, wenn man den Holzschildern folgt.

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Im Kindergarten kann man kommen und gehen wann und wie man will. Die Kinder spielen mit was und wie lange sie möchten. Die Hälfte der Erzieherinnen sind Männer.

Die Kirche hat offene Wände, die mit Stoffbahnen aus Ballonseide verhangen sind. Zu bestimmten Uhrzeiten ist die Kirche brechend voll, und das mehrmals am Tag und sogar mitten in der Nacht. Dann hört man das Singen, Beten und manchmal auch das Weinen durchs halbe Dorf. Ein paar Erschöpfte, oder welche, die keinen Platz mehr gefunden haben, sitzen rund um die Kirche, trinken Bier und warten auf eine Erkenntnis.

Mittags stelle ich mich zusammen mit einer Nachbarin und ihren Kindern bei einem der zahlreichen Cafés und Imbissen im Dorf an. Einige brutzeln das Essen auf Grills oder in halboffenen Wagen auf der Straße. Es ist immer köstlich. Wir müssen das Essen bezahlen, aber das ist es uns wert. Schließlich verbringen wir durch das Essen im Freien Zeit miteinander, und Zeit ist kostbar. Sie geht und kommt niemals wieder.

Wir lernen uns beim Essen besser kennen, wir schmieden gemeinsam Pläne, für den Tag oder fürs ganze restliche Leben. Wie absurd die Vorstellung, dass jeder im Dorf um dieselbe Uhrzeit in sein eigenes Haus gehen sollte, wo dann alle zeitgleich die Gas- oder Stromzufuhr anwerfen um an hundert verschiedenen Stellen gleichzeitg Essen warmzumachen, das sie nur mit ihrer engsten Familie teilen. Die Kinder wollen doch sowieso nie am Tisch sitzenbleiben und träumen schon nach dem ersten Bissen wieder vom Herumtoben und Umherstreunen. Völlig absurd!

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Nachmittags, wenn es am heißesten ist, ist es für die Müdesten unter uns Zeit, sich schlafen zu legen. Sie legen sich auf Bänke, auf Decken, mitten auf der Wiese. Süß sehen sie aus, eingekuschelt oder alle Viere von sich streckend. Andere gehen zu einem Seminar oder einer Sportstunde oder zu einem Bastelworkshop, je nachdem, was in der Nachbarschaft heute so angeboten wird.

Die größeren Kinder versammeln sich in der Ecke des Dorfes, wo sie sich unter der Anleitung der Junggebliebenen mit Skateboard, Baumklettern und Stöcke-Weitwurf beschäftigen, Grafittis sprayen, auf Instrumente eindreschen oder weiter an einer Geisterbahn bauen.

Die Eltern von Babys und Kleinkindern erkennt man an ihren vielen verschiedenen Tragevorrichtungen und Arten, Kinder in Wagen, Buggys, Bollerwagen, Fahrradanhängern und Trolleys vor sich herzuschieben. Väter tragen und schieben ihre Kleinen genauso häufig wie Mütter. Sie tragen und schaukeln die Kleinen in den Schlaf, während die Mütter seufzend ihre Füße im Planschbecken kühlen.

Wenn der Abend naht, erwacht das Dorf aus seiner Lethargie. Die Kinder bilden Banden und flitzen im Düsteren herum, als gäbe es kein Morgen. Die Erwachsenen überlegen, wieviel Bier sie wohl vertragen. Manche flirten. Manche streiten. Manche waschen ihr Geschirr oder stellen sich unter die Dusche. Man sieht und hört alles.

Abends und nachts läuft in den verschiedenen Gärten unterschiedliche Musik. Man kann zu Nachbar A gehen, bekommt dort für ein wenig Geld Pfannkuchen und die besten Surfhits. Im Garten von Nachbar B wechseln sich Sänger an der Gitarre ab, währenddessen kann man sich Zöpfe flechten lassen oder oder ein Bild malen. Bei Nachbar C gibt es Bier, Geschrei und Gestampfe zu bestem Metal. Und dann gibt es noch den Park, in dem elektronische Musik aus den Bäumen perlt, Cocktails fließen und Leute aller Altersstufen sich im Takt wiegen, bis der Morgen graut.

Das ist das Dorf meiner Träume. An 361 Tagen im Jahr.

Unser Kiez. Oder: Unser Dorf und wir

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Wenn ich meinen Sohn in den Kindergarten bringe, muss ich einmal quer durch den Kiez. Ne, Spaß. Wenn ich meinen Sohn in den Kindergarten bringe, und es ist einer der seltenen Tage, an denen mir die vielen Steigungen nichts ausmachen und an denen es nicht regnet, dann fahre ich mit dem Fahrrad durch unser wunderschönes Dorf.

Zuerst kommen wir durchs Sägewerk. Das ist für kleine Kinder eine Attraktion, aber nicht nur für die. Auch wir Großen staunen, wenn wir den Forwarder auf Schienen hin- und hergleiten sehen, geräuschlos fast, hörbar nur das Poltern der ganzen Stämme, die er hin- und herwirft. Jeden Werktag, von halb 7 bis 18 Uhr oder später gleitet der Riese hin und her, im Dunkeln ausgestattet mit hellen Scheinwerfern.

Wir fahren quer durch das Sägewerk, weichen den Seitenstaplern aus, den Schlange stehenden Lkw aus aller Welt und dem Radlader, der so riesengroß ist, dass er ein ganzes Wohnzimmer wegschieben könnte. Das macht er aber nicht, sondern er schaufelt täglich Berge von Sägespänen in Lkw hinein, die brummend und schnaufend damit talabwärts verschwinden.

Dann fahren wir an der Wiese mit den Kühen vorbei. Zwei Kühe sind es. Immer. Bis auf die wenigen Tage, an denen sie nicht zu sehen sind. Dann sagt mein Sohn: „Die Kühe sind im Stall“, und die Welt ist für ihn in Ordnung. Manchmal sehen wir weiter weg auch zwei Pferde.

Im Winter ist die Wiese überschwemmt. Sie kann Teil eines Flussbetts werden. Im Sommer macht die Familie Z. dort Heu, mit unterschiedlichen kleineren Maschinen und einer Heugabel.

Dann kommen wir an den zwei Schweinen vorbei. Ich weiß gar nicht, zu wem sie gehören. Vielleicht gehören sie zu dem betreuten Wohnen, einem Haus mit stillen Bewohnern, die manchmal laut Musik hören, und die auch Enten, Hühner und Hasen besitzen. Die Schweine sind schonmal ausgebüxt. Auch die Pferde. Und auch die Ziegen, eine ganze Herde. Aber ich schweife ab.

Nach den Schweinen fahre ich einen Fußweg entlang, der eigentlich zu schmal ist für mein Fahrrad und komme zu den Gasthäusern. Es sind zwei, beide sind nicht mehr in Betrieb. Das eine ist ochsenblutrot gestrichen und steht in einem alten Obstgarten. Fast könnte es die Villa Kunterbunt sein, wenn darin nicht ein Paar seine alten Tage verlebte.

Das andere Gasthaus ist größer und hässlicher, bietet aber Potenzial für alles Mögliche, finde ich. Daher war es auch bei Immoscout so schnell weg, als Schnäppchen. Kurze Zeit später wurde das leerstehende Gebäude mit Benzin übergossen und angezündet, der Brand konnte aber so schnell gestoppt werden, dass man dem Gebäude von außen nichts ansieht.

Damals, an der Jahreswende 2015/16, Flüchtlingswelle und so, da hätte ich das mehr als fahrlässige Zündeln sofort in Richtung „rechte Gewalt“ geschoben. Denn der alte Gasthof stand im Gespräch, ein Heim für Flüchtlinge zu werden. Um herauszufinden, was der Grund für die (versuchte) Brandstiftung nun war, müsste ich vermutlich eine Sage schreiben. Eine Schwarzwaldsage, bei der sich alle gruseln, die aber alles erklärt.

Dann kommt der Bahnübergang und dann die Holzbrücke über den Fluss. Das ist meine Lieblingsstelle. Im Sommer feiern wir auf der Brücke. Ich weiß zwar nicht so genau wieso, aber es gibt Wurst und Bier und es gibt Feuerwehrleute, die braten und ausschenken. Es gibt auch Blasmusik, es gibt Kuchen, es gibt ein Feuerwehrfahrzeug, das mit den Kindern Runden fährt. Die Kinder stehen mit den nackten Beinen im Fluss, und die Großen sitzen auf derselben Bierbank wie im Jahr davor, mit denselben Bekannten am Tisch, so als wäre zwischen dem letzten Sommer nicht ein Jahr sondern nur eine Stunde vergangen.

An den weniger heißen Tagen stehen die Fliegenfischer ganz in schwarzen Gummisachen im Fluss und fangen Forellen. Jetzt im Winter ist der Fluss ein Gebräu, das Äste und Einkaufswagen ablädt.

In der Adventsszeit führt auch der Adventsweg über die Brücke, die zwei Teile eines Dorfes oder zwei Teil-Dörfer miteinander verbindet. Dann sind an allen Pfosten Zweige festgemacht, überall flackern Teelichter und Kunstbelichtung, und alle haben es schön, oder wollen es zumindest schön haben.

Ich überquere die Bundesstraße und komme noch an drei Häusern vorbei, bevor der Weg abbiegt hinauf zur Kirche, neben der unser Kindergarten steht. Das letzte Haus am Waldrand zieht stets meinen Blick auf sich, denn einmal ganz rundherum türmen sich – Dinge. Autoreifen, Spielzeug, Bücher, Gartengeräte, Teile für irgendwas, Krims und Krams. Es sind Türme, ganze Städte.

Das erinnert mich immer an eine Nachbarin in meiner ehemaligen Heimatstadt, die sich nicht trennen konnte, oder zumindest: die nichts wegwerfen konnte. Alles, alles was sie auf Flohmärkten geschenkt bekam, stellte sie in den Vorgarten ihres Mietshauses, ausdrücklich zum Wegnehmen. Das waren meist alte Bücher und Keramik. Aber immer mal wieder waren auch Kindersitze, Hochstühle, Babybadewannen und größere Spielzeuge mit dabei. Das rissen wir Neu-Eltern natürlich an uns, versteht sich.

Jetzt biege ich ab, Wald rechts, Fluss links, und fahre hinauf zur Kirche, die meinen Kindern viel Begeisterung entlockt. Sie wird liebevoll „Ding-Dong“ genannt. Da sie an den Kindergarten angrenzt, läutet sie hier immer besonders LAUT. Dann heißt es „DING-DONG!!!“ (gebrüllt).

Ja, bei uns ist was los.

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Ich freue mich, dass dieser Beitrag teilnehmen durfte in der Reihe #kiezmitkind bei Mami Rocks. Hier geht der Artikel, wie er bei Mami Rocks erschienen ist: http://mamirocks.com/leben-mit-kindern-im-schwarzwald-oder-mein-dorf-und-ich/

Ich platze mitten hinein

Wenn ich mich ins Auto setze und nach zwei Stunden Fahrt in meiner ehemaligen Welt wieder auftauche, ist zwar vieles unwirklicher, ungreifbarer geworden. Ich wundere mich dann darüber, wie viele Kinder es gibt. Die, die keins hatten, haben nun eins, die die eins hatten, haben nun zwei, und so fort. Ich hab keine Ahnung zumeist, wie die Kinder heißen. Die sind alle klein und laufen so kreuz und quer.

Auch die Realität der Erwachsenen ist schwammig geworden. Ich bekomme sie nicht mehr haargenau mit, die Jobwechsel und die Geldsorgen, die Urlaubspläne und Partyvorbereitungen.

Ich platze nach zwei Stunden Fahrt mitten in etwas hinein und muss erstmal aufs Klo, anstatt vorher schon mitgefiebert oder mitgeplant zu haben. Ich stehe einfach nur da, während die anderen schnelle Entscheidungen treffen, kochen, auftischen, herumwerkeln, losmüssen, wiederkommen. Das lässt mich ein bisschen langsam wirken. Vielleicht bin ich aber sowieso langsamer geworden.

Aber etwas ist gleich geblieben: Ich kann reden. Mit vielen. Über sehr Unterschiedliches. Zu allen Gesprächen bleibt mir ein Bild im Kopf zurück, das mir diesen Gesprächspartner in seiner Welt zeigt und der sich sofort untrennbar mit dem Namen dieses Menschen verknüpft, selbst wenn ich diesen Menschen auf meinem Besuch bei Freunden gerade erst kennengelernt habe.

„Ich bin so ein Barista-Typ“, sagt mir eine junge Frau mit dem Namen S., und obwohl ich noch nie in dem Café war, in dem sie bedient, denn es hat nach meiner Zeit aufgemacht, kann ich mir (vielleicht dank den Instagram-Bildern meiner Freunde) vorstellen, wie sie dort steht. Ihren Namen und ihr Gesicht vergesse ich nicht.

„Meine Eltern haben viele Kinder in die Welt gesetzt“, erzählt mir jemand namens A., den ich ebenfalls noch nie zuvor gesehen habe, aber mir sagt der Name seines Stadtteils was, und wie seine Eltern auf der Etage eines Hochhauses drei Wohnungen zu einer zusammengelegt haben, kann ich mir lebhaft vorstellen. Auch diesen Menschen vergesse ich nicht.

Manche erzählen mir, was ihre Airbnb-Vermietungen so machen. Andere sind sehr müde, weil sie gerade um den halben Erdball geflogen sind oder die ganze Nacht lang gebacken oder genetflixt haben. Aber egal, wie der Status gerade ist, wir verknüpfen die losen Fäden sofort wieder zu einem Gespräch, das dort weitergeht, wo es vor einigen Monaten, beim letzten Besuch, oder zwischen Facebook und Instagram, verlorenging.

Schwierig wird es eigentlich nur mit den ganz wenigen Menschen, die mir sehr, wirklich sehr viel bedeuten. Stehen wir plötzlich voreinander, nach Monaten der Funkstille (es gibt zwar Facebook, Twitter, WhatsApp, aber was die da schreiben, bleibt dennoch immer seltsam entfernt), fällt mir nicht ein, an was ich anknüpfen könnte. Und ich merke, diesen Menschen geht es ebenso – ich weiß aber nicht, ob das an meiner Unsicherheit liegt, die sich auf sie überträgt, oder ob sie vielleicht zuerst unsicher waren, bevor ich es wurde, oder ob es etwas Allgemeineres ist.

Zu viel steht zwischen uns. Zu viel des „was machst du jetzt, wie geht es dir jetzt“, was man aber lieber nicht fragen möchte, da es, egal wie man fragt, immer zu abgedroschen klingt. Und man will es doch in den wenigen Minuten, die man sich sieht, schön zusammen haben. Man will die Freundschaft feiern, den Augenblick, und nicht die Statistik zwischen dem letzten und dem heutigen Treffen akribisch aufarbeiten. Es muss ästhetisch werden, Ästhetik und gestillte Sehnsucht und Aha-Momente um jeden Preis.

Dann hilft nur Alkohol, um so etwas wie zu den alten Zeiten zurückkehren zu können. Zu den Zeiten, in denen wir gemeinsam lachten, weinten, stritten, arbeiteten, beteten und faulenzten und Quatsch-Videos guckten.

Manchmal wünsche ich mir, diese Freundschaft(en) nicht mehr immer wieder neu einfädeln und halten, überdenken und stilisieren, überwachen und weglachen, heimlich überhöhen, öffentlich aber als selbstverständlich darstellen zu müssen. Ich möchte die Dinge nicht mehr in der Hand haben. Ich will, dass jemand anderes den Roman schreibt, in dem ich nur vorkomme. Egal, was mit mir passiert. Egal.

Was machst du eigentlich den ganzen Tag? Ein 5. Januar im Schwarzwald #wmdedgt

 

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Die erste Januarwoche ist wie alle ersten Januarwochen. Die Weihnachtsferien sind irgendwie schon zu lang. Irgendwie haben alle Grippe. Der Dezember-Schnee ist verschwunden. Stattdessen hat es die letzten Tage so heftig geregnet, dass es tagsüber gar nicht mehr richtig hell wurde. Heute ist der erste glasklare Tag seit Jahresbeginn.

Das Ergebnis des Regens kam heute Nacht, als unser Dorf vom Rest der Welt abgeschnitten war wegen eines tobenden Bachs. Meine Familie, die einkaufs- und arztterminhalber am Nachmittag mehrere hundert Kilometer zurückgelegt hatte, musste das Auto unten stehen lassen und zu Fuß über den Bahndamm waten, wo sie dann bei Freunden klingelten und in einem VW-Bus sicher nach Hause gebracht wurde.

Das Wasser wollte ich mir heute Früh aus der Nähe ansehen, aber es sah schon wieder recht friedlich aus, siehe Bild. Ich hatte mir meinen Sohn geschnappt, um runter zum geparkten Auto zu laufen. Irgendwie machen wir das diesen Winter öfters. Zweimal mussten wir das Auto schon wegen dichtem Schneefall und Glätte unten im Dorf stehenlassen.

Wir fanden das Auto wieder, das trocken geblieben war, und auch gar nicht abgeschlossen (pssst!), stiegen ein und fuhren in den nächsten und in den übernächsten Ort. Supermarkt, dm, Paketabgabestelle, Apotheke, Bäcker. Erst ganz am Schluss fiel mir ein, dass heute der letzte Tag vor zwei Feiertagen ist. Aber ich hatte nicht die geringste Lust, nochmal eine Runde durch die Läden zu machen und beschloss, dass des Einkaufens nun genug sein sollte.

Nachmittags spielten wir Pferd, Eisenbahn, Puppe, verschiedene Gesellschaftsspiele ab 2, und ich las etwas vor. Vorlesen macht mich sehr müde, wenn die Kinder dabei wild durcheinandergreifen, -rufen und -fallen, aber trotzdem unbedingt vorgelesen bekommen wollen. Es macht mich sehr, sehr, sehr müde. Die beiden Kleinen husten außerdem seit einer Woche um die Wette, haben Durchfall und leiden unter Stimmungsschwankungen. Mittlerweile fühle ich mich selbst von dem Virus lahmgelegt. Aber ich muss ja weiterlaufen. Habe gestern Nachmittag schon im Bett gelegen, und ein Nachmittag muss ja reichen, um krank zu sein.

Abends schreibe ich noch ein paar Termine für Januar und Februar in meinen Terminkalender. Es sind alles Termine, die sich um das älteste Kind drehen. Bei uns im Tal ist es üblich, dass die Eltern die Gruppen-Freizeitaktivitäten der Kinder – ob dorfintern oder dorfübergreifend – selber durchführen. Wenn man will, dass sein Kind irgendwo dabei ist, wo auch andere Kinder sind, muss man also selbst etwas auf die Beine stellen. In der Regel bekommt man Unterstützung von der Kirche oder vom Sportverein, die die Örtlichkeit und die Rahmenbedingungen stellen. Den kirchlichen Unterricht (zum Beispiel Jungschar) oder das Fußball-Training führen dann aber die Eltern durch. Wer nicht direkt eine Gruppe leitet, sollte sich ab und zu wenigstens um das leibliche Wohl kümmern. Mein Terminkalender füllt sich also mal wieder schnell mit Hinweisen wie „heute für 12 Leute backen!“, „heute 2 Euro mitgeben!“, „kleines Theaterstück einstudieren!“.

Die Maus hat sich heute schon wieder nicht fangen lassen. Seit drei Tagen lebt sie im oberen Klo, das wir seither nicht mehr betreten, ignoriert alle aufgestellten Fallen und zerfetzt Klopapier und Handtücher. So richtige Frotteehandtücher. Irgendwann gräbt sie noch ein Loch in die Fliesen, male ich mir gerade aus…

Was machst du eigentlich den ganzen Tag? aka #wmdedgt ist eine Aktion von Frau Brüllen. Wer noch mehr Blogs über den 5. Januar lesen will, der klicke hier: http://bruellen.blogspot.de/2018/01/wmdedgt-0118.html

Ich lese mich jetzt ein bisschen durch die Blogs und gehe dann schlafen. Und ihr so?

Lieber guter Weihnachtsmann. Nimm dich unserer Sachen an

Vor zwei Wochen haben meine Kinder ein Spiel gespielt, das sie bisher täglich gespielt haben. Sie haben eine Spielzeugkiste nach der anderen aus dem Regal genommen, ausgeleert und das Ausgeleerte dort liegengelassen, wo es gerade hingekippt worden war. Dann haben sie die Verkleidungen, das Arztzubehör, Teile der Holzeisenbahn, die Duplo-Steine, Buntstifte und Bücher ein klein wenig verstreut, sodass sie zwar nicht zu weit auseinanderlagen, aber gerade so weit voneinander entfernt, dass das Zusammensammeln über eine halbe Stunde in Anspruch genommen hätte.

Früher habe ich immer die beiden Kleinen (die die Hauptverursacher sind, nehme ich an) zum Mitaufräumen animiert. Früher, da hätten wir wohl eine Stunde lang gemeinsam aufgeräumt und uns dabei gestritten, wer schuld ist an der ganzen saudummen Aufräumerei.

Darauf habe ich jetzt keine Lust mehr. Also habe ich einen Wäschekorb genommen und alles, was auf dem Boden lag, da reingelegt. Das einzige Kriterium, um in den Wäschekorb zu kommen, war „es liegt auf dem Boden“.

Dann stand der Wäschekorb ungefähr eine Woche lang draußen auf dem Balkon. Der Wäschekorb stand in Sichtweite für alle. Am ersten Morgen dachte ich noch blauäugig, dass jetzt gleich die Forderungen kämen. „Mama, ich will mit der Eisenbahn spielen, ich will den Helm aus der Kiste da haben, warum sind meine Duplosteine da draußen?“ oder so ähnlich. Aber nichts dergleichen geschah.

Ein bisschen vorwurfsvoll stand der Wäschekorb da draußen herum, aber das bemerkte nur ich. Ich versuchte meinen Kindern zunächst noch ein schlechtes Gewissen zu machen mit Sätzen wie „Das steht jetzt alles da draußen, weil ihr nicht aufgeräumt habt. Und jetzt kriegt ihr das nicht wieder“.

Sie nickten nur und liefen ins Kinderzimmer. Dass dort die Hälfte fehlte, fiel ihnen gar nicht auf. Ihnen fielen sogar neue Spiele ein. Zum Beispiel war in der Kiste mit dem Holzspielzeug nur noch der Bodensatz übrig. Eines der Kinder kippte auch den aus, machte einen schönen kreisrunden Haufen und tat so, als würde es ihn anzünden: „Lagerfeuer“.

Als das Spiel vorbei war, weigerte ich mich, auch diesen, zugegeben kleinen, Spielzeugberg aufzuräumen. Das Lagerfeuer wurde durch die Füße der Hindurchlaufenden immer weiter auseinandergeschoben. Bald waren alle Steine hinter die Betten und Regale getreten. Der Vorgang nahm zwar zwei Tage in Anspruch, hatte aber den großen Vorteil, dass niemand aufräumen musste.

Das nächste Spiel hieß: „Mama, du bist ein Kuchen. Leg dich mal auf den Boden.“ Ich lege mich hin. Rührbewegungen über meinem Bauch. „So jetzt bist du tot.“ Biss ins Knie. Danach durfte das Kind auch mal ein Kuchen sein. Ich dekorierte es mit Mandarinenspalten, was total praktisch war, denn die aßen wir am Ende des Spiels auf. Danach standen wir selbst vom Boden auf, und so mussten wir nichts aufräumen.

P.S.

Wegen des schlechten Wetters haben wir den Wäschekorb doch wieder reingeholt und ganz ans Ende vom Flur geschoben. Die Kinder können in den ausrangierten Dingen keine sinnvollen Spielzeuge mehr erkennen (haben sie ja aber vorher auch nicht). Sie haben angefangen, ein Utensil nach dem anderen aus dem Korb zu reißen und auf den Boden zu werfen und mit Kickbewegungen durcheinanderzumischen.

Da habe ich den Korb in den Wäscheraum geschoben und die Tür zugemacht.

Wenn heute Nacht der Nikolaus kommt, soll er bittebitte den Korb einfach mitnehmen.

Kitas und Kindis. Oder: Fischstäbchen vs. Waffeln. Achtung Klischeewarnung

Wenn ich über Kindergartenplätzemangel, Kindergartenmittagessen und Kindergartenöffnungszeiten lese, also in den Medien oder auf Blogs, dann wird dieses lange Wort K-I-N-D-E-R-G-A-R-T-E-N meist so abgekürzt: Kita.

Die Kitas

Kitas haben endlose Fluren mit einer unendlichen Anzahl an Haken. Kitas riechen nach Kartoffelbrei- und Fischstäbchen-Dunst. In Kitas treffen die Eltern, die sich mit dem Fahrradanhänger durch den Morgenverkehr gequält haben und nach der Kinderabgabe schnell wieder gehen müssen, nur für ein paar Millisekunden aufeinander. In Kitas gibt es Schwarze Bretter voller Zettel mit Angeboten von der Caritas, dem Kinderschutzbund, der Psychologischen Beratungsstelle, dem Frauenhaus, auf Deutsch, Türkisch, Arabisch und Russisch.

Die Kindis

Und dann gibt es noch die Kindis. Das sind die Dorf-Kindergärten, die einfach nur rundum süß und lieb und vertrauenserweckend, sauber und übersichtlich sind. Kindis haben auch mal nur zehn Kindern pro Gruppe. In Kindis wird täglich draußen gespielt, und vor der Abholzeit wird laut und sauber(!) bekanntes Liedgut gesungen.

Kindi-Eltern basteln nicht nur die Laternen (sowieso eine Selbstverständlichkeit), sie  bauen auch Brunnen, Hochbeete, Bänke, Spielgeräte und Haltestellenwartehäuschen. Die Mütter kommen nicht nur zum Muttertag in den Kindi, sondern auch jeden Monat zur gemeinsamen Andacht. Und wenn etwas gebacken, jemand verabschiedet, Päckchen für arme Leute gepackt oder sonstwo geholfen werden muss, sowieso.

Im Kindi kennt jeder jeden aus anderen Zusammenhängen als aus dem Kindi. Die Mutter, die neben dir in der Garderobe ihren Nachwuchs zur Eile antreibt, ist entweder deine direkte Nachbarin, die Mutter eines guten Spielkameraden eines deiner Kinder, deine Sandkastenfreundin oder deine Schwägerin. In der Regel alles zusammen. Trifft keiner der vier Bekanntsheitsgrade zu, bist du vermutlich nicht von hier.

80 Prozent der Kindi-Eltern stehen nach vier Stunden schon wieder abholbereit im Gruppenraum, den sie selbstverständlich betreten dürfen. Denn ein Kindi mit Regelöffnungszeiten (RÖ) hat nur 4 Stunden auf. Aber auch in einem Kindi mit Verlängerten Öffnungszeiten (VÖ) von 6 Stunden werden Kinder nicht die volle Zeit geparkt. Vier Stunden, das reicht schon. Zum Mittagessen sind alle wieder daheim.

Kindergartenplätzemangel, Kindergartenmittagessen und Kindergartenöffnungszeiten?

Liefern auf dem Dorf wenig bis gar keinen Gesprächsstoff. Die Kindi-Plätze müssen natürlich belegt werden, sonst wird wegen Kindermangel wieder eine Gruppe geschlossen. Soviel ist klar. Wir Dorfeltern sind also dazu verpflichtet, weiterhin für Nachwuchs zu sorgen, so sagte es uns jedenfalls der Pfarrer.

Warmes Essen gibt es im Kindi nie (bis auf Ausnahmen wie gemeinsames Waffelbacken), das wäre ja auch komisch, weil alle Haushalte (oder wenigstens die Oma-Haushalte) mittags ein warmes Essen für die Kindi-Kinder auf den Tisch stellen können. Die Öffnungszeiten bleiben also erstmal so. Mit 6 Stunden VÖ haben wir hier auch nichts zu meckern. Es gibt weitaus Schlimmeres!