Mit Laternen durchs Dorf. Ein Selbstversuch

Laternenumzug aif dem Dorf: Zum Stehenbleiben ist alle Zeit der Welt.

Laternenumzug auf dem Dorf: Zum Stehenbleiben ist alle Zeit der Welt.

Es ist immer dasselbe. Zahlreiche Eltern regen sich alljährlich über den Laternenumzug auf: Da sind viel zu viele Menschen, vom schieren Gewimmel übermannte Kleinkinder, die ihre Laternen oder gleich die Erwachsenen verlieren, irgendwo da vorne soll ein Pferd laufen, ich muss Pipi, und zum Schluss, wenn sich das Übel ein wenig gelichtet hat, man das Martinsfeuer und das Martins-Anspiel irgendwie verpasst hat, muss man am Straßenrand Smalltalk mit Strangern halten.

Jetzt wohnen wir genau ein halbes Jahr auf dem Land und als Neulinge wollen wir überall dabei sein. Gerade die Kinder wollen es. Also auf zum Laternenumzug ins Dorf.

In der Stadt: Wann geht es endlich loooos?

Aus der Stadt erinnere ich mich an abgesperrte oder von Feuerwehr und Polizei gesicherte Straßen, wo man natürlich nicht parken durfte und man von Glück reden konnte, wenn man eine der mikroskopisch kleinen Parklücke gefunden hatte. Wenn ich es überhaupt geschafft hatte, mit dem Auto von zu Hause zu kommen. Meist wurden die Kinder zwischen 15 und 16 Uhr vom Kindergarten abgeholt, die Laternen in der Hand, und dann mussten wir irgendwie die Zeit in der Stadt totschlagen, bis es endlich losging. Mit inzwischen müde und hungrig gewordenen Kindern.

Auf dem Dorf: Jeder kennt jeden. Und alle können singen

Auf dem Land laufen die Uhren wortwörtlich anders. Kein Kind, egal ob Kindergarten oder Schule, kommt hier jemals nach 14 Uhr nach Hause. Wir gehen also ganz gemütlich von zu Hause aus zum Laternenumzug, zehn Minuten Fußweg haben wir bis zum Treffpunkt. Dort angekommen: nur bekannte Gesichter. Natürlich kenne ich nicht jeden, ich bin froh, wenn ich die Vornamen weiß und das Du-Sie-Verhältnis geklärt ist. Trotzdem: Es ist klar, wer hier zusammengehört, welche Kinder mit Oma und Opa und Geschweistern, welche nur mit Mama gekommen sind. Kein Anlass unsererseits, hektisch die Köpfe hin- und herzudrehen auf der Suche nach jemandem, den man kennen könnte und neben dem zu laufen eventuell ganz angenehm wäre.

Ein Pferd gibt es dieses Jahr nicht. Aber Liedblätter. Mit SEHR VIELEN Liedern darauf. Alle hundert Meter stoppt der Zug, zwei Trompeten spielen, sehr sauber übrigens, und die kleine Menge bildet einen Kreis. Alle singen. Dann geht es weiter. In der Zwischenzeit hat jeder jeden registriert, vielleicht auch schon begrüßt. Die Kinder rennen nach vorne. Lassen sich dann wieder ein Stück nach hinten zurückfallen.

In der Stadt: Keine Sicht, zerquetschte Laternen und DER Alptraum…

In der Stadt versuchen alle, sich von Anfang an einen guten Platz zu sichern. Am besten möglichst dicht hinter dem Pferd, sonst hat das Kind ja gar nichts davon. Aber dieses Privileg ist nun mal nicht allen 1000 Teilnehmern des Umzugs vergönnt. Gut ist aber auch ein Platz in der Nähe des Orchesters. Dann kann man wenigstens hören, wann welches Lied angestimmt wird.

Aber eigentlich geht es den ganzen Umzug über nur um Schadensbegrenzung. Irgendwann ist einem ganz egal, welches Lied gerade gespielt wird. Hauptsache, das eigene Kind läuft noch neben einem. Die Menschenmenge bleibt ab und zu stehen, es werden Ansprachen gehalten, vielleicht von einem Pfarrer, keine Ahnung, man sieht nichts und ist sowieso damit beschäftigt, sein Kind festezuhalten, das nicht weiß, wozu schon wieder alle stehenbleiben. Man selbst weiß es ja auch nicht so genau.

Und wehe, wehe, dein Kind muss austreten. Oder die Kerze geht aus, eine Nase muss geputzt werden, was auch immer. Sofort hat man seinen mit großer Mühe in der Menge erkämpften Platz verloren, der sich immerhin dadurch auszeichnete, dass einem die Gesichter rundum ein klein bisschen bekannt vorkamen. Oder dass wenigstens genug Platz für die Laterne war. Jetzt läuft man plötzlich in einem völlig fremden Pulk mit, die stoßen und drängen und fast die Laterne zwischen sich zerquetschen.

Und dann, der Alptraum: Ein kleines Kind trudelt uns plötzlich entgegen, es läuft unsicher, aber eindeutig gegen den Strom, ruft verzagt „Mama? Mama?“ Keiner kennt es, geschweige denn seine Mutter, es trudelt an uns vorbei, wie ein Zweig in der Strömung, nur eben in die falsche Richtung. Ich bin vor Schreck wie erstarrt. Zum Glück ist eine Mutter neben mir beherzter als ich. Sie nimmt das Kind fest an der Hand, sodass es aufhört in die falsche Richtung zu trudeln und sagt: „Komm mit! Wie heißt du? Wir suchen jetzt deine Mama!“ Während das Kind sofort wieder lacht, muss ich fast weinen. Ich werfe einen Blick auf meine Tochter, die immer noch neben mir geht. Was, wenn ich sie verloren hätte?!

Auf dem Dorf: Die Kinder dürfen hinrennen wohin sie wollen

Zurück zum Dorf: Wir haben unseren kurzen Umzug, der hauptsächlich aus Liedersingen bestand, fast beendet. Keiner ist getreten, gestoßen oder abgehängt worden. Alle, auch die Kleinsten, sind noch fit. Wir laufen über eine Wiese und sehen von Ferne schon das Feuer qualmen. Das hat aber nicht die Feuerwehr angezündet, sondern Familie F. Tatsächlich komme ich zum ersten Mal so nah an das Martinsfeuer heran, dass ich es wirklich sehen kann. Familie F. verteilt auch den Punsch, die Hotdogs und die Martinsweckle. Der Hof ist so groß (oder unsere Truppe so klein), dass sich die Kinder angenehm verlaufen und im Dunkeln irgendwelche Horden bilden. Aber keiner hat Angst, sein Kind könnte auf einmal für immer verschwinden. Ich könnte jeden Erwachsenen im Hof fragen, ob er/sie meine Tochter gesehen hat, und ich würde sofort den Weg gewiesen bekommen.

Und so lasse ich sogar den Kleinen (16 Monate) durch den Hof stapfen und erlaube ihm, alles zu erkunden, mit zwei Ausnahmen: das Feuer und die Dunkelheit jenseits des Lichtkreises. Es läuft hierhin und dorthin, ändert ständig die Richtung, grinst immer, wenn er in ein Gesicht blickt und hat dabei die Backen voll süßem Gebäck. Es gefällt ihm. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Große einen Martinsumzug wirklich genossen hat, bevor sie nicht 4 Jahre alt war.

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Andere Eltern haben in den letzten Tagen gruselige Martinsumzüge dokumentiert. Zwei davon stelle ich hier vor:

  1. Das Nuf, ihres Zeichens Laternenbastel- und -umzugsprofi aus Berlin schreibt unter der Überschrift „Sein erster Laternenumzug in der Stadt“ (ihr Freund muss zum ersten Mal mit den Kindern und mit Laternen um die Häuser ziehen):

Quelle: Das Nuf Advanced: „Sein erster Laternenumzug in der Stadt“

2. Pia D. von „Daily Pia“ hat in „Laterne, Laterne“ beschrieben, wie schlimm es war, als sie 2 Jahre alt war und ihre Laterne einfach verbrannte. Und wie ihr schlauer Bruder ihr eine neue besorgte.

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3 Gedanken zu “Mit Laternen durchs Dorf. Ein Selbstversuch

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