Jahresrückblick 2015

2015 endet mit dem Tod eines Dorfbewohners. Jedes Jahr verunglückt hier ein Autofahrer auf einer der kurvenreichen, abschüssigen Straßen, den man irgendwie, und seis um 5 Ecken, gekannt hat. 2015 endet auch mit dem Tod von Kaiserin1, der Tochter der extrem lesenswerten Bloggerin Mareice Kaiser. Zu allem Überfluss dann noch ein versuchter Brandanschlag in unserem Dorf, in genau jenem leerstehenden Haus „ein paar Straßen weiter“, von dem ich hier schon berichtet hatte.

Nein, ein Jahresrückblick, das ist jetzt gar nicht so einfach. Ich erinnere mich fast nur noch an die Ereignisse vom Sommer, vielleicht weil da wirklich mehr passiert ist, oder weil es Ereignisse waren, die ich entweder mit Urlaub, Feiern oder mit der alten Heimatstadt in Verbindung bringe. Oder weil man im Sommer tatsächlich einfach mehr Fotos macht und somit Erinnerungen bannt: Es ist länger hell, die Leute laufen nicht so vermummt herum, auf die Kameralinse fällt kein Regen.

Wie dem auch sei, mein Jahresrückblick beginnt im

April

mit dem Barcamp Rhein-Neckar #bcrn. Es war vielleicht nicht das allererste in der Region, aber das erste rundum top organisierte mit Anspruch auf Wiederholung. Wiedereinstieg von Frauen in den Beruf, wie geht anständiges Twittern, wie texte ich eine gute Headline (mit der Textine und Kolumnistin Annette Lindstädt), das waren die Sessions, die ich unter anderem besuchte.

Das beste an diesem sehr bunten Marktplatz der Seminar- und Workshopmöglichkeiten war natürlich wie immer, dass so ziemlich alle Freunde, Bekannte oder Arbeitskollegen da waren.

Das alles haben wir als Eltern von zwei Kindern als sehr entspannt in Erinnerung. Vormittags wurde die Lieblings-Babysitterin eingespannt, dann gabs schon Mittag (vegan), dann ging die Große ins Kinderland (Uiiii: ganz alleine mit zwei Betreuerinnen!), der Kleine schlief erstmal und robbte danach einem Ball hinterher.

Aus dem Orga-Team hätte ich gerne Juna im Netz kennengelernt. Diese Gelegenheit hätte ich wohl besser sofort am Schopf gepackt, denn mittlerweile bin ich: auf dem Land, mit 2 Kindern, von denen eines als Schulkind täglich um 6:15 geweckt werden muss, und einem dritten, das auch bald hier mitmischt. Und so bleibt mir, den Jahresendbeitrag von Juna im Netz zu lesen und ihre Umtriebigkeit, Ehrlichkeit und Eloquenz einfach aus der Ferne zu bewundern und Heidelberg und überhaupt alles darin zu vermissen.

Mai

Abschiedsparty, Umzug aufs Land, danach Sachen packen für Norwegen. Das hat mir für ein ganzes Jahr gereicht. Hier hätte schon Schluss sein müssen. Am 1. Juni hätte ich gerne schon Neujahr gefeiert und im Anschluss ein halbes Jahr Pause eingelegt, auf einer einsamen Insel am besten.

Juni

Stattdessen bin ich schwanger geworden, habe ein Kind im neuen Kindergarten und ein anderes bei der Tagesmutter eingewöhnt und am 12. Juni diesen Blog gestartet. Sachen gibts.

Juli

Das Baby wird 1. Und irgendwann im Juli muss es auch gewesen sein, da hat eine umtriebige Freundin das Projekt Stadtfarm gegründet. Gestartet hat das ganze mit einer Finanzierungsaktion für ein eigenes Stück Land für Familie S., das sie nach vielen Jahren tatsächlich im Raum Heidelberg gefunden haben.  Über eine Crowdfunding-Plattform konnte man ihnen einen Beitrag zur Verfügung stellen – wahlweise als verzinste oder zinslose Leihgabe, oder als Geschenk. Geld von der Bank gab es hingegen kaum welches, wenn nicht gar keins. Und ja, das kann klappen – wenn man sowohl für den Verkäufer als auch für die Spender ein handfestes Konzept zur Landbewirtschaftung und Barrierefreiheit strickt (ein Familienmitglied sitzt im Rollstuhl). Und wenn man zusätzlich noch einen Bürgen hat. Viel Erfolg, Stadtfarm!

Sehr stark in Erinnerung geblieben ist der Sommerabend bei einer Freundin, auch in der Stadt, zu der ich ohne das Baby fahren konnte. Ich glaube, das war der erste Sprung ins Ungewisse ohne den damals 12 Monate alten Sohn. Die Tochter nahm ich mit. Es wurde nicht dunkel, es wurde nicht kühler. Wir gingen weit oberhalb der Stadt spazieren, Blick aufs Häusermeer und die Weinberge, unendliche Mengen perfekt reifer Brombeeren, und Pflanzen gießen im Schrebergarten, der herrlich unperfekt zugewuchert war, aber noch Tomaten, Bohnen, Kürbisse und Zucchini hervorbringen sollte. Danach übernachteten alle 3 Kinder auf dem Balkon.

Aber auch die erste Besucherin in unserem Schwarzwald-Zuhause ist mir in allerbester Erinnerung. Wir gingen mit wieder 3 Kindern im Wald spazieren und sobald wir die ersten Blaubeeren sahen, futterten wir uns durch, bis wir ein paar Stunden später wieder am Auto waren, außen und innen blau.

August

Am 8.8., einem der heißesten Tage des Sommers, waren wir auf einer Hochzeit. Zeit, nochmal alle Freunde zu sehen, bevor auch sie einen Job annehmen oder umziehen müssen. Zumindest einige von ihnen. Danach ist vieles anders, scheint die Stadt nicht mehr die alte. So eine Hochzeit ist aber vor allem für Kinder ab 3 immer eine bleibende Erinnerung.

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Außerdem war das für mich der erste fast außerhalb von Städten verbrachte Sommer. Letztes Jahr noch saß ich in in meinen vier Wänden, die nachts kaum auf 35 Grad runterkühlten, auf der Straße das Gegröle der Bierseligen und immer mit so einem schwachen Zwiebelduft vom Döner in der Nase. Die Kinder plärren den ganzen Tag: „Zur Eisdiele! Zum Wasserspielplatz!“, wozu man sich, von der Hitze ohnehin weichgekocht, viel zu oft breitschlagen lässt. Wo man dann die Zeit mit leidlich bekannten oder auch gänzlich unbekannten schwitzenden Eltern Haut an Haut totschlägt, während die Kinder fröhlich essen oder plantschen und das alles ganz toll finden. Ja, aber auch der Schrebergarten, in den dann meistens eher die Eltern wollen, nervt, wenn es plötzlich regnet, man aber nicht reingehen kann, wenn man irgendwein Spielzeug zu Hause vergessen hat und die Kinder „mir ist soooo langweilig!“ nölen, wenn man ernten wollte, aber immer noch nicht mehr als drei Pfirsiche reif sind, und man schon lange, lange mal das Unkraut in Angriff nehmen müsste, das aber nicht geht, weil das Baby eine andere Agenda hat.

Mal was anderes: Wir haben auf unserem Hof eine riesige Tanne stehen. Abgesehen davon, dass wir hier oben auf dem Berg die 40 Grad-Marke eh nicht knackten: Da oben war es nochmal einige Grad kühler. Die Große kletterte also einige Male nach oben, während der Kleine unten am Boden endlose Runden schaufeln und schaukeln konnte. Nebenbei wurden sehr ansehnliche Möbel gebaut und gestrichen!

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Und dann

Herbst und Winter waren vor allem davon geprägt, alles auf die Reihe zu bekommen, und verschwimmen daher in meiner Erinnerung. Nicht, dass sie es nicht wert gewesen wären. Aber vor allem gab es so viel Neubeginn und so viel Drangewöhnen, und dabei war jeder Tag auch noch irgendwie gleich, sodass mich keiner von ihnen so recht bestechen will. Wir haben jetzt ein Schulkind, man darf also nicht mehr verschlafen, sondern muss das Kind morgens kurz nach 7 in die Dunkelheit schicken, wo es dann ein paar Stunden zurechtkommen muss, ein paar wenige Stunden nur, in denen ich wiederum das zweite Kind fertig machen, arbeiten, Entscheidungen rund ums Mittagessen treffen und wieder losfahren muss, um eines der beiden (oder beide) Kinder wieder abzuholen. Wir haben die naheliegende Dorfschule ohne besondere Öffnungszeiten gewählt, sicher keine schlechte Wahl, aber einfach der Wahnsinn, wenn man bislang gewohnt war, bis 16 Uhr zu arbeiten. Kein Wunder, dass ich mittags gegen 14 Uhr einfach nicht mehr kann und der Rest des Tages so verschwimmt.

Einmal, einen Tag vor der Einschulung, habe ich versucht, alle noch anstehenden Einkäufe (vor allem Schuhe für die große Tochter) in einer nahegelegenen (hahahaha!) Stadt abzuwickeln. Ich hatte etwa 5 Stunden Zeit, so lange war der Kleine bei der Tagesmutter, und ich musste ihn an diesem Tag auch abholen. Im Einkaufszentrum angekommen, ließen wir es erstmal ruhig angehen. Wir waren ja shoppen, das macht man ja nicht im Stress. Wir hatten zwar einiges auf der Liste, aber auch einiges an Zeit mitgebracht. Dachten wir. Doch plötzlich war die Zeit weg, die anderthalb Stunden Rückfahrt standen an. Und überall war Stau! Lastwagen, soweit das Auge reichte, und zig Kilometer keine Überholmöglichkeit! Von dem lahmen Tempo völlig zerfressen kamen wir bei der Tagesmutter an, die schon geschlossen hatte und zum Staubsaugen übergegangen war.

Irgendwie muss sich unser Zeitmanagement dem Tempo hier anpassen. Einkaufen nur noch bei Zalando und Amazon, vielleicht. Oder die Jobs, mit denen sich die Landfamilie abplagt, auf ein verträglicheres Maß bringen (was sich durch die anstehende Elternzeit erstmal sowieso ergibt). Oder doch noch in die nahe Kreisstadt ziehen, da kann man die Schulhefte und andere lebensnotwendige Dinge mal eben auf dem Weg zur Kita besorgen oder sich mit den Kindern in einen Imbiss setzen, für den Fall, dass man mal wieder nicht rechtzeitig eingekauft hat.

Aber dann denke ich daran, wie schlimm es ist, mit einem Kleinkind in der Stadt zu leben. Wie mir jedes Mal die Geduld abhanden kommt, wenn ich nur 100 Meter zurücklegen möchte, das Kleinkind dabei in Hof- und Hauseingänge und Parkgaragen trudelt. Oder wenn es beschließt, gar nicht mehr weiterzuwollen und man selbst, mit >20 kg Einkäufen und Spielplatzzubehör und Laufrad bepackt, es zu nichts mehr bewegen kann, außer dazu, sich hinzuwerfen und zu brüllen.

Hier auf dem Dorf gehen wir einfach in unseren Hof. Da gibt es Schaukeln, Holzstapel, Treppen, Bälle, einen Bollerwagen und eine streunende Katze. Und wenn das mal langweilig wird, trudeln wir ein Stück weiter, zum Sägewerk, und sehen den riesigen Maschinen zu, die Baumstämme schälen und zu Brettern spalten. Kein Einkauf im Gepäck, kein Termin in 5 Minuten beim Arzt oder im Café um die Ecke, keine Kreuzung, keine Ampel, keine seltsamen Elterngespräche auf der Spielplatzbank. Ja, der Jüngste hat sich am schnellsten an seine neue Umgebung gewöhnt. Eigentlich brauchte es bei ihm überhaupt keine Gewöhnung.

Wir anderen brauchen noch. Vielleicht ist das Jahr 2016 dafür da, uns das richtige Tempo und die bleibenden Bekanntschaften zu zeigen.

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