„Vielleicht stelle ich mir dann eine Bank vors Haus und unter der Bank liegt ein alter Hund und schnarcht, und auf dem Schoß eine dicke verfilzte Katze.“

Interview mit einem Land-Blogger 

Wer sind sie: die „Stadteier“, deren Zeit in der Stadt irgendwann abgelaufen war? Die auf dem Land erst so richtig Beruf und Berufung fanden? Die noch immer nach etwas suchen, was sie vielleicht nur in der Stadt finden können? Die auf dem Land endlich ihren Sehnsüchten Raum verschaffen konnten? Die Kompromisse eingingen und dabei erwachsen wurden?

Landfamilie fragt, gestandene Land-Blogger antworten.

Teil I: Die Odenwälderin vom Landlebenblog.

Bank vor dem Haus

Wie lange ist es her, dass du das Land- gegen das Stadtleben getauscht haben und warum das Ganze?

Ich lebe jetzt seit satten 15 Jahren auf dem Dorf, aber ich habe mich ursprünglich langsam herangetastet. Von wegen drohendem Kulturschock undsoweiter. Von Berlin über Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen, dann in den tiefsten Odenwald, aufs Dorf mit 360 Einwohnern, nach dem Motto: wenn schon, denn schon. Ich kannte weder das besagte Dorf, noch den Odenwald, aber mein Chef suchte händeringend –  und bis dato vergeblich –  jemanden, der in die Provinz zieht, um von dort als Provinzreporter für den SWR und die gesamte ARD zu berichten. Und weil ich ohnehin aus dem herkömmlichen Karriere-Karussell aussteigen wollte, nahm ich den Job. Zum Entsetzen aller städtischen Freunde. Die sind inzwischen aber in der Mehrzahl neidisch.

Du kommst abends mit dem Auto oder mit dem Zug in dein Dorf zurück. Woran merkst du, dass du „nach Hause“ kommst?

Mit dem Zug?? Mit was für einem Zug? Ohne Auto geht hier nichts. Aber wenn die Straßen immer schmaler, immer schlechter und immer leerer werden, der Wald immer dichter und die Aussichten bis an den Horizont immer schöner, dann weiß ich, daß mein Dorf nicht mehr weit sein kann. Und daß zuhause der Gatte in der Küche steht, die Hühner auf der Stange sitzen, die Hunde sich freuen, die Katze schnurrt und im Kamin ein Feuer brennt. Das fühlt sich fast ein bißchen wie zuhause an.

Was sagen deine Kinder / dein Partner über das Landleben? Kannst du diese Meinung teilen?

Der Gatte kennt und liebt das Landleben, 16 Jahre hat er einen Hof in Italien gehabt. Und da fangen aber leider die Probleme an. Das Wetter in Badisch-Sibirien ist mit dem in der Emilia nicht so recht vergleichbar, wir haben hier im Odenwald sechs Monate Eis und Schnee, und den Rest des Jahres isses kalt. Für den Gatten ein gewisser Alptraum, aber er trägt es mit Fassung. Ich habe ihm versprochen, daß wir wegziehen, wenn wir im Lotto gewinnen. Irgendwohin, wo es warm ist. Schließlich ist er ja nur meinetwegen hier.

Ein Blick zurück: Vermisst du etwas, das es nur in der Stadt gibt? Oder hast du aufgehört, etwas zu vermissen? Warum?

Ich vermisse den Griechen in den U-Bahnbögen am Savignyplatz. Ob es den noch gibt? Und ich vermisse nette Cafes und kleine Bars, aber ich versuche, es nicht zu vermissen, es hilft ja nichts. Die kulinarische Infrastruktur, überhaupt eine gewisse Ess- und Trinkkultur muß man auf dem Land ja mit der Lupe suchen, hier muß man schaffe‘, nicht herumsitze‘ und faulenze‘ und genieße‘. Seufz.

Und ich vermisse Menschen, die mal sagen „Au ja, das klingt wie eine tolle Idee, das probieren wir!“ und nicht immer nur „Geht nicht, gibt’s nicht,  und am besten bleibt alles, wie es ist.“ Ich bilde mir ein, in der Stadt gäbe es solche Menschen, aber vielleicht irre ich mich auch.

Ein Blick in die Zukunft: Lebst du auch noch im Alter auf dem Land? Warum / warum nicht?

Puh, schwierige Frage. Das Leben wird mit fortschreitendem Alter auf dem Lande wohl nicht leichter. Keine Läden, kein Nahverkehr, immer weniger Ärzte. Aber will man als Rentner gerne in Berlin oder in Hamburg sein? Ich denke ungern über dieses Thema nach. Aber vielleicht werde ich auch so eine verschrobene Land-Alte, ich stelle mir dann eine Bank vors Haus und sitze in meiner Kittelschürze da und plaudere mit allen, die vorübergehen, und unter der Bank liegt ein alter Hund und schnarcht, und auf dem Schoß eine dicke verfilzte Katze, und es gibt jeden Tag Kartoffeln aus dem Garten und dazu Spiegeleier aus dem eigenen Stall. So könnte ich mir das vielleicht doch vorstellen.

Zur Person: Friederike Kroitzsch aka die Odenwälderin ist SWR-Journalistin in Nordbaden. Zum allerersten Mal ist sie mir Tatsache nicht im Internet, sondern in der Rhein-Neckar-Zeitung begegnet. Fast täglich schreibt sie auf ihrem Blog über die Gegenstände, Tiere und Menschen auf dem Land  und macht sehenswerte Fotos dazu. Ob ausgefallene Ausflugstipps, die angestaubte Gaststätte, die provinziale Kaffeehauskultur oder die Begegnung mit der Einsiedlerin: alles ein wenig skurril, alles liebenswert und mit großer Detailtreue und Warmherzigkeit geschildert. Ich hoffe, ich lerne die Landlebenbloggerin irgendwann mal in echt kennen. Das wäre toll.

 

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