Die große Schwester

Es war ein friedlicher Tag. Aber am frühen Abend brechen alle drei Kinder (alle!) in ohrenbetäubendes Gebrüll aus.

Während das große Kind (6) schreiend im Elternschlafzimmer unterm Bett liegt, weil es eine Hausaufgabe vergessen hat („du bist schuld, Mama!“), brüllt das mittlere Kind (fast 2) zum ersten Mal, weil es ins Bett muss, und zwar nicht nur ein bisschen, sondern ist richtig verzweifelt („Nein! Nein! Nein!“). Das Baby heult einfach so, oder weil es Zähne kriegt, da hört keiner mehr so genau hin.

Glaubts oder lasst es bleiben, aber der Vater ist so erschöpft, dass er trotz Schreikonzert hoch drei auf dem Sofa einschläft.

Das Baby hört irgendwann auf und lacht wieder. Die Große gibt erst Ruhe, als ich mich an ihre idiotische Hausaufgabe mache: eine Woll-Bommel wickeln. Ja, Mütter kann man es ja machen lassen. Grummel.

Ich sitze also und wickele und wickele und ich habe Handarbeit schon immer gehasst und das Geschrei des Mittleren hört einfach nicht auf. Immer wieder gehe ich zu seinem Bett, nachgucken, was er will, er will nichts, nur raus! Ich nehme ihn auf den Arm, aber das reicht ihm nicht. Er will herumlaufen, dabei ist er hundemüde. Ich stecke ihn zurück ins Bett, Geschrei geht von vorne los.

Schließlich ist es acht Uhr, das Ende der Bommel-Wickelei ist nach über zwei Stunden noch nicht in Sicht. Da schlage ich meiner großen Tochter vor, es doch auch mal mit ihrem neinschreienden Bruder zu versuchen. Schließlich mache ich hier ihre Hausaufgabe des Schuljahres!

Sie geht zum ihm und fragt: „Willst du noch was lesen?“
„NEIN!“
„Willst du… das mit dem Schäfchen lesen?“
„NEIN!“
„Willst du lieber das hier lesen?“
„NEIN!“
„Willst du lieber Conni lesen?“
„NEIN!“
„Willst du… willst du vielleicht kuscheln?“
„Nein.“
„Schau mal, ich komm zu dir ins Bett…“ (klettert ins Gitterbettchen)
„Mach mal so und mach mal so, leg dich mal so aufs Kissen…“
„Nein…“
„Ich erzähl dir jetzt was. Du denkst, dass du fliegst…“
„NEIN!“
„Du denkst…“
„NEIN!“
„Du denkst…“
„NEIN!“
„Du denkst…“
„NEIIINN!“
(An dieser Stelle denke ich, dass sie vor Wut und Enttäuschung gleich selbst anfängt zu heulen. Aber beim vierten Mal setzt sie sich durch:)
„Du denkst, dass du fliegst. Ganz weit. Zu Gott und nach Afrika. Und wieder zurück.“

Kurze Zeit später ist alles still. Meine Große schlüpft zu mir ins Zimmer und sagt zum ersten Mal in ihrem Leben:

„Ich geh ins Bett.“ Was sie auch sofort tut.

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2 Gedanken zu “Die große Schwester

  1. Soenning, Iris Annette schreibt:

    Liebe Frau Stawenow! Voller Anteilnahme lese ich Ihren anschaulichen Bericht und kann nur hoffen, dass es auch für Sie noch ein happy end gab!? Viele Grüße- auch an Lena! Ihre Iris Sönning P.S. Beim nächsten Mal das Loch in der Mitte kleiner machen, dann muss man weniger wickeln…😉

    Von meinem iPhone gesendet

    Gefällt 1 Person

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