Die Jüngste wird 1

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Wegnehmen, sich anbrüllen, schubsen, im Chaos versinken. Bruder (2) mit Schwester (hier noch 6 Monate)

Liebe Jüngste,

du wirst jetzt 1, dabei bist du doch noch so klein.

Du bist von uns allen die, die am meisten zu uns dazupasst.

Du bist Meisterin darin, den Vibe in jeder Situation zu erkennen und darauf zu reagieren.

Wenn dein großer Bruder, nur wenig älter als du, weint und Trost braucht, verziehst du nur dein Mündchen und sparst dir deine Tränen für später auf. Nie spielst du dich in den Vordergrund, du schreist niemals unnötigerweise und dir bereitet nichts Probleme.

Wie du dich bemerkbar machst

Wenn du willst, dass sich jemand um dich, nur um dich kümmert, hast du keine Hemmungen, dich bemerkbar zu machen.

Zum Beispiel: Nach drei Stunden wildem Spielen mit den großen Geschwistern wirst du hungrig. Dann robbst du weinend durch die ganze Wohnung und machst nicht eher Halt, bis du weinend und robbend bei meinen Füßen angekommen bist und mich am Hosenbein ziehst.

Oder du möchtest, dass dein Papa bitte mit dir spricht und nicht mit jemand anderem. Jedes Mal, wenn er einen Satz beginnen will, fährst du ihm mit einem lauten Aufschrei dazwischen, bis er sich endlich dir zuwendet. Dann sagt du, ganz sanft: „Ba-Ba!“

Was du schon alles kannst

Immer wieder fragen mich Mamas mit Einzelkindern, was du schon alles kannst.

Dabei fällt mir auf: So im Detail wissen wir noch gar nicht über dich Bescheid. 4

Ob du dich schon drehst? war eine der Fragen vor etwa einem dreiviertel Jahr. Hm… wusste ich es? Ich war unsicher und sah dir beim Spielen genauer zu. Dabei bemerkte ich, du konntest dich ja schon drehen, ziemlich gut sogar, als hättest du das schon öfter gemacht.

Und wann du immer so ins Bettchen gehst, wie viele Stunden du schon schläfst? fragten die anderen. Hm… mal so, mal so, war meine Antwort. Und dabei ist es bis heute geblieben.

Was Einzelkinder bekommen

Vor sieben Jahren haben wir mit deiner großen Schwester (damals ein Einzelkind) alles, aber auch einfach alles optimiert. Immer in Bewegung sollte sie sein und Spielplätze lieben. Also packten wir sie ab dem Alter von 7 Monaten in jede Babyschaukel unseres Viertels, schubsten sie stundenlang an und ergötzten uns an ihrem Gegluckse. Wir zogen daraus den Schluss: Unsere Tochter ist eine geborene Schauklerin, gut, dass wir ihr das schon so früh bieten! Nicht auszudenken, was gewesen wäre, hätten wir mit der Schaukelei erst später angefangen.

Auch Bücher lesen und sprechen lernen, das sollte deiner großen Schwester ganz leicht fallen. Also setzten wir uns ab dem Alter von 10 Monaten regelmäßig mit ihr hin und gingen Tier für Tier im Pappbilderbuch durch. Wie macht die Kuh, wie macht die Ente, wie macht das Schwein? Und nur Minuten später fingen wir wieder von vorne an, wie macht die Kuh, wie macht die Ente… Mit dem Resultat, dass sie ganz schnell alle Tiergeräusche nachmachen konnte, und wir, ihre Eltern, vor Erschöpfung und auch ein bisschen vor Langeweile vom Stuhl fielen.

Was du bekommst

Dich haben wir bislang zweimal in eine Schaukel gesetzt. Du fandest es toll. Wir haben bislang auch einmal mit dir ein Buch gelesen. Das war beim Inhalieren, zur Ablenkung. Gackgack, Wauwau, Ball, sagte ich. Du antwortetest sofort mit Gaga, Wawa, Ba. Dann wolltest du das Buch lieber ablutschen und ich hatte sowieso keine Lust, noch weiter darin herumzublättern. Seither habe ich auch nicht nochmal überprüft, ob du diese süßen Worte immer noch kannst.

Um den ständigen Trubel um dich herum besser zu verkraften, die rücksichtslosen Bobbycar-Rennen, die Besuchskinder, die Spielzeugwälder um dich herum, ziehst du dich gerne ein wenig in dich zurück. Dabei nuckelst du an zwei Fingern und beobachtest.

Warum du an einem Abend mal ohne Nuckeln eingeschlafen bist

Einmal haben wir einen Mutter-Tochter-Abend gemacht. Ich war mit dir bei einem Konzert, das sehr familienfreundlich war. Es gab einen Bereich, in dem man während der Darbietungen etwas essen, trinken, herumlaufen und sitzen konnte. Ich trug dich eine Stunde lang dort herum, ließ dich krabbeln, zeigt dir die Menschen, spielte mit dir. Dann wurdest du müde und ich holte den Kinderwagen, in dem ich dich eine Weile herumschob, bis du eingeschlafen warst.

Kein einziges Mal an diesem Abend hast du nach deinen beiden Nuckelfingern gesucht, nicht mal zum Einschlafen. Denn an diesem Abend warst du einmal nicht in der Rolle der Beobachterin. Du warst ganz im Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit, etwas, das du an den anderen Abenden nicht selbstverständlich bekommst. Das hat dich anscheinend so beruhigt, dass du an diesem Abend das Nuckeln nicht mehr gebraucht hast.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

Vor nicht allzu langer Zeit wurde dein Bruder ein Jahr alt. Das habe ich damals geschrieben.

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