In der Stadt geht man auf die Straße, und es ist sofort was los

Ich hatte neulich ein langes Gespräch mit einem Bekannten. Unsere Kinder tobten herum, wir saßen zusammen im Eigenheim des Bekannten mit ganzer Familie, bei Advent, Kaffee und Keksen. Ich sagte: „Ich will viel lieber in der Stadt leben. In der Stadt geht man auf die Straße, und es ist sofort was los.“

Der Bekannte: „Gottseidank wohnen wir auf dem Land. Hier ist es so ruhig. Die Luft ist so frisch. Ich könnte nie woanders wohnen. Warum willst du dir und vor allem deinen Kindern den Lärm der Stadt geben?“

Ich: „Da gibt es Spielplätze, wo sie immer alle Freunde treffen, ohne dass man sich verabreden muss. Auf dem Weg dorthin kaufen sie sich selbstständig was beim Bäcker. Sie wissen, wieviel was kostet. Sie wissen genau, wann die Bahn fährt und dass sie beim Überqueren der Straße nach links und rechts schauen müssen. Und ich kann sie zur Not jederzeit auf ihrem Smartphone erreichen.“

Der Bekannte: „Naja. Auf dem Land kann ich mein Kind jederzeit auf dem Fahrrad durchs Dorf fahren lassen, ohne mir die geringsten Sorgen machen zu müssen. Alle die hier wohnen, kennen meinen Sohn und werden auf ihn achten. Ich kann jederzeit fragen: Hast du meinen Sohn vorbeifahren sehen? Da braucht der kein Smartphone.“

Ich: „Okay, jetzt sind sie noch klein und es reicht ihnen, ab und zu eine Runde durchs Dorf zu drehen. Aber wenn sie älter werden und regelmäßig in die Kreisstadt fahren, sind sie ganz schön allein unterwegs. Wenn deine Tochter abends irgendwo als einzige auf die S-Bahn wartet, passt keiner auf sie auf. Ab 18 Uhr sind doch in dem gottverlassenen Nest, das sich Kreisstadt schimpft, die Bürgersteige hochgeklappt. Denk an die Drogenclique am Bahnhof. Da laufen selbst Achtzehnjährige zu Zweit nicht gerne dran vorbei. Ein Mädchen aus unserem Dorf wollte in den letzten Bus einsteigen. Sie war ganz alleine. Fünf Typen haben sie am Einsteigen gehindert. Da schlafe ich doch ruhiger, wenn ich weiß, meine Tochter steht auch noch nachts um zwei immer zusammen mit einer großen Schar Gleichaltriger, Studenten, Pärchen und Touristen an der Bushaltestelle.“

Der Bekannte: „Meine Kinder machen so schnell wie möglich ihren Führerschein! Und bis dahin fahre ich sie. Aber jetzt im Ernst, ich lasse die doch nicht nachts – und auch tagsüber – nicht sinnlos durch die Straßen ziehen. Das fängt in der Stadt ja schon im Grundschulalter an. Und ständig dieses Shoppengehenmüssen und immer neuestes Iphone und – igitt – Hotpants. In der Stadt passieren so viele Vergewaltigungen und Morde.“

Ich: „Ja, aber denk mal an die Partygänger, die in der Kurve der Bundesstraße verunglücken. Das passiert hier doch dauernd. Party, Alkohol im Nachbardorf. Und dein Kind sitzt da vielleicht auf dem Beifahrersitz, weil ihm das in dem Moment sicherer erscheint, als eine Stunde lang einsam auf die letzte S-Bahn zu warten. Sowas passiert in einer Stadt mit Bussen, Bahnen und Taxis, die auch nachts getaktet fahren, definitiv nicht!“

Der Bekannte: „In der Stadt passieren so viele Unfälle, und so viele Überfälle und so viele Vergewaltigungen, alleine schon weil dort so viele Autos fahren. Weil dort so viele Menschen leben, die ich nicht kennen kann – und im Übrigen auch niemals kennenlernen möchte. Hier im Dorf laufe ich los und kenne jeden, dem ich auf meinem Weg begegne. Ich laufe zu meinem Stammtisch oder zu einer Vereinssitzung, oder mit den Kindern zum Laternenfest. Auch dort kenne ich jeden – ich war mit jedem einzelnen von denen ja schon im Kindergarten! Aber in der Stadt: Da laufen mir ständig Asis, Arbeitslose, Ausländer undsoweiter über den Weg. Da gibt es Viertel, in die geht man aus guten Grund nicht. No go areas.“

Ich: „Ich will ja gerade, dass meine Kinder sich mit vielen unterschiedlichen Leuten auseinandersetzen. Ich will nicht, dass sie denken, die Welt besteht nur aus heilen weißen deutschen Familien, Vatermutterundzweikinder, alle sind Christen, alle haben ein Haus, eine Großmutter, zwei Autos und ein Trampolin.“

Der Bekannte: „Haha, naja, haut hier ungefähr hin.“

Ich: „Wie sollen unsere Kinder hier im Dorf denn einen Bezug zu der Welt kriegen, in der wir leben? Sie sollen sehen, dass jeder Mensch anders ist. Dass man unterschiedliche Sprachen sprechen und sich trotzdem verstehen kann. Sie sollen einschätzen können, warum jemand wie auf sie reagiert. Warum jemand eine andere Meinung hat als sie selbst und was sie darauf erwidern sollten. Und was sie in unangenehmen Situationen unternehmen sollten. Schlagfertigkeit. Toleranz. Überlebenstaktik. Kulturelle Kompetenz. Alles, was sie hier eben nicht lernen können.“

Der Bekannte: „Aha. Dann möchtest du wohl auch, dass deine Tochter mit Schlägern, Asis und sonstigen Kindern aus total kaputten Elternhäusern in eine Klasse geht? Ich weiß, wovon ich rede. Ich bin selbst in einer Stadt zur Grundschule gegangen. Das soziale Klima dort war übelst. Das hat mich völlig runtergezogen. Oder nimm zum Beispiel Berlin. Die Brennpunktschulen.“

Ich: „Natürlich will ich nicht, dass meine Kinder runtergezogen werden! Aber wenn man das nicht möchte, hat man in der Stadt immer eine Wahl. Ich kann in einer größeren Stadt wählen zwischen alleine  – sagen wir – zehn privaten Grundschulen in nächster Nähe. Von weiterführenden Schulen ganz zu schweigen.“

Der Bekannte: „Jetzt pass mal auf. Du möchtest also doch in deiner eigenen heilen Welt leben und nur Leute treffen, die zu dir passen? Das hast du doch hier auf dem Land gratis. Die Eltern in den Städten, die können kein Auge zutun und machen sich total verrückt. Anstatt ihr Kind in die Schule um die Ecke laufen zu lassen, stehen sie jeden Morgen eine Stunde früher auf und fahren ihr Kind ums Verrecken mit dem SUV ans andere Ende der Stadt, wo es mit lauter fremden Kindern in eine elitäre Schule gehen muss. Und dann werden die Kinder auch noch viel früher eingeschult, und sind schon ab dem Alter von 5 Jahren im Ganztag. Wann kommen die nach Hause? Vielleicht um 4 oder halb 5. Wann wollen die noch was mit ihren Freunden ausmachen? Wann spielen die mal? Wann sind die mal einfach nur Kinder?“

Ich: „Klar liebe ich die Freiheiten der Kinder auf dem Land sehr! Meistens sind sie um 13 oder 14 Uhr zu Hause. Dann haben sie noch stundenlang Zeit für ihre Hobbys. Stromern herum, helfen in der Werkstatt, kümmern sich um ihre Kaninchen oder haben eigene Pferde, und egal ob sie lieber Fußball spielen, in die Jugendfeuerwehr oder in eine kirchliche Jugendgruppe vor Ort gehen – diese Angebote werden immer von einem Nachbarn oder einem Verwandten geleitet, sodass man auch in diesen Kreisen absolut nicht um sein Kind fürchten muss.“

Der Bekannte: „Sag ich ja.“

Ich: „Was ist aber, wenn dein Kind noch für etwas anderes als Fußball, Feuerwehr und CVJM geschaffen ist? Wenn es gerne eine bestimmte Tanzsportart machen will, oder Kunst, oder klassischen Gesang, oder das Zeug hätte, Theater oder Debattieren auf hohem Niveau zu machen? Oder wenn es bestimmte Noten hat oder Interessen und Kenntnisse, die kein anderer teilt, besondere Verhaltensweisen vielleicht, oder eine Behinderung. Weder für Überflieger noch für, ich sag mal, Orientierungslose gibt es hier kompetente Angebote. Man muss für Angebote, die jenseits des Üblichen liegen, schon durch den ganzen Landkreis fahren. Und dann ist man für ein einstündiges Angebot den ganzen Nachmittag auf der Straße. Dasselbe gilt übrigens auch für Arztbesuche. Vor allem bei Spezialisten.“

Der Bekannte: „Spezialisten! Völlig überbewertet. Ich lobe mir unseren Dorfarzt. Einmal hat mir am Samstagnachmittag plötzlich das Kreuz wehgetan. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. An einem Samstagnachmittag! Aber ich hab ja von unserem Arzt die Privatnummer. Hab ich angerufen, er kam vorbei, einfach so, hat mich wieder eingerenkt. Da brauch ich keinen Spezialisten.“

Ich: „Ich freue mich über diesen Erfolg, und ich mag unseren Arzt auch. Aber denk an deine Cousine. Zweimal drohte bei ihr eine Frühgeburt. Einmal musste sie deshalb mit dem Taxi bis nach T. fahren. Und beim zweiten Mal musste ein Helikopter sie nach B. bringen. Und jetzt stell dir vor, du kommst nicht mehr aus dem Haus. Du bist alt geworden. Oder du bist – vielleicht auch schon jung – in Rente gegangen wegen eines Unfalls. Oder du bist depressiv. Du kannst dich nicht mehr fortbewegen. Du kannst keine eigenen Entscheidungen mehr treffen. Du darfst nicht mehr Auto fahren. Solche Sachen. Das renkt kein Dorfarzt wieder ein. Da bist du hier doch völlig aufgeschmissen.“

Der Bekannte: „Wenn ich einmal alt und unbeweglich bin, dann sind meine Kinder für mich da. So, wie meine Frau und ich sich jetzt schon um meine Mutter und auch meine Großmutter kümmern, mit denen wir zusammen auf demselben Grundstück leben.“

Ich: „Beneidenswert. Aber ich muss schon nachhaken: Woher nimmst du diese Sicherheit? Die allermeisten jungen Leute ziehen hier weg und in die Städte. Das kann man in jeder Statistik nachlesen. Das machen deine Tochter und dein Sohn eines Tages auch. Und ob die ihren alten Vater dann hunderte Kilometer weit weg, weit weit draußen im Wald besuchen wollen oder nicht, das entscheiden die selber!“

Der Bekannte: „Was sollten meine Tochter und mein Sohn denn später in einer Stadt wollen? Warum, bitteschön, sollten die weit weg von hier ziehen wollen?“

Ich: „Wegen der Arbeit natürlich. Ausbildung und dann arbeiten. Klar kann man hier solide Berufe erlernen und man findet in einigen Branchen auf gute Jobs. Aber die allermeisten Fachrichtungen und auch Berufszweige fehlen hier.“

Der Bekannte: „Also. Meine Kinder gehen wahrscheinlich mal auf die Realschule oder auf die Werkrealschule. Von mir aus können sie auch aufs Gymnasium. Aber in jedem Fall werden sie im Anschluss einen Beruf erlernen, den man hier in der Region gebrauchen kann. Es gibt sehr viele Möglichkeiten. Viele der Firmen bilden aus. Es kennt immer jemand jemanden, der einen Azubi braucht. Ob die dann mal als Gehilfe oder als Meister arbeiten, ob mit oder ohne Diplom, ob als Angestellter oder in ihrer eigenen Firma – egal. Hier ist alles möglich.“

Ich: „Du hast recht. Unsere Region hat einige Weltmarktführer. Hidden champions. Lehrer, Pfarrer und Bankangestellte werden händeringend gesucht. Und auch sonst, im Straßenbau, in der Forstwirtschaft: Es gibt immer was zu tun!“

Der Bekannte: „Richtig. Und weißt du, was das Gute daran ist? Wenn die Firma, in der ich arbeite, pleite geht, habe ich am nächsten Tag sofort einen neuen Job! Wer schaffen kann, der findet hier immer was.“

Ich: „Naja. Das trifft auf deine Branche vielleicht zu. Aber schau mal deine Schwägerin an. Die hat nach ihrer Ausbildung zur Erzieherin nicht ihren Traumberuf in einem Kindergarten gefunden. Und warum nicht? Es gibt einfach zu wenig nachwachsende Familien. Ich erinnere: Erst hat fast unser Kindergarten geschlossen, dann hat unsere Grundschule dichtgemacht, nachdem es nur noch 20 Schüler gab. Es gibt einen starken Geburtenknick. Weil die Erwachsenen unserer Generation alle weggezogen sind. Wir sind vor dreieinhalb Jahren hierher gezogen. Seither gab es hier zwar die eine oder andere Hochzeit, den ein oder anderen Häuslebau und den ein oder anderen Nachwuchs in der Nachbarschaft. Aber: nach uns ist keine einzige andere Familie mit Kindern von weiter weg mehr hierhergezogen. Wir waren die letzten. Das muss doch einen Grund haben.“

Der Bekannte: „Das mit dem Geburtenknick liegt doch daran, dass keiner mehr Kinder bekommen will. Das ist die Emanzipation, die sich auch hier ausgebreitet hat. Welche Frau will denn heute noch mehr als zwei, drei Kinder bekommen? Dazu sind doch alle zu bequem geworden. Aber gleichzeitig wollen alle Mädchen nach der Realschule Erzieherin werden. Da frage ich mich, warum. Als ob es keinen anderen Beruf für Frauen gäbe als Erzieherin im Kindergarten. Klar muss man dann auch mal Kompromisse machen.“

Ich: „Tatsache bleibt: Es gibt viele Berufe, die auf dem Land nicht oder nicht mehr so sehr benötigt werden, und für die man weit pendeln müsste. In der Stadt ist hingegen alles möglich. Es gibt jeden nur erdenklichen Studiengang, es gibt dort jede Art von Job, man kann seine Nische finden. Man kann was werden, was auch sich machen. Man kann auch versuchen, aus seinem Hobby etwas zu machen. Auch in Branchen, die uns beiden völlig unbekannt sind. Man hat auch die Freiheit, zeitweise mal wenig verdienen, prekär zu leben. Denn in der Stadt kannst du dein Leben unbeobachtet von den lieben Nachbarn und  ungeachtet der Kritik deiner lieben Verwandten so führen, wie du es möchtest. Oder wie du denkst, dass es gerade angesagt ist.“

Der Bekannnte: „Wie nett, die vielgerühmte Anonymität der Großstadt! Jedem Trend hinterherrennen. Und nicht arbeiten wollen. Das fängt bei denen doch schon im Studium an.  Ich will mal einen von diesen Langzeitstudenten sehen, dem ich – nur zum Beispiel – ein Brett in die Hand gebe und ihm sage: Zersäg das mal in der Mitte. Das würden die im Leben nicht hinbekommen! Ich will nicht, dass meine Kinder so enden. Das wäre für mich das Traurigste, wenn meine Kinder sich totstudieren und ihr Leben vergeuden und zwielichtige Freunde haben. Und nur noch dann anrufen, wenn sie Geld brauchen. Die sollen lieber hier auf dem Land bleiben und was werden.“

Ich: „Ich habe lange studiert. Zugegeben, heute würde ich wahrscheinlich ein anderes Fach studieren als Literaturwissenschaft. Aber ich habe in dieser Zeit einiges über mich gelernt. Unter anderem, dass ich mich nicht für immer an eine einzige Firma, einen einzigen Hof, einen einzigen Landstrich binden will… naja, ich sagte ja, ich will viel lieber in der Stadt leben. In der Stadt geht man auf die Straße, und es ist sofort was los.“

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5 Gedanken zu “In der Stadt geht man auf die Straße, und es ist sofort was los

  1. achimbaur schreibt:

    Schön zusammengefasst. Ich persönlich habe eine leichte Form von FOMA und werde dadurch auf dem Land tendenziell immer etwas unruhig. Stadtluft macht da nicht nur freier sondern auch ruhiger.

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  2. Wiland IRMSCHER schreibt:

    Puuuuh. Schwierig, wie immer. Ich bin Georgsmarienhütte gern auf dem Land. Ohne Grün und ohne Stille waers nix. Auch wenns ökonomisch gesehen weniger nachhaltig ist.

    Gefällt 1 Person

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