Coronatagebuch Tag #11

Heute ist ein guter Tag. Heute arbeite ich.

Wenn das Projekt von 5 auf 9 Monate gedehnt wird, weitere vielversprechende Arbeitgeber (die mit den Kunden in der Automobilbranche) sich nicht mehr melden, ich sowieso vergessen habe, dass ich mich soundsooft pro Woche oder Monat irgendwo bewerben muss (weil mich sonst das Arbeitsamt bestraft – hallo Arbeitsamt, versuch mal ob du stärker bist als das Infektionsschutzgesetz), die Kinder den ganzen Tag zu Hause sind und immer alles so schön geputzt und aufgeräumt ist… dann ist Arbeit ein ziemlich schräges Konzept.

Ich skizziere nur einen Artikel und schreibe eine Mail. Es macht mir Spaß, aber ich habe nicht genügend Struktur, um das über mehrere Stunden am Tag durchzuziehen. Immer ist was. Jemand hat Hunger, die Spülmaschine muss ausgeräumt werden, und irgendsoeine Glitzerkartusche zum Basteln ist im Kinderzimmer explodiert.

Mann und Kinder fahren zum Einkaufen. Es gibt kein Klopapier, keine normalen Nudeln und keine billige Tomatensoße mehr. Jetzt haben wir Dinkelnudeln im Schrank. Hoffentlich ist Hamstern bald verboten.

Der mittlere Sohn schreibt seinen ersten Brief auf Papier. Er ist sehr eifrig, hat nebenbei das Buntstiftspitzen gelernt, weiß jetzt, welche Seite des Briefumschlags vorne ist und an welche Stelle die Briefmarke kommt. Nach dem Briefeinwerfen drehen wir noch eine Runde und gehen zum Spielplatz. Die Tore zum Spielplatz sind mit Kabelbinder verschlossen. Kein Mensch zu sehen. Der Sohn neugierig, fragt warum, interessiert sich aber nicht besonders ausgiebig für diesen neuen Zustand. Abends essen wir alle zusammen Pizza.

Die Klavierlehrerin der großen Tochter ruft an. Sie bietet ihren Unterricht ab jetzt via WhatsApp an. Das funktioniere in allen Fällen gut, sagt sie, die Schüler seien sogar aufmerksamer als sonst. Wir reden auch über die Krise. Was sie wirklich beschäftigt, ist die Zerstörung vieler Existenzen und Lebensgrundlagen. Viele Unternehmer müssen jetzt schließen und wissen nicht, ob sie jemals wieder eröffnen können. „Aber Klavierunterricht wird es immer geben“, sage ich. Nein, sagt sie. Sie hat in der ehemaligen Sowjetunion in den 90ern erlebt, wie alles schließen musste, weil es für nichts mehr Geld gab. Musikschulen, Schwimmbäder, die Stadtwerke, alles war zu. Keine Heizung bei minus 30 Grad. Damals wanderte sie aus nach Deutschland.

Auswärtiges Amt Reisewarnung

Screenshot der Webseite vom Auswärtigen Amt heute.

Das Auswärtige Amt hat eine weltweite Reisewarnung verhängt. Zahlreiche Kreuzfahrtschiffe irren noch umher, da sie nirgends anlegen dürfen. Der Landkreis Heinsberg (ein Hotspot des Virus in Deutschland) bittet China um Hilfe: Man habe keine Schutzmasken mehr, ob China nicht welche schicken könne. Auch die Olympischen Spiele wurden abgesagt (zum Entzünden der Olympischen Fackel in Tokyo waren vorgestern noch Zehntausende zusammengekommen, das will man sich gar nicht vorstellen). Ein Dorf in Thüringen, in dem 6 von 900 Bewohnern erkrankt sind, steht komplett unter Quarantäne: Man kommt nicht rein und nicht raus und muss im Haus bleiben, bis auf den Einkauf.

Heute sind es 29.056 Infizierte in Deutschland, 422 sind wieder gesund, 118 sind gestorben.

4 Gedanken zu “Coronatagebuch Tag #11

  1. Wiland Irmscher schreibt:

    Die Natur erobert sich ihren Planet zurück!
    Oh je – mal wieder so ein Schlagmichtotsatz, wa.
    Aber: durch unser ZUHAUSEBLEIBEN und WENIGKONSUM heilt die Atmosphäre insofern, dass sie nicht mehr in dem Ausmaß geschändet wird wie in Zeiten ohne Cov..19 (mag’s nimmer schreiben).

    Gefällt 1 Person

      • Wiland Irmscher schreibt:

        Ja. Doch den fand ich erst nach meinen Überlegungen.
        Ich nehme an, dass momentan in Europa und USA (ab morgen auch Indien) 1/3 weniger CO2 rausgeht. Vor allem weniger Produktion (siehe VW. MB. BMW) und Verkehr der Autos macht das einerseits (weniger stromkonsum durch Fabriken aber mehr durch private Haushalte).
        Plastikmuell in der freien Natur wird weniger, weil wir ja nun wenig raushauen. Aber insgesamt stopfen sich viele im Heimbunker das 3mal verpackte Zeug rein.
        Hier noch was als Indiz :
        https://web.de/magazine/news/coronavirus/masken-ausdrucken-arzt-entwickelt-vorlage-3d-drucker-34545658
        Es sit schon so, dass dwr Mensch gerade wieder die Furcht vor der Natur lernt, die er einst hatte. Ganz gut so. Ehrfurcht.

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