Coronatagebuch Tag #15

Alltag

Um 8 klingelt der Wecker, oder es wecken uns die Kleinen. Wir drehen uns noch ein paar Mal um. Um 8:15 8:30 9:00 wecken wir auch das Schulkind auf. Ein paar endlose „was soll ich anziehen“-Schleifen später sitzen alle in der Küche und frühstücken. Um 10 Uhr stehen Dinge wie Hausaufgaben, Gartenarbeit, Putzen, Wäsche waschen, E-Mails beantworten oder Einkaufszettel schreiben an.

Heute baut mein Mann mit unserem Freund unserem Gärtner eine Mauer. Die Kinder sitzen drumherum, backen Staubkuchen, finden Regenwürmer, bauen eine Schubkarre zusammen.

Gegen 12 Uhr ist entweder schon alles eingekauft und die Küche sauber aufgeräumt oder noch nicht. Spätestens jetzt also um Küche und Einkauf kümmern. Die Kinder gucken solange die Sendung mit der Maus. Ein Kind muss dabei gegen Asthma inhalieren.

Gegen 14 Uhr haben alle gegessen. Zwei bis drei Familienmitglieder legen sich jetzt wieder hin. Auch wenn wir drei Stunden später aufstehen als sonst, die Tage sind genauso lang und auf eine unverständliche Weise anstrengend.

Die Aufgebliebenen malen solange, basteln, twittern, hören Musik oder sitzen wieder an den Hausaufgaben.

Spätestens um 17 Uhr kommt Leben in die Bude: Es wird Kaffee gekocht, es werden Brötchen geschmiert, ein kurzer Ausflug wird geplant oder dem Garten nochmal ein Besuch abgestattet. Manchmal schauen wir auch noch ein zweites Mal im Supermarkt vorbei.

Es ist so schönes Wetter. An den letzten drei Abenden mussten wir die Kinder zum Abendessen reinrufen. Sie wollen dann aber nicht mehr so viel essen. Der Fünfjährige ist schon vor 20 Uhr todmüde und geht freiwillig ins Bett. Die Zehnjährige hat nach 20 Uhr noch viel vor, sie liest oder spielt noch eine Weile in ihrem Zimmer. Und die Vierjährige entscheidet sich jeden Tag neu, ob sie gleich mit ihrem Bruder ins Bett geht oder noch (leise) bei der Zehnjährigen im Zimmer spielt.

Wir Eltern sehen abends noch Filme, bloggen, arbeiten ein bisschen und natürlich lesen und hören wir auch Nachrichten. Und je mehr Zeit wir in verordneter splendid isolation social distancing verbringen, umso schrecklicher klingen die Nachrichten, die von draußen reinkommen.

Beispiel New York. Die Stadt hat momentan die größten Probleme mit dem Virus. Und das war absehbar. Unter anderem weil die USA (+17.000 Fälle allein heute) über Wochen gezögert haben. New York (+5.800 Fälle allein heute) ist die größte und am dichtesten besiedelte Stadt eines eigentlich wohlhabendes Staates, dessen Gesundheitssystem aber am A*** ist. Und der einen Präsidenten hat, der gezielt weltweite Desinformation betreibt und große persönliche Schuld daran trägt, dass Falschmeldungen über das Virus zum guten Ton gehören. Jetzt hat aber selbst Trump ein Einsehen. Er hat General Motors heute per Kriegswirtschaftsgesetz dazu gezwungen, sofort mit der Produktion von Beatmungsgeräten zu beginnen. Alleine 30.000 Stück hat der Bundesstaat New York geordert.

Beispiel Frankreich. Im Elsass können nur noch ausgewählte Patienten beatmet werden. Schutzmasken werden tagelang bzw. mehrfach verwendet. Beamtungsgeräte werden zwischen zwei oder mehr Patienten hin- und hergereicht. Sowas wie Feldlazarette werden. All das kennen wir schon aus der Lombardei.

Beispiel Italien. In den letzten 24 Stunden gab es die höchste Todesrate, die jemals eine Nation in Zusammenhang mit dem Virus ertragen musste: +919. Der Verdacht liegt nahe, dass sich das Virus gerade vor allem im Kontext Krankenhaus verbreitet, dort wo mittlerweile die nötigen Schutzmaterialien fehlen. Das Krankenhauspersonal arbeitet (entdeckt oder unentdeckt) krank weiter. Angehörige dürfen nicht zu den Sterbenden und auch nicht zu deren Beerdigung kommen. Kuba und Russland haben Ärzte nach Italien gesandt. Der Papst hat heute seinen österlichen Segen Urbi et Orbi vorgezogen im Regen vor einem komplett leeren Petersplatz in Rom.

Es gibt unzählige weitere Beispiele, jedes für sich einzeln oder parallel oder geballt im Newsticker auf dem Bildschirm abzulesen. Aber je mehr man versucht davon zu erfassen, desto schlimmer wird es mit einem. Man kann nicht mehr ruhig zu Hause sitzen und Ruhe bewahren, was man ja eigentlich soll.

Heute sind es 50.871 Infizierte in Deutschland, 6.658 sind wieder gesund und 351 sind gestorben.

Ein Gedanke zu “Coronatagebuch Tag #15

  1. Wiland Irmscher schreibt:

    Ja, so ists.
    Bin nu auch platt.
    Tagesablauf ähnlich nur mit der Ungewissheit, wie Geburt und Vorbereitungen dafür gehen sollen (fürs „koennen“ haben wir wenig Alternativen).

    Gefällt 1 Person

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