Coronatagebuch Tag #23

Die Fußgängerzone unseres Vorörtchens befindet sich eigentlich immer im Lockdown. Dazu braucht es kein Virus. Die verrammelten Cafés. Die beiden ehemaligen Drogerien, direkt nebeneinander, warum. Die dunklen Gaststuben, so düster und unfrequentiert, dass man nicht weiß, ob sie nur heute oder überhaupt jeden Tag geschlossen haben. Ihr kennt das.

„Dauerhaft geschlossen“ steht jetzt an einem Café, das sowieso noch nie aufhatte. Auch die kleine Poststelle, der Publikumsmagnet in der verödeten Fußgängerzone, wirkt zahmer besucht als sonst. Die Leute stehen in großem Abstand Schlange, jeder Dritte trägt Mundschutz.

Die Türöffnung vom Dönerladen ist mit Plexiglas verbarrikadiert. Durch die Fenster sieht es aus, als befände sich drinnen ein Labor. Der nette Verkäufer im weißen Kittel nimmt durch eine Klappe die Bestellungen entgegen und händigt die in weißen Plastiktüten verpackten Gerichte mit weißen Handschuhen und weißem Mundschutz aus.

Der Buchladen hat geschlossen, ist aber trotzdem auf. Eine leseverrückte Kundin mit Mundschutz steht am Eingang der geöffneten Tür und ruft ins dunkle Innere, was ihr Lesewunsch sei. Ihr habe dies&das so gut gefallen. Die Buchhändlerin ist nicht sichtbar, vermutlich steht sie etwa 10 Meter entfernt an ihrem Computer und gibt den Lesewunsch in ihre Suchmaschine ein, um der Kundin das Buch später persönlich vorbeizubringen.

Die Verkehrsinsel, ein kleiner Park, der sowieso schon trostlos in die Farben von Narzissen und zu buntem Osterschmuck getunkt ist, hat eine Überraschung parat. Zwischen den vereinzelten Banksitzern (es sind ganze drei Personen) läuft eine Watschelente und zupft mit dem Schnabel an Grashalmen. Notiere: Ein Novum: Ente auf der Verkehrsinsel.

Obwohl ich nur ein Paket abgegeben und ein Brot gekauft habe, ist mir nach zehn Minuten ganz schwindelig, so als wäre ich drei Stunden shoppen gewesen und hätte nichts getrunken.

Zu Hause ist zum Glück alles im Lot. Meine Freundin ist aus der Quarantäne zurück (sie hat das Virus nicht bekommen) und muss nicht mehr in den eigenen vier Wänden bleiben. Sie besichtigt unseren neuen Garten. Wir finden Bärlauch zwischen den Grundstücken am Hang und picknicken auf unserem neuen Rasen mit Bärlauchbrot. Die Kinder liegen mit Vogel- und Insektenbüchern auf dem Rasen und notieren alles, was krabbelt und fliegt:

  • eine Amsel
  • ein Regenwurm
  • eine Hummel
  • ein frisch geschlüpfter Junikäfer.

Die Nachbarn warten heute mit einem Fußballtor auf, mit einer Schüssel voller Kaulquappen und mit Blumensamensäen. Wir pflanzen einen Apfel- und einen Pflaumenbaum und wässern den Rasen. Das dauert fast eine Stunde lang, wenn man es richtig machen will. Selbst wenn wir in den Osterferien noch wegfahren dürften, wir können jetzt gar nicht mehr weg. Wir müssen ja alle drei Tage dem Rasen Wasser geben.

Heute waren wir 7 Stunden draußen am Stück. Ich glaube, so lange war ich seit dem letzten Sommerurlaub nicht mehr draußen.

Heute sind es 95.637 Infizierte in Deutschland, 26.400 sind wieder gesund und 1395 sind gestorben.

Ein Gedanke zu “Coronatagebuch Tag #23

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