Coronatagebuch Tag #51

Die mehr als nur erträgliche Leichtigkeit des Seins

Familieninterner Gastbeitrag

Ich lebe meinen Traum. Ich stehe auf, wenn ich wach genug dazu bin. Ich habe ein ausgiebiges, abwechslungsreiches und langes Frühstück. Ich teile mir meinen Tag ein, wie ich Lust habe. Ich mache was ich will, wann ich will, wie ich es will. Früher hatte ich immer so viele unerfüllte Pläne, Träume, Projekte. Jetzt habe ich Zeit, einiges von dem zu verwirklichen, das schon so lange auf meiner Liste steht.

Ich lege einen Garten auf dem Grundstück an, das wir uns letztes Jahr gekauft haben. Das Wetter dafür ist traumhaft. Ich habe genug Zeit, mich in Permakultur Gardening einzulesen. Ich habe genug Zeit, unterschiedliche Pläne für den Garten zu entwerfen, zu vergleichen und mich mit meiner Familie und Freunden für einen zu entscheiden. Ich habe einen sehr guten Freund, der mir mit leidenschaftlichem Einsatz dabei hilft.

Ich mache unglaublich viel Musik, vielleicht mehr als in den letzten paar Jahren zusammen. Musik ist seit Teenagerzeiten meine Leidenschaft. Das ist auch jetzt noch so. Yeah! Ich fühle mich wohl mit dem, was ich musikalisch abliefere. Mein Gesang entwickelt sich in eine Richtung, die ich gut finde. Der Krampf in meiner linken Hand, den ich seit drei Jahren beim Gitarrespielen spüre, merke ich nicht mehr. Ich bin dem Aufbau eines kleinen Heimstudios – mein Traum seit Jahrzehnten –  jetzt ein Stück näher gekommen. Ich mache viel mehr Sport. Ich fühle mich so fit und trainiert, wie ich es nur selten vorher war, was auch am Garten liegt.

Diese Zeit ist ein Geschenk an mich!

Ich kann mich um die Entwicklung meiner Persönlichkeit kümmern bzw. wenigstens ein Coaching organisieren, um meine Organisationsprobleme auf die Reihe zu kriegen. Ich wollte das schon so lange machen. Immer rauschte die Zeit an mir vorbei, jetzt ist die Stunde, die mir gehört.

Meine Kinder sind immer da. Ich kann sie immer sehen und mich an ihnen erfreuen. Der beunruhigende und Energie raubende Gedanke, dass sie negative Erlebnisse und Einflüsse in Kindergarten und Schule erfahren könnten, ist ausgetilgt. Sie starten fröhlich in ihren Tag und verfolgen – ungestört von den Dysfunktionalistäten der pädagogischebn Einrichtungen – ihre Ziele. Sie haben sich unglaublich weiterentwickelt: Die 10-jährige hat Sprünge beim Lesen, ihren Computer-Skills und beim Klavierspielen und vor allem bei der Motivation und Selbstorganisationm gemacht. Der 5-jährige rechnet und schreibt munter drauflos und malt die Welt detailgetreu mit Buntstiftren in seinen Zeichenblock. Allerdings: Die 4-jährige hat irgendwie eine Entwicklungsphase, in der sie ständig müde ist und ihre Rolle sucht. Ab und zu ist ihr langweilig. Aber sie spielt auch oft mit ihren Geschwistern. Alle drei verstehen sich im Moment ziemlich gut.

Wir sind ausgeglichen. Wir verpassen nichts. Wir müssen niemanden treffen und mit niemandem kommunizieren. Niemand auf der Welt erlebt gerade irgendetwas, von dem wir wissen, dass wir es auch erleben wollen. Niemand verkauft etwas, das wir haben wollen. Unser Leben hat Elemente von dem, wie ich mir die Glückseligkeit vorstelle.

Wir genügen uns selbst. Zumindest sind alle Bedürfnisse, die ich habe, im Hier und Jetzt erfüllbar. Die jetzt unerfüllbaren Dinge wie Reisen oder Ausgehen hätten in diesen Wochen auch so kaum stattgefunden. Wie denn, als voll berufstätiger Vater von drei Kindern?

Soundtrack zu meinem aktuellen Zustand: Die Sterne: Du musst gar nix

Ich weiß: Wir sind die glücklichsten Menschen dieser Erde. Wir haben alles, was wir zum Leben brauchen und noch hundertmal mehr. Vielen Familien geht es nicht so gut, müssen diese Zeit in engen Wohnungen und unwirtlichen Stadtteilen verbringen ohne auf Spiel- und Sportplätze ausweichen zu können.

Viele Menschen sind allein und haben niemanden. Verlieren ihren Job, sind in Kurzarbeit, wissen nicht wie es in Zukunft weitergeht. Sind häuslicher Gewalt ausgesetzt. Andere werden schrecklich krank oder sterben sogar. Manche wollen ihren Schul- oder Universitätsabschluss machen und ins Leben starten, mit ihrem Start-up vorankommen, Musik und Kunst präsentieren und werden jetzt dramatisch ausgebremst.

Für all diese Menschen will ich, dass es aufhört. Für mich selbst und meine Familie kann ich gut und gerne noch ein bisschen durchhalten. #stayhomeyeah

Ein Gedanke zu “Coronatagebuch Tag #51

  1. Wiland Irmscher schreibt:

    Mich erteilte dies heute von einem echt (!) guten Freund, der auch zu unserer Hochzeit dabei war und ich „hab“ ihn schon seit 22 Jahren und… echter Freund eben :

    „Da ihr mich am Donnerstag nach Brasilien gefragt habt, hier eine kleine Anekdote. Sind zwar ein paar Zeilen, aber lohnt sich!

    Meine Schwiegermutter parkte ihr Auto beim Supermarkt. Wir dort üblich, kam auch gleich jemand um die Ecke um meinte, dass er aufs Auto aufpassen werde. Unterm Strich fragen diese armen Menschen nach Geld. Damit es für sie würdevoller ist, wird der „aufs Auto aufpassen“ Service angeboten. Da meine Schwiegermutter kein Geld dabei hatte (ist nichts außergewöhnliche, da man in Brasilien fast alles mir Karte bezahlt) hat sie dies dem Mann erklärt, ihn aber gefragt inwiefern er irgendwas aus den Supermarkt braucht. Dieser meinte: Babymilch. Nachgehakt wie alt das Baby ist, bekam sie zur Antwort: Ein Monat. Ob den die Mutter nicht stillen würde? Verlegen meinte der Mann, dass sie nicht wirklich viel zu essen haben mit der Folge, dass auch keine Milch kommt … Natürlich hat meine Schwiegermutter Babymilch, Flasche, etc. gekauft und dem Mann mitgegeben. Beim nächsten Einkauf war der Mann wieder da und hatte seine Frau und Baby dabei, um zu versichern, dass er nicht gelogen hatte.

    Auch wir müssen in diesen Tagen Einschnitte hinnehmen – der eine mehr, der andere weniger. Wenn euch eurer Situation, Einschränkungen wegen Corona, Masken tragen, etc. mal wieder verzweifeln lässt, dann denkt mal bitte über die Geschichte nach. Vermutlich werdet ihr dann sehen, dass unsere vermeintlichen Probleme  vernichtend klein sind. Wer noch einen Schritt weiter gehen will und die Menschen dort finanziell unterstützen will, dann kann ich die Unterstützung gerne weiterleiten. Meine Schwiegermutter kennt sehr viele hilfsbedürftige Menschen, für die Grundnahrungsmittel schon ausserhalb ihrer finanziellen Mittel liegen. Ihr habt mein Wort, dass ich alles gewissenhaft weiterleite. Also wer helfen will kann gerne einen Kreuzer via PayPal an AndreasHeer@web.de schicken oder kurz auf mich zukommen um alternative Wege zu finden. 🙂 „

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