Coronatagebuch Tag #76

Abends Krimis, Agententhriller und sowas gucken.

Solche, bei denen man jede Sekunde mitfiebert.

Oder dystopische Geschichten lesen, bei denen jeder Satz ein bedeutungsschwerer Fingerzeig auf unsere Gesellschaft ist.

Oder historische Filme gucken. Dokus oder Spielfilme darüber, wie es damals war.

Kann ich nicht mehr, seit ich wegen eines Virus die meiste Zeit zu Hause bin, sich der Kopf vor lauter Gleichzeitigkeiten dreht und Gegenwart und Zukunft miteinander verschwimmen, bei völliger Abwesenheit der Vergangenheit.

Auch Schnulziges oder Lustiges will in meinem Kopf nicht ankommen. Der Kopf will: Echtes, Wahres, Unumstößliches. Gewissheit. Pathos. Die Tage rückwärts zählen bis zum ersten Urlaubstag, zum letzten Arbeitstag vor dem ersten Urlaubstag, bis zur nächsten großen Geburtstagsfeier. Will zählen bis zu dem Tag, an dem die Freunde und Verwandten wieder zum Übernachten anreisen, mit Schlafsäcken und Neuigkeiten bis zum Morgengrauen im Gepäck.

Mein Kopf erwartet, dass die Regierungen dieser Welt sukzessive einen Termin ausrufen. Ein Datum, zu dem es heißt: jetzt ist die Verordnung vorbei. Es besteht keine Gefahr mehr. Ein Tag, den man im Kalender eintragen kann. An dem man, wenn er dann endlich da ist, ein großes Fest draußen feiert. An dem sich Wildfremde in die Arme fallen. Ein Datum, zu dem man seine Masken zuhauf auf dem Scheiterhaufen verbrennt. An dem man ein riesengroßes Picknick miteinander teilt. Zusammen ins Wasser springt und schwimmt.

Aber so einen Tag wird es nicht geben. Auch nach dem 29. Juni nicht (das Datum, das die Politiker seit heute als vorläufiges Ende der Kontaktbeschränkungen führen).

Dokus über die Kaputtheit der Erde gehen ganz gut bei mir.

Das fühlt sich echt an. Wenn Deutschland so weitermacht wie aktuell, sind wir in 100 Jahren bei 3 Grad Erderwärmung angekommen, sagte die Tage ein Experte im ZDF. Das fühlt sich nachvollziehbar und echt an.

Die Luftfahrt, die Automobilbranche und die Kohleenergie werden in Deutschland aktuell mit Milliarden und weiteren Zugeständnissen davor bewahrt, wirtschaftlich ins Hintertreffen zu geraten.

Warum?

Ich muss beim Busfahren nur aus Fenster gucken: Etwa jede zehnte Baum am Straßenrand trägt teilweise keine Blätter mehr oder sieht irgendwie zerrupft aus. Entweder er ist spärlich belaubt oder an einigen Stellen ganz kahl. Manche Bäume lassen die Äste hängen, als seien sie ihnen zu schwer. Manche Blätter sind schon welk.

Ach was, ich muss nicht mal Bus fahren.

Vor meinem Fenster steht der ärmste Baum der Welt. Die Blätter sind noch so licht wie bei ihrem Entfalten Anfang April. Jetzt verwelken sie im hellgrünen Zustand. Nächstes Jahr wird der Baum ohne Blätter dastehen. Er wird gefällt werden. Vielleicht sogar schon im Herbst. Ich sehe ihn jeden Tag. Stundenlang. Er klagt mich an. Ich denke daran, dass ich ihn kaputtgemacht habe. Dass ich ihn mit meinen Gewohnheiten und Annehmlichkeiten wie Heizen, Duschen, Autofahren in aller Sorglosigkeit getötet habe.

Das Schlimmste ist, dass er nichts sagt.

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