Coronatagebuch Tag #70-0

Tag #700

An Christi Himmelfahrt machten wir, was alle machten. Wir hatten uns drei Wochen vorher einen Tisch in einem Café reserviert. Da wir zu fünft waren, musste man für uns immer zwei Tische zusammenschieben und drei Plätze aus dem Kontingent streichen. Das war nicht so einfach zu kriegen. Aber diesmal hatten wir Glück.

Am liebsten gingen wir in den Biergarten mit den Kastanienbäumen, aber dieses Jahr war er geschlossen. Die Bäume waren völlig vertrocknet und warfen ihre Äste ab, was für die Kundschaft gefährlicher war als das Coronavirus. Die Besitzer hatten zu lange gewartet, sie hätten die Bäume im Februar absägen müssen. Aber da waren sie noch im Lockdown gewesen und nicht sicher, ob sie überhaupt wieder öffnen konnten. Und jetzt hatten sie zwar geöffnet, waren aber zu.

Früher war Christi Himmelfahrt ein Tag gewesen, an dem sich Freunde trafen und zusammen einen über den Durst tranken (nach Geschlecht getrennt, wegen eines Übersetzungfehlers des Feiertags bei der Übertragung ins Deutsche). Heute machte das niemand mehr. In einem Freundes-Cluster durften nur vier Nicht-Verwandte sein, von denen maximal eine Person alle sechs Monate durch eine andere ersetzt werden durfte. Schwierig, sich unter solchen Umständen zu treffen.

Deswegen war Christi Himmelfahrt seit einigen Jahren einfach ein Sommertag, den die Familie zusammen draußen verbrachte. Spielplätze, Eisdielen, Schwimmbäder, Kinos, Vergnügungsschifffahrt und andere Freizeiteinrichtungen hatten immer wieder für Monate geschlossen, öffneten dann der Reihe nach wieder, um anschließend unabhängig voneinander wegen Vorfällen wieder in Quarantäne eingestuft zu werden. Das hatte nicht wenigen dieser Einrichtungen die Existenz gekostet. Das meiste, was es noch gab, war in kommunaler Hand. Die Auflagen waren hier immer dieselben: Gesichtsmaskenpflicht, 1,5 Meter Abstand, desinfizieren vor Betreten, desinfizieren beim Verlassen, keiner länger als 45 Minuten, und so weiter. Öffentliche Toiletten gab es nirgends, außer die von Sanifair. Eine einmalige Benutzung kostete 5 Euro, was auf den Besuch einer Einrichtung obendraufzulegen war. Ein längerer Restaurantbesuch mit fünf Personen konnte also teuer werden.

Trotzdem wollten wir etwas Einmaliges und nahmen daher den Termin im Café auf uns – machten die Online-Buchung mit Angabe von Namen, Adresse, Geburtsdatum, zahlten auf Vorkasse und erhielten den QR-Code, suchten die passenden Masken heraus und wuschen sie rechtzeitig, gingen kurz vorher alle bei uns zu Hause auf die Toilette und waren auf die Minute pünktlich. Unsere Kleine war mittlerweile sechs Jahre alt und stolz darauf, nun auch endlich eine Maske tragen dürfen. Kurz vor dem Losgehen hatte sie noch geweint, weil ihre geliebte Maske mit den Pferden in der Wäsche war. Aber eine Maske mit Blümchenmuster tat es auch.

Wir saßen am liebsten draußen. Bei einigen Cafés, die die Fenster immer offen haben konnten und nicht zu klein waren, durfte man auch drinnen sitzen, aber uns Älteren war das zu steril. Wir kannten noch die verwinkelten, gemütlichen Spelunken von früher. Da gab es Kissen, Ecken, manchmal Spielzeug für die Kinder oder lebendige Katzen. Man durfte am Tresen sitzen und mit dem Barkeeper sprechen. Man konnte sich auch zu Fremden an den Tisch setzen und diese eventuell sogar kennenlernen. Heute war sowas nur noch in Filmen zu sehen.

Coronatagebuch Tag #66 – Wochenende in Bildern

Unser Wochenende in Bildern #WiB


Draußen ist das neue drinnen.
Und so ist dieses Wochenende dem Waldspaziergang (1), dem neuen Gartengottesdienst (2), der Streetart (3) und dem Gärtnern (4) gewidmet.
Wir kennen jetzt Pflanzen, die ~vielleicht~ die Urgroßeltern der Kinder noch kannten. Wir pflücken und essen alles vom Waldboden, was uns von App bzw. Internet als essbar bescheinigt wird. Wir haben Tomaten und Kartoffeln im Beet. Jedes Stück Holz, das wir aufsammeln und tragen können, wird im Garten verfeuert. Wir tunken Stockbrot, das wir über dem Feuer geröstet haben, in Wildkräutersoße. Wenn dabei eine der seltenen Passagiermaschinen am Himmel einen Streifen zieht, heben wir alle den Kopf und sehen ihr lange nach. Habe am Samstag zum ersten Mal einen Transporthubschrauber mit zwei Rotoren gesehen. Ich stelle mir vor, die könnten bald immer vorbeifliegen. Es werden jeden Tag mehr. Sie transportieren Schutzkleidung. Klinikgerät. Biohazard. Waffen. Koffer voll Geld.
In Wirklichkeit feiern wir, dass man in vielen Jobs nicht dauernd die 120 Prozent geben muss. Und dass im Videotelefonat endlich Kinder im Hintergrund zu sehen sein dürfen. Wurde auch Zeit.

Videokonferenz 2017:


Videokonferenz 2020:

Mehr Wochenenden in Bildern gibt es bei Große Köpfe in Berlin.

 

Coronatagebuch Tag #64

Bisher drehten sich die Kinder um Garten, Wald, Spielzimmer, Badewanne.

Mittlerweile drehen sich die Kinder um Garten, Wald, Spielzimmer, Badewanne, Schuhgeschäft, Drogeriewarengeschäft, Bäckerladen, Bushaltestelle, Stadtbücherei, Museum, Fußgängerzone, Spielplatz, öffentliche Toiletten.

Und so sehr sie sich darüber freuen, so wenig bekommt ihnen dieser neue Radius.

Busse müssen immer pünktlich erreicht werden. Um das zu schaffen, müssen alle hektisch losrennen bzw. herumgescheucht werden. Garantie für schlechte Laune. Spielplätze bergen nicht wenig Enttäuschung: weil man wo noch nicht hochkommt, weil ein anderes Kind etwas wegnimmt, oder weil Mama schon gehen möchte, und führen daher zu Bockigkeit und Trotz. Stadtbücherei und Museum haben wir bereits hinter uns, wurden aber von den Eltern als zu anstrengend befunden.

Beim Bäcker waren wir in den letzten Wochen höchstens einmal alle paar Tage, um die nächste Familienration Brot abzuholen. Und ohne die Kinder mitzunehmen. Jetzt kommen wir wieder ständig an Bäckern vorbei: auf dem Weg zum Spielplatz und zum Bus und von der Stadtbücherei, immer hat jemand Hunger und überall gibt es Bäcker. Und immer darf man das, was da am Leckersten aussieht, nicht haben.

Und auf öffentliche Toiletten muss man ja auch nicht, weil man muss, sondern weil sie da sind.

Einmal gab es sogar Tränen: Weil im Schuhgeschäft eine Frau, die mit Mundschutz unheimlich aussah, sagte, dass man nicht mehr auf die Rutsche darf.

Und am Abend sagte die Vierjährige: „Ich vermisse den Kindergarten und die Kinder!“ Wahrscheinlich nur, weil sich der Alltag schon wieder so anfühlt wie die Tage, an denen noch Kita stattfand.

Heute ist Freitag. Am Montag soll die Betreuung eigentlich wieder starten. Aber es gibt kein Konzept dafür, und so startet erstmal nichts und alles läuft weiter wie gehabt.

Coronatagebuch Tag #62

Der Kreis weitet sich.

Wir können bald wieder in Cafés und Sushibars abhängen. Wir können wieder rudern auf dem Neckar und jeden anderen Vereinssport betreiben. Solange er draußen stattfindet, man sich zu Hause umkleidet und es kein Mannschaftssport ist.

Urlaub buchen geht auch bald wieder, sobald es im jeweiligen Bundesland erlaubt ist, und sofern wir dort unter uns bleiben. Heißt in etwa, wir dürfen in Hotels keine Räume wie Sauna oder Sportplatz gemeinsam mit anderen nutzen. Im Lauf des Mai will jedes Bundesland wieder Urlaub zulassen. Also schon in den Pfingstferien können dann alle Deutschen (sofern sie Urlaub haben) wieder irgendwohin, wo sie sonst nicht sind. Wir können sogar Familien besuchen, die wir lange nicht mehr gesehen haben. Solange sich nicht drei Familien gleichzeitig an einem Ort treffen, geht das.

Ich träume immernoch von einer Fahrt mit dem ICE nach Berlin/Brandenburg. Weil mein Sohn, der im September eingeschult wird, nochmal was erleben will. ICE und Berlin sind seine Sehnsuchtsorte.

Dennoch zögere ich. Im ICE ist Mundschutz zu tragen und Abstand zu anderen Familien zu halten. Eine Stunde oder so ist das ja kein Problem. Aber den halben Tag? Mit  Getränken, Krümeln, Bewegungsdrang und Müdigkeitsanfällen?

Und wenn wir dann Berlin ablaufen: Wie lange müssen wir in den gerade wiedereröffneten Museen anstehen, die mangels Alternativen überrannt sein werden? Wie lange halte ich es an den Berlin places to be aus, wie Einkaufscenter, Sehenswürdigkeiten, U-Bahn, Cafés, Spielplätze… wenn man sich ständig ängstigt, jemand anderem zu nahe gekommen zu sein? Wenn alle Schlangen überall zehnmal so lang sind? Wenn man für jede Location im Vorhinein buchen muss? Wenn man sich jedes Mal vor dem Eintritt in irgendwelche vier Wände vergewissern muss, ob hier Mundschutzpflicht ist, und wo der verf+++ Mundschutz schon wieder ist?

Unsere Tochter verfolgt auch schon einen anderen Plan: Einfach mit Zelt durch den Odenwald wandern. Könnte bedeutend einfacher sein.

Man kann ja auch tageweise wandern. Immer wieder von zu Hause aus losgehen und gucken, wo man dann landet. Das machen ziemlich viele Leute mittlerweile. Das ist sowas wie der neue Volkssport. Kleinkinder nehmen Schaufeln und Eimer mit in den Wald, um am Bachufer zu graben. Sonnenanbeter pilgern zu den Lichtungen. Im Wald kann man viele andere Leute treffen und sich unterhalten, und weil der Wald so groß ist, kommt man sich da sowieso nicht so nah. Man kann mitgebrachte Brote essen und die Aussicht oder die frische Luft genießen. Man denkt nicht so viel daran, wie scheußlich alles ist, weil keiner einen Mundschutz auf hat. Man kann jederzeit weiterlaufen. Oder bleiben, bis die Sonne untergeht.

Coronatagebuch Tag #61

Spielplätze in Zeiten von Corona

Der Junge mit der blauen Mütze sah den Spielplatz schon von weitem und rannte drauflos. Der Platz war nicht zu übersehen. Und auch nicht zu überhören. Laute Stimmen, Rufen, Lachen. Ein Pulk aus großen und kleinen Menschen, Fahrrädern, Dreirädern, Taschen und Eis am Stil. Der Junge stoppte abrupt, wandte sich zu seiner Mutter um und sagte ärgerlich: „So nah darf man gar nicht zusammenstehen!“ Auf den Spielplatz wollte er nicht mehr.

Zugfahren in Zeiten von Corona

Es sollte meine erste Zugfahrt sein und ich beschloss, dass ich einigermaßen annehmbar aussehen wollte. Daher probierte ich verschiedene Schals aus. Die Zeit wurde knapp, und ich entschied mich kurzerhand für einen dünnen schwarzen Schal mit Rosen darauf. Ein bisschen Pathos auf der ersten Zugfahrt musste sein, fand ich. Am Bahnsteig probierte ich verschiedene Knoten und Faltmöglichkeiten aus. Der Blick in meine Handykamera verriet, wie ich für jedermann aussah. Endlich fand ich mich unauffällig und bescheiden genug gekleidet und ließ das jetzt so. Im Zug, der früher um diese Uhrzeit voll gewesen wäre (was unternimmt die Regierung eigentlich zur Rettung der Bahn?) begegnete ich keinem Menschen, dem ich meine kunstvolle Gesichtsbekleidung hätte vorführen können. Darüber war ich, gelinde gesagt, enttäuscht. Man trägt den Schutz doch für andere. Wenn keiner da ist, macht das auch keinen Sinn.

Literatur in Zeiten von Corona

Die Literaturgruppe traf sich wie immer dienstagabends im Foyer des Theaters. Neu war, dass man die Sitzung als private Veranstaltung für maximal 5 Personen deklarieren musste, um sie offiziell abhalten zu dürfen. Neu war, dass die Theaterleute parallel nicht probten, weil sie Anfang Mai bereits in der Sommerpause waren. Neu war auch, dass die einander bekannten Gesichter sich seltsam weit voneinander entfernt platzieren und sich gegenseitig nicht zu umarmen trauten. Weitere Gesichter versuchte man über WLAN hinzuzuschalten, aber dann ließ man es wieder. Die vorgelesenen Texte kannten alle ein Thema: Corona. Als man sich verabschiedete, blieb das Bedürfnis zurück, wieder öfter aus dem Haus zu gehen.

Coronatagebuch Tag #60

Es ist eine Lüge, dass man zu mehr kommt, wenn man mehr Zeit hat.

Zum Beispiel habe ich trotz eines wirklich immensen Zeitfensters auch in diesem Jahr noch nicht mit der Steuererklärung begonnen.

Man schafft es auch nicht, mehr Sport zu treiben. Ich habe es gar nicht erst versucht, weil ich weiß, dass es nicht geklappt hätte. Wer hingegen vorher schon Sport gemacht hat, macht jetzt genausoviel Sport, nur anders. Joggen anstatt ins Fitnesscenter z.B.

Man schafft auch die 1001 verhassten Aufgaben nicht in dieser gedehnten Zeit unterzubringen. Wie förmliche Briefe schreiben, ein Brett anschrauben, eine Wand streichen, endlich ein Fotoalbum aus allen irgendwo abgelegten Bilddateien zu machen. Einmal die Woche oder wenigstens einmal im Monat was Leckeres zu backen, funktioniert ebensowenig. (Auch hier gilt: wer vorher schon regelmäßig gebacken hat, tut das natürlich weiterhin).

Nachdem ich die Situation nun 60 Tage lang eingehend studiert habe, bin ich zu der gesicherten Erkenntnis gekommen: wenn mehr Zeit vorhanden ist, werden auch einzelne Aufgaben größer.

Am meisten Zeit haben Kleinkinder. Sie haben vom Aufstehen bis zum Schlafengehen einfach immer Zeit. Für alles. Müssen aber fast nie was.

Für Kleinkinder sind deshalb auch einzelne Aufgaben viel größer als für solche Leute, die weniger Zeit dafür haben. Sollen sie z.B. den Tisch decken oder eine kleine Pfütze Wasser aufwischen, winden sie sich unangenehm berührt ob der endlos langen Zeit, die das dauert. Nach einer Sekunde ist für sie gefühlt eine Stunde vergangen und sie geben auf, weil sie ja doch nicht fertig werden, und das obwohl sie es wider besseren Wissens sogar versucht haben.

So ist es mit den Kindern und der Zeit. Ich sollte nach der Pandemie ein Buch veröffentlichen mit dem Titel „Kinder und Zeit. Antagonisten im Jahr 2020“. Aber dafür hab ich ja keine… genau.

Coronatagebuch Tag #59

Die im Lockdown neu hinzuaddierten Hobbies festigen sich. Unsere heißen: Gartenbau und Spazierengehen. So unspektakulär es klingt, wir hatten vorher nie Zeit dafür.

Heute haben wir zum ersten Mal Salat, Radieschen und Erdbeeren geerntet und den Kompost weiter ausgebaut.

Und wir waren zum ersten Mal beim Bergwerksstollen mitten im Wald. Die Kinder haben am Bach gespielt, sind über Baumstämme balanciert und haben Lehm mit nach Hause genommen.

Komisch, mit Vierjährigen steht man auf Spaziergängen praktisch nur herum. Fünfjährige rennen die ganze Zeit vor und sind ständig aus dem Blickfeld, wenn man nicht hinterrast.

Heute war Sonntag. Unsere Kirche hat wieder offen. Es soll nachmittags einen kurzen Gottesdienst geben, draußen, mit Mundschutz, Sicherheitsabstand und ohne Gesang. Parallel gibt es aber immer noch den Youtube-Livegottesdienst. Dem haben wir uns heute gewidmet, während wir gleichzeitig mit den Kindern gebastelt und Spargel geschält haben. Vielleicht schafft man im Lockdown doch alles in kürzerer Zeit.

Coronatagebuch Tag #58

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Waldspaziergang mitten in der Woche. Egal wie lange.

Montag ist Kopiertag. Mittwoch ist Klaviertag. Freitag ist Abliefertag. Samstag ist Aufräumtag und Markttag. Sonntag ist Gottesdiensttag und meistens auch Ausflugtag.

Von Montag bis Freitag gilt von 9 bis 15 Uhr Lernzeit, mit egal wie vielen Pausen zwischendurch. Danach spielen die Kinder draußen mit den Nachbarskindern bis sie zum Abendessen wieder in der Küche stehen.

Die Woche hat eine Minimalstruktur.

Die Struktur ist genau richtig, um die Motivation zum Aufstehen und Lernen hochzuhalten. Vor allem die Zehnjährige hat da ihren vom Unterricht vorgegebenen Takt. Wir anderen platzieren unsere Tasks zwischendurch: Mal steht eine größere Einkaufstour an, mal ist Hausputz angesagt, mal gibt es Lohnarbeit für einen ganzen Vor- oder Nachmittag, mal schnappen wir uns die kleinen Geschwister und gehen für ein paar Stunden zusammen in den Wald.

Die Tage sind lang.

Aber auch die Nächte. Von 21 bis 7 Uhr herrscht Ruhe im Haus. Seit die Minimalstruktur vorherrscht, sind die Kinder abends schläfrig und entspannt und schlafen auch fast immer durch. Das sind 10 Stunden ohne Kinder, von denen ich einige dazu nutze, um auch mal nützliche Dinge gar nichts zu tun, ein wenig aufzuräumen oder mich im Internet umzusehen.

Heute war ein Samstag.

Das heißt Aufräumtag. Am Ende war alles so ordentlich, dass es mir leid tat, jetzt mit Kochen anzufangen. Daher holte ich Bargeld und Essen vom Döner.

Nach dem Mittagessen war es schon fast 15 Uhr. Wir brachen auf, unsere besten Freunde wiederzusehen. Zum ersten Mal wollten wir alle den Nachmittag zusammen verbringen. Drinnen und ohne Sicherheitsabstand. Das war kurz komisch, aber nach fünf Minuten nicht mehr. Die Kinder, vor allem die Jüngsten, waren durch das Wiedersehen merklich entspannter als sonst. Wobei sie ja auch sonst entspannt sind. Aber sie kehrten mühelos ihre besseren Seiten hervor, hatten Freude am Spielen, Freude am Essen und mussten viel weniger ermahnt werden.

In Addition unternahmen wir einen Spaziergang über die Felder. Über uns die Lerchen, am Horizont die Saftfabrik. In Sichtweite der Kinder Misthaufen und große Hunde, die über die Felder jagten. Sogar ein gemeinsames Abendessen trauten wir uns im Anschluss zusammen einzunehmen.

Die letzten Wochen

Ein bisschen wehmütig fuhren wir nach Hause. Die Dämmerung kam gegen halb 10. Luft und Boden waren nach dem fast regenfreien Frühjahr so trocken wie im August. Das Gras war versengt. Es gab Risse im Boden, auch unter Bäumen, da wo immer Schatten war.

Die kommende Woche wird die vorerst letzte mit wenig Struktur sein. Danach beginnt wieder der Kindergarten. Unter was für Bedingungen auch immer. Wir haben uns an unseren langsamen Alltag so gewöhnt, dass ich mir kaum vorstellen kann, die Kinder für länger als vier Stunden nicht zu sehen.

Daher fühlte sich diese Abenddämmerung so an wie die letzte Woche im August. Es war dasselbe Gefühl wie in der letzten Ferienwoche, bevor die Schule wieder losgeht. Die Angst davor, dass einem unweigerlich viele Freiheiten wieder genommen werden, die man gerade erst erhalten hat. Und die lächerliche Hoffnung darauf, dass man sich einige der Freiheiten einfach in die kommende, arbeits- und entbehrungsreiche Zeit hinüberretten wird.

Coronatagebuch Tag #56

Wir gehen auf den wiedereröffneten Spieplatz. Dort sehe ich auf einen Blick drei Familien (komplett oder in Teilen) wieder. Mehrere Familien dürfen sich hier gleichzeitig treffen und unbegrenzt lange miteinander reden (nur nicht essen), die Kinder dürfen solange unbegrenzt lange spielen. Was auf der Straße nicht erlaubt ist, geht innerhalb der Spielplatzumzänung sehr wohl.

Wenn wir Hunger haben, verlassen wir den Spielplatz kurz, setzen uns einen Mundschutz auf und holen Eis, Schokocroissant oder Döner aus einem der umliegenden Läden (das geht natürlich aufs Kleingeld, der die letzten 8 Wochen zu Hause in der Schublade schlummerte).

Gesnackt wird wenige Meter vor dem Tor zum Spielplatz, danach können die Kinder wieder rein und weiterspielen.

Ein bisschen anders als sonst ist, dass mehr Väter bzw. komplette Familien an einem Donnerstagvormittag zugegen sind. Die Väter haben in letzter Zeit keinen Friseur mehr aufgesucht und tragen die Haare wie Christian Drosten.

Ich komme mir vor wie in einem Spiel. Oder in einem Spiel im Spiel. Oder in einem Spiel in einem Spiel in einem Spiel. Eigentlich spiele ich, dass ich zwischen Geburt und Tod irgendwie klarkomme. Darin gibt es einen Quest, der nennt sich Corona 2020. Innerhalb des Quests gibt es noch die Sonderaufgabe „Spielplatzbesuch“. Oder so.

Die Kinder denken sich gar nichts, sondern genießen es einfach, dass jetzt wieder Zeit und Raum für etwas anderes ist.

Coronatagebuch Tag #55

Ich überlege schwer, mit dem Coronatagebuch wieder aufzuhören.

Nächste Woche sind wieder reguläre Kinderarzttermine. Und die Literaturgruppe trifft sich wieder, in echt. Ich habe immer noch keinen vorzeigbaren Text dafür geschrieben.

Ab heute haben die Spielplätze wieder offen. Und man darf sich – anscheinend unverzüglich – draußen wieder mit mehr als einer Person treffen. Also können ab jetzt zwei „Hausstände“ zusammen spazierengehen.

Unser Nachbarskind geht ab dem 11. Mai wegen Systemrelevanz wieder in die Kita. Bisher haben ihre Eltern sich mit den Schichtplänen abgewechselt bzw. waren selbst krankgeschrieben oder in Urlaub. Auch alle anderen Kindergartenkinder dürfen ab dem 18. Mai irgendwie wieder in den Kindergarten. Aber nur in kleinen Gruppen, die sich dann irgendwie abwechseln. 

Von politischer Seite ist seit heute auch geklärt, dass jedes Kind vor den Sommerferien irgendwie nochmal die Schule von innen gesehen haben soll. Das bedeutet für die meisten Kinder, dass die Schule für sie am 15. Juni wieder beginnt. Die Klassen dürfen nur abwechselnd im Schulgebäude sein, müssen in kleinen Gruppen unterrichtet werden und Lehrer der Risikogruppe bleiben weiterhin zu Hause. Das ergibt unterm Strich etwa drei Stunden Unterricht pro Tag. Der Rest wird weiterhin zu Hause erledigt. Im entsprechenden Beitrag auf der Seite unseres Bundeslandes heißt es: „So haben alle Schülerinnen und Schüler bis Schuljahresende noch mindestens zwei Schulwochen Präsenzunterricht an der Schule.“ Das hat sich dann ja gelohnt.

Auch alle Cafés, Restaurants und Ferienhäuser/ Hotels sollen im Lauf des Monats Mai wieder öffnen. Ins Ausland darf man dann wohl kaum. Aber pünktlich zu den Pfingstferien steht dann innerdeutscher Urlaub an. Also vielleicht. Wenn man in Hotels tatsächlich auch übernachten darf. Und auch einfach so Freunde oder Verwandte besuchen. Vielleicht sogar in Berlin? Das wünscht sich unser Fast-Schulkind schon lange.

Vielleicht kann das Kind im Juli sogar ganz normal Geburtstag feiern. Wie das genau aussehen soll, nachdem der Kontakt zu fast allen Kindergartenkindern abgebrochen ist, weiß ich nicht. Aber so oder so wird es im September einen ersten Schultag geben. Und einen Schulranzen und eine Schultüte. In welchem Rahmen auch immer wir dann Einschulung feiern.