Warum ich mich auf die #denkst freue

Die #denkst in Nürnberg ist meine erste Bloggerkonferenz. Ich war noch nie auf einer Bloggerkonferenz. Der Aufreger an diesem Event ist, man steht plötzlich all jenen gegenüber, die man sonst nur liest. Es ist ein bisschen so, als würde man auf die Buchmesse gehen und schon vorher wissen, dass man dort alle seine Lieblingsautoren auf einmal treffen wird, live und in Farbe. Nun ist es auf der Buchmesse aber so, dass man dort überhaupt niemanden trifft, und wenn, dann steht derjenige hell ausgeleuchtet auf der Bühne, während man selbst sich nur ganz klein und verschämt an einem Bücherstand herumdrückt und hofft, ein signiertes Exemplar zu bekommen.

Bei einer Bloggerkonferenz gibt es auch Bühne, natürlich, aber trotzdem ist es doch eher ein Begegnungs- und kein Verkaufsforum. Spannend finde ich, dass es sich um ein Event für den „südlichen Raum“ handelt, also um ein Forum für die zwar auch starken, manchmal wegen fehlendem Berlin-Faktor aber nicht ganz so wahrgenommenen Blogs (ist meine Wahrnehmung, können wir gerne diskutieren!). Was uns alle zusammen ausmacht: wir sind Eltern und bloggen darüber. Daher gibts in Nürnberg natürlich auch eine Kinderbetreuung.

Auf wen ich mich freue? Leute, ich würde nun am liebsten jeden einzelnen von euch nennen! Nur weiß ich nicht im Detail, wer denn da alles kommt, ich kann es nur dem ein oder anderen Twitterbeitrag entnehmen. Daher ist die folgende Auswahl getrübt von größtmöglicher Subjektivität und auch von Zeitknappheit, denn gleich wachen die Kinder wieder auf und dann geht das „Real Life“ hier weiter.

Dass ich mich ganz besonders auf die vortragenden Bloglöwinnen freue, geschenkt: Patricia von dasnuf und Alu von Großeköpfe, Christine von Mama arbeitet, Béa von Tollabea und und und…

Außerdem freue ich mich auf:

Grummelmama, die sich gerade über die alberne Helikoptifizierung der Elternschaft durch den gemeinen Journalisten aufregt: „Ihr glaubt, UNSERE Kinder besser zu kennen als wir?“
Melanie von Glücklichscheitern, die gerade schrieb: Erziehungsistdiehöllesinddieanderen, womit sie mich auf ein spannendes Erziehungskonzept aufmerksam machte, das sich „unerzogen“ nennt. Und darum hab ich gleich noch diesen Artikel gelesen: „Ich bin eine blöde Scheißkackmama!“
Heikeland, die gerade ein Aupair sucht. Damals mit 3 Kindern wegen Lehrerjob aufs Land gezogen, und dann auch noch von 73 auf 200 qm – genau wir wir! Und das 4. Kind in the making.
Mutterseelesonnig, die mit Ich bin dann mal weg mal wieder eindrucksvoll zeigt, wie unglaublich schwer der Altag mit Kindern ist, wenn man alleinerziehend ist.
Tanja von Tafjora, deren Beiträge sich lange um „Frankreich mit Kind“ drehten, zum Beispiel École Maternelle, Schule oder Kindergarten?
Séverine aus der Schweiz von Mama on the Rocks, deren beide Kinder LadyGaga und Copperfield jetzt schon Legende sind. Ich habe aber auch Working Mom auf dem Dorf sehr gerne gelesen.

Ich weiß, da fehlen jetzt eine ganze Menge! Meine größte Sorge ist und bleibt ja, dass ich irgendjemandem gegenüberstehe, deren/dessen Blog ich einfach nicht einordnen kann, denn wer liest denn schon alle Blogs oder kann jedem Blog ein Gesicht zuordnen… Außerdem weiß ich gar nicht, ob ich es mit dem Säugling auf und an mir überhaupt schaffe, einen ganzen Satz bis zu Ende zu reden, geschweige denn, zuzuhören…

Im Vorhinein Abbitte leistend,
Eure Landfamilie

„Vielleicht stelle ich mir dann eine Bank vors Haus und unter der Bank liegt ein alter Hund und schnarcht, und auf dem Schoß eine dicke verfilzte Katze.“

Interview mit einem Land-Blogger 

Wer sind sie: die „Stadteier“, deren Zeit in der Stadt irgendwann abgelaufen war? Die auf dem Land erst so richtig Beruf und Berufung fanden? Die noch immer nach etwas suchen, was sie vielleicht nur in der Stadt finden können? Die auf dem Land endlich ihren Sehnsüchten Raum verschaffen konnten? Die Kompromisse eingingen und dabei erwachsen wurden?

Landfamilie fragt, gestandene Land-Blogger antworten.

Teil I: Die Odenwälderin vom Landlebenblog.

Bank vor dem Haus

Wie lange ist es her, dass du das Land- gegen das Stadtleben getauscht haben und warum das Ganze?

Ich lebe jetzt seit satten 15 Jahren auf dem Dorf, aber ich habe mich ursprünglich langsam herangetastet. Von wegen drohendem Kulturschock undsoweiter. Von Berlin über Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen, dann in den tiefsten Odenwald, aufs Dorf mit 360 Einwohnern, nach dem Motto: wenn schon, denn schon. Ich kannte weder das besagte Dorf, noch den Odenwald, aber mein Chef suchte händeringend –  und bis dato vergeblich –  jemanden, der in die Provinz zieht, um von dort als Provinzreporter für den SWR und die gesamte ARD zu berichten. Und weil ich ohnehin aus dem herkömmlichen Karriere-Karussell aussteigen wollte, nahm ich den Job. Zum Entsetzen aller städtischen Freunde. Die sind inzwischen aber in der Mehrzahl neidisch.

Du kommst abends mit dem Auto oder mit dem Zug in dein Dorf zurück. Woran merkst du, dass du „nach Hause“ kommst?

Mit dem Zug?? Mit was für einem Zug? Ohne Auto geht hier nichts. Aber wenn die Straßen immer schmaler, immer schlechter und immer leerer werden, der Wald immer dichter und die Aussichten bis an den Horizont immer schöner, dann weiß ich, daß mein Dorf nicht mehr weit sein kann. Und daß zuhause der Gatte in der Küche steht, die Hühner auf der Stange sitzen, die Hunde sich freuen, die Katze schnurrt und im Kamin ein Feuer brennt. Das fühlt sich fast ein bißchen wie zuhause an.

Was sagen deine Kinder / dein Partner über das Landleben? Kannst du diese Meinung teilen?

Der Gatte kennt und liebt das Landleben, 16 Jahre hat er einen Hof in Italien gehabt. Und da fangen aber leider die Probleme an. Das Wetter in Badisch-Sibirien ist mit dem in der Emilia nicht so recht vergleichbar, wir haben hier im Odenwald sechs Monate Eis und Schnee, und den Rest des Jahres isses kalt. Für den Gatten ein gewisser Alptraum, aber er trägt es mit Fassung. Ich habe ihm versprochen, daß wir wegziehen, wenn wir im Lotto gewinnen. Irgendwohin, wo es warm ist. Schließlich ist er ja nur meinetwegen hier.

Ein Blick zurück: Vermisst du etwas, das es nur in der Stadt gibt? Oder hast du aufgehört, etwas zu vermissen? Warum?

Ich vermisse den Griechen in den U-Bahnbögen am Savignyplatz. Ob es den noch gibt? Und ich vermisse nette Cafes und kleine Bars, aber ich versuche, es nicht zu vermissen, es hilft ja nichts. Die kulinarische Infrastruktur, überhaupt eine gewisse Ess- und Trinkkultur muß man auf dem Land ja mit der Lupe suchen, hier muß man schaffe‘, nicht herumsitze‘ und faulenze‘ und genieße‘. Seufz.

Und ich vermisse Menschen, die mal sagen „Au ja, das klingt wie eine tolle Idee, das probieren wir!“ und nicht immer nur „Geht nicht, gibt’s nicht,  und am besten bleibt alles, wie es ist.“ Ich bilde mir ein, in der Stadt gäbe es solche Menschen, aber vielleicht irre ich mich auch.

Ein Blick in die Zukunft: Lebst du auch noch im Alter auf dem Land? Warum / warum nicht?

Puh, schwierige Frage. Das Leben wird mit fortschreitendem Alter auf dem Lande wohl nicht leichter. Keine Läden, kein Nahverkehr, immer weniger Ärzte. Aber will man als Rentner gerne in Berlin oder in Hamburg sein? Ich denke ungern über dieses Thema nach. Aber vielleicht werde ich auch so eine verschrobene Land-Alte, ich stelle mir dann eine Bank vors Haus und sitze in meiner Kittelschürze da und plaudere mit allen, die vorübergehen, und unter der Bank liegt ein alter Hund und schnarcht, und auf dem Schoß eine dicke verfilzte Katze, und es gibt jeden Tag Kartoffeln aus dem Garten und dazu Spiegeleier aus dem eigenen Stall. So könnte ich mir das vielleicht doch vorstellen.

Zur Person: Friederike Kroitzsch aka die Odenwälderin ist SWR-Journalistin in Nordbaden. Zum allerersten Mal ist sie mir Tatsache nicht im Internet, sondern in der Rhein-Neckar-Zeitung begegnet. Fast täglich schreibt sie auf ihrem Blog über die Gegenstände, Tiere und Menschen auf dem Land  und macht sehenswerte Fotos dazu. Ob ausgefallene Ausflugstipps, die angestaubte Gaststätte, die provinziale Kaffeehauskultur oder die Begegnung mit der Einsiedlerin: alles ein wenig skurril, alles liebenswert und mit großer Detailtreue und Warmherzigkeit geschildert. Ich hoffe, ich lerne die Landlebenbloggerin irgendwann mal in echt kennen. Das wäre toll.

 

Berlin

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Das hier ist keine Buchhandlung, sondern ein Metzger. Merke: Berliner essen nur noch Fleisch, wenn sie dazu einen Hardcover-Bildband mit nachdenklich stimmender Tierfotografie in scharfgestochener Qualität bekommen. <just kidding, aber is doch so>

Die Landfrau fährt nach Berlin. Hier bekommt sie Antwort auf alle ihre Fragen.

Zum Beispiel auf die Frage, wo denn die ganzen Menschen zwischen 0-10 bzw. 20-40 Jahren stecken. Also die Menschen im Alter der Landfamilie. Ja, also hier sind sie alle. Die Freundin der Landfrau sagt, in Berlin Mitte und P.berg sei die höchste Geburtenrate in Europa. Die private Kita der Tochter hat schon 11 Ableger gegründet. Erste Cafés wehren sich bereits gegen die Kinderflut, indem sie den Aufkleber „durchgestrichener Kinderwagen“ an der Eingangstür anbringen.

Die Landfrau freut sich ganz arg, dass sie endlich ihre Altersgenossen wiedergefunden hat und sich wenigstens ein Wochenende lang in ihrer Nähe wähnen darf.

Auch die Frage, ob man Wildfremde denn nun duzen darf oder siezen muss entscheidet sich in Berlin zugunsten des Du. Die Landfrau ist aber viel zu verklemmt dafür und beschließt, als Tourist beim einfachen Sie zu bleiben, auch auf die Gefahr hin, mitleidig angelächelt zu werden.

Noch so eine Frage, die endlich ihre Beantwortung findet: Warum nur, warum haben alle Berliner so schicke Wandtattoos/ Bettvorleger/ Lampenschirme/ Kinderspielzeuge? Achso, weil die ja auch direkt im Erdgeschoss des Hauses, in dem man wohnt, zum Verkauf stehen. Merke, der Mitte- und angrenzende Berliner steht nicht wie die Landfrau eine Stunde im Stau auf dem Weg zu IKEA, nur um dort feststellen zu müssen, dass das Objekt der Begierde namens Ole/ Knut/ Smorrebrød bereits ausverkauft ist. Nein, er erwirbt auf dem Weg vom Bäcker mal eben ein handgefertigtes, modisch zukunftsweisendes Einzelstück zu einem völlig akzeptablen Preis und wundert sich ein wenig, dass die gewöhnlichen Deutschen es einfach nicht hinkriegen, so schick zu sein wie er.

Ja, hier sind sie, die Erfolgreichen, die mit ihrer völlig bizarren Geschäftsidee die einzigen in ihrer Nischen-Branche sind und daher keine Konkurrenz fürchten müssen (oder sollte es tatsächlich zwei Unternehmen geben, die „vegane Öle“ verkaufen?). Hier sind sie, die sich in keine Hierarchie, keine Firma, Klinik, Lehranstalt, in kein Bankwesen und in kein Verwaltungsangestelltendasein fügen müssen. Die ihre Arbeit leben und ihr Leben arbeiten. Hier gibt es kein Schaffe und kein Schichten. Nein, hier bringen die Väter die Kinder erst gegen 10 Uhr zur Kita – zu einer Zeit, in der auf dem Land die Kinder schon fast wieder abgeholt werden – wohlgemerkt von den Müttern.

Bleibt noch eine Frage: Was genau machen die Mitte- und angrenzenden Mütter, während Mann und Nachwuchs unterwegs sind? Diese Frage konnte bislang noch nicht zufriedenstellend beantwortet werden. Möglicherweise erholen sie sich vom nächtlichen Homeoffice / einer Schwangerschaft / einer Party. Vielleicht sind sie aber auch schon seit 8 im Büro. Als Versicherungsfachangstellte. Aber nur ganz, ganz heimlich. Irgendjemand muss den ganzen Lifestyle ja bezahlen.