Coronatagebuch Tag #52

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Aufbackbrötchen, Nutella, Zoom-Kinderbibelstunde, YouTube-Live-Gottesdienst. Wir erfahren, dass unsere Kirche nicht öffnet. Noch nicht. Darüber bin ich sehr erleichtert. Bei dem Gedanken, alle Leute, auch Freunde und Bekannte, nur mit Mundschutz und 1,5 Metern Abstand (ohne Händeschütteln, ohne Umarmen!) zu begrüßen, immer zwei Stühle Abstand zu halten und nicht mehr singen zu dürfen, wird mir schlecht.

Aufräumen, Aufräumen, Aufräumen.

Wir entdecken dabei (nachdem wir schon über ein halbes Jahr in dem Haus wohnen) zum ersten Mal den winzigen Dachboden.

Weiter aufräumen. Schul-iPad für morgen konfigurieren. Der IT-Lehrer richtet die notwendigen Apps von fern ein. Wohlgemerkt an einem Sonntag.

Kochen, essen, Siedler spielen, Klettern gehen im Wald, am Brunnen spielen im Wald, Knoblauchrauke mitnehmen (von LandLebenBlog empfohlen), leider keine Bilder machen.

Merke: Wenn die üblichen Orte wie Spielplätze und die Wiesen am Fluss gesperrt sind, nehmen die Kinder eben ein Seil und klettern damit zwischen den Bäumen die Felsen hoch. Begleitet vom Duft einer kleinen Kifferrunde, die sich in 1,50 bis 15 Metern Entfernung davon getroffen hat.

Zu Hause weihen wir die neue Feuerschale ein. Mit Würstchen, Knoblauchrauken-Brot und Bier.

Keine neue Infektion mehr in Island – ein Genforschungs-Institut und eine Tracing App haben die Krankheit dort anscheinend zum Erliegen gebracht. In Deutschland steht die Frage im Raum, ob Menschen, die früher eine Lebendimpfung mit TBC erhalten haben, möglicherweise auch gegen die neue Krankheit immun sind. In Spanien dürfen die Menschen seit sieben Wochen zum ersten Mal wieder raus. Der Premier Großbritanniens hat die Krankheit persönlich überstanden und benennt sein Kind theatralisch nach seinen Notärzten.

Über 3,5 Millionen weltweit haben sich in dem letzten knappen halben Jahr nachweislich angesteckt. Knapp 250.000 sind gestorben. In Deutschland sind es über 165.000 Infizierte, damit liegt Deutschland vergleichweise ziemlich weit vorne, aber es sind gibt nur 6845 Tote, was sehr wenig ist.

Coronatagebuch Tag #51

Die mehr als nur erträgliche Leichtigkeit des Seins

Familieninterner Gastbeitrag

Ich lebe meinen Traum. Ich stehe auf, wenn ich wach genug dazu bin. Ich habe ein ausgiebiges, abwechslungsreiches und langes Frühstück. Ich teile mir meinen Tag ein, wie ich Lust habe. Ich mache was ich will, wann ich will, wie ich es will. Früher hatte ich immer so viele unerfüllte Pläne, Träume, Projekte. Jetzt habe ich Zeit, einiges von dem zu verwirklichen, das schon so lange auf meiner Liste steht.

Ich lege einen Garten auf dem Grundstück an, das wir uns letztes Jahr gekauft haben. Das Wetter dafür ist traumhaft. Ich habe genug Zeit, mich in Permakultur Gardening einzulesen. Ich habe genug Zeit, unterschiedliche Pläne für den Garten zu entwerfen, zu vergleichen und mich mit meiner Familie und Freunden für einen zu entscheiden. Ich habe einen sehr guten Freund, der mir mit leidenschaftlichem Einsatz dabei hilft.

Ich mache unglaublich viel Musik, vielleicht mehr als in den letzten paar Jahren zusammen. Musik ist seit Teenagerzeiten meine Leidenschaft. Das ist auch jetzt noch so. Yeah! Ich fühle mich wohl mit dem, was ich musikalisch abliefere. Mein Gesang entwickelt sich in eine Richtung, die ich gut finde. Der Krampf in meiner linken Hand, den ich seit drei Jahren beim Gitarrespielen spüre, merke ich nicht mehr. Ich bin dem Aufbau eines kleinen Heimstudios – mein Traum seit Jahrzehnten –  jetzt ein Stück näher gekommen. Ich mache viel mehr Sport. Ich fühle mich so fit und trainiert, wie ich es nur selten vorher war, was auch am Garten liegt.

Diese Zeit ist ein Geschenk an mich!

Ich kann mich um die Entwicklung meiner Persönlichkeit kümmern bzw. wenigstens ein Coaching organisieren, um meine Organisationsprobleme auf die Reihe zu kriegen. Ich wollte das schon so lange machen. Immer rauschte die Zeit an mir vorbei, jetzt ist die Stunde, die mir gehört.

Meine Kinder sind immer da. Ich kann sie immer sehen und mich an ihnen erfreuen. Der beunruhigende und Energie raubende Gedanke, dass sie negative Erlebnisse und Einflüsse in Kindergarten und Schule erfahren könnten, ist ausgetilgt. Sie starten fröhlich in ihren Tag und verfolgen – ungestört von den Dysfunktionalistäten der pädagogischebn Einrichtungen – ihre Ziele. Sie haben sich unglaublich weiterentwickelt: Die 10-jährige hat Sprünge beim Lesen, ihren Computer-Skills und beim Klavierspielen und vor allem bei der Motivation und Selbstorganisationm gemacht. Der 5-jährige rechnet und schreibt munter drauflos und malt die Welt detailgetreu mit Buntstiftren in seinen Zeichenblock. Allerdings: Die 4-jährige hat irgendwie eine Entwicklungsphase, in der sie ständig müde ist und ihre Rolle sucht. Ab und zu ist ihr langweilig. Aber sie spielt auch oft mit ihren Geschwistern. Alle drei verstehen sich im Moment ziemlich gut.

Wir sind ausgeglichen. Wir verpassen nichts. Wir müssen niemanden treffen und mit niemandem kommunizieren. Niemand auf der Welt erlebt gerade irgendetwas, von dem wir wissen, dass wir es auch erleben wollen. Niemand verkauft etwas, das wir haben wollen. Unser Leben hat Elemente von dem, wie ich mir die Glückseligkeit vorstelle.

Wir genügen uns selbst. Zumindest sind alle Bedürfnisse, die ich habe, im Hier und Jetzt erfüllbar. Die jetzt unerfüllbaren Dinge wie Reisen oder Ausgehen hätten in diesen Wochen auch so kaum stattgefunden. Wie denn, als voll berufstätiger Vater von drei Kindern?

Soundtrack zu meinem aktuellen Zustand: Die Sterne: Du musst gar nix

Ich weiß: Wir sind die glücklichsten Menschen dieser Erde. Wir haben alles, was wir zum Leben brauchen und noch hundertmal mehr. Vielen Familien geht es nicht so gut, müssen diese Zeit in engen Wohnungen und unwirtlichen Stadtteilen verbringen ohne auf Spiel- und Sportplätze ausweichen zu können.

Viele Menschen sind allein und haben niemanden. Verlieren ihren Job, sind in Kurzarbeit, wissen nicht wie es in Zukunft weitergeht. Sind häuslicher Gewalt ausgesetzt. Andere werden schrecklich krank oder sterben sogar. Manche wollen ihren Schul- oder Universitätsabschluss machen und ins Leben starten, mit ihrem Start-up vorankommen, Musik und Kunst präsentieren und werden jetzt dramatisch ausgebremst.

Für all diese Menschen will ich, dass es aufhört. Für mich selbst und meine Familie kann ich gut und gerne noch ein bisschen durchhalten. #stayhomeyeah

Coronatagebuch Tag #50

Heute ist ein Feiertag.

An Feiertagen gehen die Leute ohne Masken auf die Straße. So viel weiß ich schon von den letzten Sonntagen. Das entspannt. Das tut gut zu wissen, dass da jetzt niemand mit Maske draußen rumläuft. Auch wenn man wegen Regen und Gewitter sowieso nicht raus will.

1. Mai: Demos gegen die Pandemie

In Berlin gab es trotz stark eingeschränkten Versammlungsverbots Demonstrationen. Masken aufsetzen und rausgehen – in Gruppen. Ja, tatsächlich. Linke bzw. autonome Gruppe bekamen diesmal Verstärkung von Pandemie-Ablehnern („Hygiene-Demo“), die mit den aktuellen Regulierungen der Regierung nicht einverstanden sind und mit vielem anderem auch nicht. Sie wollen, dass die Pandemie aufhört und behaupten daher, es gebe keine.

Abends dann in den Nachrichten: eine vermummte Gruppe hat ein ZDF-Kamerateam angegriffen und vier von sieben Personen krankenhausreif geprügelt.

Und: In Michigan stürmen Bewaffnete, aufgewiegelt vom US-Präsidenten, das Parlament. Sie wollen sofortige Lockerungen, angeblich wieder zur Arbeit oder einfach nur die Pandemie scheiße finden.

Wir bleiben zu Hause.

Heute lernt die große Tochter den Beat zu „Revolution“ auf dem Schlagzeug. Der Sohn baut die ISS nach. Die kleine Tochter bastelt ein Memory. Die Kinder sprudeln vor Energie. Vermutlich bekommt man das bei Regen eher mit, weil alles im Haus geschieht. Aber ich liebe es, dass wir drinnen bleiben dürfen. Nicht müssen. Aber dürfen. Für das tägliche Familienmanagement ist so eine Pandemie wirklich das beste. Jeder Tag läuft gleich ab. Um Aufgaben außerhalb des Hauses wahrzunehmen, müssen wir das Haus nicht verlassen, sondern nur den Bildschirm anmachen. Die Kinder bewegen sich ebenfalls in einem sehr kleinen Radius. Aber das schadet ihnen offenbar nicht.

Ab Montag haben die Spielplätze wieder offen.

Ich stelle mir die Spielplätze so gruselig vor, dass ich beschlossen habe, den Kindern diese gute Nachricht nicht zu verkünden.

Am Tor ein Wärter, der dieses nur öffnet, wenn eine Familie den Spielplatz wieder verlässt. Der jedem Eintretenden aus 1,50m Abstand die Hände mit einem Desinfektionsspray einsprüht. Eltern, die – mit Mundschutz und ganz ans Ende von Bänken gerückt sitzend – ihre Kinder zurechtweisen: „Maximilian! Da darf nur einer drauf!“ – „Emilia! In die Armbeuge!“ usw.

Vielleicht wird es auch eine App geben, über die man sich ein Zeitfenster auf dem Spielplatz reserviert. Montag, 11. Mai, 15:00 bis 15:30. Am Eingang wird dann der QR-Code eingescannt, der auf deinem Gerät gespeichert wurde. So wie es jetzt in China gemacht wird. Muss zugeben, da wäre ein implantierter Chip die einfachere Lösung.

Oder das hier:

 

Coronatagebuch Tag #49

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Kinderkunst: Schiff aus Gipskarton

#Coronart

Vor lauter Langeweile machen wir Kunst.

Nee, langweilig ist uns nicht. Aber es ist so viel Zeit in der Pipeline. Wir können schon das ganze NEINhorn auswendig und führen das demnächst als Theaterstück auf. Im Livestream. Via Zoom oder so.

Die Tochter schreibt vor lauter fehlender Ablenkung ihre Deutsch-Aufsätze schon ganz sauber und fehlerfrei. Sogar die Fleißaufgabe für die Alten im Altenheim. Dann legt sie den Füller hin und geht wortlos in die Werkstatt, nimmt eine Säge und Gipskarton und baut sich ein Schiff.

Währenddessen schreiben wir die Partitur von Eleanor Rigby nach Gehör auf. (Es gibt jetzt nämlich für Eingeweihte einen Instagram-Account, auf dem jeden Abend ein Beatles-Song gelauncht werden muss. Da kommt man kaum hinterher.)

Vorgestern konnte ich nachts nicht ins Bett gehen, weil ich eine Kurzgeschichte für 1000zeichen fertigkriegen musste. Seither schaue ich jeden Tag nach, ob sie schon online ist. Oder ob sie vielleicht nie online geht, weil sie zu schlecht ist. Aber auch das will ich dann ja wissen.

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Kinderkunst: Lehmfiguren

 

Coronatagebuch Tag #48

Die Kindermasken sind da. Die Erwachsenenmasken auch.

Kinder unter 6 Jahren müssen keine Maske tragen, aber das wusste man vor einer Woche noch nicht. Daher hatte ich welche bestellt. Mit Indiandern, Pferden und Büffeln drauf. Oh Gott.

Der Hinweis darauf, dass „kleine Kinder“ die Maske nicht tragen müssen, weil sie es noch nicht so gut können, ist für den Fünfjährigen von großer Bedeutung. Er könne das. Sowieso ist er mit allen neuen Regeln sehr einverstanden. Er fühlt sich mit seiner Maske wie der Chef der Straße.

Wir gehen jetzt lieber noch kürzere Wege zum Einkaufen. Wer will schon mit so einer Maske auf quer durch die halbe Stadt. Und womöglich auch noch den Bus nehmen. Die lokale Ladenszene boomt. Wir dürfen in manche Läden zwar nur einzeln eintreten, in manchen darf man nicht alles anfassen, aber alle sind ausgesprochen freundlich zueinander. Da schaue ich glatt über die Preise hinweg.

Als wir sündteuren Joghurt im Bioladen erstehen, fängt es an zu regnen. Der erste Regen nach fast sieben Wochen. Es riecht nach nassem Staub und Blüten. Ein wunderbarer Geruch. Wir treten aus dem Laden, die Arme nach oben gereckt. Es nieselt nur leicht. Wir sehen nach oben, drehen uns ein bisschen euphorisch im Kreis. Man weiß ja nicht, wie oft es noch Regen gibt. Wie lange man die Maske noch tragen muss. Ob ab morgen Regen verboten ist. Oder Dürre. Oder doch wieder die Masken.

Und ansonsten wie immer, was Frau Ruth sagt.

Coronatagebuch Tag #47

Alle reden von ihm und man sieht ihn dauernd in kurzen selbstgemachten Videos:

Xavier Naidoo.

Ich glaube nicht an Xavier Naidoo. Xavier Naidoo hat bisher seine Existenz nicht bewiesen.

Wo ist er denn, der Xavier Naidoo?

Wo war er denn im Grippejahr 2017/18?

Ist er überhaupt Deutscher?

Diese Videos von ihm, die sollen uns jedenfalls alle in die Irre führen. Das sollte jedem klar sein, der etwas genauer hinsieht.

Erstens, sein Name.

X ist der 3., N der 13. Buchstabe des Alphabets rückwärts gelesen. Dreizehn – drei. Am 13.03., einem Freitag, hat Deutschland beschlossen, alle Schulen und Kitas zu schließen. Wenige Tage, nachdem Xavier Naidoos erstes Video draußen war.

Er hat also mit seinem Video gezielt die Schließungen bewirkt. Und nicht nur das – er hat sie von langer Hand geplant.

Xavier Naidoo profitiert persönlich vom Lockdown. Für ihn als Musiker ist es allerdings prinzipiell geschäftsschädigend, keine Konzerte mehr geben zu können. Warum hat er dann entschieden, dass es mindestens bis zum 31. August keine Großveranstaltungen mehr geben soll?

Xavier Naidoo findet: Jetzt wo ihm die Konzerthäuser reihenweise Absagen erteilen, ist es nur gerecht, wenn alle anderen auch nicht auftreten dürfen.

Es ist seine berechtigte Wut auf seinen Rausschmiss bei RTL, die ihn zu der Entscheidung veranlasste, Deutschland in den Lockdown zu treiben.

Aber es besteht Hoffnung: Wenn wir ihn ab jetzt nicht mehr ärgern, kann es sein, dass Deutschland vielleicht schon im Herbst wieder zur Normalität zurückfindet.

Zweitens, sein Herkunftsort.

Mannheim. Mannheim gibt es gar nicht. Gib bitte Mannheim beim Kartendienst deiner Wahl ein: nichts. Sagt schon alles.

Drittens, die Augen.

Es existiert kein Bild von Xavier Naidoo, auf dem seine Augen zu sehen sind. Jedenfalls kein aktuelles.

Hinter der dunklen Brille kann jeder stecken.

Und so gibt es nicht nur einen X.N., es gibt derer 6. Oder 13. Oder 666. Es gibt jedenfalls nicht „den“ Xavier Naidoo.

Es gibt nachgewiesen aber 50 Kinder, die aus unzumutbaren Lagern nach Deutschland einreisen dürfen. Das sind weniger als es vermeintliche Xavier Naidoos gibt.

Solange die Zahl der in Deutschland aufgenommenen Kinder aus Griechenland die Zahl der Xavier-Naidoo-Fakes nicht überschreitet, wähnt sich das Projekt X.N. auf der sicheren Seite.

Damit die kleine Schar der fünzig nicht allzusehr Beachtung in den Medien findet, erfindet das Projekt X.N. ein paar zusätzliche Kinder, die ebenfalls aus dubiosen Umständen gerettet worden sind, angeblich, nur irgendwo anders.

Wer es jetzt immer noch nicht verstanden hat: Xa4 N1d8 ergibt in der Quersumme 13.

Q.E.D.

Coronatagebuch Tag #46

Mit einer Maske über Nase und Mund durch die Straßen zu laufen ist so, wie mit einem BH durch die Straßen zu laufen.

Beide zwicken, beide halten den zu verdeckenden Ort zu warm, beide sind aus Gründen des Anstands und der Höflichkeit zu tragen, schützen aber nicht vor Gefahr.

Ab heute ist in Baden-Württemberg das Tragen eines Mundschutzes Pflicht beim Einkaufen, in Bus und Bahn sowie an bestimmten Orten wie z.B. auf Ämtern. Die Regel gilt auf unbestimmte Zeit.

Coronatagebuch Tag #45

Ich wünsche mir, diese Zeit einfach abkürzen zu können. Indem ich einfach Winterschlaf mache z.B. Nur das geht schlecht, wenn man täglich frühmorgens von zwei knallegutgelaunten Kindern geweckt wird. Und mit diesem strahlenden Sonnenschein geht es schon gleich gar nicht. Sonne bis in den letzten Winkel. Alles muss ausgeleuchtet werden. Nichts darf verborgen bleiben.

Eigentlich möchte ich diese Zeit auskosten. Wann werde ich jemals wieder wochenlang gemütlich bis 8 oder 9 liegenbleiben können? Wann wird es jemals wieder eine Zeit geben, in der das Auto einfach stehenbleibt? Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal getankt habe. Logischerweise ist Tanken gerade so billig wie in den letzten 10 Jahren nicht mehr.

Tankfüllungen hamstern? Mit Airbnb-Aktien spekulieren?

Macht ihr nur. Ich habe heute auch eine Menge gemacht. Eine Hütte im Wald gebaut. Kartoffeln ins Beet gesetzt. Eine kleine Radtour unternommen. Essen gekocht. Bücher vorgelesen und versucht selbst zu lesen. Zoom auf einem Tablet eingerichtet.

Wenn diese Zeit zu Ende ist, würde ich gerne mitnehmen:

  • Weniger Kindergarten, mehr Kinderclub bei Nachbars
  • Schule öffnet um 9
  • Rücksicht und gebührender Abstand zwischen Fremden
  • Recht auf Homeoffice
  • Recht auf Homeschooling
  • regelmäßig genügend Zeit für Blumen, Bäche, Äste, Lehmvorräte und Kaulquappen
  • Mehr lokal einkaufen und Ausflüge in die nahe Umgebung, ohne zu befürchten, dabei „Trends“ zu verpassen

Coronatagebuch Tag #44

An Tag 44 kann ich ganz sicher sagen, dass ich eine Sozialphobie habe.

Deine Frage danach, ob wir uns mal wieder treffen können, so wie früher, löst Panik in mir aus.

Dann – muss ich ja vorher einkaufen gehen? Was anziehen? Was kochen? Konversation machen? Darüber reden, wie ich mich fühle und wie das alles für mich und uns ist? Und mit echten Leuten darüber streiten, ob die Maskenpflicht Humbug ist oder besser als nichts, anstatt dazu Meinung, auf die ich keine Antwort erwarte, per Twitter und WhatsApp zu verschicken?!?!?!

Wie soll das bitte gehen?

Panisch gehe ich das Regelwerk durch. Dürfte ich mich überhaupt mit euch treffen?

Mit den zwei Familien aus unserer Straße laufen seit Beginn des Lockdowns Verbindungen. Die Kinder tauschen sich täglich untereinander aus, dadurch sind sie beschäftigt, ohne dass man Termine ausmachen und sie irgendwohin bringen muss. Dabei haben wir es dann auch belassen.

Wie viele Personen darf ich in Baden-Württemberg privat treffen?

Privat dürfen sich bis zu fünf Personen treffen, heißt es. Dabei gilt eine Wohngemeinschaft bzw. eine Familie als eine Person. Wenn wir uns also mit unseren Freunden treffen, kommen immer gleich zwei Familien zusammen. Oder drei. Zack, sind wir zusammen 12, 19 oder sogar 25 Personen.

Aber: Kontakte sollen auf das Notwendigste reduziert werden. Gefeiert werden solle ebenfalls nicht. Ist ein Abendessen zusammen mit Freunden notwendig? Ist ein langes Beisammensitzen am Lagerfeuer oder vor dem Fernseher Netflix, mit Kindern, die im Hintergrund die Wohnung zertoben, nicht genau dasselbe wie eine Party?

Fragen über Fragen, auf die das Regelwerk keine Antwort gibt.

Es ist also schlichtweg egal. Oder?

Muss ich mich an die Kontaktbeschränkung halten?

Auch die Kontaktbeschränkung gegenüber älteren Menschen und anderen Risikogruppen (fast immer die eigenen Eltern) ist keinesfalls gesetzlich festgeschrieben.

Schule, Kindergärten, Spielplätze, Hotels, Alten- und Pflegeheime, Krankenhäuser, Casinos, Bordelle und zahlreiche Geschäfte haben tatsächlich geschlossen bzw. dürfen nicht aufgesucht werden. Ob ich hingegen meine Freunde und meine Eltern besuche oder nicht, interessiert den Gesetzgeber nicht.

Als der Lockdown kam, dachten die meisten, dann können ja die Großeltern kommen und auf die Kinder aufpassen, jetzt wo der Kindergarten zu hat. Aber: zusammen mit der Kindergarten- und Schulschließung verkündete die Politik, die Großeltern dürften jetzt gerade nicht um den Gefallen gebeten werden, als Babysitter einzuspringen. Weil: Kinder überreichen das Virus unbemerkt, da sie selten Symptome zeigen. Und Großeltern werden schneller und gravierender krank, wie sich in der Statistik zeigt.

Übertragen Kinder das Coronavirus?

Nun ist aber bisher ungeklärt, ob es überhaupt stimmt, dass Kinder die Krankheit unbemerkt weitergeben, wenn sie doch bei ihnen gar nicht ausbricht. Bisher wurden Märkte, Skigebiete, Partylocations und Faschingsfeiern als Brandbeschleuniger für das Virus ausgemacht. Aber keine Pausenhöfe oder Kindergeburtstage.

Jedenfalls kann ich mich nicht mit euch treffen so wie früher, solange mir nicht klar ist, wie oft und aus welcher Entfernung ich meine eigenen Eltern bewusst, gewollt oder gezwungenermaßen in den nächsten Wochen, Monaten oder Jahren noch sehen werde.

Doch sollte in der nächsten Zeit ein Treffen mit euch offiziell keinen Anstoß mehr erregen, könnte ich mich auch dann nicht mehr mit euch treffen. Ich würde stattdessen vor Überforderung ins Bett kriechen und dort bleiben. Für sehr lange Zeit.

Coronatagebuch Tag #42

 

Ich habe heute versucht, mit meiner Cousine zu telefonieren. Wir telefonieren eigentlich nie, aber jetzt interessieren wir uns dafür, wie der Alltag der anderen jeweils aussieht. Gleich morgens wollte ich anrufen. Aber erst musste ich das Frühstück abräumen. Dann haben die Kinder so schön gespielt. Das musste ich ausnutzen und schreiben. Dann kam das Mittagessen und danach war eine halbe Stunde Mittagstod Mittagsschlaf angesagt. Die Kinder weckten mich kreischend vor Aufregung, weil das Nachbarskind plötzlich da war. Die Kinder hatten ja einen Film versprochen bekommen. Also Frozen mal wieder. Die älteren Kinder spielten solange Indianer im Indianerzelt und mit Indianerwaffen. Ich schnappte dem jungen Filmpublikum bald den Laptop weg und versuchte wieder zu arbeiten, aber das ging schwer, weil mein Mann im Baumarkt war und die Kinder maulten. Also bekamen sie die zweite Hälfte des Films zu sehen und ich nahm mir den Garten vor. Eine halbe Stunde lang Wasser reinsprühen, wegen völliger Abwesenheit von Regen. Dann Brötchen in den Ofen stopfen, ein Kind, das sich für Königin Elsa hält, schonmal ins Bad zerren, und dann brachte mein Mann die Kinder ins Bett. Ich drehte noch eine Runde draußen, tippte die Nummer meiner Cousine dabei ins Handy, aber sie ging nicht ran. Ich brachte Nachbarin A. das Geld für die Gießkannen und lieh mir ein Tablet aus, für das Homeschooling.

Mein Kind (10) hat mittlerweile mehr Zoom-Sessions als ich. Und spielt viel besser Klavier als ich. Wie gut sie schon Klavier spielt, hört man auf diesem Video im Hintergrund (also… fast so gut)

#Coronaeltern

Ich habe vieles unter dem Hashtag #coronaeltern gesehen und gelesen. Die Bündelung aller Eltern-Interessen in der Coronazeit rund um Homeschooling und Kinderbetreuung mit Betonung auf „nicht nur die Wirtschaft, auch wir können nicht mehr“. Eine richtig gute Sache.

Ich muss ein bisschen weinen, als ich heute auf der Webseite unserer Schule das hier lese:

Es ist für Sie und Euch zuhause sicher eine große Aufgabe, die Materialien der Lehrerinnen und Lehrer zu sichten, zu ordnen und daran zu arbeiten. Uns ist sehr bewusst, dass Sie als Eltern nicht plötzlich Lehrerinnen und Lehrer sein können – das sollen Sie auch nicht! Es ist uns als Schule wichtig, dass Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler und Sie, liebe Eltern, mit uns in Kontakt bleiben! Wir versuchen alle in dieser ungewöhnlichen Situation unser Bestes zu geben und gehen nicht davon aus, dass die Arbeitsaufträge und Inhalte in der gleichen Qualität bearbeitet werden können wie im normalen schulischen Alltag. Das ist von Euch und für Sie, liebe Eltern, nicht zu leisten.

Quelle: Waldparkschule

Benotungslücken oder Versetzungsgefährdungsdiskussion sind bei uns obsolet. Denn es gibt weder Noten noch Sitzenbleiben. Beste Schule. ❤