Freitagnachmittag. Momentaufnahme

„Da kam kein Becher raus!“

Das sechsjährige Mädchen ruft das quer durch die Filiale des Discounters. Sie klingt sehr bestimmt.

Ich bin in die Stadt gefahren. Eigentlich will ich hier nur parken und weiter zur Bank. Aber dann wollen die Kinder Brezeln. Also gut. Ich betrete den Discounter, um das allseits beliebte Gebäck aus dem Backautomaten zu ziehen.

Ein Mitarbeiter erscheint. „Wo kam kein Becher?“

„Hier!“ Das Mädchen zeigt auf den neuen Getränkeautomat. „Ich wollte Kakao und da kam kein Becher.“

Also verlässt der Mitarbeiter seinen überfüllten Laden, um sich die Sache mal anzusehen.

Der neue Getränkeautomat ist sehr beliebt. Er ist noch vor der Durchgehschranke aufgebaut, dort, wo man auch die Wagen abklipsen kann. Ein junger Mann steht davor, trinkt aus seinem Becher, ruft in sein Handy: „Ich hab es jetzt abgeschickt. Hast du es nicht bekommen?“ Er spricht sehr deutlich, weil er unbedingt verstanden werden will. Und dann steht die ganze Familie des kleinen Mädchens da. Mama, Papa, zwei kleine Brüder. Jeder mit seinem Freitagnachmittaggetränk in der Hand. Nur das Mädchen hat nichts bekommen.

Um diese Zeit ist es auch bei uns im Dorf-Discounter immer etwas voller als sonst. Aber ganze Familien sehe ich hier nicht. Und auch selten Männer. Der gemeine Mann geht nicht einkaufen. Das ist Frauensache. Und das Handy bleibt in der Tasche. Oder gleich zu Hause. Und wenn der Automat keinen Becher bereitstellt, dann ist das eben so. Das muss ein Kind schonmal aushalten. Wo kämen wir hin, würde jedes Kind direkt die Mitarbeiter anquatschen, wenn ihm irgendetwas nicht passt. Gar nicht mehr zum Arbeiten kämen die. Das Kind könnte doch etwas für sich aus der Situation lernen. Das man nicht immer alles haben kann, zum Beispiel. Außerdem hat es sowas früher auch nicht gegeben.

Im Stadt-Discounter aber scheint jeder sein Handy eigens zu dem Zweck mitgenommen zu haben, um es hier auch zu nutzen. Wenn er nicht gerade einen der Mitarbeiter am Arbeiten hindert. Es ist eine stille Abmachung zwischen allen: Wir haben den öffentlichen Raum besetzt. Nicht mit Gewalt, sondern allein durch unsere Präsenz. Er gehört uns, uns allen. Würde man ihn uns wieder wegnehmen, dann würden wir ganz sicher darum kämpfen. Wie um den Becher, der da nicht rausgekommen ist.

Eine eine junge Frau fotografiert ihren Liebsten mit ihrem Smartphone, während die beien seelenruhig auf der Packablage sitzen – der Ablage, auf der man, nachdem man bezahlt hat, seine Waren ablegen kann, um sie einzupacken. Man kann aber auch einfach nur darauf sitzen, mit den Beinen baumeln und Fotos machen.

Das heißt, im Stadt-Discounter geht das. Im baugleichen Dorf-Discounter würde der Kassierer die junge Frau und ihren Liebsten wohl bald fragen, was sie da machen, und wie lange sie noch beabsichtigen, dieses zu machen. Der Kassierer hätte aber auch nicht so viel zu tun. Er würde eine Pause in der Kundenschlange nutzen, um den Kopf zu heben. Dabei würde ihm das junge Paar auffallen, das aber in ebendieser Sekunde aufspringen und rausgehen würde. Weil sie nicht gefragt werden wollen, was sie da machen. Weil die Frau des Kassierers eh die Friseurin der Familie ist. Und die junge Frau keine Lust hat, demnächst von der Friseurin gefragt zu werden, wann sie ihren Liebsten denn endlich heiraten will. Der Kassierer würde also nur den Kopf schütteln und einen Schluck aus seiner Sprudelflasche nehmen, bevor er wieder an die Arbeit geht.

Aber in der Stadt nimmt sich der Liebste Zeit beim Fotografiertwerden. Er lächelt. Es soll ein gutes Bild werden. Keiner interessiert sich für das Duo auf der Packablage. Ach ja: Der Getränkeautomat geht wieder. Der Mitarbeiter hat seinen Schlüssel in den Automat gesteckt und einmal umgedreht. Dann ist er schon wieder gegangen, zurück ins Gewühl seiner Filiale.

Das Mädchen hält seinen Kakaobecher in der Hand und ruft laut hinter ihm her: „Dankeschön!“

Wer geht einkaufen?

„Gehst du heute einkaufen?“

„Okay. Wenn du einen Einkaufszettel machst.“

Eine viertel Stunde später.

„Hier ist der Einkaufszettel. Als Foto per WhatsApp.“

„Wo ist mein Handy? Ach hier, hoffentlich reicht der Akku. Jetzt fahre ich erst zur Arbeit, dann zum Supermarkt, dann die Kinder abholen.“

Zwei Stunden später. Per SMS:

„Habe noch was vergessen. Bring bitte Tomaten mit, aber nur die, die ich mag! Und wenn du noch vor 12 zum Metzger kommst, wäre das super! Bring Hackfleisch mit, aber nicht mehr als 300 Gramm! Und wenn du bei dm bist, Mülltüten! Aber nur wenn die auch einen Griff haben!“

Eine halbe Stunde später. Am Telefon:

„Du, ich habe jetzt noch ein Treffen, ich schaffe es gerade so, die Kinder abzuholen, aber aus dem Einkauf wird nichts.“

„Dann fährt einer von uns nachmittags nochmal los.“

„Ich muss gleich wieder nach A und B heute. Leider.“

„Also ich kann nicht fahren, ich habe gerade kein Auto, wie du ja weißt.“

„Brauchen wir die Sachen überhaupt?“

„Welche Sachen?“

„Na den Einkauf.“

„Achso. Nee, heute noch nicht. Aber morgen wird es dann knapp.“

„Dann reicht es ja, wenn wir morgen einkaufen.“

„Stimmt. Nur Brot haben wir dann morgen früh nicht mehr viel.“

„Ach egal, wir essen morgen früh einfach Brei. Das mögen die Kinder. Dann gehen wir eben morgen einkaufen.“

„Perfekt. Bis später…“

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Auslöser für meinen Beitrag heute ist eine rege Diskussion auf Patricias Blog dasnuf.de, die sich darum dreht, wie man mit Apps, elektronischen Kalendern, Organizern, etc. sein Familienleben optimieren kann.

Unter den Kommentatoren gibt es total abgefahrene Ordnungsfreaks, das kannst du dir nicht ausdenken.

Da wird getimet, gesharet und synchronisiert und dann auch wirklich umgesetzt – nur das Nägelschneiden der Kinder wird ohne vorherige Terminierung erledigt. Also, angeblich.

Manche schreiben in ihre Kalender: Alle 3 Monate Rauchmeldertest durchführen. Angeblich.

Ehrlich, braucht ihr dafür einen Kalender?