Coronatagebuch Tag #5

Die Fenster putzen. Die Hecken zurückschneiden. Die Vorhänge und Winterdecken waschen und auf dem Balkon trocknen. Die Mützen und Handschuhe aussortieren. Kleine gelbe Osterglocken kaufen und sich auf das geputzte Fensterbrett stellen.

So ein Tag ist das. Es ist ein gefühlter Samstag im März.

Dabei ist heute Dienstag, Tag 1 der Schulschließung in Baden-Württemberg. Jetzt ist es amtlich: Schulkind und Lehrervater sind zu Hause. Und sie stellen einiges auf den Kopf. Das Schulkind ist gewillt, sofort mit den Schulaufgaben zu beginnen, hat aber tausend schwerwiegende Fragen. Der Lehrervater freut sich, dass er jetzt mal was anderes machen darf als Schulkinder zu unterrichten. Ein einzelnes Kind mit schwerwiegenden Fragen, sagt er, kriegt er hin. Nebenbei stellt er das Haus auf den Kopf. Es wird ausgemistet, gewischt, gesaugt, geräumt. Von unserem Umzug stehen noch einige Kartons herum. Die können wir bei dem Tempo aber an einem einzigen Tag schaffen.

Supermarkt im Katastrophenmodus

Im Supermarkt meines Vertrauens hängen Schilder: Bitte halten Sie sich an alle Anweisungen. Wir bitten Sie, aufgrund der Entwicklungen mit EC-Karte zu zahlen. Toilettenpapier: nur eine Packung. Mehl, Nudeln und Reis: jeweils drei.

Ich schiebe den Wagen hinein und sofort fällt mir die drückende Stille auf. Ab und zu ein unterdrücktes Murmeln. Obwohl kein Kind in der Schule ist, ist keines hier im Laden zu  sehen. Vor den Kassen sind mit Gaffa Tape Linien geklebt. Nur zwei Wagen pro Fließband-Gasse sind erlaubt.

Die Regale sind gut gefüllt, wie immer. Nur beim Klopapier ist wieder mal ein anderes Produkt platziert. Diesmal sind es Einweghandschuhe, 100 Stück. Solche tragen die Kassiererinnen. Auch manche Kunden schieben ihre Einkaufswagen mit solchen Handschuhen an. Alle schlagen scheu einen gewissen Bogen umeinander. Eigentlich schön, diese Rücksichtnahme: Keiner drängelt, hetzt.

Trotzdem fühle ich mich wie in einem Katastrophenfilm. Ich bekomme ein seltsames beklemmendes Gefühl. Aber genau in dem Moment sehe ich eine Nachbarin. Wir reden miteinander, und wir reden noch an der Kasse und wir reden nach dem Einkauf auf dem Parkplatz weiter. Wie Rentner, die nicht nach Hause müssen. Aber es gibt ja auch keine Termine. Da kann man ja auch mal miteinander reden.

Heiraten geht nicht. Reisen auch nicht.

Die Tochter der Nachbarin will in zwei Monaten heiraten. Alle haben schon Flugtickets gekauft, die Verwandten aus Peru und die aus Kanada. Ab heute gilt aber ein generelles Einreiseverbot in die EU. Flüge und Zugverbindungen sind gestrichen. Übernachtungen im Hotel sind, sofern nicht zwingend notwendig, untersagt. Zusammenkünfte in Kirchen sind verboten, und auch anderweitige Versammlungen von über 50 Personen. Im Standesamt darf noch geheiratet werden, aber nur bis maximal 5 Personen im Raum.

Die Hochzeit der Tochter wird trotzdem weitergeplant, als wäre nichts. Bis Mai muss das Spuk doch vorbei sein.

Heute gibt es Schulsport angeleitet von YouTube.

20200317

Es ist nicht länger als eine Woche her, dass ich eine Doku bei Arte gesehen haben muss über China. Es ging um die montelangen Quarantänemaßnahmen ganzer Städte und Regionen. In der Doku kam ein Schulkind vor, welches zu einer Anleitung vor dem Bildschirm Ballett machte. Das kam mir seltsam vor. So eine Art des Lernens via Internet müsse typisch China sein, dachte ich.

Nun ja. Der Trend hat sich weiterverbreitet. Immer neue Lern-Inhalte für Kinder füllen plötzlich das Internet. Alle möglichen Anbieter von irgendwas und Privatmenschen lassen da gerade ziemlich ihre Phantasie spielen, z.B.

Heute sind es 9275 Infizierte in Deutschland, 67 sind wieder gesund, 24 sind gestorben.

Coronatagebuch Tag #4

Heute sind es 7272 Infizierte in Deutschland, 67 sind wieder gesund, 17 sind gestorben. Heute ist der letzte Arbeitstag des Lehrers und der letzte Schultag der Schülerin. Beide bleiben wegen leichter Symptome aber zu Hause.

Die Sonne scheint. Die Vögel singen. Ich mache mich mit dem Auto auf den Weg in die Schule, um vor der letzten Stunde das Arbeitspaket abzuholen. Jedes Kind bekommt einen dicken Stapel voller Kopien und einen Tagesplan: vier Schulstunden pro Tag soll geübt werden. Die Aufgaben werden erst kontrolliert, wenn die Schule wieder weitergeht.

Nochmal shoppen gehen

Beschwingt fahre ich ins nächste Einkaufszentrum. Ich will schon seit Wochen einen Wasserkocher kaufen. Auch eine neue Spülmaschine geht mir nicht aus dem Sinn. Im Kofferraum sind außerdem zwei Fahrräder, die heute in die Werkstatt sollen. Wir könnten dann endlich wieder Wasser kochen und Geschirr spülen. Und unabhängig von Auto und Nahverkehr in die Stadt fahren. Und dann denke ich auch noch an Gymnastikmatten und -bälle. Was man nicht alles braucht plötzlich.

Vor einer Woche noch wollte ich Urlaub in Südfrankreich buchen. Urlaub buchen – in Südfrankreich. Das ist jetzt so fern von mir, als hätte ein neues Leben begonnen.

Das Einkaufszentrum ist überfüllt. Auch das Parkhaus. Ich parke in einiger Distanz und laufe hin. Die Läden sind jedoch nahezu leer, bis auf das Kaufland. Bis auf zwei asiatisch aussehende Menschen trägt niemand Mundschutz. Ich auch nicht. Der Kinderarzt hat gesagt:

„Kaufen Sie kein Desinfektionsmittel und keinen Mundschutz, weil die Gesundheitsberufe sonst nicht ausreichend damit versorgt sind.“

Die beiden Mundschutzträger gehen zum Kaufland, desinfizieren davor ihre Hände (man kann vor dem Kaufland seine Hände desinfizieren?!), ziehen Einmalhandschuhe aus einem Spender und streifen sie über, bevor sie durch die automatische Schranke laufen. Die anderen Einkäufer ignorieren diese Maßnahmen.

Zweiter Tag, letzter Tag

Ein Opa (Risikogruppe) ist mit seinem Enkel (potenzieller Virenträger) unterwegs. Sie genießen den Montag, der sich so nach Samstag anfühlt. Der Opa kauft dem Enkel eine Jacke, die er sich schon lange gewünscht hat. Auch ich gehe shoppen: bei Ernstings Family kaufe ich eine Kinderjeans. In Bayern wurde der Notfall ausgerufen. Außer Supermärkten, Kiosks, Tankstellen und Apotheken müssen alle Läden geschlossen bleiben. Aber wir sind in Baden-Württemberg. Bei uns kann man noch einkaufen, was und wann man möchte.

Auch die Fahrradwerkstatt ist sehr gut besucht. Wie überhaupt alle Läden und Cafés. Es ist der zweite schöne Frühlingstag, endlich, spüren alle, der Winter ist aus.

Danach fahre ich zu einer befreundeten Familie. Ich muss ein Werkzeug abholen. Wir machen den Faustschlag zur Begrüßung und lachen, weil Händeschütteln ja jetzt verboten ist. Wir trinken Kaffee im Hof. Die befreundete Tochter kommt aus der Schule. Sie hat ihren Pullover dort vergessen und in ihrem Trägeroberteil sieht sie nach Sommer aus. Wenn man die Augen ein bisschen zusammenkneift und kurz nicht nachdenkt, ist es nicht März, sondern Juli und der letzte Schultag vor den Sommerferien.

Ab morgen ist alles dicht

Am Nachmittag gehen wir auf den Spielplatz. Die Idee hatten alle anderen auch, die nicht in ihren Gärten mit der Heckenschere knattern oder ihre Einkäufe aus dem Auto räumen. Nur die S-Bahn, die nach Fahrplan fährt, ist an diesem Montag zwischen 17 und 18 Uhr gespenstisch leer.

Während die Kinder Runden mit ihren Fahrrädern drehen, setzt sich Nachbar F. zu mir: „Gut, dass wir heute nochmal auf dem Spielplatz sind. Ab morgen sind die ja alle zu. Ach ja und ab morgen haben auch die Geschäfte nicht mehr geöffnet. Außer Supermärkte und so.“

Ich konsultiere mein Handy. In der Lokalzeitung wird der Bürgermeister zitiert: „Trefft euch nicht in Gruppen!“ Deshalb schließen ab morgen alle möglichen Geschäfte, Restaurants zum Teil und alle öffentliche Einrichtungen, unter anderem Spielplätze. Kirchen und Vereine haben Versammlungsverbot ab 50 Personen.  Der Bürgermeister empfiehlt uns, mit Partner und Kindern im Wald spazierenzugehen. Die EU wird heute offiziell als Krisengebiet eingestuft. Einreisen in die EU sollen bald gestoppt werden. Das Schengen-Abkommen wird ausgesetzt. Jeder Europäer muss in seinem Land bleiben.

Nur eine leichte Erkältung

Nachbarin A. setzt sich neben uns. Sie und ihr Mann sind wegen „leichter Erkältung“ eine Woche krankgeschrieben. „Ich habe ganz leicht Schnupfen, trockenen Husten, Halsschmerzen und muss mich alle drei Stunden hinlegen“, sagt sie. Normalerweise würde sie arbeiten. Aber normalerweise wäre ja auch Kindergarten.

Mich beunruhigt, dass ich dasselbe habe wie A. Sollte ich mich auch krankschreiben? Dann könnte ich meine Termine diese Woche guten Gewissens nicht wahrnehmen. Irgendwie kann ich mir aber auch schon nicht mehr vorstellen, dass überhaupt noch Termine stattfinden…

20.000

A. berichtet über die Lage in Italien, wo ihr Vater wohnt. „Leute mit starken Symptomen, die sich nicht mehr zu Hause kurieren können, fahren in die Klinik. Aber es gibt keine Tests mehr. Sie bleiben Verdachtsfälle und dürfen nicht mehr nach Hause. Sie werden zusammen mit allen anderen Verdachtsfällen in großen Zelten untergebracht. Auf Feldbetten.“ A. holt Luft. „Wenn du es bis dahin noch nicht hattest, hast du es spätestens dann. Diese Fälle zählen nicht in die Statistik. Sie sind offiziell keine Infizierten. Aber wenn sie sterben und dann noch getestet werden, sind sie offizielle Corona-Opfer. Daher die vielen Todesfälle in Italien.“

Heute gab es in Italien allein 349 neue Todesfälle, insgesamt sind 2158 Menschen in Italien der Krankheit zum Opfer gefallen.

Italien zählt etwa 20.000 Infizierte insgesamt. Währenddessen leben im Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos 20.000 Geflüchtete. Das Camp ist zehnfach überbelegt, eine angemessene medizinische Versorgung und Hygiene sind nicht gegeben. Die Menschen harren dort teilweise jahrelang zwischen Müll und Kriminalität aus. Mittlerweile warten sie vergeblich(!) auf die Anerkennung ihres Asylstatus. Rechtsradikale aus ganz Europa haben in den letzten Wochen in Moria Gebäude in Brand gesteckt.  Heute ist bei einem großen Feuer (das allerdings als Unfall dargestellt wird) ein Kind gestorben.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es auch im Camp Infizierte gibt. Und Todesfälle, zu denen sich kein Politiker bekennen will. Die EU wird auf die Qualen der Lagerinsassen – körperliche und seelische Qualen gibt es bereits, nun warten Todesqualen –  nicht reagieren. Im Gegenteil, wenn sich die Zahl derer auf „natürliche“ Weise dezimiert, die man sowieso aufzunehmen nie bereit war, wird Europa leise aufatmen und weitermachen im Tagesgeschäft. In unseren Geschichtsbüchern wird stehen: 2020 kam ein Grippevirus nach Europa, dabei sind zahlreiche Menschen gestorben, vor allem die, die keinen ausreichenden Zugang zu medizinischer Versorgung hatten, nicht einmal Mailand war noch ausreichend  versorgt, geschweige denn irgendwelche Inseln am Rand der EU. Aber die Union hat im Rahmen aller damals bekannten Sicherheitsvorschriften und des damaligen Stands der Wissenschaft und der Technik und im Wohle ihrer Bevölkerung besonnen auf das Virus reagiert und das Schlimmste abgewehrt.

Aus gegebenem Anlass: Zwei Schweigeminuten für das verstorbene Flüchtlingskind in Griechenland. Und für die zahlreichen Verstorbenen in Italien.