Coronatagebuch Tag #24

Der zweite Tag barfuß im Garten.

Wir säen Lupinen unter unseren Pflaumenbaum und Apfelbaum. Wir lachen über die Amsel, die so zahm geworden ist, dass sie uns die Regenwürmer schon fast aus der Hand frisst.

Die Kinder malen. Zum Beispiel den Garten, die Vögel und die Würmer.

Es ist das erste Mal im Leben, dass wir einen Garten ganz für uns haben. Und es ist ein Segen, dass der Garten zum Treffpunkt für Freunde und Nachbarn wird. Man muss nicht mehr umständlich Zeitpunkte verabreden. Man ist ja zu Hause. Kommt einfach. (Aber auch die von gegenüber, die „nur“ eine kleine Dachterrasse haben, nutzen die jetzt intensiv. Haben einen neuen Sandkasten und sitzen ständig draußen. Wir können uns zuwinken.)

Nachbarin A. ist ein wahres Gartenlexikon. Sie kennt Schnecken, die Schnecken fressen. Sie weiß, welche Samen man vor dem Keimen in Wasser legen soll, was guter Bodenabdecker ist und welche Äste lieber nicht in den Häcksler sollen. Nebenbei kann sie auch begnadet gut Feuer machen und in jeden Garten, dessen sie sich annehmen darf, stellt sie erst einmal Bienen rein.

Wenn wir weiter so viel im Garten graben und weiter so oft unsere staubigen Hände und Füße waschen müssen, hat das Virus echt keine Chance. Denn das wird ja mit abgewaschen.

Heute sind es 100.024 Infizierte in Deutschland, 28.700 sind wieder gesund und 1576 sind gestorben.

 

Coronatagebuch Tag #23

Die Fußgängerzone unseres Vorörtchens befindet sich eigentlich immer im Lockdown. Dazu braucht es kein Virus. Die verrammelten Cafés. Die beiden ehemaligen Drogerien, direkt nebeneinander, warum. Die dunklen Gaststuben, so düster und unfrequentiert, dass man nicht weiß, ob sie nur heute oder überhaupt jeden Tag geschlossen haben. Ihr kennt das.

„Dauerhaft geschlossen“ steht jetzt an einem Café, das sowieso noch nie aufhatte. Auch die kleine Poststelle, der Publikumsmagnet in der verödeten Fußgängerzone, wirkt zahmer besucht als sonst. Die Leute stehen in großem Abstand Schlange, jeder Dritte trägt Mundschutz.

Die Türöffnung vom Dönerladen ist mit Plexiglas verbarrikadiert. Durch die Fenster sieht es aus, als befände sich drinnen ein Labor. Der nette Verkäufer im weißen Kittel nimmt durch eine Klappe die Bestellungen entgegen und händigt die in weißen Plastiktüten verpackten Gerichte mit weißen Handschuhen und weißem Mundschutz aus.

Der Buchladen hat geschlossen, ist aber trotzdem auf. Eine leseverrückte Kundin mit Mundschutz steht am Eingang der geöffneten Tür und ruft ins dunkle Innere, was ihr Lesewunsch sei. Ihr habe dies&das so gut gefallen. Die Buchhändlerin ist nicht sichtbar, vermutlich steht sie etwa 10 Meter entfernt an ihrem Computer und gibt den Lesewunsch in ihre Suchmaschine ein, um der Kundin das Buch später persönlich vorbeizubringen.

Die Verkehrsinsel, ein kleiner Park, der sowieso schon trostlos in die Farben von Narzissen und zu buntem Osterschmuck getunkt ist, hat eine Überraschung parat. Zwischen den vereinzelten Banksitzern (es sind ganze drei Personen) läuft eine Watschelente und zupft mit dem Schnabel an Grashalmen. Notiere: Ein Novum: Ente auf der Verkehrsinsel.

Obwohl ich nur ein Paket abgegeben und ein Brot gekauft habe, ist mir nach zehn Minuten ganz schwindelig, so als wäre ich drei Stunden shoppen gewesen und hätte nichts getrunken.

Zu Hause ist zum Glück alles im Lot. Meine Freundin ist aus der Quarantäne zurück (sie hat das Virus nicht bekommen) und muss nicht mehr in den eigenen vier Wänden bleiben. Sie besichtigt unseren neuen Garten. Wir finden Bärlauch zwischen den Grundstücken am Hang und picknicken auf unserem neuen Rasen mit Bärlauchbrot. Die Kinder liegen mit Vogel- und Insektenbüchern auf dem Rasen und notieren alles, was krabbelt und fliegt:

  • eine Amsel
  • ein Regenwurm
  • eine Hummel
  • ein frisch geschlüpfter Junikäfer.

Die Nachbarn warten heute mit einem Fußballtor auf, mit einer Schüssel voller Kaulquappen und mit Blumensamensäen. Wir pflanzen einen Apfel- und einen Pflaumenbaum und wässern den Rasen. Das dauert fast eine Stunde lang, wenn man es richtig machen will. Selbst wenn wir in den Osterferien noch wegfahren dürften, wir können jetzt gar nicht mehr weg. Wir müssen ja alle drei Tage dem Rasen Wasser geben.

Heute waren wir 7 Stunden draußen am Stück. Ich glaube, so lange war ich seit dem letzten Sommerurlaub nicht mehr draußen.

Heute sind es 95.637 Infizierte in Deutschland, 26.400 sind wieder gesund und 1395 sind gestorben.

Coronatagebuch Tag #8

Alle werden endgültig digital.

  • Eine Bekannte lanciert die Online-Plattform Ideen gegen Corona, die Anstöße für mehr Infektionsschutz im Alltag sammelt.
  • Die Lehrerin der 5. Klasse schreibt eine Rundmail, künftige Aufgaben würden über die Plattform learningview verteilt. Die Anmeldung schlägt aber fehl, weil der Server von learningview überlastet ist.
  • Der Hackathon der Bundesregierung WeVsVirus startet heute. Hier melden sich Leute aus ganz Deutschland an, um digital zusammen an Lösungen rund um das Virus zu arbeiten. Probleme wie die Ansteckungsgefahr, der Lockdown und alle sozialen und wirtschaftlichen Begleiterscheinungen werden im Einzelnen diskutiert und „kreativ“ gelöst.
  • Gerade melde ich mich über ein Doodle zu einem Gratis-Workshop an, bei der man in die drei Konferenz-Programme Teams, Zoom und GoTo Meeting eingeführt wird. Da stürmt meine Tochter ins Zimmer, die sich die letzten Stunden vorbildlich mit Schulstoff beschäftigt hat und ruft: „Ich will ganz viel übers Internet teilen! Lerntipps, Sportvideos, und ich will sehen, was die anderen Kinder so machen!“ Ich schlage aus dem Ärmel ein paar Möglichkeiten vor, da meint sie, sie will doch lieber erstmal ihren Freund anrufen und ist schon wieder aus dem Zimmer.
  • Der berühmteste Autor Deutschlands Saša Stanišić hat eine Lesung über Twitch gestreamt und dabei knapp 17.000€ für die Hilfsorganisation Seebrücke gesammelt. Wer ihn bislang noch nicht kannte und liebte, der kennt und liebt ihn jetzt.
  • Die Fridays for Future-Organisatorinnen halten, anstatt freitags auf den Straßen zu demonstrieren, ein live gestreamtes Meeting via Zoom über Ländergrenzen hinweg.

Erstes Ausgehverbot

Auch die Bayerische Landesregierung hält ihre Pressekonferenz live im Internet. Die Pulte sind schön in 1,5m-Abstand platziert, alle gucken starr, aber professionell nach vorne. Fragen von Journalisten, zuvor eingereicht, werden kurz vorgelesen und umgehend beantwortet.

Nach Italien, Spanien, Frankreich, Belgien und Österreich verkündet nun auch Bayern die Ausgangssperre. Rausgehen ist nur noch gestattet, wenn man einkaufen möchte, zur Arbeit oder zum Arzt muss. Damit kann man sich nicht mehr in der Öffentlichkeit aufhalten, auch Privatbesuche sind untersagt.

Nein

Auch wenn bei uns zu Hause äußerlich der Ferienmodus läuft, innerlich zieht sich immer wieder alles zusammen. Muss man so drastische Maßnahmen ergreifen, wie selbst Juli Zeh sie nicht hätte erdichten wollen, klingen sie doch selbst für eine Fiktion arg übertrieben?

Ist es nicht so, dass der Mensch nun mal nicht jedes Szenario bis in jeden möglichen Wahrscheinlichkeits-Engpass hinein durchplanen kann? Ist es nicht so, dass wir letzten Endes zwar wissen, dass wir sterben müssen, aber nicht wissen, wann und aus welchem Grund? Gerade wenn es um einen unsichtbaren Gegenspieler ohne Kalkül geht wie ein Virus? Und was ist mit dem Klimawandel, der von der Politik gerade aufgrund seiner hohen Komplexität – unaufhaltsame Ausbreitung bei fehlendem Kalkül – weitgehend ignoriert wird? (Ja, Menschen nehmen Schaden, aber da können man nun mal leider wenig machen, die Wirtschaft darf auf keinen Fall darunter leiden.) Fordert er nicht weltweit bereits sehr viel mehr Tote oder Geschädigte als das Virus? Sterben nicht auch Kinder im Krieg, bei Waldbränden und auf der Flucht, während das Virus hauptsächlich die Alten und ganz Alten trifft? Warum werden nicht diese Schrecken – Kriege, Waldbrände, Fluchtursachen – mit allen Mitteln verhindert? Weshalb hat man auf die Grippewellen 1918, 1957, 1968 nicht so drastisch reagiert, da starben doch auch sehr viele Menschen?

Und was ist mit den eingesperrten Flüchtlingen in Griechenland?

„Baden-Württemberg verbietet Versammlungen über 3 Personen.“

Als mich diese Nachricht auf dem Handy erreicht, krieche ich gerade im Dreck herum. Wir buddeln gemeinsam mit unserem Garten-Freund Wegplatten und Baumstümpfe aus und stecken einen neuen Weg ab. Die Nachbarn A. und F. tauchen auf. Sie nehmen unsere Kinder für eine Stunde mit zu einem Brunnen im Wald, wo sie in noch mehr Dreck herummatschen können.

Heute sind es 19.711 Infizierte in Deutschland, 180 sind wieder gesund, 53 sind gestorben.