Coronatagebuch Tag #59

Die im Lockdown neu hinzuaddierten Hobbies festigen sich. Unsere heißen: Gartenbau und Spazierengehen. So unspektakulär es klingt, wir hatten vorher nie Zeit dafür.

Heute haben wir zum ersten Mal Salat, Radieschen und Erdbeeren geerntet und den Kompost weiter ausgebaut.

Und wir waren zum ersten Mal beim Bergwerksstollen mitten im Wald. Die Kinder haben am Bach gespielt, sind über Baumstämme balanciert und haben Lehm mit nach Hause genommen.

Komisch, mit Vierjährigen steht man auf Spaziergängen praktisch nur herum. Fünfjährige rennen die ganze Zeit vor und sind ständig aus dem Blickfeld, wenn man nicht hinterrast.

Heute war Sonntag. Unsere Kirche hat wieder offen. Es soll nachmittags einen kurzen Gottesdienst geben, draußen, mit Mundschutz, Sicherheitsabstand und ohne Gesang. Parallel gibt es aber immer noch den Youtube-Livegottesdienst. Dem haben wir uns heute gewidmet, während wir gleichzeitig mit den Kindern gebastelt und Spargel geschält haben. Vielleicht schafft man im Lockdown doch alles in kürzerer Zeit.

Coronatagebuch Tag #38

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An einem Mittwoch im April, die drei Kindergartenkinder der Straße waren zusammen einkaufen (alleine!!!), danach bekamen alle ein selbstgemachtes Eis (bevor es eine Wasserschlacht auf der Terrasse gab, eine Menge nasser Klamotten und am Schluss zusammen abhängen in der Hängematte), an einem Mittwoch im April also fragte Nachbarin A. meinen Sohn, ob er nicht den Kindergarten vermisse. Die Antwort war ein entschiedenes „Nein!“

„Jeder Tag ohne Kindergarten ist ein guter Tag“,

fügte er hinzu und schleckte dabei seelenruhig an seinem Eis.

Nach fünf Wochen ohne Terminen ist das Leben in unserer Straße dermaßen Bullerbü. Wäre ich nicht gegen Verschwörungstheorien immun, würde ich behaupten, eine gigantische Filmfirma nutzt den Shutdown aus, um mit versteckten Kameras eine riesige Reality-Show zu drehen.

Wir befinden uns im April des Jahres 2020. Was bisher geschah:

Am Morgen schlendert das Kind mit Sonnenhut und Stofftasche zum Bäcker. „Sechsmal Brötchen bitte. Und ein Baguette.“ Die Kirchenglocke mit dem goldenen Ziffernblatt läutet dabei neunmal. Das ist der Beginn jeder einzelnen Folge, denn in dem Format gibt es keine unterschiedlichen Wochentage und auch kein schlechtes Wetter.

Schnitt. Die Mutter dreht eine Runde durch den Garten mit dem Gartenschlauch. Die Vögel zwitschern.

Schnitt. Zu Hause duftet der Kaffee. Warmer Kakao wird eingeschenkt. Alle haben sich etwas leichtes, gut sitzendes angezogen.

Schwenk. Die Familie sitzt vollzählig am Küchentisch.

Zoom. Die Tomatensetzlinge auf dem Fensterbrett sind wieder ein Stück gewachsen.

Gottesdienst in der Küche

Beim Abwasch hören die Erwachsenen den Gottesdienst ihrer Glaubensgemeinschaft live auf YouTube. Ohne Werbeeinblendung. Währenddessen kochen schon die Kartoffeln vor. Alle machen sich bereit für den geplanten Ausflug, die Kameras filmen in den verschiedenen Zimmern, wie sich die Familie vorbereitet.

Beim Parkplatz angekommen essen erstmal alle den guten Kartoffelsalat.

Dann laufen wir los. Felsen sind heute unser Ziel. Als sie sich, allesamt rund und dick bemoost und in wahrer Vielzahl vor uns auftürmen, staunen die Kinder: „Das Troll-Land von AnnaElsa!“ Sie suchen Trollkönige, Trollopas und Trollbabys. Sie sprechen darüber, wie die Felsen nachts lebendig werden. Sie suchen auch nach Wölfen, finden aber nur einige Stöcke und Wurzeln, die wie Schlangen aussehen.

Social Distancing im Wald

Die Idee mit dem Felsenmeer hatten heute viele. Wir treffen sogar ein paar Bekannte. Wir sprechen darüber, wie schwer Social Distancing ist, wenn die eigene Mutter in einer anderen Stadt gepflegt wird, man sie nicht besuchen darf, sie aber Kontakt mit Ärzten, Taxifahrern, Pflegern und anderern mobilen Diensten hat.

Im Wald ist Social Distancing auch nicht einfach. Es sind zwar alle bemüht, aber 1,5m sind auf dem engen Pfad nicht möglich. Auch die Kletterfelsen und der Waldspielplatz aus Baumstämmen sind geöffnet. Geschlossen sind nur Ausguckterrasse, Lift, Restaurant und Bergbahnstation. Die sind während des Drehs aber gesperrt, um keine Touristengruppen mit schlecht sitzenden Hosen und Selfiesticks im Bild zu haben. Müsste man in stundenlanger Arbeit wegretouchieren. Oder den Dreh wiederholen. Da hat keiner Bock drauf.

Nach fünf Stunden sind wir erst auf dem Rückweg, aber kein Kind ist schlecht drauf, keins kann nicht mehr, keins weint, keins will was trinken. Sie zeigen sich gegenseitig verzauberte Felsen (die neongrün leuchten), eingerollte Farne, die sie für fleischfressende Pflanzen halten, riesige Waldkäfer und Waldameisen.

Aber nicht vergessen: Alle sind gecastet und halten sich natürlich an das Skript der Reality Show.