Initiationsritus. Warum es dazu jetzt zu spät ist

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Lieber Nordschwarzwald, liebes Dörflein R.,

wenn ich etwas jünger und formbarer gewesen wäre,  hättet ihr mich jetzt. Ihr hättet mich durch eure Herzlichkeit, eure Unbestechlichkeit, eure Lieder. Ich habe hier schon mehrmals „der Mond ist aufgegangen“ in Gruppen von >50 Personen gesungen. Der Wald steht abends wirklich schwarz und schweiget.

Ihr hättet mich besonders durch die Natur. Ihr das Holz abzuringen, ihr Heu einzuatmen, das hätte mich schon längst gepackt.

Wer hier nicht mit dem Unimog in den Wald fahren kann, der kann dorthinein joggen oder sich dort die romantischsten Sonnenaufgänge und -untergänge vor die Kameralinse holen. Wer hier kein Heu macht, nicht fliegenfischt, keine Pferde sein eigen nennt, hat trotzdem täglich damit zu tun, grüßt den Heuwender, den Fliegenfischer, den Pferdeheimbringer. Und auch wer wie ich kein Beil halten kann und bei Motorsäge nur Bahnhof versteht, der versteht dennoch, was es heißt, der Natur das Holz abzuringen.

Man sieht und man BEGREIFT, wie das Holz ganzjährig in langsamen, zeitlupenartigen Bewegungen gefällt, gelagert, gewässert, geschält wird. Wie Stamm für Stamm, Brett für Brett, Scheibe für Scheibe freigelegt, gestapelt und schließlich seiner Verwendung zugeführt wird. Man sieht einen Zaun, einen Bretterstapel, ein Lagerfeuer oder einen Stock, an dem ein Kind herumschnitzt und spürt KÖRPERLICH jede einzelne Minute, die es gedauert hat, bis das Holz dieser Verwendung zukommen konnte.

Manche stehen 9 Monate im Jahr eine halbe Stunde früher auf, um das Holz im großen Ofen zu schüren, der das ganze Hause warm hält.

Dieses frühe Aufstehen entfällt nun. Es ist Juli. Mit etwas Glück muss erst im Oktober wieder geheizt werden. Dafür schart man sich nun abends um die Lagerfeuer.

Jeder Scheit, der in den Feuern verbrennt, ist schon lange vorher gestapelt, gespalten, gelagert, gefällt worden. Jeder Scheit verbrennt mit dieser Stille, mit der auch der Wald still dasteht und schweigt. In dieser Stille steckt eine unglaubliche Kraft. Man kann ihr nur zusehen, aber niemals, niemals ein Teil von ihr werden.

Ich bin nicht mehr 20, und ich bin nicht aus freien Stücken hier. Ich bin nur zu Gast und werde es für immer sein. Ich will hier eigentlich gar nichts. Ich will nur eines: es meinen Kindern hier so angenehm wie möglich machen. Sie sollen die weiten, duftenden Wiesen, die seltsam lebendigen Waldmaschinen, den Wald bei Sommer und bei Winter lieben. Sie lieben das alles schon jetzt, ungebeten und spontan und tief überzeugt.

Ich will sie aber auch stark machen für das, was zu einem späteren Zeitpunkt kommen wird. Ich will ihnen zeigen, dass dieses Landleben nur eine Option unter vielen ist. Dass es in den meisten Teilen der Welt anders zugeht. Dass das meiste, was hier selbstverständlich ist, es anderswo keineswegs ist. Dass das, was wir hier erleben, woanders zwar genauso möglich ist, dort aber immer nur eine Möglichkeit unter vielen bleibt.

Manchmal, da will ich meine Kinder aber auch einfach nur in Ruhe lassen. Sollen sie doch alles für eine Selbstverständlichkeit erachten, Kinder machen das doch eh. Dass sonntags fast alle in die Kirche gehen? Geschenkt. Dass mittags die fürsorgliche Oma oder Mama nicht nur manches Mal, sondern immer kocht? Selbstverständlich. Dass der Vater, der Onkel, der Großvater entweder in einem renommierten Unternehmen schafft, oder Lehrer oder Pfarrer ist? Ist doch normal. Dass jede Aktion, die für die Kinder bereitgehalten wird, entweder in einer Kirche oder in einem Verein stattfindet, de facto aber von den eigenen Eltern, den älteren Geschwistern, einem Onkel oder einer Tante durchgeführt wird? Immer.

Irgendwann werden meine Kinder dann selbst an so einem Lagerfeuer sitzen und zusammen mit ihrem Verein, ihrer Kirche, ihren Nachbarn, wahrscheinlich einer Mischung aus allen, den Initiationsritus begehen. Sie werden singen und sich verlieben und sich für immer, immer an ihre Heimat binden. Und auch, wenn sie sie später für immer verlassen sollten, wird ihr Herz doch im Nordschwarzwald im Dörflein R. bleiben.

Für mich ist es dazu schon zu spät.

Wir haben heute gebaut. Oder: die Geburt des Röter Hockers

Der Röter Hocker ist dem Berliner Hocker nachempfunden und ist gleichzeitig Regal, Stauraum und Babystuhl.

Heute ist Geburtstag des Röter Hockers. Die Welt ( = unser Balkon) hat darauf gewartet.

Ich muss gleich vorwegschicken: Das hier ist KEIN DIY-Blog. Ich bin in DIY-Dingen ungefähr so bewandert wie Andrea Harmonika. Ich kann Bilder aufhängen und Knöpfe annähen. Aber schon beim Aufnähen von Flicken oder beim Bügeln von Bügelperlenschmuck (ja, mit Kindern ist BEIDES leider regelmäßig notwendig) muss ich passen.

Das ist mir peinlich, gilt es doch heutzutage, Babymützen mit Hilfe von Skistöcken zu stricken, Marmeladen aus Wildkräutern zu kochen, die nur auf dem Mars wachsen, echten Perlenschmuck aus Beton zu gießen und beliebte Disneyfiguren naturgetreu aus Popcorn nachzubacken, wenn man nicht als völlig ahnungslos gelten will.

Zum meinem Glück kann ich jetzt auf den Landfamilien-Vater verweisen, der sich weder etwas aus dem Umgehen von Trends macht, noch mit zwei linken Händen geboren wurde wie ich.

Und so hat er heute in Anlehnung an den „Berliner Hocker“ von Van Bo Le-Mentzel den „Röter Hocker“ kreiert und gleich fünf Stück davon in Serie angefertigt. Für meinen Mann eine Kleinigkeit, die er mal eben erledigt, während er auf die Kinder aufpasst. Es gibt eben Dinge, die werde ich nie verstehen.

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Auf Hartz IV Möbel heißt es:

„Der Berliner Hocker ist die kleinste Einheit der Wohnung und soll dem Stadtnomaden ein treuer Begleiter durch den Großstadtdschungel sein.“

Analog dazu ist der Röter Hocker

„ein in seiner Zeit verhaftetes Möbelstück, das sich durch seine Holzbeschaffenheit nahtlos in den dichten Baumbestand des Nordschwarzwalds einfügt und somit bequem auf dem Balkon untergebracht werden kann.“

Groß und Klein kann darauf sitzen, er kann aber auch als Kaffeetisch, Regal und Stauraum genutzt werden.

Nach getaner Arbeit kann man es sich auf dem Röter Hocker sofort bequem machen.

Nach getaner Arbeit kann man es sich auf dem Röter Hocker sofort bequem machen.

Für den „Röter Hocker“ (5 Stück) braucht man:

  • 15 quadratische Holzplatten, Kantenlänge 40 cm
  • 5 rechteckige Holzplatten, Kantenlänge 38,2 x 40 cm
  • 50 Holzschrauben, 40 x 4,5 mm

Das Holz kann man im Baumarkt ohne Verschnitt zuschneiden lassen, wenn man 4 Standard-Leimholzbretter à 40 x 200 cm nimmt. Kosten (ohne Schrauben) etwa 40 Euro.

Viel Spaß beim Nachbauen.

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