Coronatagebuch Tag #45

Ich wünsche mir, diese Zeit einfach abkürzen zu können. Indem ich einfach Winterschlaf mache z.B. Nur das geht schlecht, wenn man täglich frühmorgens von zwei knallegutgelaunten Kindern geweckt wird. Und mit diesem strahlenden Sonnenschein geht es schon gleich gar nicht. Sonne bis in den letzten Winkel. Alles muss ausgeleuchtet werden. Nichts darf verborgen bleiben.

Eigentlich möchte ich diese Zeit auskosten. Wann werde ich jemals wieder wochenlang gemütlich bis 8 oder 9 liegenbleiben können? Wann wird es jemals wieder eine Zeit geben, in der das Auto einfach stehenbleibt? Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal getankt habe. Logischerweise ist Tanken gerade so billig wie in den letzten 10 Jahren nicht mehr.

Tankfüllungen hamstern? Mit Airbnb-Aktien spekulieren?

Macht ihr nur. Ich habe heute auch eine Menge gemacht. Eine Hütte im Wald gebaut. Kartoffeln ins Beet gesetzt. Eine kleine Radtour unternommen. Essen gekocht. Bücher vorgelesen und versucht selbst zu lesen. Zoom auf einem Tablet eingerichtet.

Wenn diese Zeit zu Ende ist, würde ich gerne mitnehmen:

  • Weniger Kindergarten, mehr Kinderclub bei Nachbars
  • Schule öffnet um 9
  • Rücksicht und gebührender Abstand zwischen Fremden
  • Recht auf Homeoffice
  • Recht auf Homeschooling
  • regelmäßig genügend Zeit für Blumen, Bäche, Äste, Lehmvorräte und Kaulquappen
  • Mehr lokal einkaufen und Ausflüge in die nahe Umgebung, ohne zu befürchten, dabei „Trends“ zu verpassen

Coronatagebuch Tag #39

Heute ist wieder Schule. Die Lehrer bedanken sich mit diesem Video für das, was die Schüler in den letzten Wochen alles geleistet haben.

Das Schulkind (10) hat kaum Zeit, dieses Video anzusehen. Eine dreiviertel Stunde vor Konferenz-Start sitzt es schon am Rechner, liest sich die Infos für die kommenden Wochen durch und macht sich dann bildschirmfein. Nach der Zoom-Konferenz wird sogleich ein Lego-Filmchen gedreht, eine Dropbox eröffnet und das Video hochgeladen. Nebenbei werden kurze Clips (genannt Inputs) gehört und Blätter ausgedruckt.

Abends nach 18 Uhr höre ich: „Mama, das Homeschooling macht gar keinen Spaß mehr.“

Wie auch, nach mindestens sechs Stunden Konferenz-, Kopier- und Stresslevel deluxe. So viel halte ich momentan selbst nicht aus.

A propos aushalten: Ich kriege heute nur Dinge erledigt, die einer sehr kurzen Planungsphase bedürfen und sofort umsetzbar sind. (Dazu zählen: Kräuter pflanzen. Erde verteilen. Alles gießen. Einmal zum Bäcker und zurück trödeln. Rasen mähen. Tomaten umsetzen. Nochmal alles gießen.)

Alles, was darüber hinausgeht, bringt mich ganz schrecklich auf. Das liegt nicht zuletzt und ganz sicher an dem herausfordernden Verhalten der Jüngsten heute. Nichts stimmt. Nichts passt. Alles tut weh, alle sind doof, alle haben sie gehauen. Auch der Besuch der Nachbarsfreundin bringt keine Abwechslung.

Und es liegt daran, dass mein Mann heute (genau wie das Schulkind) homeofficebedingt vor dem Bildschirm hängt. Konferenzen, Chats, Uploads, sowas.

Wir haben großes Glück

Die Krise hat uns als Familie wirklich nicht hart getroffen. Dabei bleibt es auch. Wir haben keine belastenden Jobs, müssen weder täglich raus zur Arbeit, noch haben wir harte Entscheidungen am Bildschirm zu treffen. Ich kann meine Arbeit in der Regel dann erledigen, wann es mir am besten passt. Ich kann meine Termine gut einplanen. Und es ist immer einer von uns beiden für die Kinder da, physisch zumindest.

Es könnte so viel schlimmer sein. Das Blog Große Köpfe aus Berlin trägt gerade die verschiedenen Eltern-Stimmen zusammen, die sich im Netz häufen. Unter dem Stichwort #coronaeltern werden angeklagt: Mehrfachbelastung, psychischer Stress, Vereinsamung, fehlende Lobby, die Lippenbekenntnisse der Politik gegenüber Eltern. Ganz zu schweigen von den Eltern, denen es schwerfällt, für sich und ihre Kinder zu kochen, für die es sonst die Tafel und die Arche gibt. Aber auch die fallen jetzt aus.

Der Baden-Württembergische Landeselternrat, von dem ich bislang noch nie gehört habe, fordert anhand der Unterschiede in den Elternhäusern eine Sommerschule. Es soll so etwas wie verkürzte Sommerferien sein, allerdings auf freiwilliger Basis. Für Schüler, die noch ein bisschen mehr machen wollen (oder sollen?).

Gottseidank ist unsere Landesregierung da mit mehr Verstand gesegnet und beschließt heute, dass in diesem Jahr kein Schüler sitzenbleiben darf. Geht doch.

Die größte Viren-Forschungsstation Asiens befindet sich in Wuhan

Wir wissen jetzt auch: Das Wuhan Institut für Virologie ist die größte Virusbank Asiens. Mehr als 1.500 verschiedene Erregerstämme sind dort vorhanden. Das Zentrum ist das erste Bioforschungslabor der höchsten Sicherheitsstufe in ganz Asien. In solchen Laboren dürfen hochansteckende Krankheitserreger der Klasse vier – etwa Ebola-Viren – aufbewahrt werden.

Zufall, sagt der Leiter des Instituts. Reiner Zufall, dass das größte Viren-Forschungsinstitut Asiens ausgerechnet in der Stadt liegt, in der der neue Erreger ausgebrochen ist. Wer einen Zusammenhang sieht, ist auf US-Propaganda hereingefallen. (Quelle: Deutschlandfunk.)

Coronatagebuch Tag #34

Momentaufnahmen aus dem Homeoffice

  • „Wo ist mein Passwort für die Lernplattform?!?!“
  • „Können wir den Beitrag auch später veröffentlichen? Wir kriegen weder Bilder noch ist irgendetwas Berichtenswertes passiert!“
  • „Ich müsste mal wieder aufräumen!“
  • „Ich habe einen Splitter im Finger! Ich habe Bauchweh! Ich habe Hunger, Durst und finde mein Aufkleberbuch nicht mehr! Ich glaube, die Oma ist gestorben!“

Da muss schnell jemand gedrückt werden und es muss ganz fest versprochen werden, dass niemand gestorben ist („nein, auch nicht ganz kleine Babies“) und die Oma jederzeit ans Telefon geht, wenn man sie anruft.

Das Wetter ist kühler, aber immer noch unverhältnismäßig schön und klar. Seit dem Lockdown gab es keinen Tropfen Regen. Wir fahren mit den Fahrrädern zum Einkaufen. Vorbei am glitzernden, sprudelnden Fluss, der mal ein langsamer, lehmiger Fluss war, aber das ist lange her. Ich bin mir ganz sicher, sobald alle wieder uneingeschränkt zur Schule und Arbeit müssen, kommt eine Regenzeit, in der es den ganzen Tag nicht richtig hell wird, aber wir müssen dann immer um 6 Uhr aufstehen und vergessen den Regenschirm zu Hause und kämpfen uns todmüde durch den grauen Tag. Irgendwas ist ja immer.

Während ein Teil der Familie einkauft, ist der andere Teil im Garten dabei, Baumstrünke rauszureißen. Zwei Nachbarn helfen, einer mit seiner Muskelkraft, der andere mit einem Glas Wein, das er zum Trinken anbietet.

Erde und Wein, Kirschblüte und Sonnenuntergang.

Schade, dass in zwei Wochen schon wieder Schule ist. Die Kanzlerin und die meisten der Ministerpräsidenten haben sich auf den 4. Mai als Wiedereinstieg geeinigt. Zum Glück müssen dann aber nur die Schüler der Abschlussklassen hin. Betrifft uns nicht.

Im öffentlichen Nahverkehr sollen ab jetzt „Alltagsmasken“ getragen werden, das sei aber nur eine Empfehlung. Buchläden dürfen wieder öffnen. Unis und Bibliotheken öffnen schrittweise wieder. Restaurants und Hotels bleiben geschlossen, Kitas auch, Großveranstaltungen sind bis zum 31. August verboten.

Lesenswert:

Alexander Kekulé: Was wir aus der Schweinegrippe lernen können, 11.12.2009, Aus Politik und Zeitgeschichte

Coronatagebuch Tag #28

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Gestern Gartenarbeit. So viel, dass ich beim Augenschließen nur noch Erde, Steine und Wurzeln sehe. Muss trotzdem noch Rechnungen schreiben und Mails beantworten… daher wurde Tag #27 auch nicht dokumentiert.

Heute, also an Tag #28, genau wie gestern. Wieder Garten. Aber ich gehe erst gegen 17 Uhr nach draußen, vorher habe ich mir eine strikte Homeoffice-Zeit verordnet. Telko mit der Agentur des Vertrauens. Gespräch in etwa so:

A: „Kannst du dir vorstellen, mit so einem Budget zu arbeiten?“
B: „Ja, wir können nachher Popcorn machen.“
A: „Jetzt zieh endlich deinen Schlafanzug aus!“
B: „Ja, die Bedingungen sind gut, ich würde aber noch Details mit dem Kunden besprechen.“

Eine WhatsApp-Nachricht vom Freund trifft ein: Seine Familie und er lagen 14 Tage mit dem Virus flach. Er meint, dass es ihnen jetzt besser ginge. Gerade die jüngeren in der Familie hatten zu kämpfen, Grundschüler. Also doch nicht nur ein Virus für alte Leute.

So gute Laune

Die Kinder sind wieder den ganzen Tag so selbstständig drauf, dass ich mich kaum an Zwischenfälle mit ihnen erinnere. Der Mittlere, der sich immer selbst im Weg stand und jammern konnte wie ein Weltmeister, ist gerade ganz erstaunlich. Er hat einen Milchzahn ohne Klagen verloren, isst jetzt lieber Käse- als Nutellabrot und schreibt Geschichten von links nach rechts, die aus hunderten kleinen Bildchen bestehen, die er uns „vorliest“. Wir haben die verordneten Ferien genutzt, ihm nachts die Windel zu entziehen, was ohne einen einzigen Zwischenfall auch geklappt hat. Und überhaupt, er ist witzig und entspannt.

Auch die Nachbarn sind allerbester Laune. Nachbarin X verlegt ihre Akazienholzterrasse neu. Nachbarin A. hat nach zwei Wochen Krankschreibung nur eine Woche arbeiten müssen und genießt jetzt ihren Urlaub. Anstatt in die Niederlande geht es ins Bauhaus, aber das ist auch ok. Nachbar F. läuft mit einer Virtual-Reality-Brille auf dem Kopf über die Terrasse, schiebt sie sich kurz auf den Kopf, um das Real Life abzuchecken, und verschwindet wieder.

Alle haben gute Laune. Klar, die Arbeit ruht bei vielen fast oder ganz, und die Kinder spüren, dass bei den Erwachsenen der Stress, zu genügen, nachgelassen hat. Auch das Wetter spielt mit. Stell dir vor, es ist Apokalypse, und die Sonne scheint.

Es ist Sommer.

Regen haben wir seit einem Monat nicht mehr gesehen. Daher ist dieses Jahr der Frühling rund einen Monat früher dran als 2002. Das weiß ich zufällig, weil wir 2002 am 1. Mai spazieren waren und gerade die Buchenblättchen ausbrachen. Dieses Jahr sind die Buchenblättchen am 9. April soweit und alle Hügel sind in einen hellgrünen Schleier gehüllt. Das tröstet nicht darüber hinweg, dass wir aufgrund der großen Trockenheit in den letzten Jahren ein Waldsterben haben. Unser Wald ist zwar größtenteils verschont, Nadelwälder hat es härter getroffen, die Eichen auch.

Die Mücken stechen uns schon. Die Feuerkäfer krabbeln schon. Wir gießen den Garten um halb 9 Uhr abends, barfuß. Nachts liegen wir da mit geöffnetem Fenster.

Breiten sich Viren bei Trockenheit nicht langsamer aus? Gibt’s da einen Podcast zu?

Ich bin jetzt doch müde geworden ob der vielen Nachrichten. Maskeauf ist die neueste Aktion, die mit einem halben Auge wahrzunehmen ich mich gerade noch aufraffen kann. Promis treten für das Tragen des Mundschutzes ein. „Schick uns ein Bild von deiner selbst gemachten Maske! Das wird der sinnvollste Modetrend aller Zeiten.“ Gezeichnet, Charlotte Roche, Jan Böhmermann und alle.

Wie gesagt, der Boden für die allgemeine Masken-Akzeptanz in der Bevölkerung wird sehr gut vorbereitet.

Eine Freundin instagrammt das Symboldbild der Woche: Eine Nähmaschine. Die im Garten steht. Bereit für die letzten paar Stiche am hübsch geblümten DIY-Mundschutz. Im Hintergrund die Kinder. Das Spielhäuschen, das Dreirad. Und über allem: Sonne satt.

Heute sind es weltweit anderthalb Millionen Infizierte, davon rund 500.000 in den USA. In Deutschland sind es 115.523, davon sind 2451 gestorben, 50.557 wieder gesund.