Party on

Partysituation nach 12 Stunden

The party must go on.

Für Kinder ist das Leben eine einzige Party.

Das ist meine neueste und bislang auch fast einzige Erkenntnis über Kinder.

Ein paar Beispiele gefällig?

Wenn ich (als Mitglied des Party-Service-Personals) zum Essen rufe, reagiert ein Kind überhaupt nicht, weil es gerade Musik hört, rennt, klettert, springt, liest, lacht oder nachdenkt.

Das zweite kommt sofort angelaufen und ruft: „Gibt’s Schokolade?“.

Das dritte stößt einen unwilligen Schrei aus, der bedeutet „Na endlich! Ich warte auch schon drei Stunden!!! Ging das nicht schneller, oder was??!!!“

Sitzen dann alle auf ihren Stühlen, muss das Service-Personal ein Kind ständig ermahnen: „Setz dich richtigrum hin!“.

Das zweite muss alle paar Minuten neu an den Tisch rangeschoben werden, weil es sich mit dem Stuhl abschiebt und dann klagt: „Ranschieben! Ranschieben!“.

Das dritte muss angeschnallt werden, damit es nicht auf den Tisch kriecht.

Ein Kind versucht, die Essenszeit zu effektivieren, indem es sich entweder gar nichts nimmt, oder die gewählte Portion in Sekundenschnelle verdrückt, um noch mit vollem Mund zu fragen: „Kann ich jetzt gehen?“. Entgegnet das Service-Personal: „Warum?“, antwortet es schon im Gehen: „Das ist ein Geheimnis!“ und ist im Kinderzimmer verschwunden.

Das zweite untersucht jede Portion mit den Händen, zerlegt, zerkrümelt, filetiert, entsaftet, legt Würmer aus Spaghetti und Eisenbahnen aus Brotrinden, verlangt fünfmal hintereinander Milch oder Saft nachgeschenkt zu bekommen und schmeißt dabei mindestens einmal den Becher um.

Das dritte wirft je nach Lust und Laune zehn bis neunzig Prozent der dargebotenen Speisen auf den Boden. Zur Erleichterung des Service-Personals, vielleicht aber auch nur zufälligerweise, hebt es die Reste später manchmal im Vorbeikrabbeln wieder auf und isst sie dann doch noch.

Während das Service-Personal im Anschluss an die Mahlzeit wischt, fegt, die Spülmaschine vollräumt, Müll wegbringt… bauen die Kinder eine Höhle aus Kissen, Decken und Stühlen und spielen darin Picknick mit Puppengeschirr (ein Plastikservice, das aus 1024 Einzelteilen besteht und vom Service-Personal später aus allen Ritzen des Kinderzimmers geklaubt werden muss).

Im Anschluss kicken zwei Kinder einen Ball durch die Wohnung, wobei ihnen egal ist, was umfällt, außer, sie sind es selbst. Dann müssen sie sofort getröstet werden.

Das dritte nimmt solange seinen Nachtisch zu sich (Stifte, Radiergummis, Steine, Legokleinstteile, Schwämme, Biomüll) und versucht im Anschluss, die Leiter zum Stockbett hochzuklettern. Es kommt auf halber Höhe an, dann fällt es: mit dem Kopf auf die Duploeisenbahn, die sofort losrattert, aber in den nächsten Minuten von niemandem beachtet wird und einsam ihre Runden dreht.

Während das Kleinste von einem Mitarbeiter des Service-Personals getröstet wird, haben sich die beiden Größeren mit Fußballschals, Fahnen, Skibrillen und Faschingshüten unkenntlich gemacht, ziehen grölend durch den Flur und bleiben lauthals kreischend über ihre Verkleidung vor dem Spiegel stehen.

Das Mittagessen, das ich oben beschrieben habe, ist zu diesem Zeitpunkt erst seit zehn Minuten vorüber, aber keiner erinnert sich mehr daran. Schon wird lautstark verlangt, man möge Eis servieren, einen Film zeigen, eine Runde Fußball spielen („für dich kick ich extra auch ganz leicht!“), ein Meerschweinchen kaufen und bittebitte einen Flug buchen („warum fliegen wir nienienie irgendwo hin?!“).

Das Service-Personal, das sich vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen halten kann, schielt unablässig zur Uhr: Wann wird es ein wenig ruhiger, wann können wir uns mal setzen / hinlegen / backstage eine Flasche Wein aufmachen / einfach gehen?

Nein, einmal früher Feierabend, oder ein Jobwechsel, das sind Dinge, die laut Arbeitsvertrag bei dieser jahrelangen Party nicht drin sind!

Aber es gibt eine Atempause für das Personal. Eine am Tag. Eine allzu kurze manchmal nur, aber in der Not nimmt man alles an. Das ist die Schlafenszeit, die die Feiernden einlegen müssen, um wieder Kraft zu schöpfen, schließlich startet die nächste Party schon wieder früh am nächsten Morgen.

Diese Schlafenszeit übrigens, die muss unsäglich langweilig sein, jedenfalls den Bemerkungen nach zu urteilen, die den Kindern einfallen, wenn das Service-Personal mal wieder (ganz behutsam, versteht sich), das Thema aufs Schlafen bringt.

Beispiele:

1. Ausreden: „Nein! Die / der hat noch nicht mal zu ABEND gegessen! Der / die darf bis zehn Uhr aufbleiben! Bis ZEHN! Morgen ist doch so gut wie fast gar keine Schule!…“

2. Ablenkungsmanöver: „Nein! Ich will noch einen Duplo-Turm bauen! Ich will einen ganz hohen Duplo-Turm bauen! Ich will den höchsten Duplo-Turm der Welt bauen! Du sollst mir beim Bauen helfen!“

3. Verzweiflung: „Neiiiiiiii—–???? —-nnnnnnnn!!!!! WÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄ!!!!!!!“

Vielleicht ist die Dauerparty in unserem Hause ja der Grund dafür, dass ich die meisten Erwachsenenpartys (von Ausnahmen abgesehen) nicht mehr ganz sooo spannend finde?

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Dieser Beitrag wurde eingereicht für den scoyo ELTERN! Blog Award 2017.

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