Coronatagebuch Tag #21

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Heute sind es 84.794 Infizierte in Deutschland (wir haben damit China überholt), 22.440 sind wieder gesund und 1107 sind gestorben.

Gut ist: Wenn man die Dunkelziffer der (wahrscheinlich bereits) Infizierten (die nie zum Arzt gingen bzw. die wieder gesund sind, ohne getestet worden zu sein) mit einrechnet, und auch die Dunkelziffer der Toten, die vermutlich nicht auf das Virus getestet wurden, kommt man auf eine Sterberate von „nur“ etwa 1 Prozent. (Schätzung anhand von Zahlen aus Teilen Italiens, eine Indutrienation mit funktionierendem Gesundheitssystem, weltweit betrachtet.)

Schlecht ist: Wenn die ganze Welt das Virus einmal gehabt haben muss, um immun zu sein, bedeutet das, dass (innerhalb einer ungenauen Zeitspanne) ewa 80 Millionen daran sterben müssen (wenn in der Zwischenzeit kein Impfstoff oder andere Maßnahmen gegen das Virus vorliegen).

Draußen und drinnen

Egal ob die weltweiten Entwicklungen und Zahlenanpassereien nun gut oder schlecht für die Menschheit sind: Klar ist, dass die Lage da draußen überhaupt nicht zu der Lage da drinnen passt.

Was dazu führt, dass mir auf dem Weg zum Supermarkt immer mulmig ist, denn das ist derzeit das einzige reglementierte „Bad in der Menge“, das man nehmen darf. Auch wenn die geordneten, entzerrten Schlangen, die aktuell sehr freundlichen Verkäufer und die teilweise kontingentierte Ware zu einem an sich entspannten Einkaufserlebnis führen – ich will einfach nur nach Hause.

Es ist ein sehr schönes, trockenes Frühjahr. Wenn nicht Corona die Schlagzeilen beherrschen würde, wäre die Niederschlagslosigkeit im März (wird es ein weiteres zu trockenes Jahr?) ein Thema. Klima hin oder her, das helle Sonnenlicht von morgens bis abends begleitet uns durch den Tag. Auch wenn die Sonne irgendwie apokalyptisch scheint, es ist immerhin die Sonne, sie ist warm, sie beschleunigt das Wachstum der Natur, sie lässt die Vögel singen und die Kinder nach draußen eilen.

Wir haben schon das Klingelschild geputzt, einmal alle Bäume ausgegraben, bei uns und beim Nachbarn Rasen verlegt. Wenn das mit dem Kontaktverbot so weitergeht, putzen wir womöglich noch unser Auto! Oder wir streichen unser Haus quietschegelb an! Oder bauen einen Swimmingpool in den Keller! Möge Gott uns davor bewahren.

Ich telefoniere nicht öfter mir meinen Eltern als sonst, aber vielleicht regelmäßiger. Meine Mutter macht sich gerade große Sorgen um ihre beiden Schwestern. Die eine ist gerade aus der Klinik entlassen worden. Tablettenentzug. Ihre Reha wollte sie nicht antreten. Da ihre Reha-Klinik zwischenzeitlich in eine Klinik mit normalem Betrieb umfunktioniert wurde, stand eine Reha wohl auch nicht mehr auf der Tagesordnung. Sie sitzt jetzt also zu Hause, Entzug beendet, aber das gewohnte Leben geht nicht weiter. Denn ihr Essenslieferdienst kommt jetzt nicht mehr.

Die andere sitzt in Indien fest. Sie besucht dort auf die alten Tage regelmäßig eine Klinik und ein Kinderheim, die sie vor vielen Jahren mitgegründet hat. Sie ist nicht als Touristin oder mit irgendeiner Organisation in Indien und wird daher nicht vom Auswärtigen Amt „zurückgeholt“. Meine nicht zurückgeholte Tante und mein nicht zurückgeholter Onkel erleben die Krise also in Indien – wo die drastischste Ausgangssperre der Welt herrscht. Ganze Straßen werden abgeriegelt und nicht weiter versorgt.

Ist das, was meine Tanten miterleben müssen, „drinnen“ oder „draußen“? Werden sie später (vielleicht erleichtert, vielleicht amüsiert) von einer alptraumhaften, chaotischen, aber sehr kurzen Zeit in ihrem Leben berichten? Werde ich sie überhaupt jemals wiedersehen?