Coronatagebuch Tag #19

Die Beschaffung von Essen und anderen Dingen des täglichen Bedarfs ist der wunde Punkt in dem neuen System. Der große Großlieferant liefert nicht mehr pünktlich. Die kleinen und mittelgroßen Lieferanten sind ebenfalls am Limit und können ihre Kapazitäten nicht aufstocken, nicht jetzt, wo einige Waren kaum noch lieferbar sind, und wo alle sonst Arbeitswilligen krankgeschrieben sind oder Überstunden abbauen, sich gerade nicht mehr bewerben oder gar in die Quarantäne geschickt wurden.

Hygieneartikel sind immer schwerer zu finden. Jetzt, wo die Umwelt sauber ist, der Fluss atmet, der Wald atmet, die Zeit atmet, jeder nur noch in seinem eigenen Haus aufs Klo geht und Türgriffe und Einkaufswagen nur noch mit Gummihandschuhen berührt, wollen auch wir GANZ sauber sein.

Creme, Seife, Zahnpasta, Shampoo sind nicht mehr das, was sie mal waren: Massenware. Die billigen Marken sind immer alle weg. Die teureren stehen auch recht vereinzelt im Regal.

(Reis ist ebenfalls eine schwierige Angelegenheit. Neulich war im Regal nur noch Jochen Schweizer Reis Pink zu haben – ja ich wünschte auch, ich hätte mich das ausgedacht. Heute haben wir stattdessen Dinkel gekocht. Früher hat man zu einer solchen Kost vermutlich „Graupen“ gesagt. Auch Nudeln kaufen wir seit letzter Woche in der Dinkel-Variante, weil die normalen Weizennudeln einfach immer alle sind, egal um wieviel Uhr wir in den Supermarkt gehen – first World problems, I know)

Die Klopapier-Kundin

Als ich die letzten beiden Male an einer Supermarktkasse anstand (in 1,5 Metern Abstand, versteht sich), hatte vor mir jeweils gerade eine Kundin eine Packung Klopapier aufs Band gelegt. Und das, obwohl die Klopapierregale vollkommen leer waren, wie ich mich gerade noch versichert hatte. Aber vielleicht flieht das Klopapier auch immer panisch, sobald es mich sieht? Es rutscht in irgendwelche Ritzen, hinter das Katzenfutter, taucht beim Tomatenmark wieder auf und lacht hinter meinem Rücken?

Jedenfalls, in beiden Fällen war Klopapier das Einzige, was die Kundin vor mir aufs Band legte. Und in beiden Fällen, das war offensichtlich, kannte die Kundin den Verkäufer sehr gut, vielleicht sogar persönlich. Ich wurde sogar Zeugin des folgenden Gesprächs:

„Wann muss ich denn wiederkommen, wenn ich die nächste Packung brauche?“
„Hier wird nur noch mittwochs und freitags geliefert.“
„Ach, prima. Dann komme ich am Mittwoch oder am Freitag wieder. Am besten schon um acht.“
„Nein nein, es kommt zwischen 11 und 14 Uhr.“
„Super, danke dir, dann weiß ich Beschei-heid! Bis zum nächsten Mal!“

Auch wir wünschen Ihnen noch einen schönen Tag, glückliche Klopapier-Käuferin. Gehaben Sie sich wohl.

Heute sind es 70.985 Infizierte in Deutschland, 15.824 sind wieder gesund und 682 sind gestorben.

Coronatagebuch Tag #16

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Die Nachbarn und wir betreiben untereinander jetzt Infektion oder heißt es miteinander.

Als noch eine andere Zeit war, ging jeder brave Bürger morgens aus dem Haus, trabte zu Kindergarten, Schule, Arbeit, und abends wieder nach Hause. So ging es tagein, tagaus. Frühling, Sommer, Herbst und Winter, bei Regen und bei Sonnenschein. Zwischendurch gab es freie Tage, sogenannten Urlaub. Den verbrachte jeder individuell: in Staus, auf Flughäfen, an Stränden, in Hotels, auf Spielplätzen.

Die Gärten zwischen den Häusern bildeten in jener Zeit den gewünschten Puffer, den man benötigte, um den stressigen Alltag auszuhalten: man kam durch sie nicht zu nah an die Nachbarn heran. Man blieb in Sichtweite, aber man kam sich nie nahe genug um miteinander sprechen zu müssen können.

Jetzt in der neuen Zeit sind Superspreader wie wir von Kindergarten, Schule und Arbeit suspendiert. Die Flughäfen und Hotels haben geschlossen, auch die Strände und Spielplätze. Keiner will, muss, kann geschweige denn darf mehr irgendwo hin (außer die Systemrelevanten, die dürfen aber nur zur Arbeit, danach nicht ins Kino oder in die Bar, sondern müssen sofort wieder nach Hause).

Also gehen wir in den Garten.

Der tägliche Gang in den Garten treibt ungeahnte Blüten, nicht nur an den Bäumen. Seit dieser Woche gibt es in unserem Garten: eine Rutsche (aus einer alten Tischplatte), einen Nistkasten, eine neue Steinmauer und eine Hängematte. Im Nachbargarten sind neu: eine Schaukel, ein Tipi, ein Spielzeugpony und ein Vater, der sich als Indianer verkleidet und mit Pfeil und Bogen schießt.

Die Kinder der Indianerfamilie stehen plötzlich auf unserem Balkon und fragen: Spielen wir Steinzeit? Da spielen alle Steinzeit, sammeln Moos und Schnecken, erfinden das Feuer und kochen über dem Feuer in der Höhle. Danach spielen alle Indianer, schleichen um das Tipi, füttern das Pony und greifen die Steinmauer mit Pfeil und Bogen an.

Ein weiteres Nachbarskind kommt vorbei und will mitspielen. Ok. Jetzt kurz nachdenken: draußen spielen, in einem Privatgarten, der 1,5 Meter Abstand zwischen (mal nachzählen) mittlerweile sechs Kindern theoretisch gestattet, ist erlaubt.

Oder.

Die Indianerfamilie und die Steinzeitfamilie nehmen das sechste Kind in ihrer Mitte auf und hüpfen weiter von Garten zu Garten. Währenddessen geht die Mutter von Kind 6 zum Einkaufen. Sie kauft, obwohl es schon Abend geworden ist, und dazu noch ein Samstag, tatsächlich Klopapier. Sie gibt uns drei Rollen davon ab und wir werfen uns vor Dankbarkeit vor ihr in den Staub und küssen ihre Füße.

Mittlerweile schallt seit Stunden harter Radiopop durch die Gärten. Der Indianervater hat Kerzen angezündet. Die Kerzen leuchten auf einem Kuchen, den die Indianerfamilie durch den Garten trägt, ins Tipi hinein und wieder hinaus. Die Indianerfamilie singt Happy Birthday, die Steinzeitfamilie stimmt mit ein, obwohl unklar ist, wer Geburtstag hat. Alle haben Federschmuck auf. Der Indianervater filmt mit dem Handy. Er will das Video seiner Schwester schicken. Die hat nämlich Geburtstag.

Als es dunkler wird, werden einige Kinder schon abgeholt, aber die Party geht weiter. Also bleiben sie noch ein bisschen länger. Jetzt wird das Tipi mit bunter Beleuchtung in eine Disco verwandelt. Die Kinder springen höher und höher, die Lichter blinken schneller und schneller.

Und ja, es war ein wirklich schöner Tag.

Wir werden die nächsten Wochen viel in unserer Hängematte liegen. Wir werden unsere Lieblingsmusik auf maximale Lautstärke stellen. Wir werden unsere Klamotten nicht mehr wechseln. Wir werden die ganzen Gartenbücher lesen und in Unterhemd und Kopftuch die Tomaten einpflanzen. Und wenn wir weiterhin nicht zum Recyclinghof dürfen, verbrennen wir bald auch unseren Müll im Garten. Erst den Baumschnitt, dann das ganze Plastik, und zum Schluss die alten Autoreifen und das Terpentin.

Im Nachbarhaus sitzen Rentner Mitglieder der Risikogruppe. Wir sehen sie nicht, aber sie müssen zu Hause sein, denn sie dürfen, wie wir, niemanden besuchen. Wir sehen sie nicht, und das beunruhigt uns etwas. Es könnte ja sein, dass sie nicht wollen, dass die Kinder miteinander Kontakt haben. Vielleicht haben sie Radio gehört oder Fernseher geguckt. Vielleicht haben sie im Radio oder im Fernsehen gehört oder gesehen, dass man keine Partys feiern darf, auch keine privaten. Dass unnötige Begegnungen nicht erlaubt sind. Dass die Bundeskanzlerin selbst in Quarantäne ist und ihre Ansprachen von zu Hause aus sendet. In der heutigen Ansprache zum Beispiel dankt sie uns Bürgern von ganzem Herzen, dass wir uns so folgsam an die neuen Regeln halten, zu unserer aller Sicherheit.

Sollte die Bundesregierung demnächst aber sehr besorgt unseretwegen sein, weil wir noch nicht zu Genüge verstanden haben, dass es jetzt heißt nur Abstand ist Ausdruck von Fürsorge, dann könnten die Ausgangsregelungen und Abstandseinhaltungen weiter verschärft werden, und dann haben wir es so gewollt.

Heute sind es 57.695 Infizierte in Deutschland, 8.481 sind wieder gesund und 433 sind gestorben.

Coronatagebuch Tag #11

Heute ist ein guter Tag. Heute arbeite ich.

Wenn das Projekt von 5 auf 9 Monate gedehnt wird, weitere vielversprechende Arbeitgeber (die mit den Kunden in der Automobilbranche) sich nicht mehr melden, ich sowieso vergessen habe, dass ich mich soundsooft pro Woche oder Monat irgendwo bewerben muss (weil mich sonst das Arbeitsamt bestraft – hallo Arbeitsamt, versuch mal ob du stärker bist als das Infektionsschutzgesetz), die Kinder den ganzen Tag zu Hause sind und immer alles so schön geputzt und aufgeräumt ist… dann ist Arbeit ein ziemlich schräges Konzept.

Ich skizziere nur einen Artikel und schreibe eine Mail. Es macht mir Spaß, aber ich habe nicht genügend Struktur, um das über mehrere Stunden am Tag durchzuziehen. Immer ist was. Jemand hat Hunger, die Spülmaschine muss ausgeräumt werden, und irgendsoeine Glitzerkartusche zum Basteln ist im Kinderzimmer explodiert.

Mann und Kinder fahren zum Einkaufen. Es gibt kein Klopapier, keine normalen Nudeln und keine billige Tomatensoße mehr. Jetzt haben wir Dinkelnudeln im Schrank. Hoffentlich ist Hamstern bald verboten.

Der mittlere Sohn schreibt seinen ersten Brief auf Papier. Er ist sehr eifrig, hat nebenbei das Buntstiftspitzen gelernt, weiß jetzt, welche Seite des Briefumschlags vorne ist und an welche Stelle die Briefmarke kommt. Nach dem Briefeinwerfen drehen wir noch eine Runde und gehen zum Spielplatz. Die Tore zum Spielplatz sind mit Kabelbinder verschlossen. Kein Mensch zu sehen. Der Sohn neugierig, fragt warum, interessiert sich aber nicht besonders ausgiebig für diesen neuen Zustand. Abends essen wir alle zusammen Pizza.

Die Klavierlehrerin der großen Tochter ruft an. Sie bietet ihren Unterricht ab jetzt via WhatsApp an. Das funktioniere in allen Fällen gut, sagt sie, die Schüler seien sogar aufmerksamer als sonst. Wir reden auch über die Krise. Was sie wirklich beschäftigt, ist die Zerstörung vieler Existenzen und Lebensgrundlagen. Viele Unternehmer müssen jetzt schließen und wissen nicht, ob sie jemals wieder eröffnen können. „Aber Klavierunterricht wird es immer geben“, sage ich. Nein, sagt sie. Sie hat in der ehemaligen Sowjetunion in den 90ern erlebt, wie alles schließen musste, weil es für nichts mehr Geld gab. Musikschulen, Schwimmbäder, die Stadtwerke, alles war zu. Keine Heizung bei minus 30 Grad. Damals wanderte sie aus nach Deutschland.

Auswärtiges Amt Reisewarnung

Screenshot der Webseite vom Auswärtigen Amt heute.

Das Auswärtige Amt hat eine weltweite Reisewarnung verhängt. Zahlreiche Kreuzfahrtschiffe irren noch umher, da sie nirgends anlegen dürfen. Der Landkreis Heinsberg (ein Hotspot des Virus in Deutschland) bittet China um Hilfe: Man habe keine Schutzmasken mehr, ob China nicht welche schicken könne. Auch die Olympischen Spiele wurden abgesagt (zum Entzünden der Olympischen Fackel in Tokyo waren vorgestern noch Zehntausende zusammengekommen, das will man sich gar nicht vorstellen). Ein Dorf in Thüringen, in dem 6 von 900 Bewohnern erkrankt sind, steht komplett unter Quarantäne: Man kommt nicht rein und nicht raus und muss im Haus bleiben, bis auf den Einkauf.

Heute sind es 29.056 Infizierte in Deutschland, 422 sind wieder gesund, 118 sind gestorben.