Muss man alles teilen?

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„Kann ich für ein paar Tage auf eurer Couch schlafen?“

„Kannst du auf mein Baby aufpassen, während ich den Schrebergarten gieße? Dafür bekommst du alle Kirschen, wenn sie reif sind.“

„Kann ich meine Kisten für unbestimmte Zeit in eurer Garage abstellen?“

„Bringst du mir etwas Französisch bei? Ich zeig dir dafür, wie die Nähmaschine funktioniert.“

„Wir sitzen heute Abend am Fluss rum. Kommt ihr auch?“

Was wir teilten

Wir teilten den Alltag miteinander. Zeit, Material, Ressourcen, Quadratmeter, Essen, Trinken und Gedanken. Nebenbei ergab es sich, dass wir gemeinsam Perspektiven entwickelten, Ideen spannen und  zusammen von Freiheit und Selbstständigkeit träumten.

Von was wir träumten

Finanziell unabhängig zu sein, wünschte sich der eine. Endlich das Urteil der eigenen Eltern hinter sich zu lassen, der andere. Oder: Einen Job oder einen Abschluss zu erhalten. Bedeutung zu erlangen, in was auch immer. Die Welt zu verbessern mit seinem Talent, seinem Geld oder in seinem Job. Oder: Weiterstudieren, eine Ausbildung machen, trotz Widrigkeiten. Einen Partner fürs Leben finden. Endlich alle Traumländer bereist haben. Vielleicht ein bisschen weiter unten angesiedelt, aber genauso rechtmäßig: den Anschluss an die Gesellschaft nicht ganz verlieren.

Warum wir uns trafen

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Diese Wünsche und Träume waren es, die uns zueinander brachten und uns zusammenschweißten. Gekommen, um zusammen eine Webseite für eine Geschäftsidee zu konzipieren, blieben wir, um uns eine ganze Serie anzusehen. Gekommen, um einen Geburtstag zu feiern, blieben wir, weil das Bier so gut war. Gekommen, um beim Unkrautjäten zu helfen, blieben wir zum Abendessen oder einfach nur, um noch gemeinsam den Sonnenuntergang zu bestaunen.

Warum wir glaubten, modern zu sein

Wir redeten viel darüber, dass man heutzutage alles miteinander teilt. Wir sagten: „sharet“. Freie Zimmer oder Betten warfen wir in den Ring: Wer will hier wohnen bzw. schlafen? Dafür nahm dann jemand anderes unsere Möbel, wenn wir für ein Jahr ins Ausland gingen. Alle Kinderkleidung kursierte irgendwie zwischen allen Haushalten hin und her. Gebrauchte, aber noch funktionierende Kindermöbel, Kinderfahrräder und Kindersitze standen manchmal einfach so auf der Straße mit einem Zettel dran: Bitte mitnehmen.

Wir redeten über die Sharing Economy, meditierten über den Erfolg von Coworking, Mitfahrgelegenheit, Car Sharing und Airbnb, bis es jenseits unserer Vorstellungskraft lag, dass es Leute geben könnte, die noch in herkömmlichen Büros arbeiteten, mit vollem finanziellen Einsatz einen eigenen Neuwagen kauften und diesen ganz alleine fuhren, oder die gar bei einem Reiseanbieter Ferienhäuser buchten.

Warum das Teilen auf dem Land nicht funktioniert

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Auch auf dem Land hatte ich die Möglichkeit, bei einem gemeinsamen Gartenprojekt mitzumachen. Geleitet wurde das Projekt von der Gemeinde. Wir bauten Hochbeete, versetzten Sträucher, pinselten einen Bauwagen an.

Aber ich habe mein Beet wieder abgegeben. Der Grund: Ich habe zu Hause eigene Beete, und einen Riesen-Balkon, und unzählige Fensterbretter mit Pflanzen. Da bleibt für das gemeinsame Unkrautjäten und Grillwurst wenden in sieben Kilometer Entfernung keine Zeit. So banal das klingt.

Unsere große Wohnung ist ein Geschenk. Es entschleunigt, nicht in Auto, Bus oder Bahn steigen zu müssen, um andere Menschen treffen zu müssen, mit denen man dann etwas nur teilt.

Aber so eine Wohnung mit viel Abstellfläche, Balkon und Garten verpflichtet. Und so jäte ich meigenes, ganz persönliches Unkraut jetzt eben alleine. Mache einen Schritt in meine Küche, die ganz genau so aufgeräumt oder nicht ist, wie ich es will, mache mir einen Kaffee und trinke ihn – alleine. Die Tomatenernte sieht gut aus dieses Jahr. Wie in allen anderen Gärten auch. Wir müssen uns gar nicht gegenseitig mit Tomaten beschenken. Jeder hat welche.

Wie begeben uns auch nicht mehr so in Abhängigkeiten. Wir fühlen uns nicht mehr verpflichtet, unser Auto oder unsere Zeit, unser Sofa oder Geld gar zur Verfügung zu stellen. Wir erwarten nicht mehr, dass das Telefon klingelt mit der Frage „Kann ein befreundeter Musiker heute Nacht bei euch schlafen?“ oder „Kann ich mal mein Baby zu dir bringen, ich muss kurz einkaufen gehen?“ oder „Mein Konto ist leer, aber ich muss dieses Ticket kaufen, hast du mal 200 Euro?“. Im Gegenzug erwarten wir von den anderen auch nichts. Das macht frei.

Ich habe jetzt einfach mehr Zeit. Für mich (Me-time). Für meinen Garten. Für meine Kinder. Die mich schon lange nicht mehr fragen: „Können wir mal wieder… mit Freunden spielen, zum Spielplatz, in ein Café, ein Eis, zu einem Konzert???“ Sie wissen es jetzt besser. Sie haben sich. Ihre Zimmer. Ihr Spielzeug. Ihr Grundstück. Uneingezäunt, aber mit einer imaginären Grenze. Das, was dahinter liegt, wird Tag für Tag irrelevanter.

Bis ich schon gar nicht mehr weiß, wo ich eigentlich bin und welches Jahr oder Jahrzehnt wir gerade haben. Es ist mir ehrlich gesagt auch egal. Mir fehlt ja nichts. Meine Kinder, meine Hausgeräte, mein Geschirr, mein Essen und meine Müllmarken, mein Beet, mein Auto, meine Werkstattrechnung, mein Leben. Ich kann mich nicht erinnern, aber wahrscheinlich wollte ich es so.

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