Ich will diesen Sommer mein Handy zu Hause lassen

20160710_232834

Ich im Sommer 2001. Foro: Archiv. No filter

Ich will diesen Sommer mein Handy zu Hause lassen und auch keinen Computer nutzen.

Gut, nur im August, okay, nur etwa rund drei Wochen lang, kurz: also während der paar Tage, in denen ich voraussichtlich nicht zu Hause, sondern in der Sommerfrische bei Verwandten weilen werde.

Und wenn ich mich schon so einschränke, kann ich auch gleich noch Fernsehen und Bier auf die Abschussliste setzen. Und jeden Morgen täglich Gymnastik machen und in der Bibel lesen oder ein paar Stunden eine neue Fremdsprache aus einem Buch lernen. Nachmittags auf Kaffee verzichten und stattdessen eine Runde Fahrrad um den See fahren.

Klingt jetzt asketisch?

Nun ja. Meine Urlaube verliefen früher so. Zum Beispiel mein Urlaub in Südwestfrankreich 2001, nach dem Abi. Morgens Gymnastik und Bibel. Frühstück ohne Kaffee. Dann ein Plätzchen suchen, an dem man gut etwas malen oder schreiben kann. Farben und Schreibsachen hatte ich immer in meinem Rucksack, egal wohin es ging. Den Mittag, wenn es zu heiß war, drinnen verbringen, mit einer Musikkassette (ja, so altmodisch war ich da noch, aber ich hab ja heute auch kein Spotify) oder mit einem Roman (den ich von zu Hause mitgebracht oder sogar erst im Urlaub gekauft hatte, dann war der eben komplett auf Französisch, egal. Lernt man ja beim Lesen). Nachmittags konsequent schwimmen gehen oder Fahrrad fahren, am besten beides. Nie ohne die Kamera aus dem Haus. Abends Wein. Dann ins Bett.

Das Ganze funktioniert nicht erst seit gestern nicht mehr, aber es muss so etwa sechs Jahre her sein, dass meine Fähigkeit, mich in meiner Freizeit sinnvoll zu beschäftigen, langsam verlorengegangen ist.

Vor 2009, also vor den Kindern, hatte ich immer eine halbe Stunde hier, eine halbe Stunde da zur Verfügung, um zu einem Buch, einem Stift zu greifen. Lesend und schreibend Neues zu entdecken, eins mit mir zu sein. Ach was, viel mehr als halbe Stunden waren das! Selbst auf einem lauten und vollen Festival konnte ich mich mal für eine Stunde am Stück im Zelt verkriechen und den Tag Revue passieren lassen, reflektieren, was passiert war, wie ich dazu stehe und was ich am morgigen Tag gerne machen möchte.

Jetzt muss ich in meiner Freizeit (ja, nicht nur dann, aber dann auch) das Geschirr von fünf Leuten sauber kriegen, darüber nachdenken, was diese in drei Stunden wieder essen wollen könnten, ich muss gleichzeitig über drei verschiedene Kindergarderoben informiert sein, zum Beispiel: Wenn wir jetzt zum Strand gehen, sind dann nicht nur die drei Kinder da, sondern auch die drei Kinder-Sonnenhüte und die drei Kinder-Badeanzüge und die drei Kinder-Badehandtücher? Haben alle ihre Zahnbürsten mit und putzen sie die Zähne auch? Hat jeder etwas altersgerechtes zum Vor- oder Selberlesen dabei? Reicht der Windelvorrat noch? Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Tja nun, und in der dann noch verbleibenden freien Zeit muss ich schlafen, schlafen, schlafen. Oder arbeiten.

Meine geliebten Urlaubs-Beschäftigungen wiederzubeleben, ist mit drei Kindern natürlich nicht so einfach. Aber vielleicht geht es ja, wenn ich im Urlaub auf meine Inspirations- und Informationsquelle Internet verzichte. Ich will mich nicht von Neuigkeiten im Pixelformat inspirieren lassen, die nur ein paar Sekunden oder Minuten Bedeutung für mich haben. Sondern von der Natur und von den Menschen um mich herum.

Da ich jetzt aber fast Angst bekomme, dass ich dann im Urlaub nichts zu tun haben werde, so ganz ohne Internet, bestelle ich jetzt ein paar Bücher, die ich in meinen Koffer packen will. Außerdem sehe ich mal nach, wie komplett meine Aquarellfarben noch sind und kaufe mir mindestens noch ein neues Zeichenbuch.

Habt ihr noch Freizeitbeschäftigungen, die eure eigenen sind?
Wer lässt diesen Sommer auch sein Handy zu Hause?
Und wer geht einfach ohne Handtücher und Zahnbürsten in den Urlaub?

Advertisements

Mit dem Anderthalbjährigen sprechen aka WMDEDGT

Was machst du eigentlich den ganzen Tag (WMDEDGT), wenn du sehr erkältet bist, trotzdem nicht schlafen konntest und dir jetzt ein Tag bevorsteht, an dem du außer mit einem Anderthalbjährigen vermutlich mit niemandem reden wirst?
Richtig, du schläfst erstmal so etwas ähnliches wie aus. Das Kind hatte im Gegensatz zu dir einen seligen Schlummer. Beneidenswert. Es findet eine Fahne, sagt Nane oder so etwas und läuft bis zum Frühstück naneschwenkend durch die Wohnung.
Dann will es Banane (Nane) und Brot  (Gob), bekommt zudem noch ein Müsli, dann sagt es satt und Bürste und Schrubbschrubb, es sagt übrigens beim Klatschen auch Klappklapp und bei Pferden Tripptrapp und bei Mäusen Kribbelkrabbel, wie ein geborener Entertainer für Anderthalbjährige.
Dann ziehen wir Diebel an, Gummistiefel, es regnet nämlich seit zwei Tagen.
Wir sind zwei Stunden zu spät bei der Tagesmutter, aber das macht nichts. Hauptsache, ich bin pünktlich beim Abholen. Ich werde mich einfach nur mit Bonbons ins Bett legen und den Vormittag verschlafen, nehme ich mir vor. Alles was mit Arbeit zu tun hat, muss heute warten.
Nach nur vier Stunden hole ich den Kleinen wieder ab. Er lacht und sagt guckguck und ba-bau, weil er gerade mit Duplo baut. Mit Diebeln gehen wir raus zum Brunnen, das Wasser testen. Es ist nass (nan), wie zu erwarten war.
Zu Hause muss es unbedingt wieder Nane und Gob sein, und dann „an“. Ich soll also die batteriebetriebene Eisenbahn fahren lassen. Das beschäftigt ihn etwa eine halbe Stunde. Große Trauer um die Bahn, als ich sie wieder abstelle.
Um ihn, der schon den 3. Tag tapfer ganz ohne seine geliebte Schwester ausharrt, zu überraschen, fahre ich mit ihm ins Spielhaus. Das ist eigentlich nur für Touristen, die gerade ohne ihre Kinder was machen wollen, oder die genug vom Skifahren, vom Wandern oder schlechten Wetter haben. Im Spielhaus sieht es aus wie in einem Kindergarten. Es gibt eine Legoecke, eine Kissenecke, eine Ecke mit Kleinkindspielzeug, eine mit Spielzeug für größere Kinder, Tische mit Brettspielen, eine Rutsche und eine Turnmatte, sowie bunte Becher, in denen die Kinder sich ein Getränk in einer undefinierbaren grauen Farbe einschenken können, vermutlich Tee. Die Überraschung geht auf: der Sohn findet alles klasse. Aber er kommt auch genauso bereitwillig wieder mit zum Auto. Einjährige sind toll.
Zu Hause gibt es aufgewärmte Pizza. Die Pizza ist heiß. Die Pitta ist hatt. Trotzdem beeilen wir uns mit dem Essen, wir sind nämlich spontan von der Dame des Hauses zum Musizieren geladen worden. Die Mutter der Vermieterin, die ein Klavier in ihrem Salon hat und regelmäßig ihre große Familie einlädt, mit ihr zu spielen. Dass auch wir klassische Instrumente spielen, hat sich an Silvester herumgesprochen.
Es sind tatsächlich viele Leute dort, als wir ankommen. Zwei brechen gerade auf, mit meinem Sohn beschäftigen sich abwechselnd vier weitere, wieder andere albern auf dem Sofa herum. Zwei Geigen und das Klavier sind schon mitten im Spiel und ich komme mit dem Cello dazu. Es ist ein ganz gewöhnlicher Dienstagabend, an dem ich nicht genau weiß, was mein Sohn eigentlich die ganze Zeit macht, aber er lacht irgendwo im Hintergrund und die Zeit bleibt stehen.
Erst nach einer ganzen Weile kommt er zu mir und fragt: „Machst du?“
Zu Hause plumpst er sofort in sein Bett und will nur noch schlafen. Da ist es erst sieben Uhr.
Ja, ich hatte wirklich sehr viel Zeit für mich heute, dank Erkältung, lieber Menschen und guter Angebote. Und ich habe sogar mit mehr Menschen als nur dem Anderthalbjährigen gesprochen. Wobei „nur“ definitiv nicht mehr stimmt, so oft wie er mich heute mit neuen Wörtern überrascht hat. Da das in seiner Altersklasse nicht selbstverständlich ist, staune ich immer noch.

WMDEDGT ist eine Aktion von Frau Brüllen, die immer am 5. eines Monats dazu aufruft, zu erzählen, was man denn eigentlich den ganzen Tag so macht.