Coronatagebuch Tag #13

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Den Garten umgraben. Dazu ist jetzt viel Zeit.

Die Freundin muss in Quarantäne. Das Gesundheitsamt hat bei ihr angerufen: Sie könne sich wohl denken, weshalb der Anruf komme. Sie habe mit jemandem Kontakt gehabt. Den Namen dürften sie aber nicht nennen. Sie solle 14 Tage zu Hause bleiben. Ihre Familie sei nicht mit unter Quarantäne gestellt. Weitere Anweisungen kämen schriftlich.

Ein Freund, der ein bisschen weiter weg wohnt, ist krank. Er hat sich testen lassen und er ist positiv. Zwei weitere aus der Familie sind ebenfalls krank. Dem Rest geht es gut, aber die ganze Familie darf nicht mehr raus. Ich weiß nicht, wer jetzt für sie einkauft und mit dem Hund spazierengeht.

Der Wahnsinn, der bislang nur auf dem Bildschirm in Form von Livestreams und Eilmeldungen und Kurzreportagen auf mich zugerast kam, der sich in seltsamen Abstandstänzen im Supermarkt und unerklärlich halbleeren Regalen gezeigt hat, ist nun ein wenig nähergerückt. Panik erzeugt das bei mir nicht. Eher Erleichterung, dass ich hier keine andere Dimension, keinen seltsamen Cyberwar und auch keine Erfindung irgendeines Medienmoguls mitansehe. Erleichterung darüber, dass das irgendwie plausibel ist, was wir hier machen. Auch wenn ich dabei immer nur Wäsche wasche, putze, Nudeln und Kaffee koche, Ausmalbilder ausdrucke und meinen Garten umgrabe.

Ich bin um meine Freunde besorgt. Ich kann selbst nichts tun. Aber ich bin nicht über alle Maßen in Sorge. In über 80% der Fälle verläuft die Krankheit mild oder sogar symptomlos.

Was das eigentliche Problem ist

Das eigentliche Problem, das wird immer deutlicher, ist nicht die hohe Wahrscheinlichkeit, eine tödliche Krankheit zu bekommen. Sondern die zunehmende Wahrscheinlichkeit dass, sollte man in nächster Zeit eine schwerwiegende Krankheit bekommen und auf einen Platz in einer Intensivstation angewiesen sein (und es gibt ja noch andere schlimme Krankheiten, lebensgefährliche Unfälle usw.), man nicht mehr ausreichend behandelt werden kann. Weil:

a) entweder hat die Intensivstation wegen Überfüllung schon geschlossen. Oder

b) es fehlt an der so banalen wie notwendigen Grundausstattung (mit so billigem Material wie Desinfektionsmittel und diesen Mundschützen aus Papier wird seit dem Ausbruch in China im Januar spekuliert, vielleicht wird es von 10 Prozent der Bevölkerung auch wirklich aus Angst vor einer Invasion der Außerirdischen geklaut und gebunkert, oder es ist WIRKLICH schon länger knapp, weil in China die letzten drei Monate kaum mehr Dinge produziert wurden wegen der ganzen Schließungen, was weiß ich), jedenfalls fehlt die Grundausstattung, die für die banalste OP eben gebraucht wird, und ohne die man in Krankenhäusern schlichtweg nicht operieren darf. Oder

c) es fehlt das kostspieligere Material, Dinge wie Atemgeräte, Masken, Schläuche, Druckmesser etc., die gerade für Patienten mit einem schwerwiegenden Verlauf lebenserhaltend sind.

Deswegen werden Intensivpatienten aus Frankreich und Italien derzeit nach Deutschland verlegt. Es heißt, sie müssten sonst in ihren Ländern sterben, weil die Kapazitäten an Intensivbetten, Grundausstattung und/oder lebenserhaltenden Geräten überschritten seien.

Die einzige Maßnahme, die gegen die Überlastung der Krankenhäuser zu helfen scheint: die Ansteckung minimierne, indem man so wenig wie möglich unter Leute geht. Und deshalb gibt es aktuell in ganz Europa, gleichzeitig wohl auch in allen anderen Kontinenten Ausgangssperren, Kontaktverbote, Schulschließungen, Reisewarnungen und den (teils befürchteten, teils bereits umgesetzten) Shutdown ganzer Branchen.

Dazu hier ein brauchbarer Artikel bei Krautreporter.

Heute sind es 37.323 Infizierte in Deutschland, 3.547 sind wieder gesund, 206 sind gestorben.

Mutter-Kind-Kur, 17. Tag. Hallo, Quarantäne

2014 war ich mit meiner damals Vierjährigen in der Mutter-Kind-Kur im Schwarzwald. Wie es dort war, erzähle ich hier im Rückblick.

Jetzt ist es soweit: Wir haben das Einrichtungs-Magen-Darm-Virus.

Gerade habe ich noch eine der schönsten und letzten Anwendungen genossen, ein Vollbad, mit Pinimenthol. Durch und durch gelassen und gewärmt will ich mich im Zimmer aufs Bett legen, da werde ich über Lautsprecher ausgerufen.

Mein Kind hat im Speisesaal gebrochen. Sie ist quietschfidel, muss aber abgeholt werden. Ich nehme sie kurzerhand mit zu meiner Abschlussvisite. Dort werde ich gewogen (1 Kilo zugenommen in 2 Wochen, dank Schwangerschaft) und nach der Wirksamkeit der Maßnahmen gefragt (waren nicht sehr effektiv, aber die Rückenschmerzen sind wenigstens weg). Auch der Bauch meiner Tochter wird abgehorcht, und dann wird sie, obwohl alles normal, unter 48 Stunden Quarantäne gestellt.

Das heißt: Kein Kindergarten mehr bis zur Abreise, Bewegungsfreiheit nur außerhalb der Einrichtung, ansonsten Verbannung ins Schlafzimmer.

Zum Glück macht sie kein Theater. Ich bringe sie aufs Zimmer und laufe alleine los, hole Lego für kranke Kinder und koche Tee. Sie hat Lust auf Obstsaft und Fleisch, ich lasse sie, obwohl es ihr verboten ist.

Zum Abschlussgespräch mit der Psychologin darf ich sie mitnehmen, dann machen wir Abschlussrodeln in der Schneesuppe und Abschluss-Eisessen im Feldberger Hof (noch so eine rein italienische Einrichtung, in der das Personal gemütlich in seiner Landessprache miteinander klönt).

Rechtzeitig zur anberaumten Arztvisite sind wir wieder zurück. Meine Tochter muss sich auf ihr Bett legen, der Arzt hört ihren Bauch ab. Schon ist er wieder draußen, ohne Diagnose, aber morgen früh um halb 9 sollen wir nochmal in sein Sprechzimmer kommen.

Danach bekommen wir beide Durchfall, aber das erzählen wir keinem. Wir haben heute Abend Pizza (italienisch, was sonst!) bestellt, und die lassen wir uns trotzdem nicht entgehen. Zum Glück ist der Arzt gerade rausgegangen, als der Pizzabote kommt. Wir essen im Flur, der von der Abendsonne durch und durch warm ist, es ist warm wie in einem Gewächshaus. In den Speisesaal oder zu anderen Kindern darf meine Tochter ja nicht.

Dann darf ich den DVD-Player für kranke Kinder ausleihen. Mein Kind guckt ihre Lieblingsserie, Bob der Baumeister, und ist glücklich.

Natürlich sollen wir uns jetzt in der Quarantäne noch intensiver desinfizieren als sonst (O-Ton Arzt: „Sonst wir das halbe Haus krank!“). Ein Zusammenhang zwischen Magen-Darm-Infektionen und zu häufigem Desinfizieren (was den Kindern so viel Spaß macht, dass sie den Desinfektionsautomaten am Eingang zum Speisesaal ständig leer machen) wird nicht gesehen. Auch werden keine Schlüsse zur zweimal wöchentlichen Reinigung der Bäder gezogen, bei der das Personal jedes Mal die bakteriozid gewaschenen Handtücher (selbst wenn noch ungenutzt) gegen neue bakteriozid gewaschene Handtücher austauscht. NEIN, da wird kein Zusammenhang gesehen.

Alle Beiträge zu unserer Mutter-Kind-Kur gibt es hier.