Coronatagebuch Tag #16

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Die Nachbarn und wir betreiben untereinander jetzt Infektion oder heißt es miteinander.

Als noch eine andere Zeit war, ging jeder brave Bürger morgens aus dem Haus, trabte zu Kindergarten, Schule, Arbeit, und abends wieder nach Hause. So ging es tagein, tagaus. Frühling, Sommer, Herbst und Winter, bei Regen und bei Sonnenschein. Zwischendurch gab es freie Tage, sogenannten Urlaub. Den verbrachte jeder individuell: in Staus, auf Flughäfen, an Stränden, in Hotels, auf Spielplätzen.

Die Gärten zwischen den Häusern bildeten in jener Zeit den gewünschten Puffer, den man benötigte, um den stressigen Alltag auszuhalten: man kam durch sie nicht zu nah an die Nachbarn heran. Man blieb in Sichtweite, aber man kam sich nie nahe genug um miteinander sprechen zu müssen können.

Jetzt in der neuen Zeit sind Superspreader wie wir von Kindergarten, Schule und Arbeit suspendiert. Die Flughäfen und Hotels haben geschlossen, auch die Strände und Spielplätze. Keiner will, muss, kann geschweige denn darf mehr irgendwo hin (außer die Systemrelevanten, die dürfen aber nur zur Arbeit, danach nicht ins Kino oder in die Bar, sondern müssen sofort wieder nach Hause).

Also gehen wir in den Garten.

Der tägliche Gang in den Garten treibt ungeahnte Blüten, nicht nur an den Bäumen. Seit dieser Woche gibt es in unserem Garten: eine Rutsche (aus einer alten Tischplatte), einen Nistkasten, eine neue Steinmauer und eine Hängematte. Im Nachbargarten sind neu: eine Schaukel, ein Tipi, ein Spielzeugpony und ein Vater, der sich als Indianer verkleidet und mit Pfeil und Bogen schießt.

Die Kinder der Indianerfamilie stehen plötzlich auf unserem Balkon und fragen: Spielen wir Steinzeit? Da spielen alle Steinzeit, sammeln Moos und Schnecken, erfinden das Feuer und kochen über dem Feuer in der Höhle. Danach spielen alle Indianer, schleichen um das Tipi, füttern das Pony und greifen die Steinmauer mit Pfeil und Bogen an.

Ein weiteres Nachbarskind kommt vorbei und will mitspielen. Ok. Jetzt kurz nachdenken: draußen spielen, in einem Privatgarten, der 1,5 Meter Abstand zwischen (mal nachzählen) mittlerweile sechs Kindern theoretisch gestattet, ist erlaubt.

Oder.

Die Indianerfamilie und die Steinzeitfamilie nehmen das sechste Kind in ihrer Mitte auf und hüpfen weiter von Garten zu Garten. Währenddessen geht die Mutter von Kind 6 zum Einkaufen. Sie kauft, obwohl es schon Abend geworden ist, und dazu noch ein Samstag, tatsächlich Klopapier. Sie gibt uns drei Rollen davon ab und wir werfen uns vor Dankbarkeit vor ihr in den Staub und küssen ihre Füße.

Mittlerweile schallt seit Stunden harter Radiopop durch die Gärten. Der Indianervater hat Kerzen angezündet. Die Kerzen leuchten auf einem Kuchen, den die Indianerfamilie durch den Garten trägt, ins Tipi hinein und wieder hinaus. Die Indianerfamilie singt Happy Birthday, die Steinzeitfamilie stimmt mit ein, obwohl unklar ist, wer Geburtstag hat. Alle haben Federschmuck auf. Der Indianervater filmt mit dem Handy. Er will das Video seiner Schwester schicken. Die hat nämlich Geburtstag.

Als es dunkler wird, werden einige Kinder schon abgeholt, aber die Party geht weiter. Also bleiben sie noch ein bisschen länger. Jetzt wird das Tipi mit bunter Beleuchtung in eine Disco verwandelt. Die Kinder springen höher und höher, die Lichter blinken schneller und schneller.

Und ja, es war ein wirklich schöner Tag.

Wir werden die nächsten Wochen viel in unserer Hängematte liegen. Wir werden unsere Lieblingsmusik auf maximale Lautstärke stellen. Wir werden unsere Klamotten nicht mehr wechseln. Wir werden die ganzen Gartenbücher lesen und in Unterhemd und Kopftuch die Tomaten einpflanzen. Und wenn wir weiterhin nicht zum Recyclinghof dürfen, verbrennen wir bald auch unseren Müll im Garten. Erst den Baumschnitt, dann das ganze Plastik, und zum Schluss die alten Autoreifen und das Terpentin.

Im Nachbarhaus sitzen Rentner Mitglieder der Risikogruppe. Wir sehen sie nicht, aber sie müssen zu Hause sein, denn sie dürfen, wie wir, niemanden besuchen. Wir sehen sie nicht, und das beunruhigt uns etwas. Es könnte ja sein, dass sie nicht wollen, dass die Kinder miteinander Kontakt haben. Vielleicht haben sie Radio gehört oder Fernseher geguckt. Vielleicht haben sie im Radio oder im Fernsehen gehört oder gesehen, dass man keine Partys feiern darf, auch keine privaten. Dass unnötige Begegnungen nicht erlaubt sind. Dass die Bundeskanzlerin selbst in Quarantäne ist und ihre Ansprachen von zu Hause aus sendet. In der heutigen Ansprache zum Beispiel dankt sie uns Bürgern von ganzem Herzen, dass wir uns so folgsam an die neuen Regeln halten, zu unserer aller Sicherheit.

Sollte die Bundesregierung demnächst aber sehr besorgt unseretwegen sein, weil wir noch nicht zu Genüge verstanden haben, dass es jetzt heißt nur Abstand ist Ausdruck von Fürsorge, dann könnten die Ausgangsregelungen und Abstandseinhaltungen weiter verschärft werden, und dann haben wir es so gewollt.

Heute sind es 57.695 Infizierte in Deutschland, 8.481 sind wieder gesund und 433 sind gestorben.