Coronatagebuch Tag #44

An Tag 44 kann ich ganz sicher sagen, dass ich eine Sozialphobie habe.

Deine Frage danach, ob wir uns mal wieder treffen können, so wie früher, löst Panik in mir aus.

Dann – muss ich ja vorher einkaufen gehen? Was anziehen? Was kochen? Konversation machen? Darüber reden, wie ich mich fühle und wie das alles für mich und uns ist? Und mit echten Leuten darüber streiten, ob die Maskenpflicht Humbug ist oder besser als nichts, anstatt dazu Meinung, auf die ich keine Antwort erwarte, per Twitter und WhatsApp zu verschicken?!?!?!

Wie soll das bitte gehen?

Panisch gehe ich das Regelwerk durch. Dürfte ich mich überhaupt mit euch treffen?

Mit den zwei Familien aus unserer Straße laufen seit Beginn des Lockdowns Verbindungen. Die Kinder tauschen sich täglich untereinander aus, dadurch sind sie beschäftigt, ohne dass man Termine ausmachen und sie irgendwohin bringen muss. Dabei haben wir es dann auch belassen.

Wie viele Personen darf ich in Baden-Württemberg privat treffen?

Privat dürfen sich bis zu fünf Personen treffen, heißt es. Dabei gilt eine Wohngemeinschaft bzw. eine Familie als eine Person. Wenn wir uns also mit unseren Freunden treffen, kommen immer gleich zwei Familien zusammen. Oder drei. Zack, sind wir zusammen 12, 19 oder sogar 25 Personen.

Aber: Kontakte sollen auf das Notwendigste reduziert werden. Gefeiert werden solle ebenfalls nicht. Ist ein Abendessen zusammen mit Freunden notwendig? Ist ein langes Beisammensitzen am Lagerfeuer oder vor dem Fernseher Netflix, mit Kindern, die im Hintergrund die Wohnung zertoben, nicht genau dasselbe wie eine Party?

Fragen über Fragen, auf die das Regelwerk keine Antwort gibt.

Es ist also schlichtweg egal. Oder?

Muss ich mich an die Kontaktbeschränkung halten?

Auch die Kontaktbeschränkung gegenüber älteren Menschen und anderen Risikogruppen (fast immer die eigenen Eltern) ist keinesfalls gesetzlich festgeschrieben.

Schule, Kindergärten, Spielplätze, Hotels, Alten- und Pflegeheime, Krankenhäuser, Casinos, Bordelle und zahlreiche Geschäfte haben tatsächlich geschlossen bzw. dürfen nicht aufgesucht werden. Ob ich hingegen meine Freunde und meine Eltern besuche oder nicht, interessiert den Gesetzgeber nicht.

Als der Lockdown kam, dachten die meisten, dann können ja die Großeltern kommen und auf die Kinder aufpassen, jetzt wo der Kindergarten zu hat. Aber: zusammen mit der Kindergarten- und Schulschließung verkündete die Politik, die Großeltern dürften jetzt gerade nicht um den Gefallen gebeten werden, als Babysitter einzuspringen. Weil: Kinder überreichen das Virus unbemerkt, da sie selten Symptome zeigen. Und Großeltern werden schneller und gravierender krank, wie sich in der Statistik zeigt.

Übertragen Kinder das Coronavirus?

Nun ist aber bisher ungeklärt, ob es überhaupt stimmt, dass Kinder die Krankheit unbemerkt weitergeben, wenn sie doch bei ihnen gar nicht ausbricht. Bisher wurden Märkte, Skigebiete, Partylocations und Faschingsfeiern als Brandbeschleuniger für das Virus ausgemacht. Aber keine Pausenhöfe oder Kindergeburtstage.

Jedenfalls kann ich mich nicht mit euch treffen so wie früher, solange mir nicht klar ist, wie oft und aus welcher Entfernung ich meine eigenen Eltern bewusst, gewollt oder gezwungenermaßen in den nächsten Wochen, Monaten oder Jahren noch sehen werde.

Doch sollte in der nächsten Zeit ein Treffen mit euch offiziell keinen Anstoß mehr erregen, könnte ich mich auch dann nicht mehr mit euch treffen. Ich würde stattdessen vor Überforderung ins Bett kriechen und dort bleiben. Für sehr lange Zeit.