Stadteier auf dem Land. Eine Umfrage unter Landbloggern

Ich will wissen, wer sie sind:

Die Stadteier, deren Zeit in der Stadt irgendwann abgelaufen war.

Die auf dem Land erst so richtig Beruf und Berufung fanden.

Die noch immer nach etwas suchen, was sie vielleicht nur in der Stadt finden können.

Die auf dem Land endlich ihren Sehnsüchten Raum verschaffen konnten.

Die Kompromisse eingingen und dabei erwachsen wurden.

Tag für Tag seit meinem Umzug vor 10 Monaten stelle ich mir viele Fragen. Fragen, die ich mir vielleicht gar nicht als erste stelle?  Die andere längst schon, und viel besser beantwortet haben als ich? Ich habe einen Blick in die Runde geworfen und bin dabei auf viele tolle Blogs gestoßen, die ich sehr gerne lese.

Und dann habe ich mir ein Herz gefasst und diese für mich einmaligen Co- Blogger um ein Interview gebeten. In den nächsten Tagen oder Wochen erwarten euch also einige Porträts von Bloggern, die aus der Stadt aufs Land gezogen sind. Den Anfang macht meine geliebte Odenwälderin vom Landlebenblog, die von Berlin in die tiefste baden-württembergische Provinz gezogen ist. Es folgt Verena von Mamirocks, die mit drei Kindern von München ins ländliche Tirol zog – und die ich sehr wahrscheinlich bald in Nürnberg auch wirklich kennenlernen werde. Schließlich Plötzlich Pfarrerin, die, man ahnt es, von Berufs wegen aus ihren städtischen Zusammenhängen gerissen wurde.

Vielleicht gesellen sich mit der Zeit noch ein weitere Stadteier dazu. Also: bald mehr! Hier!

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Berlin

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Das hier ist keine Buchhandlung, sondern ein Metzger. Merke: Berliner essen nur noch Fleisch, wenn sie dazu einen Hardcover-Bildband mit nachdenklich stimmender Tierfotografie in scharfgestochener Qualität bekommen. <just kidding, aber is doch so>

Die Landfrau fährt nach Berlin. Hier bekommt sie Antwort auf alle ihre Fragen.

Zum Beispiel auf die Frage, wo denn die ganzen Menschen zwischen 0-10 bzw. 20-40 Jahren stecken. Also die Menschen im Alter der Landfamilie. Ja, also hier sind sie alle. Die Freundin der Landfrau sagt, in Berlin Mitte und P.berg sei die höchste Geburtenrate in Europa. Die private Kita der Tochter hat schon 11 Ableger gegründet. Erste Cafés wehren sich bereits gegen die Kinderflut, indem sie den Aufkleber „durchgestrichener Kinderwagen“ an der Eingangstür anbringen.

Die Landfrau freut sich ganz arg, dass sie endlich ihre Altersgenossen wiedergefunden hat und sich wenigstens ein Wochenende lang in ihrer Nähe wähnen darf.

Auch die Frage, ob man Wildfremde denn nun duzen darf oder siezen muss entscheidet sich in Berlin zugunsten des Du. Die Landfrau ist aber viel zu verklemmt dafür und beschließt, als Tourist beim einfachen Sie zu bleiben, auch auf die Gefahr hin, mitleidig angelächelt zu werden.

Noch so eine Frage, die endlich ihre Beantwortung findet: Warum nur, warum haben alle Berliner so schicke Wandtattoos/ Bettvorleger/ Lampenschirme/ Kinderspielzeuge? Achso, weil die ja auch direkt im Erdgeschoss des Hauses, in dem man wohnt, zum Verkauf stehen. Merke, der Mitte- und angrenzende Berliner steht nicht wie die Landfrau eine Stunde im Stau auf dem Weg zu IKEA, nur um dort feststellen zu müssen, dass das Objekt der Begierde namens Ole/ Knut/ Smorrebrød bereits ausverkauft ist. Nein, er erwirbt auf dem Weg vom Bäcker mal eben ein handgefertigtes, modisch zukunftsweisendes Einzelstück zu einem völlig akzeptablen Preis und wundert sich ein wenig, dass die gewöhnlichen Deutschen es einfach nicht hinkriegen, so schick zu sein wie er.

Ja, hier sind sie, die Erfolgreichen, die mit ihrer völlig bizarren Geschäftsidee die einzigen in ihrer Nischen-Branche sind und daher keine Konkurrenz fürchten müssen (oder sollte es tatsächlich zwei Unternehmen geben, die „vegane Öle“ verkaufen?). Hier sind sie, die sich in keine Hierarchie, keine Firma, Klinik, Lehranstalt, in kein Bankwesen und in kein Verwaltungsangestelltendasein fügen müssen. Die ihre Arbeit leben und ihr Leben arbeiten. Hier gibt es kein Schaffe und kein Schichten. Nein, hier bringen die Väter die Kinder erst gegen 10 Uhr zur Kita – zu einer Zeit, in der auf dem Land die Kinder schon fast wieder abgeholt werden – wohlgemerkt von den Müttern.

Bleibt noch eine Frage: Was genau machen die Mitte- und angrenzenden Mütter, während Mann und Nachwuchs unterwegs sind? Diese Frage konnte bislang noch nicht zufriedenstellend beantwortet werden. Möglicherweise erholen sie sich vom nächtlichen Homeoffice / einer Schwangerschaft / einer Party. Vielleicht sind sie aber auch schon seit 8 im Büro. Als Versicherungsfachangstellte. Aber nur ganz, ganz heimlich. Irgendjemand muss den ganzen Lifestyle ja bezahlen.

Mit Laternen durchs Dorf. Ein Selbstversuch

Laternenumzug aif dem Dorf: Zum Stehenbleiben ist alle Zeit der Welt.

Laternenumzug auf dem Dorf: Zum Stehenbleiben ist alle Zeit der Welt.

Es ist immer dasselbe. Zahlreiche Eltern regen sich alljährlich über den Laternenumzug auf: Da sind viel zu viele Menschen, vom schieren Gewimmel übermannte Kleinkinder, die ihre Laternen oder gleich die Erwachsenen verlieren, irgendwo da vorne soll ein Pferd laufen, ich muss Pipi, und zum Schluss, wenn sich das Übel ein wenig gelichtet hat, man das Martinsfeuer und das Martins-Anspiel irgendwie verpasst hat, muss man am Straßenrand Smalltalk mit Strangern halten.

Jetzt wohnen wir genau ein halbes Jahr auf dem Land und als Neulinge wollen wir überall dabei sein. Gerade die Kinder wollen es. Also auf zum Laternenumzug ins Dorf.

In der Stadt: Wann geht es endlich loooos?

Aus der Stadt erinnere ich mich an abgesperrte oder von Feuerwehr und Polizei gesicherte Straßen, wo man natürlich nicht parken durfte und man von Glück reden konnte, wenn man eine der mikroskopisch kleinen Parklücke gefunden hatte. Wenn ich es überhaupt geschafft hatte, mit dem Auto von zu Hause zu kommen. Meist wurden die Kinder zwischen 15 und 16 Uhr vom Kindergarten abgeholt, die Laternen in der Hand, und dann mussten wir irgendwie die Zeit in der Stadt totschlagen, bis es endlich losging. Mit inzwischen müde und hungrig gewordenen Kindern.

Auf dem Dorf: Jeder kennt jeden. Und alle können singen

Auf dem Land laufen die Uhren wortwörtlich anders. Kein Kind, egal ob Kindergarten oder Schule, kommt hier jemals nach 14 Uhr nach Hause. Wir gehen also ganz gemütlich von zu Hause aus zum Laternenumzug, zehn Minuten Fußweg haben wir bis zum Treffpunkt. Dort angekommen: nur bekannte Gesichter. Natürlich kenne ich nicht jeden, ich bin froh, wenn ich die Vornamen weiß und das Du-Sie-Verhältnis geklärt ist. Trotzdem: Es ist klar, wer hier zusammengehört, welche Kinder mit Oma und Opa und Geschweistern, welche nur mit Mama gekommen sind. Kein Anlass unsererseits, hektisch die Köpfe hin- und herzudrehen auf der Suche nach jemandem, den man kennen könnte und neben dem zu laufen eventuell ganz angenehm wäre.

Ein Pferd gibt es dieses Jahr nicht. Aber Liedblätter. Mit SEHR VIELEN Liedern darauf. Alle hundert Meter stoppt der Zug, zwei Trompeten spielen, sehr sauber übrigens, und die kleine Menge bildet einen Kreis. Alle singen. Dann geht es weiter. In der Zwischenzeit hat jeder jeden registriert, vielleicht auch schon begrüßt. Die Kinder rennen nach vorne. Lassen sich dann wieder ein Stück nach hinten zurückfallen.

In der Stadt: Keine Sicht, zerquetschte Laternen und DER Alptraum…

In der Stadt versuchen alle, sich von Anfang an einen guten Platz zu sichern. Am besten möglichst dicht hinter dem Pferd, sonst hat das Kind ja gar nichts davon. Aber dieses Privileg ist nun mal nicht allen 1000 Teilnehmern des Umzugs vergönnt. Gut ist aber auch ein Platz in der Nähe des Orchesters. Dann kann man wenigstens hören, wann welches Lied angestimmt wird.

Aber eigentlich geht es den ganzen Umzug über nur um Schadensbegrenzung. Irgendwann ist einem ganz egal, welches Lied gerade gespielt wird. Hauptsache, das eigene Kind läuft noch neben einem. Die Menschenmenge bleibt ab und zu stehen, es werden Ansprachen gehalten, vielleicht von einem Pfarrer, keine Ahnung, man sieht nichts und ist sowieso damit beschäftigt, sein Kind festezuhalten, das nicht weiß, wozu schon wieder alle stehenbleiben. Man selbst weiß es ja auch nicht so genau.

Und wehe, wehe, dein Kind muss austreten. Oder die Kerze geht aus, eine Nase muss geputzt werden, was auch immer. Sofort hat man seinen mit großer Mühe in der Menge erkämpften Platz verloren, der sich immerhin dadurch auszeichnete, dass einem die Gesichter rundum ein klein bisschen bekannt vorkamen. Oder dass wenigstens genug Platz für die Laterne war. Jetzt läuft man plötzlich in einem völlig fremden Pulk mit, die stoßen und drängen und fast die Laterne zwischen sich zerquetschen.

Und dann, der Alptraum: Ein kleines Kind trudelt uns plötzlich entgegen, es läuft unsicher, aber eindeutig gegen den Strom, ruft verzagt „Mama? Mama?“ Keiner kennt es, geschweige denn seine Mutter, es trudelt an uns vorbei, wie ein Zweig in der Strömung, nur eben in die falsche Richtung. Ich bin vor Schreck wie erstarrt. Zum Glück ist eine Mutter neben mir beherzter als ich. Sie nimmt das Kind fest an der Hand, sodass es aufhört in die falsche Richtung zu trudeln und sagt: „Komm mit! Wie heißt du? Wir suchen jetzt deine Mama!“ Während das Kind sofort wieder lacht, muss ich fast weinen. Ich werfe einen Blick auf meine Tochter, die immer noch neben mir geht. Was, wenn ich sie verloren hätte?!

Auf dem Dorf: Die Kinder dürfen hinrennen wohin sie wollen

Zurück zum Dorf: Wir haben unseren kurzen Umzug, der hauptsächlich aus Liedersingen bestand, fast beendet. Keiner ist getreten, gestoßen oder abgehängt worden. Alle, auch die Kleinsten, sind noch fit. Wir laufen über eine Wiese und sehen von Ferne schon das Feuer qualmen. Das hat aber nicht die Feuerwehr angezündet, sondern Familie F. Tatsächlich komme ich zum ersten Mal so nah an das Martinsfeuer heran, dass ich es wirklich sehen kann. Familie F. verteilt auch den Punsch, die Hotdogs und die Martinsweckle. Der Hof ist so groß (oder unsere Truppe so klein), dass sich die Kinder angenehm verlaufen und im Dunkeln irgendwelche Horden bilden. Aber keiner hat Angst, sein Kind könnte auf einmal für immer verschwinden. Ich könnte jeden Erwachsenen im Hof fragen, ob er/sie meine Tochter gesehen hat, und ich würde sofort den Weg gewiesen bekommen.

Und so lasse ich sogar den Kleinen (16 Monate) durch den Hof stapfen und erlaube ihm, alles zu erkunden, mit zwei Ausnahmen: das Feuer und die Dunkelheit jenseits des Lichtkreises. Es läuft hierhin und dorthin, ändert ständig die Richtung, grinst immer, wenn er in ein Gesicht blickt und hat dabei die Backen voll süßem Gebäck. Es gefällt ihm. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Große einen Martinsumzug wirklich genossen hat, bevor sie nicht 4 Jahre alt war.

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Andere Eltern haben in den letzten Tagen gruselige Martinsumzüge dokumentiert. Zwei davon stelle ich hier vor:

  1. Das Nuf, ihres Zeichens Laternenbastel- und -umzugsprofi aus Berlin schreibt unter der Überschrift „Sein erster Laternenumzug in der Stadt“ (ihr Freund muss zum ersten Mal mit den Kindern und mit Laternen um die Häuser ziehen):

Quelle: Das Nuf Advanced: „Sein erster Laternenumzug in der Stadt“

2. Pia D. von „Daily Pia“ hat in „Laterne, Laterne“ beschrieben, wie schlimm es war, als sie 2 Jahre alt war und ihre Laterne einfach verbrannte. Und wie ihr schlauer Bruder ihr eine neue besorgte.

Der Parkplatz

Landauto

Landauto

Alle Wege führen früher oder später aufs Land. Um den Weg zurückzulegen, nimmt man gemeinhin das Auto. Das Auto muss vor dem Haus geparkt werden. Man steigt aus und kramt den Schlüssel für die Haustür heraus. Man parkt direkt vor der Haustür, und man macht sich gar nicht erst die Mühe, das Auto abzuschließen.

Vor Kurzem wohnte ich noch in einem Hof. Der Hof hatte etwa zehn Garagen.

Garagen für Stadtautos

Garagen für Stadtautos

Die erste Garage war unsere. Da passte unser Auto gerade so rein, wenn wir es in dem engen Hof ein paar Mal um 180 Grad drehten. Dabei röhrte und schnaufte das Auto immer etwas, was Nachbarin1 auf den Plan rief.

„Seiens BIDDE so gut unn drehen Sie sich als sooo rum unn ned sooo, wenn Sie in Ihrer Garaaasch neifahre. Die ganze Abgase kemman in mei Kich.“

Das wollten wir nicht, und so drehten wir das Auto immer andersherum. Das war kein Problem. Letzten Endes kam es immer gut in der Garage an.
Das Ganze ging jedoch nicht lange gut. Denn wir sind eine Familie mit damals noch einem, jetzt mit zwei Kindern und daher natürlicherweise Messies. Jeder, der mit Familien zu tun hat, kennt das: Da reicht ein Fahrrad nicht aus. Nein, es müssen partout alle Mitglieder der Familie eines besitzen. Und dazu der Fahrradkindersitz. Und der Fahrradanhänger. Und noch ein Laufrad. Und ein Bobbycar. Und ein Roller. Und Fahrradflickzeug. Und Sandschaufeln. Das passt alles nicht in eine genormte Heidelberger Garage. Aber das war ja zunächst nicht so schlimm. Es gab da noch eine vergitterte und anschließbare Box. Da kam alles rein, was Räder hatte, und noch mehr.
Bis Nachbarin2 sich ganz im Vertrauen an mich wandte:

„Wissen Sie, mich störts ja nicht. Aber in dem Unterstand da sieht es sehr unordentlich aus. Also, ich sag ja nichts! Aber das war früher net so. Ich sags ja nur.“

Wir hatten verstanden. Der bloße Anblick unseres Fuhrparks war eine Zumutung für unsere Nachbarn. Dem wollten wir sie nicht länger aussetzen. Und so kamen die mittlerweile fünf verrosteten Fahrräder, die drei schrottreifen Anhänger, die Herde Bobbycars und insgesamt eine Tonne Sandspielzeug die Garage. Das Auge der Nachbarn blieb fortan geschont.
Wer sich darüber nicht freute, war unser Auto. Denn wo sollte es fortan stehen? Wir probierten alles Mögliche aus.
Erster Versuch: Parken im Hof, mit 5cm Abstand zur Wand.

„Huuup! Huuuuuuuup!“

Ein Auto biegt in den Hof, Nachbar3 hat die Hand auf die Hupe gestemmt, fährt ohne Mühe und fast ohne abzubremsen vorbei, hält weiter hinten im Hof, seine Frau Nachbarin3 steigt aus:

„Was zum Deifel?! Parke Sie gefälligst so, dass man hier noch vorbeikommt! Das hats FRIEHER hier net gewwe! Wenn das ALLE machen würden!“

Zweiter Versuch: Parken auf der Straße vor dem Hof. Vor dem Reisebüro. Da ist ja abends und nachts keiner drin. Parkverbot besteht dort auch nicht.
Wieder Nachbarin3:

„Da können Sie net parke! Da ist PARKVERBOT! Unn außerdem weichen Ihnen alle vorbeifahrenden Autos aus unn fahre als über den KANALDECKEL. Bei dem Rumpeln können wir die ganze Nacht ned schlafe, wir schlafe awwa doch soooo schlecht!“

Parkverbot? Haben wir da etwas übersehen? Kein Schild weit und breit, weder eines, das ein Verbot, noch eines, das eine Erlaubnis zum Parken auf der Straße ausspräche. Wir haben allerdings eines verstanden: Wir befinden uns in einem Rückzugsgefecht. Aber wir geben nicht klein bei. Nein, wir verlagern unseren Parkplatz nur um etwa 2 Autolängen nach hinten und parken nun

Dritter Versuch: vor dem Blumenladen. Genau in dieser Woche findet eine großangelegte Razzia statt. Städtische Beamte in Blau nähern sich den Autos und hinterlassen Zettel an der Windschutzscheibe. Der VW-Bus vor der Rockerkneipe, der SUV vor dem Dönerladen, der New Mini vor dem Fitnessclub „Mrs Sporty“: Alle bekommen einen Strafzettel. Und unser Auto, das mittlerweile eine etwas größere Familienkutsche ist und sowieso kaum noch in die Garage gepasst hätte, auch.

Einmal ist keinmal, denke ich erst, und gehe davon aus, dass die Beamten vor einem halben Jahr nicht wiederkommen werden. Aber am nächsten Tag steht da schon wieder einer vor meinem Auto, als ich mit Fünfjähriger und Säugling zum Auto laufe. Der Beamte ist nett: Er zieht den Zettel wieder zurück. Aber er erklärt:

„Hier ist Parkverbot. In der ganzen Straße ist Parkverbot. Hier dürfen Sie nicht einmal halten. Merken Sie sich das fürs nächste Mal.“

Ich gebe meiner Verwunderung Ausdruck: Parkverbot? Wieso? Woher wissen? Er erklärt wieder geduldig:

„Das ist schon seit 20xx so. Seit hier die Straßenbahn fährt. Das ergibt sich ganz einfach durch die Breite der Straße.“

Oh. There’s so much to learn.

Vierter Versuch daher: Parken im Seitengässchen. Es gibt hier viele schöne, enge Seitengässchen. Sie sind viel enger als die größere Straße, in der wir wohnen, doch Parken ist hier ausdrücklich erlaubt. Klar! Jetzt verstehen wir auch, warum dort immer alle Autos stehen!

Manchmal, wenn es den Nachbarn hier noch nicht eng genug ist, stellten sie vor oder hinter den parkenden Autos Mülltonnen auf, als Abstandhalter. Damit wird das Ausparken zu einem wahren Kunststück. Einfach wegrollen kann man die Tonne nicht, denn: wohin? Es ist einfach kein Platz.

Parken im Seitengässchen mit Abstandhalter

Parken im Seitengässchen mit Abstandhalter

Das Parken im Seitengässchen verläuft vom Prinzip her aber völlig reibungslos. Außer, dass ich mit Säugling im Autositz unterm Arm, mit ein oder zwei Rucksäcken und einem maulenden Kindergartenkind im Schlepptau mehrere Minuten, gefühlt: Stunden brauche, um bis nach Hause zu laufen.

Aber nach ein paar Wochen haben auch die Nachbarn in den Seitengässchen unser so sorgfältig ausgeklügeltes Parksystem spitzgekriegt. Und es ist eines klar: ES GEFÄLLT IHNEN NICHT!

Einmal will mein Mann vor dem Treppchen eines schmucken Häuschens parken, mindestens 200 Meter von zu Hause entfernt. Nachbarin4 tritt heraus und sagt:

„Sie haben eine Garage.“

Wir haben Nachbarin4 noch nie in unserem Leben gesehen. Woher weiß sie, dass wir eine Garage mieten?

Wir kommen uns jetzt vor wie in einem Schachspiel. Nach jedem Zug, den wir ziehen, sagt unsere Gegner: „Schach“. Nach jedem. Aber einen versuchen wir noch:

Fünfter Versuch: Wir schreiben Bewerbungen. Besser gesagt: Der Mann, der eine Stelle sucht, schreibt Bewerbungen. Er schreibt überallhin, wo es viele Parkplätze gibt. Nach ein paar Monaten die Zusage: Ein Dorf im Nordschwarzwald soll unser neues Zuhause sein. Nicht mehr 1400, sondern nur noch 70 Einwohner pro Quadratkilometer. Die Wahrscheinlichkeit, beim Parken einen Nachbarn zu treffen, ist damit um 95% gesunken.

Einige Zeit später. Unser Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Wir können jetzt parken, wie und wo es uns gefällt. Wir werden uns demnächst weitere Autos kaufen, mit Allradantrieb und Hänger, oder ein paar Tipis, wie sie hier manche Leute besitzen, Trampoline und Helikopter. Hauptsache, wir können sie alle hier parken. Und das können wir.