Coronatagebuch Tag #22

Freitag. Der Tag, der immer mit mahnender Stimme sagt: Guck mal, was du diese Woche wieder alles nicht geschafft hast.

Die zurückligende Woche, insgesamt die dritte mit Homeschooling, ging rückblickend so schnell vorbei wie keine Woche zuvor. Jeder Tag fließt in den nächsten. Heute wäre schon der letzte Schultag vor den Osterferien gewesen.

Ich packe ein Paket für eine Freundin. Sie hat kleinere Kinder, und ab und zu schicke ich ihr die Klamotten und das Spielzeug, die hier ausgemustert wurden. Das Paket ist ziemlich groß geworden. Ich schicke die Anmeldung für die Mittagsbetreuung ab dem kommenden September los. Ich schreibe sogar ans Arbeitsamt. Ich überweise Rechnungen und freue mich, dass mein Konto so gut gedeckt ist (die Kindergartengebühren von insgesamt 500 Euro werden im April nicht abgebucht).

Ich schreibe einen Artikel zu Ende und verschicke ihn zum Gegenlesen. Ich skype mit einer Professorin, die in Miami festsitzt, um Input für meinen nächsten Artikel zu erhalten. Auch mein Mann scheint eine Menge Anrufe, Videokonferenzen und Tutorials zu haben, ich blicke gar nicht mehr durch.

Ich überprüfe zum ersten Mal, wie weit die Tochter in den letzten 3 Wochen mit ihrem Schulstoff gekommen ist. Fertig ist sie nicht. Die Zoom-Konferenzen, die die Lehrerin für Freiwillige angeboten hat, hat sie ebenfalls irgendwie nicht mitbekommen. Aber sie hat jeden Tag etwas gemacht, Neues gelernt, Altes wiederholt, sie hat die „Vorstadtkrokodile“ zwei Mal gelesen, zwei Mal mit YouTube Sport gemacht und zwei Mal Villager gespawnt (Letzteres ist kein Schulstoff, scheint aber mindestens so viele Abgründe zu bergen wie die Potenzrechnung). Außerdem hat sie täglich viele Stunden lang Kindergartenkinder beschäftigt (die eigenen Geschwister und bis zu drei zusätzliche Nachbarskinder) und hingenommen, dass der Klavierunterricht nur noch per WhatsApp zu ihr kommt.

Heute flitzt ein Nachbarskind in unserer Wohnung herum, das bei uns ist, solange die Eltern arbeiten. Die Freunde (4, 5 und 5 Jahre) spielen mit vielen Meinungsverschiedenheiten und Besserwissereien, aber ohne Streit und Tränen miteinander. Sie essen alle ordentlich zu Mittag und kochen auch was für mich in der Kinderküche. Zusammen denken wir uns neue Freunde für das NEINhorn aus. Der Renner ist der NASCHbär.

Heute sind es 91.159 Infizierte in Deutschland, 24.575 sind wieder gesund und 1275 sind gestorben.

Coronatagebuch Tag #8

Alle werden endgültig digital.

  • Eine Bekannte lanciert die Online-Plattform Ideen gegen Corona, die Anstöße für mehr Infektionsschutz im Alltag sammelt.
  • Die Lehrerin der 5. Klasse schreibt eine Rundmail, künftige Aufgaben würden über die Plattform learningview verteilt. Die Anmeldung schlägt aber fehl, weil der Server von learningview überlastet ist.
  • Der Hackathon der Bundesregierung WeVsVirus startet heute. Hier melden sich Leute aus ganz Deutschland an, um digital zusammen an Lösungen rund um das Virus zu arbeiten. Probleme wie die Ansteckungsgefahr, der Lockdown und alle sozialen und wirtschaftlichen Begleiterscheinungen werden im Einzelnen diskutiert und „kreativ“ gelöst.
  • Gerade melde ich mich über ein Doodle zu einem Gratis-Workshop an, bei der man in die drei Konferenz-Programme Teams, Zoom und GoTo Meeting eingeführt wird. Da stürmt meine Tochter ins Zimmer, die sich die letzten Stunden vorbildlich mit Schulstoff beschäftigt hat und ruft: „Ich will ganz viel übers Internet teilen! Lerntipps, Sportvideos, und ich will sehen, was die anderen Kinder so machen!“ Ich schlage aus dem Ärmel ein paar Möglichkeiten vor, da meint sie, sie will doch lieber erstmal ihren Freund anrufen und ist schon wieder aus dem Zimmer.
  • Der berühmteste Autor Deutschlands Saša Stanišić hat eine Lesung über Twitch gestreamt und dabei knapp 17.000€ für die Hilfsorganisation Seebrücke gesammelt. Wer ihn bislang noch nicht kannte und liebte, der kennt und liebt ihn jetzt.
  • Die Fridays for Future-Organisatorinnen halten, anstatt freitags auf den Straßen zu demonstrieren, ein live gestreamtes Meeting via Zoom über Ländergrenzen hinweg.

Erstes Ausgehverbot

Auch die Bayerische Landesregierung hält ihre Pressekonferenz live im Internet. Die Pulte sind schön in 1,5m-Abstand platziert, alle gucken starr, aber professionell nach vorne. Fragen von Journalisten, zuvor eingereicht, werden kurz vorgelesen und umgehend beantwortet.

Nach Italien, Spanien, Frankreich, Belgien und Österreich verkündet nun auch Bayern die Ausgangssperre. Rausgehen ist nur noch gestattet, wenn man einkaufen möchte, zur Arbeit oder zum Arzt muss. Damit kann man sich nicht mehr in der Öffentlichkeit aufhalten, auch Privatbesuche sind untersagt.

Nein

Auch wenn bei uns zu Hause äußerlich der Ferienmodus läuft, innerlich zieht sich immer wieder alles zusammen. Muss man so drastische Maßnahmen ergreifen, wie selbst Juli Zeh sie nicht hätte erdichten wollen, klingen sie doch selbst für eine Fiktion arg übertrieben?

Ist es nicht so, dass der Mensch nun mal nicht jedes Szenario bis in jeden möglichen Wahrscheinlichkeits-Engpass hinein durchplanen kann? Ist es nicht so, dass wir letzten Endes zwar wissen, dass wir sterben müssen, aber nicht wissen, wann und aus welchem Grund? Gerade wenn es um einen unsichtbaren Gegenspieler ohne Kalkül geht wie ein Virus? Und was ist mit dem Klimawandel, der von der Politik gerade aufgrund seiner hohen Komplexität – unaufhaltsame Ausbreitung bei fehlendem Kalkül – weitgehend ignoriert wird? (Ja, Menschen nehmen Schaden, aber da können man nun mal leider wenig machen, die Wirtschaft darf auf keinen Fall darunter leiden.) Fordert er nicht weltweit bereits sehr viel mehr Tote oder Geschädigte als das Virus? Sterben nicht auch Kinder im Krieg, bei Waldbränden und auf der Flucht, während das Virus hauptsächlich die Alten und ganz Alten trifft? Warum werden nicht diese Schrecken – Kriege, Waldbrände, Fluchtursachen – mit allen Mitteln verhindert? Weshalb hat man auf die Grippewellen 1918, 1957, 1968 nicht so drastisch reagiert, da starben doch auch sehr viele Menschen?

Und was ist mit den eingesperrten Flüchtlingen in Griechenland?

„Baden-Württemberg verbietet Versammlungen über 3 Personen.“

Als mich diese Nachricht auf dem Handy erreicht, krieche ich gerade im Dreck herum. Wir buddeln gemeinsam mit unserem Garten-Freund Wegplatten und Baumstümpfe aus und stecken einen neuen Weg ab. Die Nachbarn A. und F. tauchen auf. Sie nehmen unsere Kinder für eine Stunde mit zu einem Brunnen im Wald, wo sie in noch mehr Dreck herummatschen können.

Heute sind es 19.711 Infizierte in Deutschland, 180 sind wieder gesund, 53 sind gestorben.