Auf Durchfahrt wohin

Bahnhöfe nach zwei Jahren Pandemie sind langsam und leise.

Die wenigen Leute bewegen sich mit Bedacht. Durch meine Maske kann ich sie nicht hören, auch wenn meine Ohren frei sind.

Die Rolltreppen fahren leer im Schritttempo auf und ab. Es ist noch nicht 23 Uhr.

Der Coffeeshop ist dunkel. Alle Bäckereien sind dunkel. Der McDonalds ist mit Pappe verrammelt. Die elektronische Fahrtanzeige ist blankgefegt, aber nicht wegen Corona, sondern wegen einer Störung.

Es stört keinen, alle schlagen ihren weiteren Reiseverlauf in ihren Handys nach. Oder sie schreiben Liebesbriefe. Oder sie zählen ihre Schritte. Oder sie lesen: Bring Butter mit. Oder sie informieren sich über den nahen Krieg.

Auch wenn es uns diesmal nicht direkt treffen wird:

Sperrstunde kennen wir. Demonstrations- und Versammlungsverbote kennen wir. Denunziation durch die Nachbarn kennen wir. Schlange stehen kennen wir. Von der Polizei aufgeschrieben werden kennen wir. Wir kennen zwar keine Bunker, waren nie auf der Flucht, aber auf Realitätsflucht waren wir. Falschnachrichten aussortieren können wir mittlerweile auch. Mit mäßigem Erfolg.

Ich habe am Bahnhof eine halbe Stunde Zeit und suche so etwas wie einen Sitzplatz oder einen Kaffeetisch. Ein Stehtisch würde mir reichen.

Bänke sind gerade nicht in Mode.

Das einzig Einladende sind überdimensionale Bildschirme, auf denen Geckos in Zeitlupe zu sehen sind und langsam steigende Ballons. Kaufanreiz für Flugreisen und Datenpakete, gleichzeitig verordnete Nervenberuhigung. Am Ende der Mall strömt doch noch Licht aus einem Laden. Dorthin!

Aber es ist eine Coronateststation.

In den Regeln steht: Vermeiden Sie Treffen mit nicht unbedingt notwendigen Kontakten. Aber alle Kontakte sind unbedingt notwendig.

Wohin kann man noch gehen?

Ich kann nicht zu meinen Nachbarn, weil sie in Quarantäne sind. Ich kann nicht zu meinen Eltern, weil sie nicht unbedingt notwendige Treffen vermeiden wollen. Zu mir kommt auch kaum jemand, weil ich Hochrisiko bin.

Krebs in der Pandemie ist wie nachts durch einen Tunnel zu fahren.

Vor den Fenstern ist es dunkel, und ich weiß nicht, ob ich gerade in dem Tunnel bin oder nicht. Es spielt auch gar keine Rolle. Im Zug selbst ist Beleuchtung und wackeliger Datenempfang, es wird Spiel, Spaß und Ablenkung gereicht. Das reicht mir. Ich muss nur durchkommen. Durchhalten, lautet die Parole, und darin war ich schon immer gut. Ich muss ja auch nicht Pripjat gegen Ukrainer oder Russen verteidigen, eine Aussicht, die für meinen Freund aus Belarus jeden Tag Realität werden könnte.

Je länger die Dunkelheit vor den Fenstern andauert, umso mehr fürchte ich die Helligkeit. Irgendwann wird es wieder hell werden, sicherlich. Das sagt alle Erfahrung. Aber ob zuerst der Tunnel vorbei ist oder zuerst die Sonne aufgeht oder zuerst der Nebel abzieht, und wie man sich dann zu verhalten hat, vermag niemand zu sagen.

Es ist nicht immer einfach. Ich muss nur geduldig und tapfer sein.

Das ist das Minimum, das ich zur Situation beitragen kann. Zur Coronasituation. Zur Chemosituation. Zur Kriegssituation. Wir haben gelernt: Brot backen, ein Beet anlegen, auf dem Balkon singen hilft nicht. Niemand kann zwei Jahre lang brotbackend und beetanlegend balkonsingen.

Wir haben gelernt: Die Impfungen helfen nicht. Auch wenn wir uns das tapfer immer wieder sagen: eine Impfung, die alle drei Monate aufgefrischt werden muss und dennoch vor einer Infektion nicht schützt, ist eine Fakeimpfung.

Alle sind jetzt dreifach geimpft und haben trotzdem Corona. Nicht mal die Tests zeigen die Wahrheit: Leute mit Corona sind negativ, Leute ohne Corona sind positiv. Falschnegativ und falschpositiv. Falschnachrichten sind Fakenews. Weil der letzte Kampf der der Worte ist, senden amerikanische sowie russische Sender seit Jahren News gegen Fakenews, die selber Fakenews sind.

Wohin kann man noch gehen?

Wem noch glauben? Ämter, Ärzte und Apotheken sind vertrauenswürdig. Sie haben großen Andrang und sind rund um die Uhr geöffnet. Die Angestellten arbeiten im Schichtbetrieb. Sie schlafen dort ggf. auch. Das dürfen sie, weil sie auf systemrelevantem Boden arbeiten. Der Boden wird geschützt von einer Desinfektionsmittelschranke und gelangweiltem Security-Personal. Das Personal fragt: Kann ich Ihren Nachweis sehen.

Auch die Kontrolleure in der Bahn fragen: Kann ich Ihren Nachweis sehen.

Nein, sie sagen gar nichts. Sie stehen wortlos vor mir und formulieren nichts. „Fahrkarte oder Impfpass?“ frage ich und suche in meiner Tasche nach meinem Handy. Auf meinem Handy ist alles: Fahrnachweis, Impfnachweis. Auch Kaufnachweis, Suchtnachweis, Bewegungsnachweis und Nachweis aller 543 unbedingt notwendiger Kontakte. Mein Handy ist an. Also lebe ich. Ich reiche es den gelangweilten Kontrolleuren. Mein Leben ist in ihrer Hand.

Coronatagebuch Tag #100

Zwischendurch gab es mal die Überlegung, dass ein in jeder Hinsicht reduziertes Leben auf Dauer seinen Reiz hätte.

Weniger arbeiten, ein Grundeinkommen beziehen, die gewonnene Zeit in tägliche intensive Kinderbetreuung, Gartenarbeit und Kreativität stecken.

Weniger Menschen treffen, dafür sich selbst besser kennenlernen.

Vor allem: weniger Produktion, weniger Konsum, weniger Reisen, weniger Umweltzerstörung.

Das Virus versprach eine schöne neue Welt.

Wenn nicht die Angst gewesen wäre (und noch immer ist). Alle möglichen Ängste sind zusammengekommen und bleiben auch nach den Lockerungen: die Angst vor Ansteckung und vor Hospitalisierung, die Angst vor der Einsamkeit und der Stigmatisierung, die Angst vor einer Überhandnahme der Exekutive, die Angst vor dem (auch ganz realen) Verlust der Arbeitsstelle, aber auch die Angst vor dem Wiedereinstieg am eigentlich ungeliebten Arbeitsplatz (wahlweise ersetzbar mit der Angst vor der Schule bzw. dem Kindergarten), die Angst davor, beim Einkaufen, im Bus, auf der Straße irgendetwas falsch zu machen (umkehren, wenn man beim Brötchenholen den Mundschutz zu Hause vergessen hat, in der Gegend herumstehende Personen anmaulen, sie sollen sich richtig anstellen oder eben beiseitetreten), die Angst, Personen in der Öffentlichkeit oder auch einfach nur im Beisein Dritter zu umarmen, es könnte mittlerweile sogar ein kultureller Faupax und sehr peinlich sein.

Bei Angst klopft das Herz.

Hundert Tage Lockdown, heißt konkret: 100 Tage schul- und kindergartenfrei, wenn auch die Schule in Teilen wieder angefangen hat. In den nächsten Tagen gehen auch die letzten verbliebenen Jahrgänge wieder in die Schule. Bislang nur für zwei bis vier Stunden am Tag. Auch die Kindergärten öffnen bald wieder komplett und ohne Abstandsgebote zwischen den Kindern (Zusage von Land und Stadt kamen vor ein paar Tagen).

Hundert Tage Lockdown, das hieß für unsere Kinder: sie hatten die Zeit ihres Lebens. Zumindest wenn man die Zeit und die Anstrengung, die wir die letzten drei Monate in ihr Wohlergehen investierten, dafür als Maßstab nehmen kann. Nicht mehr früh aufstehen. Viele Spaziergänge und Wald-Abenteuer. Ein eigenes Beet anlegen und Erdbeeren, Stachelbeeren, Radieschen und Salat ernten. Feuer machen. Jeden Tag im Tipi oder im Schwimmbecken spielen, nach einiger Zeit dann auch die Freunde besuchen, sogar richtig lange und richtig oft besuchen. Und das alles sogar mitten unter der Woche.

Ich wünsche mir, dass meine Kinder ganz ohne Angst auf diese Zeit zurückblicken können. So, wie ich mit Tschernobyl 1986 keine wirklichen Ängste verbinde, eher etwas wie eine Zuschauer-Angst, ähnlich wie wenn man einen guten Gruselfilm sieht.

Coronatagebuch Tag #98

Europa ist seit dem 15. Juni wieder offen. Also fast. Außer nach Skandinavien, Großbritannien und Spanien kann man innereuropäisch reisen wohin man möchte.

Damit Sie sicher und gesund an Ihr Ziel und wieder nach Hause kommen, müssen Sie nur wenige Regeln beachten.

Sichern Sie sich rechtzeitig online ein kontingentiertes Flugticket sowie ein Badeticket für 3×3 Stunden europäischer Strand Ihrer Wahl, damit Sie Ihren Urlaub entspannt genießen können.

Reiserücktrittsversicherungen sind gerade sehr beliebt, lassen Sie sich hier von den hohen Preisen nicht abschrecken.

Im Hotel bzw. im Reisegebiet Ihrer Wahl können plötzlich Fälle gehäuft auftreten. Dafür können Sie nichts, denn Sie haben alle Regelungen befolgt. Leider hält sich nicht jeder daran. Wie Sie wissen, nimmt man es im Ausland mit Regeln häufig nicht so genau. Aber wie gesagt, nicht Ihre Schuld. Sie sind gesund und sicher unterwegs.

Installieren Sie die Corona-Warn-App des Bundesgesundheitsministeriums. So haben Sie Ihr Warnsystem immer bequem in der Tasche. Die App ist mit den meisten Warn-Apps der EU kompatibel. Somit werden Sie vor einer Infektion gewarnt, auch wenn Ihr Nachbar am Buffet aus Griechenland, Luxemburg oder Schweden stammt. Aber nicht, wenn er Franzose ist. Und vorausgesetzt, er hat wie Sie Bluetooth angestellt, sein Handy dabei und auch eine Warn-App installiert. Falls es in seinem Land eine solche App gibt.

Wenn Sie über eine Infektion in Ihrer Nähe gewarnt werden, bewahren Sie Ruhe. Es hat sich nicht bewährt, aufzuspringen und laut „Corona! Corona!“ zu rufen.

Sollten Sie selbst infiziert sein oder die Infektion bereits überstanden haben, ist keine Handlung geboten. Das Ansteckungspotenzial ist in dem Fall sehr gering.

Sollte Ihre Infektion noch ausstehen, atmen Sie einmal tief durch. Denken Sie daran, dass die Warnung gar nicht zwingend durch Ihren Nachbarn am Buffet, der Ihnen gerade so unangenehm nahekam, ausgelöst worden sein muss. Die Warnung kann genauso gut von der Person drei Meter weiter kommen. Oder von einer Putzkraft, die im Stockwerk über Ihnen gerade den Flur saugt. Die ihren Job verlieren würde, wenn sie sich krankmelden würde.

Atmen Sie also einmal tief durch und denken Sie am besten an nichts.

Denken Sie dabei aber bitte immer an das lokale Tourismusgewerbe Ihres Urlaubsortes. Das Gewerbe hat lange genug unverschuldet gelitten. Kommen Sie also gerne in unser schönes ***-Tal, oder warum soll es nicht mal ein Ausflug in das sehenswerte Städtchen *** sein? Hier werden Sie mit offenen Armen empfangen, sorry, mein Fehler, hier will man nichts von Ihnen, außer Ihr Geld. Kaufen Sie viel Schnickschnack, und nicht vergessen, zahlen Sie am besten auch die handgeschnitzte Figur des Straßenverkäufers mit Ihrer VISA. Bleiben Sie sicher und gesund – auch im Urlaub!

Denken Sie bitte auch an die Luftfahrtindustrie. Auch die Luftfahrt hat unter der Situation gelitten, mehr noch als Sie. Daher raten wir Ihnen: nehmen Sie 2020 unbedingt ein Flugzeug zu der Destination Ihrer Wahl und nicht das Auto oder die Bahn. Am besten steigen Sie direkt zu Hause in Ihren Flieger und landen direkt vor dem Hotel. Oder wollen Sie sich etwa die (Durch-)Reisebedingungen, Mundschutz-oder-nicht-Maßnahmen, Abstandsregelungen, Nahverkehrs-Auflagen und Fahrplanänderungen jeden einzelnen Landes und jeder einzelnen Provinz geben, das/die sie auf Ihrer Reise durchqueren?

Nach Ihrer Rückkehr kann das Bundesgesundheitsministerium in Absprache mit der WHO Ihr Reisegebiet auch rückwirkend zu einem Risikogebiet erklären und Sie müssen ggf. in Quarantäne. Dies ist aber nur ein kleiner Einschnitt, denn – hey, Sie haben frei und selbstbestimmt Urlaub gemacht! Das ist es, was zählt. Lassen Sie sich nichts einreden.

Coronatagebuch Tag #93

Der Wecker klingelt. Es ist ein Samstag. Es ist 8:30. Es gibt den ganzen Tag absolut nichts zu tun. Warum klingelt der Wecker? Er klingelt aus dem einzigen Grund, dass übermorgen wieder Schule ist. Zur Gewöhnung sozusagen. Seit über drei Monaten sind wir nicht mehr vor 8 aufgestanden. Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich den Schulstart ganz furchtbar schrecklich finden werde oder nur so mittelschlimm.

Das Homeschooling klappte bislang gut. Es besteht eigentlich kein Bedarf, aus vier Stunden Homeschooling drei Stunden Präsenzunterricht pro Tag zu machen. Aber gut.

Die Kleinen haben noch keine (gemeinsame) Zusage für den Kindergarten erhalten, wegen allem möglichen. Diese Unsicherheit hat jetzt nichts Gravierendes, aber sie nimmt mir die Lust darauf, die kommende Woche so zu planen, dass etwas Sinnvolles dabei herauskommt.

Ich habe keine Lust, als Kleinkindmutter zu Hause zu bleiben und den Frühstückstisch abzuräumen (bäh) und während Spielst-du-mit-mir zu überlegen, was einzukaufen wäre (bääääähh) und schon ganz früh wieder Mittag zu kochen (bääääääääääääääääähhhhhhh), weil wir ja alle so früh aufgestanden sind und um 12 schon wieder Hunger haben (unsere Essenszeiten liegen aktuell bei 10 – 15 – 20 Uhr, es wäre bei der Hitze und den Mittsommertagen einfach irre alles nach vorne zu verschieben – ja, ich komme mir vor wie ein Dauerurlauber oder Sozialhilfeempfänger, der glaubt, ein Anrecht auf seinen Lebensstil zu haben, weil alles andere furchtbar anstrengend wäre).

Blöd ist auch, dass die Tochter jetzt meist zur 1. Stunde hat, denn im vormaligen Stundenplan war Schulbeginn zur 2. Stunde. Also noch früher aufstehen als vor Corona. Zwischendurch gibt es aber Spät-Tage, da würde 9 Uhr als Aufstehtermin noch reichen. Und alle zwei Wochen ist wieder Homeschooling. Super für den Rhythmus und überhaupt.

Bleibt für mich: Berufliches auf nachmittags und nachts zu legen. Wenn man seit 6 Uhr morgens wach ist, ist das auch genau die Zeit, zu der man gerne arbeitet. Nicht.

Jetzt werde ich noch unsere Stoffmasken in die Waschmaschine tun. Das erste Mal. Bin ein bisschen aufgeregt.

Danach werde ich mich hinlegen. Nach genau 15 Stunden Nichtstun aka einkaufen, kochen, essen und den Tisch abräumen. Das Leben, das ich nie führen wollte. Aber für mehr hat heute die Kraft nicht gereicht.

Coronatagebuch Tag #91

Holunderblüten, Kirschen und Erdbeeren sind verschwunden. Eingekocht oder aufgegessen. Die meisten Salate auch. Tomaten- und Kartoffelblüten wagen sich hervor. Der Juni ist feucht. Unser Garten macht Pause. Hat Pause. Von der Trockenzeit, die eine Ewigkeit dauerte.

Wie kann etwas, das eine Ewigkeit dauerte, vorbei sein?

Ist dieses „nur notwendige Besuche“ wirklich schon wieder vorbei? Den Gartenpartys nach zu urteilen, ja.

Parallel fängt im Kindergarten der Abstandstanz gerade erst an.

Die meisten nichtsystemrelevanten Kinder haben die letzten drei Monate in einer Traumwelt verbracht. Anstatt sie frühmorgens zu wecken, in Jacke und Matschhose zu stecken und im Auto zu einer geschlossenen Einrichtung zu bringen, die sie bis zum Abholen nicht mehr verlassen dürfen, sind sie mit Ausschlafen, Gartenpartys, Filmnachmittagen, Höhlenbauen und Waldspaziergängen verwöhnt worden. Haben nach anfänglicher Pause die besten Freunde wiedergetroffen und sind noch besser befreundet als eh und je. Wissen nichts über respirationswiderständige Stofflagen vor dem Mund, weil sie ja zu jung sind, um diese tragen zu müssen.

Im Kindergarten darf J. mit seinen Coronazeit-Freunden S. und L. spielen, die mit ihm zusammen in der Gruppe sind. Vielleicht will er das aber auch nicht, weil er etwas älter ist als sie und sich schon wieder sehr auf die anderen Schulanfänger in seiner Gruppe freut.

M. darf aber nicht mehr mit ihren Coronazeit-Freunden S. und L. spielen, weil sie in der anderen Gruppe ist. Gruppen dürfen einander strikt nicht begegnen. Vielleicht will M., die noch nicht ganz eingewöhnt war, die penibel ihre Hände wäscht und die sagt „im Kindergarten habe ich Angst, dass ich andere anstecke“, wieder viel mit den Erziehern oder in der Kuschelecke kuscheln. Beides ist aber nicht erlaubt. Die Erzieher lehnen Nähe aufgrund der Regelungen ab. Sie haben alles, was zum Kuscheln einlädt, weggeräumt.

Vielleicht würde M., in ihrem vierjährigen Eifer alles richtig zu machen, nach anfänglichem Zögern Nähe aber auch gar nicht mehr dulden. Vielleicht wäre sie aus Selbstschutz sogar die Unbarmherzigste beim Aufdecken der Vergehen anderer Kinder (wie vertauschte Becher, zur falschen Tür reingekommen, zu dicht nebeneinander gespielt, gepopelt, Seife vergessen etc.)

Wird es diese Kontaktverbote jemals wieder geben und wenn ja, wüssten wir sofort wieder, was zu tun ist?

Würden wir beim nächsten Mal die Großeltern wieder ein halbes Jahr lang nicht in den Arm nehmen oder würden wir sagen, ach was solls.

Wahrscheinlich wüssten wir, wer sich unbedingt daran halten möchte und wem die Regeln egal sind. So wie man weiß, dieser zuckt bei Lärm immer zusammen, jener nicht. Dieser möchte immer lüften und legt das Besteck ordentlich in die Schublade, jener nicht. Jedem das seine.

Coronatagebuch Tag #90

Die Sorgen der Eltern

Eltern gehen mit Kleinkindern fünfmal am Tag Händewaschen

Eltern sagen jeden Tag: Aber nur noch eine Sendung, dann reichts

Eltern umarmen andere Eltern AUF DER STRASSE

Eltern haben Angst vor Impfungen

Eltern haben Angst vor Ansteckung

Eltern haben Existenzangst

Eltern wollen nicht einmalig 300 Euro Kindergeld

Eltern sind #coronaeltern und #elterninderkrise

Eltern sind auch mal alleine zu Hause

Eltern besuchen andere Eltern, um mal zu schlafen

Eltern treffen sich mit 5 Metern Abstand zur Kita-Leiterin, um den 1,5-Meter-Abstand zwischen den Kindern infrage zu stellen

Eltern beziehen die neuesten Nachrichten über WhatsApp, die Seite vom Landtag, die Stuttgarter Zeitung und über irgendwas24.de, um herauszufinden, ob ihre Kinder bald wieder in den Kindergarten dürfen

Eltern bringen ihre Kinder bald wieder in den Kindergarten oder auch nicht

Eltern haben Angst vor der Schulöffnung, weil dann das Leben wieder um 6 Uhr morgen losgeht und um 10 Uhr schon wieder das Mittagessen vorbereitet werden muss

Eltern haben immer mehr Termine und nehmen ihre Kinder einfach mit ins Büro, zur Besprechung im Café, zum Arzt

 

Ein Satz stimmt nicht.

Coronatagebuch Tag #88

Arbeit in Zeiten von Corona

Fünf Minuten nach dem Frühstück klappe ich den Bildschirm hoch, setze die Kopfhörer auf und bin mitten auf der Arbeit. Beim Video-Interview schauen zwar ein paar Mal die Kinder rein und fragen, was sie anziehen sollen, aber das stört nun wirklich keinen. Verbrachte Zeit in einem Fahrzeug: 0, CO2-Ausstoß beim Weg zur Arbeit: 0.

Überzeugungen in Zeiten von Corona

Der Lockdown wird ausgeschlichen. Und auch wenn es absolut nicht sein muss, dass Klamottenläden, Schulen und Spielplätze jetzt wieder auf haben, es gibt auch ein paar positive Entwicklungen.

Unter einem Lindenbaum in einem Café eine Limo zu trinken ist ein Traum, den wir vor vier Wochen noch nicht zu träumen wagten.

Hauptsache draußen sein. Hauptsache viele sein. Hauptsache Alkohol. Das scheint so das Motto vieler Menschen gerade zu sein, aber ich habe auch nur eine Momentaufnahme gemacht.

Gleichzeitig nehmen die Demos zu. Aber auch mag nur nur eine Momentaufnahme sein. Aktuell und aus traurigem Anlass gegen Rassismus, gegen die amerikanische Politik bzw. gegen Polizeigewalt. Außerdem gegen Kohleenergie, Abwrackprämie und gegen Firmen und politische Entscheidungen, die das 1,5-Grad-Ziel nicht berücksichtigen. Für mehr Fahrradwege (Pop-up bike lanes). Gegen die Corona-Verordnungen im Speziellen und gegen eine Über-Regelemtierung im Allgemeinen. Überall laufen Linke und Rechte mit, die wahlweise zum „Polizisten klatschen“ aufrufen oder Kamerateams angreifen. Die mit lokalen, landes- oder bundesweiten Beschlüssen nicht einverstanden sind oder das ganze Land an sich ablehnen.

Haushalt in Zeiten von Corona

Der Haushalt wird zwar immer zäher und liegt immer mehr so rum. Theoretisch sind aber fünf Personen zwischen 4 und 41 Jahren täglich anwesend, sodass jeder einen Teil davon abarbeiten könnte. Praktisch sah heute so aus:

  • Mutter: räumt alles Lego und Playmobil auf und eliminiert dabei kiloweise Staub
  • Vater: plant die nächsten Renovierungs-Schritte am Telefon, wäscht ab, sägt Fußbodenleisten
  • Kind 3: spielt erst Bootfahren, verarztet dann eine Maus, hilft dann Playmobil entstauben und liegt dann „Hunger!“ maulend in der Ecke
  • Kind 2: liest erst alle Pixibücher durch, spielt dann Bootfahren, hilft dann Playmobil entstauben, räumt ein bisschen auf und malt dann etwas
  • Kind 1: macht liegengebliebene Hausaufgaben fertig, liest ein Buch über den Krieg in Syrien, kocht Nudeln, liest dann ein Was ist Was-Buch

Später am Nachmittag geht es weiter im Kirschen entsteinen und mit Fleisch grillen. Immerhin sind gerade Pfingsferien.

Was ist wichtiger im Leben. Arbeit, Überzeugungen durchsetzen, den Haushalt hinkriegen? Den größten Teil nimmt aktuell täglich der Haushalt ein, dazu zähle ich auch Fahrten zum Bauhaus, Renovierung, Gartenarbeit. Dass mir dieser Part des Lebens von seiner Bedeutung her leider sehr wenig wert erscheint, macht die Sache nicht besser.

Coronatagebuch Tag #85

Windstärke 0

Die Oberflächen, Fenster und Spiegel sind blank geputzt. Die Blumen haben frische Erde. Das Milchaufschäumgerät zischt laut durch den leeren Raum. Es duftet nach frischem Kaffee mit einer Note Desinfektionsmittel.

Man darf das Café wieder besuchen. Man darf sich eine Zeitschrift aus dem Zeitschriftenständer nehmen und diese am Platz lesen. Man darf am Platz auch den Mundschutz abnehmen.

Auf dem Weg dorthin sind wir Klebepfeilen am Fußboden gefolgt und haben insgesamt dreimal die Hände desinfiziert. (Die Kinder haben sich nicht daran gestört, sie hätten ihre Hände auch dreißigmal unter einen Spender gehalten.)

Jetzt sind wir drin, im fast leeren Café der Stadtbücherei. Die Kinder spiegeln die Ruhe und Leere der Umgebung wider. Sie erzählen der Bedienung entspannt, was sie gerne essen wollen. Die Brezel und das Croissant kommen fast sofort. Dazu zwei Gläser Kakao. Die Kinder staunen die randvollen Gläser an, als hätten sie zum ersten Mal Kakao serviert bekommen. Sie essen und trinken in heiligem Ernst. Danach blättern sie ganz ruhig in den Büchern, die sie ausgeliehen haben, betrachten die Bilder ohne was zu sagen oder sich zu streiten.

Danach nehmen wir sie mit in den Zuckerladen. Das ist ein dunkler, vollgestopfter kleiner Laden, der alle Süßigkeiten beherbergt, die man sich nur vorstellen kann, und noch viel mehr. Der Laden lebt von den Touristen und von der Atmosphäre, die entsteht, wenn ganz Gruppen sich in drinnen auf die Zehen treten und draußen trotzdem noch eine Schlange steht.

Das weiß jeder, der den Zuckerladen kennt. Noch nie habe ich die schillernden Besitzer, die eher so etwas wie Zirkusdirektoren als Ladeninhaber verkörpern, so ruhig, beinahe ratlos erlebt. Wir sind die einzigen im Laden, bis später noch zwei Leute dazukommen. Ein dritter muss draußen vor der Tür warten.

Eigenlich ist alles wieder wie vorher.

Nur ohne Leben.

Ich habe einen Antrag auf Notbetreuung im Kindergarten eingereicht. Dort sind aktuell nur 9 Kinder, es werden aber schnell mehr. Fun fact: die Kinder müssen alle untereinander den Abstand von 1,5 Metern einhalten. Kinder ab 1! Das entspricht (nach gründlicher Recherche) nicht den Empfehlungen und Verordnungen des Landes.

Der Bund verspricht allen Eltern ein zusätzliches Kindergeld von einmalig 300 Euro pro Kind.

Fast alle Länder Europas öffnen ihre Grenzen wieder. Noch zehn Tage.

Schwimmbäder öffnen demnächst überall in Baden-Württemberg wieder, nur nicht bei uns. Aber es gibt einen Lichtblick: Ein lokaler Schwimmverein bietet demnächst Trockenübungen auf einer Wiese an.

Der Mundschutz hat sich in meinem Hirn verselbstständigt. Wenn ich zwischen Apotheke, Bus, Bücherei und Café unterwegs bin, setze ich ihn zwischendurch kaum noch ab, weil ich vergessen habe, dass ich ihn aufhabe. Wenn er unterwegs mal fehlt (oder in der Tasche steckt), zum Beispiel während ich mit den Kinder auf die Eisdiele zusteuere, spüre ich den Stoff schon Meter vorher auf meiner Nase, was mich dararn erinnert, dass ich ihn aufsetzen sollte.

Coronatagebuch Tag #76

Abends Krimis, Agententhriller und sowas gucken.

Solche, bei denen man jede Sekunde mitfiebert.

Oder dystopische Geschichten lesen, bei denen jeder Satz ein bedeutungsschwerer Fingerzeig auf unsere Gesellschaft ist.

Oder historische Filme gucken. Dokus oder Spielfilme darüber, wie es damals war.

Kann ich nicht mehr, seit ich wegen eines Virus die meiste Zeit zu Hause bin, sich der Kopf vor lauter Gleichzeitigkeiten dreht und Gegenwart und Zukunft miteinander verschwimmen, bei völliger Abwesenheit der Vergangenheit.

Auch Schnulziges oder Lustiges will in meinem Kopf nicht ankommen. Der Kopf will: Echtes, Wahres, Unumstößliches. Gewissheit. Pathos. Die Tage rückwärts zählen bis zum ersten Urlaubstag, zum letzten Arbeitstag vor dem ersten Urlaubstag, bis zur nächsten großen Geburtstagsfeier. Will zählen bis zu dem Tag, an dem die Freunde und Verwandten wieder zum Übernachten anreisen, mit Schlafsäcken und Neuigkeiten bis zum Morgengrauen im Gepäck.

Mein Kopf erwartet, dass die Regierungen dieser Welt sukzessive einen Termin ausrufen. Ein Datum, zu dem es heißt: jetzt ist die Verordnung vorbei. Es besteht keine Gefahr mehr. Ein Tag, den man im Kalender eintragen kann. An dem man, wenn er dann endlich da ist, ein großes Fest draußen feiert. An dem sich Wildfremde in die Arme fallen. Ein Datum, zu dem man seine Masken zuhauf auf dem Scheiterhaufen verbrennt. An dem man ein riesengroßes Picknick miteinander teilt. Zusammen ins Wasser springt und schwimmt.

Aber so einen Tag wird es nicht geben. Auch nach dem 29. Juni nicht (das Datum, das die Politiker seit heute als vorläufiges Ende der Kontaktbeschränkungen führen).

Dokus über die Kaputtheit der Erde gehen ganz gut bei mir.

Das fühlt sich echt an. Wenn Deutschland so weitermacht wie aktuell, sind wir in 100 Jahren bei 3 Grad Erderwärmung angekommen, sagte die Tage ein Experte im ZDF. Das fühlt sich nachvollziehbar und echt an.

Die Luftfahrt, die Automobilbranche und die Kohleenergie werden in Deutschland aktuell mit Milliarden und weiteren Zugeständnissen davor bewahrt, wirtschaftlich ins Hintertreffen zu geraten.

Warum?

Ich muss beim Busfahren nur aus Fenster gucken: Etwa jede zehnte Baum am Straßenrand trägt teilweise keine Blätter mehr oder sieht irgendwie zerrupft aus. Entweder er ist spärlich belaubt oder an einigen Stellen ganz kahl. Manche Bäume lassen die Äste hängen, als seien sie ihnen zu schwer. Manche Blätter sind schon welk.

Ach was, ich muss nicht mal Bus fahren.

Vor meinem Fenster steht der ärmste Baum der Welt. Die Blätter sind noch so licht wie bei ihrem Entfalten Anfang April. Jetzt verwelken sie im hellgrünen Zustand. Nächstes Jahr wird der Baum ohne Blätter dastehen. Er wird gefällt werden. Vielleicht sogar schon im Herbst. Ich sehe ihn jeden Tag. Stundenlang. Er klagt mich an. Ich denke daran, dass ich ihn kaputtgemacht habe. Dass ich ihn mit meinen Gewohnheiten und Annehmlichkeiten wie Heizen, Duschen, Autofahren in aller Sorglosigkeit getötet habe.

Das Schlimmste ist, dass er nichts sagt.

Coronatagebuch Tag #74

Heute kam der Stundenplan der Tochter.

Es gibt ab dem 15. Juni eine Woche lang jeden Tag drei Schulstunden. Dann eine Woche lang Homeschooling. Dann wieder eine Woche drei Stunden in der Schule und so weiter.

Warum man da nicht gleich durchgängig zu Hause weiterlernen kann, frage ich mich.

Warum man da nicht die Schüler einfach in ihrem Homeschooling belässt. (Kinder, die über die technischen Hilfsmittel schwer erreichbar sind, haben sowieo schon jetzt Präsenzpflicht in der Schule – also zumindest unsere Schule bietet das an.)

Warum man die Schule nicht einfach zulässt, bis sie wieder mit allem rundherum öffnet, was Schule ausmacht: die Pausen. Das Mensaessen. Das Singen bzw. der Sport. Lehrer und Schüler jeden Alters. Computerspiele in der freien Zeit. Die Theater-AG. Die sorglos getroffenen Verabredungen der Kinder.

Die Kita hat anscheinend die Notbetreuung ausgeweitet.

Die beiden Kindergartenkinder haben aber noch keine Betreuung, weil ich erstmal eine Menge Paragrafen dazu durchlesen muss. Hier ein Auszug:

„c. eine präsenzpflichtige berufliche Tätigkeit außerhalb der
Wohnung wahrnehmen und dabei unabkömmlich sowie durch ihre berufliche
Tätigkeit an der Betreuung gehindert sind

d. Den Erziehungsberechtigten gleichgestellt sind
Alleinerziehende, die die Voraussetzungen nach b. und c. erfüllen

e. Alleinerziehenden gleichgestellt sind Erziehungsberechtigte
dann, wenn die oder der weitere Erziehungsberechtigte aus
schwerwiegenden Gründen an der Betreuung gehindert ist. Über die
Zulassung entscheidet die Gemeinde (…)“

Anhand dieses Schriftstücks müssen wir entscheiden, ob wir unter die eine oder andere Gruppe von Eltern fallen. Dann müssen wir unter fünf verschiedenen Antragsbögen wählen und diese selbst und teilweise auch vom Arbeitgeber ausfüllen lassen.

Mein Mann hat seinen Stundenplan noch nicht.

Ich habe diese Woche ein Vorstellungsgespräch und im Juni wieder erste Termine mit Präsenzpflicht. Also alles schön übersichtlich weiterhin. Da ist es doch seltsam, dass „wenig Termine haben“ genauso stressig ist wie „viele Termine haben“.