Wer sich das traut. Oder: Legt den Baseballschläger weg

Wie lebt ihr Vereinbarkeit? fragt Alu vom Blog Großeköpfe.

Und ich frage mich: Wie kann es sein, dass ein so beliebig-dehnbarer Begriff wie „Vereinbarkeit“ seit Jahren einzig und allein für das Thema „Mutterschaft/ Elternschaft und Beruf“ verwendet wird?

„Vereinbarkeit“ bedeutet zunächst einmal nichts anderes, als zwei Dinge unter einen Hut zu bekommen. Oder drei. Oder vier. Oder fünf. Und dabei darauf zu achten, dass keines dieser Dinge einem anderen in die Quere kommt. Dass Termine und Interessen nicht miteinander kollidieren.

Das fängt manchmal schon als Jugendliche/r ist. Da muss man zwei unterschiedliche Instrumente, mit denen man auftreten und vielleicht sogar Preise abräumen soll, vereinbaren. Da muss man Sport in unterschiedlichen Vereinen vereinbaren. Da muss man vereinbaren, dass man mit A befreundet ist, aber auch B gerne hat, der jedoch A ein Dorn im Auge ist.

Im Studium wird es nicht besser. Eine Studentin, die ich kannte, wollte möglichst schnell ein Doppelstudium studieren, regelmäßig ins Fitnessstudio, ein Auto finanziell am Laufen halten, regelmäßig Jugendarbeit in der Kirche machen und zum „Ausgleich“ abends noch kellnern. Wie sie das vereinbart hat? Zwei ihrer Tricks habe ich noch in Erinnerung: Erstens, das Bett mit Zeug vollknallen, sodass man sich unmöglich hineinlegen kann, wenn man abends nach Hause kommt. Zweitens: ein aufblasbarer Baseballschläger auf dem Schreibtisch, mit dem man sich ab und zu an den Kopf schlägt, um zur eigentlichen Aufgabe zurückzukehren.

Wie das Nuf richtig schreibt: Vereinbarkeit hat immer etwas mit Perfektionismus zu tun. Der Perfektionismus kommt bei vielen Menschen daher, dass sie nur jemand sind (oder zu sein glauben), wenn sie die richtigen Dinge an der richtigen Stelle in ihrem Lebenslauf absolvieren.

Wir lernen das in der Schule, spätestens im Studium. Oder auch erst danach, wenn sich herausstellt, dass man viele verschiedene Leben gleichzeitig leben muss. Man könnte auch sagen: viele verschiedene Rollen gleichzeitig spielt.

Man hat ein Privatleben, das man teils mit seinem Partner teilt, man hat ein Arbeitsleben, ein Leben mit den eigenen Kindern, vielleicht auch mit den eigenen Eltern, vielen haben außerdem ein Leben mit Freunden oder mit Hobbys oder mit ihrem Glauben und ihren Überzeugungen. In all diesen Lebensbereichen kann ich Verantwortung oder Zwang spüren, Lust oder Unlust, Gestaltungsspielraum haben oder mich eingeengt fühlen.

Fällt einer der Bereiche weg, die uns in der Gesellschaft als die Richtigen kennzeichnen, zeigen die anderen mit dem Finger auf uns. Wir schämen uns. Wir verspüren Scham immer dann, wenn wir einer gesellschaftlichen Norm nicht entsprechen. Wenn wir arbeitslos sind oder etwas machen, für das wir als überqualifiziert gelten. Wenn wir uns nicht selbst um die eigenen Kinder kümmern (können). Aber auch, wenn wir keine Kinder kriegen (wollen). Wenn wir keine erfüllende Partnerbeziehung vorweisen können. Uns so weiter.

Da die meisten aber gar keine Lust haben, in allen diesen Bereichen mitzumischen und in ihnen auch noch ganz vorne zu liegen, versuchen sie mit einer Riesenportion Perfektionismus, allen Anforderungen gerecht zu werden. Und werden dabei krank.

Dabei könnte man es auch so sehen: Das sind doch gar keine vielen verschiedenen Rollen, das ist einfach ein einziges facettenreiches Leben.

Wie bekommen wir alle diese unterschiedlichen Rollen die wir spielen, diese Räder, die wir am Laufen halten, dazu, wieder zu einer Rolle oder einem großen (langsamen) Rad zusammenzuwachsen?

Wir sollten uns gegen die die Zersplitterung unseres Ich wehren, indem wir aufhören, an jedem anderen Ort in jedem anderen Kontext jemand anderen zu spielen.

… Die coole Freundin anrufen und gestehen: Ich bin körperlich total unfit und mache mir solche Sorgen um die Gesundheit meines Kindes, ich will nicht mit auf die Party gehen, komm doch einfach zu mir…

… Die Eltern anrufen und gestehen: Ich schaffe es einfach nicht, im Job oder in der Ausbildung oder als Mutter oder als Geliebte zu glänzen, ich bin nicht jemand, ich bin ich…

… Den Chef anrufen und gestehen: Ich hatte heute Nacht zwei Stunden Schlaf, mein Babysitter fällt aus und ich habe nichts vorbereitet…

Wer sich das traut, muss nicht mehr unterschiedliche Aspekte seines Lebens vereinbaren, sondern gibt zu, dass er/sie eine vollständige Person ist. Die Schwäche und Probleme hat, die permanent an ihre Grenzen kommt. Die unmöglich alles erreichen kann, was die Gesellschaft von ihr erwartet. Die sagt, dass es voll kacke ist, im Job und vor dem Partner und mit den Kindern immer alles richtig machen zu müssen und dabei auch noch gute Laune zu zeigen. Die sagt, es gibt mehr, als das, was die Gesellschaft und der Kapitalismus von uns wollen.

Wer sich das traut, hat keine Angst vor dem Scheitern.

Veranstalter der Blogparade ist Scoyo! Das Elternmagazin und ich habe glaub gerade völlig am Thema vorbeigeschrieben.

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